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Mein erster Blogbeitrag in diesem Portal soll unter dem Zeichen eines Anfangs stehen.
Ich habe immer viel gelesen und geschrieben, doch das Rezensieren habe ich immer vernachlässigt, sträflich vernachlässigt. Dabei scheinen Bücher geradezu zu fordern, dass man über sie spricht und sie weitergibt. Nun, was das Weitergeben angeht, bin ich eine eifersüchtige Beschützerin meiner Regale, meiner Lieblinge, die meist schon durch unzählige Hände gegangen sind und bei mir nun Station machen. Ihre rissigen Seiten mögen oft keine eifrigen Leserfinger mehr, und ich mag es nicht, wenn eine Lücke an ihrem angestammten Platz klafft.
Nun werde ich, anstatt sie zu verleihen, anders teilen, so wie ich es schon in diversen Foren und in meinem Bekanntenkreis praktiziere. Dabei will ich mich auf Bücher konzentrieren, die nicht im allgemeinen Licht der Öffentlichkeit stehen - ich sehe keinen Reiz darin, mich hierhin zu setzen und über Safran Foers "Tiere essen" oder Kathrin Schmidts "Du stirbst nicht" zu schreiben, auch wenn diese Bücher auf meinem Biblio-Speiseplan der letzten Wochen standen und durchaus gut gemundet haben.
Mein erster Blogeintrag gehört einem Leseeindruck, der erst wenige Tage alt ist.
~ Agota Kristof ~
~ Das große Heft ~
Ein auswechselbarer Kriegsschauplatz, eine auswechselbare alte Frau mit diversen Marotten in einem kleinen Haus auf dem Lande, und dazu zwei Kinder, Zwillinge, die von ihrer Mutter aus einer beliebigen Stadt zu diesem beliebigen Dorf geschafft wurden, um dort als Enkel der Alten abgeliefert zu werden.
Natürlich ergeht es den beiden nicht gut, doch anstatt ganz kindlich im Selbstmitleid zu versinken, beschließen die beiden, der Großmutter mit ihrer Arbeit gehorsam zu sein und sich mit Übungen und Unterricht gegenseitig gegen den harten Alltag abzuhärten.
Die Jungen schlagen sich, bis sie den Schmerz aushalten können. Sie hungern, bis sie den Hunger beherrschen können. Sie beschimpfen sich, bis es sie nicht mehr verletzt. Sie lernen, vollkommen unbewegliche dazuliegen, egal was passiert. Sie geben sich gegenseitig Unterricht, mit Hilfe einer Bibel und eines Wörterbuchs, der einzigen Bücher, die sie besitzen.
Und die beiden schreiben Aufsätze - zu jeweils einem Thema. Wird der Aufsatz von dem anderen für gut befunden, darf derjenige ihn in das "Große Heft" eintragen. Und dieses Heft ist das, was dem Leser mit diesem außergewöhnlichen Buch in die Hände fällt. Außergewöhnlich deswegen, weil die beiden Jungen nur für gut befinden, was wahr ist. Und wahr heißt auch, dass in den Aufsätzen keine Gefühle, keine Wertungen zum Ausdruck kommen dürfen. Nicht "Wir waren traurig", sondern höchstens "Wir weinten".
Eindrucksvoll, so eindrucksvoll wie ich es noch niemals vorher gelesen habe, zeigt dieses Buch eine Chronik der Verrohung, angesiedelt in ein beliebiges Setting, das doch den Leser sofort an den Nationalsozialismus und alles folgende gemahnt.
"Meine Lieblinge! Meine Süßen! Ich liebe euch...Ich werde euch nie verlassen...Ich werde nur euch lieben...Immer...Ihr seid mein ganzes Leben...
Durch vieles Wiederholen verlieren die Wörter allmählich ihre Bedeutung, und der Schmerz, den sie in sich tragen, lässt nach."
Kinder, die sich darin üben, auch für Liebesworte unantastbar zu sein. Zu erwachsen? Die Protagonisten das ganze Buch über viel zu erwachsen? Auf den ersten Blick werden viele das sagen, und die meisten werden davon ausgehen, dass es unrealistisch ist, was die Autorin ihre Eltern sagen und tun lässt. Ich dagegen habe mich sehr gefreut, einmal keine übertrieben kindliche, naive Kinderweltsicht präsentiert zu bekommen. Denn nicht jedes Kind ist naiv, erst recht nicht zu solchen Zeiten, unter solchen Umständen, und wenn es schon 10 Jahre in ihnen leben durfte. Einmal habe ich ein Buch gefunden, das den Menschen nicht zu einem naiven Engelchen in seinen Anfangsjahren verklärt, sondern ganz nüchtern darauf blickt, wie sehr er verroht, wenn die Zeiten hart sind.
Eine starke Parallele lässt sich hier zu Goldings Lord of the flies (Herr der Fliegen) erkennen, der diese unprätentiöse, realistische Betrachtungsweise der menschlichen Jugend auf gewisse Weise teilt. Das große Heft setzt einen Teil der Problematik deutlich zeitgemäßer, auch formell um.
Mein Urteil hält allerdings nicht nur Lob für das Buch bereit - die minutiöse Darstellung der Verrohung beinhaltet natürlich nicht nur die positive Seite der Medaille. Die explizite Gewaltdarstellung und teilweise unnötige Ausbreitung sexueller Perversionen, wie sie mir noch nie in einem Buch untergekommen ist, dämpfen den Lesegenuss gerade für empfindlichere Gemüter deutlich. Ohne diese (teils komplett überflüssigen) Inhalte wäre das Buch auch hervorragende Lektüre für Jugendliche geworden. Schade um den Gesamteindruck, dass moderne Autoren es in dem Bestreben, den Leser emotional aufzurütteln und einen Eindruck zu hinterlassen oft mit Stilmitteln wie Gewalt und Sex übertreiben, wenn viel subtilere Mittel eine viel größere Wirkung entfalten.
Zuletzt ist nur noch das absolut geniale Ende des Buches zu nennen, das mich tatsächlich dazu gebracht hat, noch fünf Minuten mit leerem Blick hypnotisiert auf die letzten Zeilen zu starren. Ein meisterlicher Abgang nach manchmal etwas schwächelnden Passagen, was mich mit dem Buch wieder versöhnt hat.
Im Original erschien das Buch in Französisch - da ich Französisch leider nur bruchstückhaft beherrsche, kann ich keine Aussage über die Qualität der Übersetzung machen. Allerdings ist am Text zu erahnen, dass es lohnenswert wäre, das Buch bei ausreichenden Französischkenntnissen im Original zu lesen.
Das große Heft ~ Le grand cahier ~ Agota Kristof ~ erste Auflage 1990
Gebundene Ausgabe: Piper ~ 192 Seiten ~ 9 Euro
Taschenbuch: Piper ~ 176 Seiten ~ 7,95 Euro
Gesamteindruck: ~O~O~O~o~0~
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Dankeschön - und immer, überall, und jederzeit mit einigen großen (Buch-)Kalibern bewaffnet. =)
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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