Jan Jasper Kosok

Berufsjugendlicher

02.06.2009 | 10:03

Hätte Opel Insolvenz anmelden müssen?

So oder ähnlich sollte inzwischen vermutlich die aktuelle Freitagsfrage der Woche lauten. Der Drops jedenfalls scheint gelutscht zu sein, seit klar ist, dass Opel "gerettet" werden soll. Nach langen hin und her und einigen paar Litern Kaffee konnten sich hiesige Politiker letzte Woche durchringen, die publikumswirksame Aktion in trockene Tücher zu bringen. Allerdings ergeben sich daraus und aus den Umständen dieser Rettung einige Fragen.

 

So wundert man sich dieser Tage z.B. über den Herrn von und zu Guttenberg. Dieser hatte offensichtlich mit Rücktritt gedroht, falls eine Rettung gegen seinen Willen durchgedrückt werden würde. Als großer Fan der Insolvenz, der gegen den miesen Ruf, den das wirtschaftliche Versagen in Deutschland immernoch hat, antrat, lieferte er sich das ein oder andere Verbalgefecht mit Herrn Steinmeier & Co. Nun, zurückgetreten ist er nicht, muss jetzt aber ein Konzept maßgeblich mittragen, hinter dem er nicht steht. Derweilen attestieren ihm einige Medien, das er fleißig gepunktet hätte. Klingt komisch, ist aber so.

 

Ähnlich befremdlich stößt einem der Fall Arcandor auf. Hier wird seitens der Bundesregierung durch die Blume kommuniziert, dass der angeschlagene Handelsriese ja auch ohne Krise wirtschaftlich schlecht dastehen würde, man deswegen etwaige Rettungsaktionen nicht in Betracht ziehe. Das klingt zunächst auch durchaus verständlich. Bis man sich eben Opel anguckt, eine Firma deren Anzahl verkaufter Autos zu Beginn der 90er noch mehr oder weniger auf Augenhöhe mit derer VWs war, danach aber einen Irrweg gen Abgrund antrat. Die Frage, ob man hier seitens der Regierung auf das richtige Pferd gesetzt hat, muss erlaubt sein. Fairness und freier Wettbewerb (vor allem die Kombination) scheinen zumindest je nach Thema keine größere Rolle mehr zu spielen.

 

Schlussendlich sei erwähnt, dass die Mehrheit unserer Freitag-User der Meinung ist, Opel hätte kontrolliert in die Insolvenz geführt werden sollen (68% pro Insolvenz am 2.6.09). Damit folgen sie überraschend deutlich Herrn Guttenberg und den kritischen Stimmen seitens der Medien, die eine Gesundschrumpfung des deutschen Traditionsunternehmens lieber gesehen hätten, als dass es neben dem Kohlepfennig in Zukunft für den deutschen Steuerzahler auch den Opelcent geben könnte; Ein Pfand für den künstlichen Erhalt eines totgeweihten Riesen, dessen Rettung am langen Ende nichts mehr als ein schlechter Werbe-Gag in Zeiten des Wahlkampfs sein könnte.

 

Opelaner und Politiker jedenfalls sollten sich nicht zu früh freuen. Das Thema Opel ist lebendig wie eh und je, dürfte dementsprechend in den nächsten Monaten, vermutlich sogar Jahren, die ein oder andere Spalte auch dieses Mediums füllen. Anlaß wird es zu Genüge geben.

 
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Kommentare
taschentiger schrieb am 02.06.2009 um 10:42
Schöner Leitartikel bei der FR: "An diesem Pfingstwochenende ist die große Finanz- und Wirtschaftskrise nun endgültig auch der deutschen Politik über den Kopf gewachsen. ... Wer hier überhaupt noch Fragen stellt, wer wie Bundeswirtschaftsminister Guttenberg nach Garantien der Investoren fragt und aus verhandlungstaktischen Gründen die schlechten Karten nicht von Anfang an auf den Tisch legen will, der wird einfach als Störenfried abgetan."

www.fr-online.de/top_news/1780977_Leitartikel-Hilfe-die-Retter-kommen.html
meistermochi schrieb am 02.06.2009 um 11:57
Das ist gar kein Geld vom Staat. Es ist - unter anderem - mein Geld. Geld für einen Konzern, der zu viele Fehler gemacht hat. Und der zwecks Wahlkampftaktik überleben soll. Damit die Leute da nicht auf der Strasse stehen und wieder SPD/CDU wählen. Damit es mit der großen Koalition weitergeht und keinem Weh getan wird.

Aber der Opel-Facharbeiter wird noch selbst die Zeche zahlen. Wenn Opel nämlich weiterhin seelenlose Durchschnittsautos baut, er trotz allem arbeitslos wird und dann auch noch 25% MwSt. aufgedrückt bekommt, weil der “Staat” für Milliardenbürgschaften dann konkret einstehen muss. On top auch bei den Banken.
misterl schrieb am 02.06.2009 um 12:11
meistermochi nur zur info. der staat besteht zu ungefär 1/80.000.000 aus "meinem" geld. wir alles sind in summa der staat. das gilt auch für die 25.000/80.000.000 opelarbeiter.
misterl schrieb am 02.06.2009 um 12:05
Nicht nur OPEL wird länger auf der Agenda stehen, sondern die gesamte Branche inkl. Zulieferer wird uns noch einigen "Spass" bereiten.

Wenn die Experten heute von Überkapazitäten sprechen haben sie Grössenordnungen von 20-30 Pronzent im Auge. Sollte das alles abgebaut werden und gleichzeitig fleissig neue Modelle mit neuen Antriebsenergien in Serie gehen, ist da ein kompletter Markt im Umbruch mit allen Konmsequenzen. Für die Arbeitsplätze, Hersteller, Zuliefererund auch für den Wirtschaftswert des Gebrauchtwagenmarktes und der Finanzierung des derzeitigen Bestandes. Im Grunde genommen stehen den Finanzierungen der Mobile so sie es sind (wie auch bei den Immobilien) dann kaum noch der erlösbare Gegenwerte gegenüber. Ein selten betrachteter Aspekt - aber alles andere als unwichtig.

Logisch das die nicht geretteten Wettbewerben darin Wettbewerbsverzerrung sehen. Bekommen sie doch so einen Konkurrenten an die Seite, der aus Sicht von Martkanteilen verzichtbar wäre. Als treibende Kraft für neue Modelle mit neuen Energien kann man aus Wettberwerbssicht auch verzichten. Nicht weil man nicht dahin kommen will, sondern weil man den Zeitdruck, den jetzt ein neues OPEL produzieren könnte (siehe ersten Absatz) nicht unbedingt haben will.

Andererseits wundere ich mich über die Bereitschaft sich mit Pros und Contras aus dem Fenster zu lehnen, ohne den Wortlaut des Abkommens zu kennen. Falls das Vertragswerk en Detail öffentlich nachlesbar ist? Ich bitte um den Link dazu. Die Details fände ich spannend. Ob Guttenbergs Insolvenz der bessere Weg gewesen wäre oder die jetzige NotOP - von meinem Betrachtungshorizont kann ich das von heute aus nur in der Zukunft beantworten. Auf dem Wege dahin vielen allerdings wieder viele (Fehl-)Entscheidungen. Was letztlich richtig gewesen wäre, damals, weiß ich allenfals übermorgen.

Vom Gefühl her denke ich, die Zukunftsaufgaben eines wesentlichen Infrastuktur-Trägers (Automobil) sehe ich lieber von mehr als von weniger Wettbewerben bearbeitet.

LG
misterL
I.D.A. Liszt schrieb am 02.06.2009 um 15:49
Freitag-Blogger-Kollege RichardHeigl hatte da doch eine ganz patente Idee (www.freitag.de/community/blogs/richardheigl/opel-jetzt-in-den-richtigen-haenden), die zwar auch nicht neu ist, aber die erstaunlicherweise überhaupt nicht erst aufs Tapet gebracht wurde.
Jan Jasper Kosok
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