Mittwoch, 23.05.12
Reformbaustelle Urheberrecht: Wer bietet mehr?, Jan Engelmann, Netzpolitik
“Die Urheberrechtsdebatte erscheint auch deshalb so verfahren, weil es dabei zwei grundsätzliche Sichtweisen gibt, die sich nicht so recht miteinander versöhnen lassen: Während die eine Seite glaubt, auf verlustfreies Kopieren im Internet müsse mit technischen Mitteln (z.B. Digital Rights Management) und regulatorischen Eingriffen (z.B. Sperrverfügungen) reagiert werden, hält die andere Seite die Kontrolle von Kopien im Grunde für eine überflüssige Sisyphusarbeit, die zudem davon ablenke, Anpassungen im geltenden Recht an die digitale Alltagsrealität voranzutreiben. Der gestrige Tag im politischen Berlin bot gleich mehrere Möglichkeiten, um die Unvereinbarkeit dieser Perspektiven zu besichtigen.“
Die Welt im Bundestag; und die davor, Dirk von Gehlen
“Denn die Welt außerhalb des Bundestages ist – wenn man die öffentlichen Meinungsäußerungen der vergangenen Wochen verfolgt – vor allem von der Frage aufgebracht, ob das Urheberrecht nun alsbald aufgeweicht oder gar abgeschafft wird. Alle Äußerungen von Sven Regeners Wutrede bis zum „Wir sind die Urheber“-Aufruf vergangene Woche gründen sich auf dieser Annahme. Im Inneren des Bundestags hingegen ist eine ganz andere Frage Thema: nämlich die Verschärfung des Urheberrechts. Das Warnhinweismodell, das heute debattiert wurde, ist jedenfalls nicht als Abbau der Urheberrechte zu sehen. Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung vor dem Bundestag und im seinem Inneren ist durchaus erstaunlich. Der mittlerweile ja schon fast berühmten “Versachlichung der Debatte”, die von allen Seiten gefordert wird, wäre es sicherlich dienlich, diese Diskrepanz im Sinne einer realistisichere Darstellung aufzulösen.”
Bundestag und Experten irrlichtern ums Urheberrecht, Falk Lüke, Heise
“Doch in der Sitzung unter dem Motto "Vermarktung und Schutz kreativer Inhalte im Internet" stand dann erst einmal die Frage der Rechtsdurchsetzung im Mittelpunkt – insbesondere die Idee, dass Internet Service Provider Warnhinweise bei Urheberrechtsverstößen einblenden könnten. Der Fachanwalt Dieter Frey monierte, dass die von einem Gutachten für das Wirtschaftsministerium skizzierte Idee eines Warnhinweismodells unausgegoren sei und als freiwilliges Modell in Folge der verfassungsrichterlichen Rechtsprechung nicht ohne gesetzliche Eingriffsgrundlage machbar wäre.“
Warnhinweise würden das Abmahnwesen noch verschärfen, David Pachali interviewt Frank Rieger (CCC), iRights
“Wir erwarten, dass ein Warnmodell zügig weiter ausgebaut würde, um die Nachverfolgung der Benutzer durch Abmahnungen und Klagen zu perfektionieren. Eben deswegen sagen wir, dass es sich um eine Privatisierung der Rechtsdurchsetzung handelt, bei der dem Nutzer am Ende keine Möglichkeit mehr offen steht, zu bestreiten, dass er eine Rechtsverletzung begangen haben soll – es war dann ja anscheinend bereits drei oder fünf mal so. Da sehen wir eine große Gefahr: Die Tür zu einem Verfahren würde geöffnet, mit dem die Abmahnpraxis weiter automatisiert wird und die Zahlen weiter ansteigen werden.”
Der Teufel in Deutschland, Rainer Stadler, NZZ
“Solche kurzatmigen, moralinsauren Verurteilungen eines Buchs, das erst in dieser Woche erscheint, müssen das Publikum geradezu animieren, durch einen entsprechenden Kauf sich selber eine Meinung zu bilden. Die Prophezeiung der Kritiker erfüllt sich. Hilflos strampeln sie mit im System der Vermarktung, das sie verdammen. Sie hätten schweigen und erst das umstrittene Werk lesen können.“
Kickstarter ist Vorbote eines massiven wirtschaftlichen Umbruchs, Marcel Weiß, Neunetz
“Die wahre gesellschaftliche Bedeutung von Crowdfunding wird erst richtig deutlich werden, wenn sich neben den allgemeinen Plattformen wie Kickstarter sich auf die Besonderheiten einzelner Branchen ausgerichtete Crowdfunding-Plattformen etablieren werden. In Verbindung mit über Programmierschnittstellen verbundenen anderen Plattformen wird die Arbeitsteilung neu ausgehandelt und die neue postindustrielle* Infrastruktur gelegt werden. Die neuen massiven Distributionskanäle sind mit Facebook, Twitter und Tumblr bereits da.”
Das schmutzige Geheimnis der Eurovision, Stefan Niggemeier
“Mit sichtlicher Freude entzaubert Reporter Paul Kenyon die Haltung der Europäische Rundfunkunion EBU, die den ESC veranstaltet und in der u.a. ARD und ZDF Mitglieder sind. Er schafft es, die Generaldirektorin Ingrid Deltenre gleich zu mehreren erstaunlichen Aussagen zu bringen.”