Jana Hensel

Blog von Jana Hensel

23.11.2011 | 19:27

Über den Osten reden oder doch lieber schweigen?

Lieber Tom, 

ich antworte Dir stellvertretend für all die Blogs, die in den letzten Tagen zu meinem Leitartikel "Raus aus dem Untergrund" hier erschienen sind. 

Ich bin mit Deinem Blog in allem einverstanden und doch frage ich mich, warum Du das Gefühl hattest, noch einmal auf meinen Text (und auch die anderen mittlerweile erschienenen) einzugehen. Also antworte ich Dir ganz im Sinne einer Frage, die für mich weiterhin offen ist. 

Woher kommt die Wehr, im Zusammenhang mit der "Zwickauer Zelle" nach den ostdeutschen Wurzeln solcher Taten zu fragen?

Auch Jakob Augstein ist ja für seine Äußerungen, wie ich finde sehr zu unrecht, hier scharf kritisiert worden. 

Ich glaube inzwischen, dass sich dahinter ein Unmut artikuliert, der größer ist und der damit zusammenhängt, wann wir über den Osten sprechen. Und in der Tat, da gibt es eine Schieflage, da gibt es vorschnelle Reflexe, den Rechtsradikalismus schnell den Ostdeutschen in die Schuhe zu schieben. Im Sinne, Schuldige zu suchen und zu finden. Ich aber führe keine Schulddebatte, ich suche nach den Ursachen. Aber klar, wir reden dann über den Osten, wenn etwas schief gegangen ist. Das halte ich ebenfalls für falsch. Und ich arbeite daran, dass dieser Blick auf einen Teil des Landes sich weitet.

Ich kann nur für mich sprechen und nur von mir handelt dieser Blog: ich spreche immer über den Osten oder versuche, in vielen Themen die ostdeutsche Perspektive zu finden. Ja, weil ich glaube, dass es in beinahe allen Themen eine ostdeutsche Perspektive gibt, die sich von der westdeutschen unterscheidet. Es mag auch in Dortmund Rechtsradikale geben. Diese Geschichte muss auch erzählt werden, aber es ist eine andere als jene, die in Jena und Zwickau passiert und passiert ist. 

Beinahe alle Geschichten aus Jena sind anders als die aus Dortmund. 

Vielleicht liegt darin unser Missverständnis: ich spreche auch über den Osten, wenn es um Robert Enke, Angela Merkel oder Michael Ballack geht. Ich spreche über den Osten, wenn es um das Verhältnis zu Politik, zu Arbeit, zu Gesellschaft, zu Heimat, zu Macht, zu Geld, zu Kunst geht. Ich spreche sogar über den Osten, wenn es um Fragen wie Kindererziehung, Generationenverhältnis oder, ja, vielleicht sogar Liebe geht. 

Ausgerechnet bei dem Thema Rechtsradikalismus zu schweigen, das würde ich mir nicht verzeihen. Das würde für mich bedeuten, an der falschen Stelle den Mund zu halten. Gleichwohl ich weiß, dass nun auch jene wieder über den Osten reden, die das normalerweise nie tun. 

Also, noch einmal, ich bin in vielem Deiner Meinung, die Defizite des ostdeutsches Diskurses liegen offen zutage. Wir sollten aber über diese Defizite auch sprechen, wenn es um andere Themen gibt.  Sonst arbeiten wir weiter an jenem Missverständnis, dass sich nun auch zwischen uns aufgetan hat und von dem ich glaube, dass es zwischen uns eigentlich grundsätzlich gar nicht besteht. 

 

 

 

 

 

 

 

 
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Kommentare
ich schrieb am 23.11.2011 um 20:15
Ich werfe mal diese Doku in den Ring und überlasse es jedem selbst, seine Schlüsse daraus zu ziehen:

www.youtube.com/watch?v=FaRdPa5l0Og

Weiterhin glaube ich, Frau Hensel, wenn es Ihre Position ist, vieles oder vielleicht alles aus der ostdeutschen Perspektive zu betrachten, dass Sie sich dafür nicht zu rechtfertigen brauchen/sollten. Wenn man im bunten Garten der Medienlandschaft versucht zu viele Position zu einem Strauss zu bündeln, verliert man leicht an Aussagekraft (siehe dazu auch Magdas Kommentar in Ihrem Prenzlauer-Berg-Beitrag). Ich als Leser bin ja immer noch in der Lage ihren Beitrag in ein Gesamtbild einzuordnen.
miauxx schrieb am 23.11.2011 um 20:50
@Jana Hensel

Ich möchte mal Tom Strohschneider interpretieren:
Eine "Wehr, im Zusammenhang mit der "Zwickauer Zelle" nach den ostdeutschen Wurzeln solcher Taten zu fragen" ist so m. A. nach gar nicht vorhanden. Wohl aber der Hinweis, dass die Verengung auf "ostdeutsche Wurzeln", wie sie die in Toms Text Zitierten anbieten, wenigstens nicht weiter führen. Ich habe unter Toms Artikel noch hinzugefügt, dass ich eine Gefahr der Ghettoisierung des Themas Rechtradikalismus sehe, sollten solche Thesen kraftvollere Gestalt annehmen.
Dass Rechtsradikalismus gerade im Osten in und im Gefolge der Wendezeit sich besonderes auffällig machte, kann keiner verneinen. Die Gründe dafür liegen auch klar in der sozialen Schieflage und v.a. dem großen Orientierungsloch der Jahre nach 1989; besonders für die Generation der damals Jugendlichen (ich kann mich noch bestens erinnern).
Verengt man jetzt aber das Thema auf "ostdeutsche Wurzeln", legt man allzu leicht nahe, dass eben eine bestimmte Qualität rechtsradikaler Gewalt in der Post-Diktatur-Generation ihre Ausführenden findet. Und dass so etwas Blödsinn ist aber ein sehr bequemer "Ausweg" - eher Fluchtweg - sein kann, dürfte auch auf der Hand liegen, wenn man nur etwas tiefer schürft - sich also nicht allein der nächstgreifbaren soziologischen begründete Tatsache bedient.

"Beinahe alle Geschichten aus Jena sind anders als die aus Dortmund."

Das glaube ich nicht.
goedzak schrieb am 23.11.2011 um 22:25
Wenn im Osten von Ostdeutschen solche Taten vollbracht werden, führt das Nachdenken (und sich äußern) über die konkreten Gründe, die dazu geführt haben, dass diese konkreten ostdeutschen Jugendlichen zu rechtsextremen Tätern wurden, genau dann zu dem Eindruck, hier würde die These einer besonderen Zwangsläufgkeit, mit der die ostdeutschen Lebensumstände (DDR, Sozialismus, autoritäre Strukturen - was auch immer derartiges) zum Rechtsextremismus führen, vertreten bzw ihr Vorschub geleistet, wenn eben ausschließlich deren besondere ostdeutsche Lebensumstände in den Focus genommen werden und in ihnen nach Antworten gesucht wird.
Sobald man dann doch mal vergleichend über die Mauer guckt, sich anschaut, wer wann unter welchen Umständen woanders und zu anderen Zeiten sich rechtsextrem radikalisiert hat, dann rücken die Gemeinsamkeiten in den Bedingungen für solche Sozialisationswege in den Vordergrund.

"Beinahe alle Geschichten aus Jena sind anders als die aus Dortmund." - Das stimmt zwar, aber es stimmt auch nicht. Denn sonst wär's ja so: Wenn die in Dortmund lieb zu ihren Kindern sind, sind es die in Jena nicht...usw.
Rosa Sconto schrieb am 23.11.2011 um 22:43
Jana,

Deine Unterscheidung mittels Ortung, ob West oder Ost finde ich nicht wirklich zielführend.

Ich rechne Dir sehr hoch an das Du hier so zu dem Thema Stellung beziehst!

Das es Rechtsradikale sowohl in Dortmund als auch in Zwickau gibt ist eine Tatsache, genauso wie es ein Fakt ist, das eine direkte Verbindung zwischen Dortmund und Zwickau besteht.

Nur ist das eben nicht das eigentliche Thema, sondern die Gefahr für die Gesellschaft die von Neo-Nazi-Banden ausgeht. Und das wiederum ist weder nur Deutschland, Ost noch West.

Was ich persönlich durch die jugoslawischen Nazis erleben musste beweisst das Deutschland keine Ausnahme ist, oder wie willst Du mir das Tschednik-Nazitum erklären? Ich kann nur hoffen das in Russland die wahnsinnig gewalttätigen russischen Nazis nicht die Knochen vom letzten Zaren ausgraben und damit dann durch die Strassen ziehen, genauso wie es die pseudo-kommunistischen Serben mit den Knochen vom letzten serbischen König Karadordevic taten, bis dann der Kommunist Milosevic 1989 auf dem Amselfeld zur Schaffung eines Gross-Serbien aufforderte. Auch dort war die enge Zusammenarbeit von UDBA und dem Vojvoden Šešelj samt seiner verbrecherischen Räuberbanden Alltag. In Kroatien wurden mit HSP / HOS war Dobroslav Paraga.

@ ich
Salomena Gemin "rockt".
Magda schrieb am 23.11.2011 um 22:55
ich verlinke hier erstmal den Beitrag, auf den Sie sich beziehen.

www.freitag.de/community/blogs/tom-strohschneider/alles-diktatur-und-dunkelland-die-neonazi-morde-und-der-osten?loggedin=1

Man findet nämlich, wenn man einen Tag hier nicht reinguckt, nichts wieder.

ich fand Tom Strohschneiders Bestandsaufnahme auch recht hilfreich. Ich selbst habe mich hier zu vielen Ost-West-Problemen geäußert und mein Pulver eigentlich verschossen.

Es wird ja auch nichts totgeschwiegen. Es gibt Untersuchungen unterschiedlichster Art, auf die T.S. auch verweist. Es ist nur so, wenn die nicht das vorgegebene Bild erfüllen, dann werden sie attackiert, wie es der Studie der Ebert-Stiftung ergangen ist.

Es gibt spezielle Gründe für Rechtsradikalismus in Ostdeutschland und es gibt solche in Westdeutschland.
So, wie die Dinge jetzt stehen, ist das ein Diskurs, für den ich immer wieder gern ein Zitat verwende:

„Es läuft eine Talkshow, eine der vielen, die regelmäßig zu Verhören ausarten, sobald ehemalige DDR-Bürger unter den Gästen sind. Jeder Westdeutsche darf seinem ostdeutschen Landsmann öffentlich die Gesinnungsfrage stellen, das gehört zur politischen Korrektheit; jeder Exbewohner der DDR, der nicht damit aufwarten kann, dass er von der Stasi beschattet wurde, ist verdächtig, ein potentieller Angeklagter, der dem westdeutschen Rechtsstaat in Gestalt eines x-beliebigen Wichtigtuers und Medienschwätzers seine Unschuld beweisen muss. Niemand stellt den westdeutschen Inquisitoren die Gegenfrage nach deren Moral, nach deren Lebensläufen. Eine völlig verschüchterte ostdeutsche Lehrerin wird ins Kreuzverhör genommen, man unterstellt ihr allein aufgrund ihres Berufs Zusammenarbeit mit der Stasi. Man spricht so mit den Leuten, als hätte die einzige Dauerfrage ihres Lebens darin bestanden, ob sie für oder gegen den Staat waren, darüber hinaus will niemand etwas von ihrem Leben in der DDR wissen.“

Das ist aus Natascha Wodins "Nachtgeschwister"
Natascha Wodin ist die Ehefrau des Schriftstellers "Wolfgang Hilbig", der aus der DDR stammt und im Jahre 2007 in Berlin gestorben ist. Natascha Wodin hat nie in der DDR gelebt.
Jana Hensel schrieb am 23.11.2011 um 23:34
Über die bisher geschriebenen Kommentar in diesem Thread bin ich nun sehr froh, weil sie eher im Sinne von Weiterschreiben als im Dagegensein gemeint sind. Für mich gehen diese Erzählungen ja erst los, das mag sicherlich an meinem Alter liegen. Aber dahinter steckt auch die Hoffnung, dass der ostdeutsche Diskurs sich endlich freimachen würde/ könnte von Schuldzuweisungen, sondern einen etwas freierem, suchenderen Charakter annehmen könnte, bei dem der ständige Verweis auf den Westen auch eher stört. Der führt in so ein ständiges Sich-dem-Gegenüber-erzählen, Sich-dem-anderen-erzählen, das verzerrt die Perspektive, die erst einmal nur sich selbst geschuldet sein sollte, gleich von Anfang an.
Dass Magda Natascha Wodin zitiert ist gut, das ist ein schönes Zitat, aber ich will mich mit dieser Konfrontationssituation nicht mehr zufrieden geben. Das ist die Geschichte der älteren, das sind deren Verwundungen. Meine sind andere, und wenn ich von denen erzähle, dann, um diese Muster aufzubrechen. Wenn das misslingt, ist es wieder eine andere Geschichte, als das Misslingen der Älteren. Jede Generation muss das für sich neu erleben, sich neu einschreiben, finde ich.

Und, als ein Nachsatz, der in eine ganz andere Richtung führt: auch der Westen muss sich selbst seine Geschichten erzählen, seine Erzählungen finden, – wo sich Ost und West treffen, gut, darauf wäre ich gespannt -, aber auch dort hat man noch nicht zu sprechen begonnen, finde ich ja oft. Ihre Jana Hensel
goedzak schrieb am 23.11.2011 um 23:45
Ihre 'Zielgruppe' ist also alters- und herkunftsmäßig definiert, Magda z.B. ausgeschlossen? Oder hab ich da jetzt was falsch verstanden?
Wenn nicht, wär's ernüchternd.
Jana Hensel schrieb am 23.11.2011 um 23:51
Das haben Sie falsch verstanden. Ich schließe Magda ja auch nicht aus, sondern stelle meine Erzählung neben ihre. Ganz im Sinne einer Vielstimmigkeit.
Jana Hensel schrieb am 23.11.2011 um 23:55
ps.: Das meine ich ganz allgemein, viele Diskussionen hier in der Community und auch bei uns in der Redaktion werden im Sinne einer Ausschließlichkeit geführt, während es mir eher um Parallelität gehen würde. Oder Vielstimmigkeit. Denn auch im richtigen Leben schließen sich die wenigsten Dinge ja wirklich gegenseitig aus. Oder?
Rahab schrieb am 24.11.2011 um 07:38
ich dachte ja immer, es ginge darum sich gegenseitig und durcheinander die geschichte/n zu erzählen. nicht nur sich selbst zum zwecke der parallelisierung. denn da kommt leicht paralyse bei raus.
Magda schrieb am 24.11.2011 um 10:41
@ Jana Hensel - "Das ist die Geschichte der älteren, das sind deren Verwundungen."@ Jana Hensel - "Das ist die Geschichte der älteren, das sind deren Verwundungen."

Naja, ich glaube eher, dass es jetzt schon wieder ein "Vorteil" der Älteren ist, dass wir die Instrumentalisierung der DDR-Geschichte mit ihren sich ständig wiederholenden Phasen noch deutlicher verfolgen können.

Der Gag ist, dass ich mich z. B. nach der "Wende" überhaupt nicht gekränkt gefühlt, sondern durchaus in der Pflicht gesehen habe, über die DDR und eigene faule Kompromisse nachzudenken. Das gabs in vielen Veranstaltungen usw. Damals fand ich z.B. Daniela Dahn mit ihrem "Osttrotz" reichlich übertrieben. Ich fand auch "alte Genossen", die so ihr allgemeines antikapitalistisches Repertoire abspulten usw. beträchlich nervend.

Und dann wurde immer deutlicher, dass es nicht um "Verstehen" ging, sondern darum, die DDR als politisch - mediales "Ordnungsgespenst" wie den "Chinesen-Spuk" in Fontanes "Effi Briest" am Leben zu halten.

Dafür fand ich den Buchtitel von Peter Ensikat "Ab heute geb ich nichts mehr zu". sehr zutreffend-programmatisch.

Die - sagen wir mal zwanzig oder dreißig Jahre Jüngeren - haben sicherlich andere Erfahrungen, das ist klar.
Und - viele wollen damit gar nichts mehr zu tun haben, was mir auch einleuchtet. Aber auch ihnen wird medial und mit dem Holzhammer verklickert, wie sie die Vergangenheit zu sehen haben. Es tobt da ein gewaltiger Meinungskampf - abzulesen am Dauerstreit zwischen Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam unter Klaus Sabrow.

www.freitag.de/community/blogs/tom-strohschneider/sabrow-und-schroeder-streit-ueber-brandenburger-enquete-gutachten

Hier hat Tom Strohschneider auch schon was zu geschrieben. Ich habe es verfolgt.

Ideologischer gehts nicht und in dieser Gemengelage geht völlig unter, wo die DDR-Sozialisation eine Ursache für Rechtsextremismus sein könnte.

Mich hat schon immer gewundert, dass man ein Volk wie die DDR-Bürger über die Verhältnisse belehren will, in denen es gelebt hat. Wir waren doch nicht - wie in der beliebten Nazi-Parralele - blind oder haben verdrängt. Wir wussten doch alle, wo wir leben. Und wussten auch, dass die DDR sich gar nicht als "bürgerlicher Rechtsstaat" versteht usw. usw.

Wir wussten, dass der Mauerbau eine unmenschliche Angelegenheit war, aber eine Vorgeschichte hat.
Das alles war bekannt. Die DDR-Bevölkerung war kein jubelndes Volk, sondern ständig am Meckern, ständig aufmüpfig. Auch wenn die Leute wussten,wo der "Spaß" aufhört.

Und - die Älteren wie ich - finden auch, dass die 50er Jahre, die jetzt die Folie für alle DDR-Repression bilden,völlig anders waren als die 80er. Ist aber alles eine Brühe.
Ich weiß auch, aus ganz persönlicher Erfahrung, wie partiell einseitig der DDR-Antifaschismus sich verstand.

Übrigens: Witzigerweise fand ich gestern ein hübsches Feature von Charlotte Misselwitz, Tochter wohl von Hans und Ruth Misselwitz, die sich über die Parralelen zwischen dem sozialistischen Alltag und dem in Israels Kibbuz-Welt ihre ironischen Gedanken macht.

"Shalom und Sozialismus"

Hier die Hörfassung

ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/11/08/dlf_20111108_1914_df150278.mp3

Und der Manuskripttext steht hier:

www.dradio.de/download/152201/

Was die für Ärger kriegte, wäre sie nicht durch ihre Eltern ein bisschen gedeckt.

Und hier mein letzter "Aufschrei."
www.freitag.de/community/blogs/magda/ostdeutscher-selbsthass-nein-ostdeutscher-furor

Das ging damals ziemlich unbeachtet durch, denn es war auch gerade kein richtiger Ost-Bashing-Grund vorhanden.
wwalkie schrieb am 24.11.2011 um 11:22
Reden, sprechen, schreiben ... Natürlich sind "Geschichten" ... tja, welches Adjektiv verwende ich: spannend? schön? interessant? wichtig?

Wenn ich aber lese, dass "jede Generation das (Muster Aufbrechen) neu für sich erleben, sich neu einschreiben (muss)", habe ich den Eindruck, und die Furcht, dass darüber der Inhalt mal wieder zerfasert wird. Es geht doch wohl immer noch um die Verhinderung faschistischer Gewalt?

Und da kommt die Geschichte im Singular ins Spiel. Die Erkenntnis der Gemeinsamkeiten des "Faschismus in seiner Epoche" (Ernst Nolte, ja der!) und der heutigen Formen sowie die politische Diskussion ihrer Verhinderung. Ich sage bewusst Verhinderung, und nicht Bekämpfung, die notwendig ist, aber als Begriff zu eng gefasst.

Dass Erzählungen (regional, lokal, generationell etc.) dabei helfen können, ist wohl wahr. Die ergreifendste und "lehrreichste" Erzählung über das Abgleiten in den Faschismus ("Das Spinnennetz") erhält ihre Größe allerdings gerade durch ihre Fiktionalität.
ich schrieb am 24.11.2011 um 11:58
@Magda

Ich kann Jana Hensels grundsätzliche Haltung, das Fragende, nachvollziehen (unabhängig vom Kontext in dem die Diskussion jetzt stattfindet). Das liegt glaube ich auch daran, dass wir altersmäßig in der DDR nicht über den Thälmannpionier hinausgekommen sind und so nie Verantwortung als Erwachsene tragen mussten. Nachdem man nun erwachsen ist und schon das ein oder andere mitgemacht hat, stellen sich dann andere Fragen. Ohne hier etwas vergleichen zu wollen, muss ich da öfters an die 68 denken, denen sich gut 20 Jahre nach einer historischen Zäsur auch bestimmte Fragen aufdrängten.

PS: In »Effie Briest« gibt's übrigens eine schöne Stelle über Schwaben (Du kann'st ja mal googeln).
indyjane schrieb am 24.11.2011 um 16:04
danke für die links - sehr spannend!
Magda schrieb am 24.11.2011 um 17:19
Hallo ich - bei Deinem Nick fiel mir auch gleich noch ein, was mich so mit dem Ost-West stört. Dieses "Wir" im Osten.
Ich war auch im Osten Ich. Ich war z. B. nie bei den Thälmannpionieren, nie in der FDJ und doch - später - loyale Bürgerin, usw usw.

Und so wird es vielen Leuten im Osten gehen.

Fragen kann man immer stellen, die sind am Ende aber auch schon gestellt: Wie war das möglich. Was war warum möglich, warum ist heute das Bild der DDR zu einseitig und warum fällt einem JA z. B. der Osten überhaupt nur bei solchen Ereignissen ein.

Und so weiter

Gruß auch ich
als Magda
Matto schrieb am 24.11.2011 um 18:03
@Jana Hensel,

ich kann diese Debatte nicht mehr hören. Auch ich habe hier genug darüber diskutiert. Jetzt war halbwegs Gras darüber (Zeitzeugen haben sich dazu geäußert) gewachsen kommt ein Schaf und frißt es wieder ab. Was Sie hier abziehen, ist der übliche Quark. Die Tatsachen und Umstände sind hier doch bis zum Abwinken zitiert worden.
Der Westen hat einen riesigen Mistberg vor der Tür, den er eigentlich hätte aufarbeiten müssen. Der Osten hat es bis zur Selbstzerfleischung getan.
Nur, die Westdeutschen wollen selbst von dieser Sache nichts wissen, weil sie dann erkennen müssen, dass sie in einem verlogenen und heuchlerischen System aufgewachsen sind.
Mich kotzt diese Sache wirklich langsam an.
ich schrieb am 24.11.2011 um 18:06
Du Magda, das "wir" bezog sich in meinem Kommentar nur auf zwei Leute, auf mich und Jana Hensel. Viele Fragen sind für mich auch nur in Bezug auf den Alltag interessant; woran hätte man sich gestoßen, was hätte man als oberflächlich betrachtet.
Alien59 schrieb am 24.11.2011 um 06:13
Ich bin ja nun nicht aus dem Osten. Aber ich war und bin dagegen, das Thema als Geschichte aus dem Osten zu sehen, weil es dazu führen könnte, Teile zu verschleiern. Es ist - für den Westen - zu bequem, das Problem des rechten Terrorismus oder auch nur der "Zwickauer Zelle" als "Ossi-Problem" zu definieren. Das wäre nur wenig besser als die Einschränkung der Ermittlungen auf mafiöse Strukturen o.ä.
luddisback schrieb am 24.11.2011 um 15:22
liebe jana hensel,

ich kann und moechte nicht fuer tom strohschneider antworten, tue aber mal so, als waere ich der adressat ihrer fragen.

ich habe kein problem mit ihrem artikel. auch nicht damit, dass sie ihn geschrieben haben und nicht einen ueber "die rolle des staates". ich vermute aber, dass ihr artikel und weitere, wie die von ts verlinkten, instrumentalisiert geeignet sind in eine bequeme, erprobte scheindebatte zu fuehren, und dass genau das im interesse einiger kraefte liegen koennte, die noch gestern volle aufklaerung gelobten. ergo, dass genau das passieren wird.

ich empfinde eine prioritaet von fragen, die sich der erneuten herkunftsdebatte nach 20 jahren mauerfall eindeutig vorgeordnet befinden. abgesehen davon und ganz fuer sich betrachtet mochte ich ihren artikel!
Tom Strohschneider schrieb am 24.11.2011 um 17:04
zunächst einmal auf die schnelle: die frage, warum ich noch einmal auf deinen text (und auch die anderen mittlerweile erschienenen) eingehen wollte, lässt sich beantworten. eigentlich sollte das ja mit dem blog selbst schon geschehen sein: weil ich die diskussion, so wie sie in der regel geführt wird, für erkenntnisverhindernd halte, aber das gegenteil nützlich fände. so gesehen habe ich gar keinen dissenz zu deinem text, den ich als frage verstanden habe: muss man nicht darüber reden, ob und wie das alles mit dem osten und dem ddr-erbe zusammenhängt. so, wie diese frage dann u.a. von klier oder constanze von bullion beantwortet wird, finde ich das falsch, weil es argumente gibt, mindestens jedoch zweifel, die sich empirischer zahlen bedienen, dass es komplizierter ist. kurzum: ich müsste mein denkgebäude über den haufen werfen, wenn ich nicht davon ausgehen würde, "dass gesellschaftliche Verhältnisse ihre sozialpsychologischen Spuren hinterlassen, sich politische Kulturen kollektiv in Biografien einschreiben, dass also das soziale Sein auch das schlechteste Bewusstsein bestimmt". aber dann mit großchiffren wie "der osten", "die ddr" etc. zu kommen, scheint mir zu kurz gegriffen. es geht nicht darum, die frage zurückzuweisen, sondern sich skeptisch gegenüber den deutungsangeboten zu verhalten. vielleicht ist das ja auch eine erfahrung, die mit ddr-prägung zu tun hat?
Tom Strohschneider schrieb am 24.11.2011 um 17:11
ach so, die debatte wird nebenan natürlich auch weitergeführt: bit.ly/tU8Y1V
ich schrieb am 24.11.2011 um 18:15
@Tom Strohschneider
Bitte um Beachtung des ersten Absatzes: Was brauche ich um einen Link zu erstellen?. Dann geht es sogar noch kürzer!

Die Verwendung von HTML-Anker-Elementen hat ausserdem den Vorteil, dass ich in der Statuszeile meines Browsers sehen kann, wohin du verlinkst. Bei einem bit.ly-Links sehe ich dass nicht.
memyselfandi schrieb am 24.11.2011 um 17:16
Frau Hensel, ich bin auch aus dem Osten, ich bin etwa gleich alt wie Sie und ich frage mich, was Sie hiermit bezwecken wollen und warum Sie sich nicht fragen, inwieweit ein WIE schreibe ich etwas auch eine Rolle spielt.

Es steht Ihnen frei alles auch den kleinsten Krümelkeks aus der ostdeutsche Perspektive zu betrachten, aber ob das 20 Jahre nach dem Mauerfall in einem vereinten Deutschland (achgott, ist das jetzt ein schlechtes Wort) so sinnvoll und produktiv ist... ist eine andere Sache.
Dass Sie selbst beim Freitag nicht immer ins Schwarze treffen sollten Sie an der Bewertung sehen, es sei denn Sie meinen "viel Feind viel Ehr" (obwohl auch das antiquiert ist).
goedzak schrieb am 24.11.2011 um 19:55
So anders sind die Geschichten nicht:
Nachher bei arte läuft der britische Film "This is England" über die Rechtsradikalisierung der Skinhead-Jugend in den frühen achtziger Jahren - Thatcher, Falklandkrieg usw.

de.wikipedia.org/wiki/This_Is_England
Tom Strohschneider schrieb am 25.11.2011 um 09:10
wer die zeit hat, hier gibts diesen hervorragenden film noch sieben tage: bit.ly/uU005X
Jana Hensel
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