Letzten Montag wurde der ehemalige Staatschef der Elfenbeinküste Laurent Gbagbo verhaftet. Nach und nach kehrt in einem der ärmsten Land der Welt der Alltag ein. Besteht nun Hoffnung für die 250.000 Kinderarbeiter und Kindersklaven der Kakaoplantagen auf eine Kindheit?
Blaue Schokohasen und bunte Ostereier türmen sich wieder einmal vor den Supermarktkassen. Alle greifen zu. Niemand hat bei diesem Anblick ein schlechtes Gewissen. Keiner scheint die Ungerechtigkeit zu kennen, welche sich hinter den bunten Verpackungen verstecken. Durch die vorherrschende Armut gehören Kinderarbeit und Kindersklaven zum Alltag. Von weit mehr als 250.000 Kinder ist die Rede. Diese finanzieren über den unübersichtlichen Handel schlussendlich einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg.

Die Côte d´Ivoir ist Deutschlands größter Kakaolieferant, Togo folgt auf Platz zwei.
Trotz Wirtschaftskriese war 2009 ein sehr gutes Jahr für die Schokoladenindustrie. Laut dem Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie e.v. (BDSI) wurden mehr als 980.000 Tonnen Schokolade in Deutschland produziert. Über 90% des Kakaos für diese Produktion stammen aus Westafrika: Togo, Ghana, Nigeria. Die Côte d'Ivoire, die Elfenbeinküste, ist mit mehr als 159.500 Tonnen Deutschlands wichtigster Kakaolieferant. Fast jede zweite Kakaobohne stammt aus ihr.
Seit vielen Jahren klagen die Schokoladenhersteller allerdings über schwankenden Preise für Kakao auf dem Weltmarkt. Entstanden sind diese durch Spekulationen auf den Rohstoff-Börsen, denn das Nahrungsmittel Kakao wird wie Erdöl oder Stahlkohle als ein Rohstoff betrachtet und gehandelt. Der Grundsatz "Angebot und Nachfrage" wird hierbei ans Absurdum geführt. Zocker und Spekulanten haben seit der Wirtschaftskriese hier ein neues Spielfeld gefunden. Der Rohstoff Kakao gilt dabei unter Kenner der Warenbörsen in New York und London als beliebtes Spekulationsgut. Die Preise für Kakao werden also weder durch die Qualität der Bohnen, noch über den Verbrauchermarkt gesteuert. Sie sind zu einem Glücksspiel verkommen.
Wegen die nicht enden wollenden Kämpfe wurde von der EU ein bestehendes Handelsembargo gegen das ivorische Handelsministerium ausgeweitet. So lagern zur Zeit weit mehr als 475.000 Tonnen, eine Menge, die dem eineinhalbfachen Jahresbedarf von ganz Deutschland darstellt, in dem Land. Noch vor der Festnahme Gbagbos wurden diese restrektiven Maßnahmen wieder zurückgenommen. Die Preise kletterten daraufhin in unbekannte Höhen: 3.826 Dollar pro Tonne. Da der Kakao jedoch bereits den Händler in Übersee gehört, werden auch dieses mal nicht die Bauern der Elfenbeinküste an diesem Mega-Deal profitiert.
30 Jahre Bürgerkrieg
Die 600.000 Kakaobauern der Elfenbeinküste sind arm. Bitter arm. Laut dem Internationalem Währungsfond lag das Pro-Kopf-Einkommen des Landes bei gerade einmal 1.052 Dollar - im Jahr. Nicht nur der jahrelanger Bürgerkrieg, vor allem jahrelange Niedrigpreise haben Spuren bei den Bauern hinterlassen. Trotz der gestiegener Preise sind die Bauern nicht in der Lage mit einer Mehrproduktion zu reagieren. Die Bäume sind zu alt. Die Taschen zu leer. Kein Geld ist vorhanden um neue Pflanzen oder Dünger zu kaufen. Und Unterstützung erhalten diese bisher nicht. Weder vom Staat, noch von wie versprochen von der Industrie.
Die ehemalige französische Kolonie Elfenbeinküste, offiziell Republik Côte d'Ivoire genannt, ist abhängig vom Kakaoanbau: Mit mehr als 1,335 Millionen Tonnen ist die Elfenbeinküste der weltweit größter Kakaoerzeuger. Nach den Untersuchungsunterlagen des Institutes Südwind e.V. gelangt vom Ertrag für die Kakaobohnen nur 40% zu den Bauern, 10-12% erhalten die Kakao-Händler, der Rest fließt in die Tasche des Staates. Was dieser mit den Steuereinnahmen zwischen 2001 und 2008, einer Zeit blutiger Auseinandersetzungen, unternommen hat ist bis heute nicht geklärt. Klar ist, dass in der Zeit des Bürgerkriegs, die Waffe und Soldaten finanziert werden musste. Von "Blut-Kakao" ist daher die Rede.

Die Elfenbeinküste grenzt an Liberien, Guinea, Mali, Burkina Faso und Ghana.
Die Côte d'Ivoire hat sich nicht von innen heraus gebildet. Frankreich gründete im 19ten Jahrhundert das aus vielen Völkern bestehende Land Französisch-Westafrika. Im Süden der Elfenbeinküste wurden sowohl Kakao- als auch Kaffeeplantagen errichtet, die nach und nach Arbeiter aus angrenzenden Regionen, dem heutigen Mali und Burkina Faso anlockte. Als 1960 die Elfenbeinküste unabhängig wurde, war unklar, welche Staatsangehörigkeit die Zugereisten haben und ob diese überhaupt Ivorer sind. Genau auf diesem Problem beruhen die gesammten Spannungen.
Ab 1993 wurde eine ausgrenzende Politik geführt und Ivorer mit einem burkinischen Hintergrund nicht einebürgert. Das Land, das in dieser Zeit stark unter der Arbeitslösigkeit von Akademikern, Misswirtschaft und einem niedrigen Kakaopreis litt, wollte von den Problemen ablenken und machte die nun über 30% der "Ausländer" für die missliche Lage verantwortlich. 2002 revoltierten Teile der Ivorischen Armee gegen den Staatspräsidenten Laurent Gbagbo und strebten demokratische Wahlen an, die für alle Ethnien zugänglich sind. Seit 2002 ist daher die Elfenbeinküstte geteilt. Der Norden des Landes wird von den Rebellen besetzt und der Süden wird seit dem Gegierungsgebiet genannt. Zwischen beiden Pateien ist seit fast 9 Jahren eine 10.000 Mann starke internationale Friedenstruppe im Einsatz.
Das Harkin Engel Protocoll
Erst 2010 sollte dies jedoch erst der Fall sein. Sieger der Wahlen war Alassane Ouattara. Laurent Gbagbo räumte jedoch nicht seinen Amtssitz, da er die Stimme in 4 Wahlkreisen einfach nicht annahm. Die Internationalen Staaten nahmen diese Entscheidung jedoch nicht an. So kam es seit den Wahlen im Dezember 2010 zu immer stärker werdende Ausschreitungen in dem Land. Dass in diesem anhaltenden Klima aus Gewalt und Korruption kein Geld für Investitionen vorhanden ist und an die Bauern fließen kann, ist verständlich. Diese sehen in ihrer Not keine andere Möglichkeit, als die Produktionskosten zu senken: Ihre Kinder müssen mitarbeiten und sogar Kindersklaven werden eingesetzt. Und in dem anhaltenden Chaos hindert sie niemand daran.
Die Tulan Univerity in Ohio führt seit Jahren eine Studie über Kinderarbeit auf Kakaoplantagen durch. Ihr nüchternes Resultat ist, dass es zwar entsprechende Kinderschutzrechte in den Gesetzen gibt, diese jedoch nicht mit genügend Stärke kontrolliert und durchgesetzt werden. Durch das offene Ende des Bürgerkrieges bleibt diese Situation wohl auch die nächsten Jahre bestehen.
Der dänische Filmemacher Miki Mistrati hat sich 2010 auf den Weg gemacht um den Vorwurf der Kindersklaverei auf den Kakao-Plantagen der Elfenbeinküste nachzugehen. Er stellte dabei fest, dass sowohl die Bauernkinder als auch Verschleppte Zehnjährige aus den angrenzenden Ländern zur Arbeit gezwungen wurden. Alltag auf den Kakaoplantagen.
Die Schokoladenindustrie ist sich der gesamten Problematik bewusst. Nach einem langwierigen Prozess unter der Leitung der US-Politikers Eliot Enge und Tom Harkin wurde das "Harkin Engel Protocol" bereits am 19. September 2001 unterschrieben. Nichts geschah. Erst nach einigen Berichten in Österreich und der Schweiz, veröffentlichte am 01.10.2010 der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie seine Position zur missbräuchlichen Kinderarbeit im Kakaoanbau in Westafrika:
"Die Position des BDSI kurz gefasst:
- Missbräuchliche Kinderarbeit ist gänzlich inakzeptabel.
- Kinderarbeit trägt in Westafrika zum Einkommen der Familien bei und kann nur dann gerechtfertigt werden, wenn Schulbesuch, ausreichende Ernährung und Gesundheitsversorgung gewährleistet sind und die Kinder keine gefährlichen Tätigkeiten ausüben. Zusätzlich soll die ivorische Gesellschaft für das Thema Kinderarbeit sensibilisiert werden.
- Der BDSI fördert zusammen mit internationalen Verbänden und Initiativen Projekte, die die Schulbildung von Kindern und die Ausbildung von Farmern ermöglichen. (...)"
Kritiker bezweifeln die Wirkung der Maßnahmen. Friedel Hütz-Adams von der Institutes Südwind e.V. erklärt am 14. Dezember 2010 in einer Presseerklärung:
„(...) Die Entwicklung in der Kakao‐ und Schokoladenbranche zeigt deutlich die Grenzen freiwilliger Prozesse auf. Fortschritte werden nur sehr langsam und in geringem Umfang erzielt.“ Um den (...) formulierten Anforderungen an transnationale Konzerne gerecht werden zu können, ist ein international verbindlicher Rechtsrahmen nötig, der die Einhaltung der Menschenrechte in den Lieferketten von Konzernen durchsetzt, so Hütz-Adams."
Das stärkste Argument gegen die Industrie ist jedoch ein recht einfaches: trotz der bekannten Bilder und trotz der Probleme wird auch weiterhin aus diesem Land Kakaobohnen eingekauft. Unkontrolliert. Denn die Kontrolle ist schwerer als man denkt.
Über Ghana wird tonnenweise das begehrte Handelsgut von der Elfenbeinküste aus nach Togo verschoben. Grund sind die geringeren Zölle in Togo. Das ghanaische Fernsehen strahlte erst im April 2010 eine mit versteckter Kamera gedrehten Beitrag aus, nachdem die gezeigten Zöllner, Polizisten und Händler verhaftet wurden. Die Problematik ist in Ghana zur Zeit ein heißes Eisen, da durch diesen Schnuggel den Land Milliarden Dollar verloren gehen. Auch Reuters Bericht, erstellt am 18.02.2011 auf www.youtube.com, zeigt dieses Vorgehen.
Den Abnehmern scheinen dies Fakten genauso egal zu sein, wie auch die Frage, wie es eigentlich sein kann, dass ein Land offiziell 63 Tonnen Kakao nach Deutschland verkaufen kann, obwohl es nur 10 Tonnen produziert. Hauptsache die Ware ist billig, denn genau das ist es, was die Verbraucher wollen. Aber die Industrie schätzt den Kunden auch noch anders ein. Achim Drewes, Sprecher von Nestlé, sagt in dem Radiobeitrag "Der Weg der billigen Schokolade" von Alexander Göbel und Hendrik Loven:
"Nach eigener Marktforschung, die wir angestellt haben, interessieren sich vielleicht 15 bis 20 Prozent wirklich für das, was in den Lieferketten passiert. Es gibt aber einen wesentlich größeren Teil von Verbrauchern, die dies relativ wenig interessiert und die auch nicht bereit sind für diese Investition in die Lieferkette auch einen höheren Preis zu bezahlen. Aber nach unserem Verständnis ist die Lieferkette, wie sie in der Vergangenheit war, kein Zukunftsmodell, das heißt wir müssen sie umbauen"
Für die Industrie gibt es also einen Schuldigen: Die Verbraucher sind es!
Neue Hoffnung für die Kinder
Deutschland ist Weltmeister. Nie zuvor wurde soviel Schokolade verzehrt wie heute. Zum Frühstück gibt es zu einem einen Schkoladenaufstrich oder ein Schokocroissant, zwischendurch wird ein Schokoriegel verzehrt, der Cappuccino mit Kakaoaroma ist auch besonders lecker und Abends, beim Fernsehen, wird die Schokolade ausgepackt. Insgesamt 9,3 Kilo aß 2008 im Durchschnitt ein Deutscher und zahlte gerade einmal 46,65 Euro dafür.

Jährlich ißt jeder Deutscher fast 10 kg Schokolade
Bemerkenswert ist, dass sich der Preis bei Schokolade seit Jahrzehnten nicht geändert hat, so dass gesagt wird, Schokolade sei die stabilste Währung in Deutschland. Laut Industrie achtet der Deutsche Kunde gerade bei diesem Produkt auf den Preis und die Angst von Seiten der Süßigkeitenindustrie ist hoch, ihre Kunden zu verlieren. So auch ihre Philosophie: Der Kunde will es billig, und wir machen es billig. Der Preisdruck wird dabei an die Bauern abgegeben und niemand hindert sie daran. Die Auswirkungen auf die Stabilität in Westafrika und die Lebensumstände von Kindersklaven wird dabei komplett ausgeblendet.
Ist der Verbraucher wirklich so abgestumpft? Dachte man dies nicht auch bei der Einführung des Bio-Siegels und hat es belächelt? Heutzutage, 10 Jahre nach der Einführung, geben 95% aller Deutschen an, bevorzugt Bio-Produkte zu kaufen. Er hat gezeigt, dass er dazu lernen kann. Mehr denn je ist klar: Konsumentin und Konsument können entscheidenden Einfluss auf die Produkte und ihre Herstellung nehmen.
Die Schweiz, Österreich und auch England haben dies bewiesen, dass Alternativen in anderen Ländern erfolgreich funktionieren. Nur 1% aller verkauften Schokoladen sind in Deutschland fair gehandelt. In fast jedem Supermarkt werden heutzutage Schokoladen mit diesen Siegeln angeboten. Zugreifen wollen jedoch die wenigsten. Unsere Nachbarn scheinen ein größeres soziales Bewusstsein zu haben, denn sie sind uns einen großen Schritt voraus. In Österreich sind 20% der verkauften Schokoladen fair-gehandelt, in der Schweiz ist es sogar die Hälfte. Es geht also nicht um ein Verbot oder einen Boykot von Schokolade oder dem Weiterführen des Kakao-Embargos. Das hilft niemanden. Die Hersteller der Schokoladen sollten jedoch nun endlich ihre Versprechen nach Unterstützung für die Bauern in die Tatumsetzen und fair-gehandelten Kakao beziehen, damit ihre Schokoladen dieses Gütesiegel erlangen können.
Der Machtwechsel der Elfenbeinküste gibt nun Hoffnung, dass sich die Situation für die Kinder ändert. Zweifelhaft ist, ob die neue Regierung die Ziele auch zeitnah umsetzen kann. Würde nun das Geld für den Kakao bewusst in sozialgerechte Projekte fließen, wäre dem Land und vor allen den Kindern geholfen. Schokolade, früher auch "Speise der Götter" genannt, ist kein Grundnahrungsmittel. Wenn statt zwei billigen Tafeln eine teure gekauft würde und dabei auf die Handelsqualität geachtet, wären vielen sehr geholfen. Könnte man nicht bei den blaue Schokohasen und bunte Ostereier bereits damit anfangen?
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen