Janusz Biene

Blog von Janusz Biene

18.08.2009 | 13:43

Open Source – Zukunft der Politik?

Im Wahlkampf 2009 nutzen Politiker das Internet täglich. Alle Parteien und viele ihrer Politiker sind mit Homepages, Profilen auf Facebook und Co. im Netz vertreten und mancher twittert sich die Finger wund. Politik 2.0: Das ist nicht immer schön, aber schwer in Mode.

Allerdings hat die "Kommunikation" von Politikern im Internet einen Haken: Sie ist oft einseitig. Wird der Twitteraccount einer Partei nur durch einen RSS-Feed gespeist, nutzt der Politiker Blogs nur, um kurz und knapp ein Statement abzugeben, ohne auf die Reaktionen einzugehen, stellt sich bei internetaffinen Wählern zu Recht Ernüchterung ein. Was also tun? Besser twittern, ok! In Zeiten des Web 2.0, dem Mitmach-Internet, kann das aber nicht alles gewesen sein. Wer das Netz nicht nur als Proklamationsplattform nutzen will, muss neue Wege gehen.

Am Montag nachmittag fand im Berlin-Kreuzberger Café Edelweiss ein Bloggergespräch mit der Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel und dem SPD-Bundestagskandidaten Björn Böhning statt. Das Thema: "Internet-Demokratie - Chance oder Risiko".

Welche Demokratisierungsmöglichkeiten bietet das Web? Viele! Zu viele, um im Café Edelweiss diskutiert und hier aufgeführt zu werden. Dennoch: Eine dort von Bloggern und Politikern kontrovers debattierte Idee, lohnt es  genauer betrachtet zu werden: "Open-Source-Politik".

Wie wäre es eigentlich, wenn die Bürger die Inhalte von Politik mitgestalten könnten? Nicht im Sinne von Referenden, sondern als aktive Teilnahme an der Entwicklung eines politischen Produkts, wie einem Parteiprogramm. Ähnlich einem Computerprogramm ist das ein Werkzeug, das einen bestimmen Zweck erfüllen muss, sonst funktioniert es nicht. Die Funktion sicherzustellen, ist Aufgabe der Entwickler. Entgegen der Bauernbinse, das viele Köche den Brei verderben, funktioniert das Prinzip "Open Source" bei Computerprogrammen ganz hervorragend. Warum nicht auch bei Parteiprogrammen? Bisher liest sie doch eh fast keiner! "Open Source" auf die Parteipolitik anzuwenden, würde mit Markus Beckedahl gesprochen bedeuten, dass "eine Kultur der Offenheit" geschaffen würde, in der "jeder partizipieren kann und gleichberechtigt ist."

Wie wäre es, wenn der Deutschland-Plan von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier also nicht vom einigen Auserwählten im Willy-Brandt-Haus geschrieben worden wäre, sondern die SPD als Ganzes daran beteiligt worden wäre? Im Internet, in der Form eines Wikis. Der Entwurf  hätte dort veröffentlicht und von den Parteimitgliedern kommentiert, diskutiert und optimiert werden können.

Vielleicht wären die Genossen dann weniger zurückhaltend im Wahlkampf und der Rückenwind für Steinmeier bereits heute so stark, wie ihn sich Parteichef Müntefering spätestens zum Wahltag wünscht. Das gleiche gilt natürlich auch für die Programme der anderen im Bundestag vertretenen Parteien. Als Vorbild könnte ihnen allen das Piratenwiki der Piratenpartei dienen.

Natürlich: Es gibt Risiken. Eine derart basisdemokratische SPD wäre unberechenbarer, weil pluraler und undisziplinierter. Parteiprogramme auf diese Weise zu erstellen, kostet Zeit und könnte deshalb ineffizient sein. Ein Parteiprogramm-Wiki zu betreuen, wäre unter Umständen sehr zeitintensiv. Und insbesondere für SPD wie auch CDU gilt, dass ihre schiere Mitgliederanzahl eine solches Unterfangen erschweren würde.

Dennoch: Ein Parteiprogramm, von Chefetage und Basis gemeinsam erarbeitet, würde das Profil einer Partei schärfen und die Parteianhänger motivieren und mobilisieren. Es könnte die Parteiführung unter Druck setzen im politischen Alltag im Rahmen der Leitlinien, die sie mit ihren Mitgliedern erarbeitet hat, zu handeln. Es würde die Transparenz innerparteilicher Demokratie verbessern, die Politikverdrossenheit vergessen machen und so der Demokratie als Ganzes dienen.

 

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 18.08.2009 um 13:56
Die Grünen haben es auch schon praktiziert. Allerdings ist das Konzept der Piraten wesentlich substanzieller.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 18.08.2009 um 15:36
Nun, die CDU hat das mit Ihrem Grundsatzprogramm 2005 zuminmdest besser gemacht. Dort gab es in allen Landesverbänden drei bis fünf Regionalkonferenzen, in denen die Mitglieder ernsthaft mitreden konnten. Anregungen flossen so ins Programm.

So und jetzt kommt die Kritik, dass nur Mitglieder beteiligt waren! Wie aber sonst? Kommen, reden und verschwinden? Wer soll künftig eigentlich die Verantwortung für Politik tragen?
Janusz Biene schrieb am 18.08.2009 um 15:53
Es wäre verlockend, wenn jeder ohne Einschränkung an der Ausarbeitung eines Parteiprogrammes mitwirken könnte. Realistisch ist es nicht. Auch ich würde die Teilhabe auf Parteimitglieder beschränken. Eine Partei braucht schließlich ein Gesicht. Macht jeder mit, wohlmöglich noch von der Konkurrenz, würde es arg verwässern und der Partei schaden. Damit wäre die Idee gestorben.

Dass die CDU Regionalkonferenzen veranstaltet hat und auch die Grünen mit einigen Querelen ähnliches ausprobiert haben, ist löblich. Allerdings sehe ich im Netz aufgrund der niedrigeren Beteiligungsschwelle größere Mitwirkungschancen.
mh schrieb am 18.08.2009 um 17:25
und jetzt sehen wir eigentlich nur, warum zumindest ich seinerzeit aus der cdu ausgetreten bin.

es wird nicht versucht eine idee gangbar zu machen, sondern es wird nur totschlagmäßig um sich gehauen und für nicht machbar befunden.

sie, symbolisch für ihre partei, wollten mir das nur nochmal vor augen führen, oder? :o)

aber was juckt es sie? schlussendlich werden sie sich mit solchen widerlichkeiten ohnehin nur bis zu 6 monate vor der wahl beschäftigen. danach ist es und bleibt es egal.

mfg
mh
jan2091 schrieb am 19.08.2009 um 08:39
Ich hätte ehrlichgesagt Probleme damit, ein Programm vertreten zu müssen, dass aussenstehende entworfen hätten. Irgendwo muss ich mich damit auch selbst identifizieren können, um es im Wahlkampf dem Wähler erklären und dafür werben zu können.

Trotzdem bietet die FDP seit Jahren die Möglichkeit an, am Programmentwurf mitzuarbeiten - im Internet. Beschlossen und gegebenenfalls geändert wird es natürlich aber ganz normal von einem Parteitag und ganz so konsequent wie mit einem Wiki geht die Möglichkeit der Mitarbeit auch nicht vonstatten.
Janusz Biene schrieb am 19.08.2009 um 11:49
Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Die Idee ist nicht, dass jeder an dem Programm herumwurschteln dürfte, sondern die Parteimitglieder.

Ist das gegeben, dürfte sich der Wahlkämpfer damit doch genauso gut oder schlecht indentifizieren dürfen wie jetzt auch oder?
misterl schrieb am 02.09.2009 um 12:22
Als ich seinerzeit - fern jedes Internets - bei den GRÜNEN mein Handtuch warf, warf ich es, weil Programm, Umsetzung und reale Personen als Umsetzer immer weniger miteinander zu tun hatten nebst Klüngelhaufen auf grund persönlicher Sympathie.

Ich denke, das wäre bei einem Parteiprogramm OpenSource am Ende nicht wirklich anders. Ein neues Medium oder dessen Nutzung produziert eben nicht automatisch neue Menschen.

Am Anfang reden hunderte, schreiben werden es dann dutzende, ein paar müssen am Ende vertreten und interpretieren. Diese Personen müssen es zudem in Kompromissgemeinschaften reduzieren. So hätten sich hunderte in endlosen Debatten um Satzfragmente gestritten und einen hoffentlich in sich schlüssigen Kontext gefunden, mit dem dann fast alle nicht 100%ig zufrieden wären. Schlussendlich geht die große Identifikation (auch) mit der Umsetzung verloren.

Programme sind Letter of Intents - nichts mehr. Wir leben real in einer Kompromissgesellschaft - nicht weniger. Das Internet ist ein Medium - nichts anderes. Übrig bleiben "wir" Individuen - wie gehabt.
Janusz Biene
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