Jascha Goltermann

Blog von Jascha Goltermann

25.05.2010 | 22:15

Curitiba - Utopieversuch im Alleingang

Über die Stadt, die versucht, alles richtig zu machen und sich dabei gar nicht schlecht anstellt.

Die brasilianische Stadt, die sich selbst auch den Beinamen “Hauptstadt der Ökologie” gegeben hat, gilt als die modernste Stadt Brasiliens und ist vor allem bekannt durch ein vorbildliches öffentliches Nahverkehrssystem sowie durch ihre vielen Grünflächen.
Das hat die Stadt größtenteils ihrem dreifachem Bürgermeister, dem Architekten und Stadtplaner Jaime Lerner zu verdanken.

Die Bevölkerung Curitibas hat sich in den letzten 30 Jahren dank des rasanten Fortschritts vervierfacht. Die Anzahl der Autos auf den Straßen jedoch ist in der selben Zeit dank eines cleveren und günstigen Nahverkehrssystems, welches  Jaimie Lerner damals selbst entwickelte, um 30% gesunken.
Die Busse transportieren in Curitiba mehr Menschen als in New York und in der Innenstadt hält an manchen Haltestelle alle 60 Sekunden ein Bus, Verspätungen oder Staus gibt es aber kaum.

Bushaltestelle des BRT Bus-Systems in Curitiba.
Bild: Bushaltestelle des BRT Bus-Systems in Curitiba.
Bildlizenz: CC-By-Sa 3.0 Quelle: Wikipedia By: morio


Die Stadt gilt als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit und Ökologie. So gibt es nirgendwo in Brasilien so viele Parks und naturgelassene Grünflächen wie in Curitiba.
Früher hatte Curitiba große Probleme mit Überschwemmungen, weshalb große Gebiete mit durch Fluten zerstörten Gebäuden umfunktioniert wurden.
Aus dem unbenutzten Gebiet wurden knapp 30 Parks kreiert, die insgesamt mittlerweile eine Fläche von knapp 20.000 km² ausmachen.
Dadurch ist trotz des rasanten Bevölkerungswachstums die Größe öffentlicher Grünflächen schneller Gewachsen, als die Einwohnerzahl.
Statistisch gesehen gibt es mittlerweile 53 m² Park pro Einwohner, viermal so viel wie in New York.
Die Stadt beschäftigt städtische Schafshirten und setzt nicht Rasenmäher, sondern Schafsherden ein um die Grünflächen abzugrasen.
Anstatt Geld zu kosten, werden die Grünflächen dadurch zur Ressource, denn die Wolle und das Schafsfleisch werden verkauft um soziale Projekte finanziell zu fördern.
Es wurden auch 1.5 Millionen Bäume gepflanzt, jedes Jahr kommen noch 60.000 Bäume dazu.
So ist es auch generell verboten, Bäume zu fällen. Wenn man doch die Genehmigung erhält, so muss man für jeden gefällten Baum zwei neue pflanzen.
Es gibt 259 kleine Stadtgärten, 282 Plazas, acht Wälder, einen Botanischen Garten und zwei Naturschutzgebiete. Allein die Naturschutzgebiete umfassen gemeinsam eine Fläche von 13 km².

Einer der vielen Parks in Curitiba.
Bild: Einer der vielen Parks mitten in Curitiba.
Bildlizenz: Gnu Free Quelle: Wikimedia Commons


Ein alter Schießpulver-Speicher wurde in ein Theater umgebaut, eine Gießerei wurde zum Einkaufszentrum, eine alte Eisenbahnstation zum Eisenbahnmuseum, eine Klebstofffabrik wurde zu einem handwerklichen Bildungszentrum für Kinder und ein Steinbruch wurde zum Amphitheater und Opernhaus und zieht heute viele Touristen an.
Der Botanische Garten war vorher eine Müllhalde und die die weltweit einzigartige Free University of the Environment wurde mit Hilfe alter Reifen und Strommasten in einem Steinbruch aufgebaut.
Diese dennoch sehr moderne Universität bietet kostenlose Kurse über die Umwelt und Landnutzung für jeden und lehrt Menschen aller Berufsgruppen, wie sich ihre Arbeit auf die Umwelt auswirkt. Für Taxifahrer ist der Besuch dieser Universität sogar verpflichtend!
Es wird versucht, existierende Gebäude voll auszunutzen, bevor neue gebaut werden. Abends, wenn die Schulen für Schulkinder schließen, öffnen sie als Abendschule wieder für Erwachsene. Kinder werden ermutigt Gemeinschaftsgärten anzulegen, in denen sie Früchte und Gemüse anbauen. Bauern, die keine Arbeit mehr finden, werden von der Stadt bezahlt um den Kindern zu helfen. Bildung über ökologische Probleme, der einfache Zugang zu Informationen und das Fördern der Partizipation der Bürger in der Stadtgestaltung sind wichtige Aspekte von Curitiba.
Ein weiteres Beispiel: Die durchschnittliche Lebensdauer einen Busses in Curitiba beträgt 3.5 Jahre.
Der Durchschnitt liegt in Brasilien sonst bei 8 Jahren, 10 sind gesetzlich erlaubt.
Aber in Curitiba werden die Busse danach nicht verschrottet, sondern in sozialen Projekten weiterverwendet, z.B. in beruflichen Ausbildung-Centern, Kliniken, Suppenküchen, Essensmärkten oder als Reisebusse für Schulausflüge.
Glas und Metall kann in Curitiba dank des Food-For-Waste-Programme gegen Essens-, Transport- oder Bildungsgutscheine eingetauscht werden.
Denn zu den Elendsvierteln gibt es kaum brauchbare Straßen, also kann dort der Müll nicht von der städtischen Müllabfuhr abgeholt werden.
Besonders von Armut betroffene Kinder werden deshalb ermutigt, diesen Müll zu den Müllhalden zu bringen, um mit den Essensmarken etwas gegen ihre Mangelernährung zu tun.
Die Kinder bekommen für ihre Wertmarken ein Buch, auf dessen Buchcover steht:

“Du trägst Verantwortung für dieses Programm. Mache weiter und du wirst ein sauberes Curitiba erhalten, sauberer und menschlicher. Du bist ein Vorbild für Brasilien und sogar für die ganze Welt.”

Die Wiederverwertungs- und Reinigungsinitiativen der Stadt bieten auch Jobs für Obdachlose, Langzeitarbeitslose und Alkoholiker oder anderweitig Drogensüchtige.
Abfallentsorgung ist für alle großen Städte eines der Kernherausforderungen und meistens auch eins der Kernprobleme. New York muss seinen Müll in drei andere Bundesstaaten liefern, weil es die täglich produzierten 12.000 Tonnen Müll nicht selbst lagern kann.
Angesichts dieser Lagerprobleme gab es in Curitiba bereits 1989 die Garbage That Isn’t Garbage Initiative, da die Stadt früh erkannte, das Müll einen Wert hat.
Ganze zwei Drittel des Abfalls werden wiederhergestellt und verkauft, wodurch sogar die gesamten Kosten für das Einsammeln und Verarbeiten des Abfalls gedeckt werden können. Das Recyceln des Papiermülls erspart jetzt umgerechnet jeden Tag das Fällen von 1.200 Bäumen.

Eine  moderne Metropole mit ökologischer Politik.
Bild: Curitiba ist eine moderne Metropole mit ökologischer Politik.
Bildlizenz: CC-By Quelle: Wikimedia Commons By: henribergius


Dank dieser modernen und alternativen Methoden, mit alten oder vermeintliche nutzlosen Dinge umzugehen und sie neu zu verwenden, kommt die Stadt außerdem mit besonders geringen Kosten aus. Dafür bleibt der Stadt mehr Geld für die kostenlose Verteilung von Medikamenten und für ein umfangreiches staatliches Gesundheitswesen (allgemein, vorbeugend, vor- und postnatal), für Massenversorungprogramme für Bewohner in Armut und für günstige oder sogar kostenlose Bildung.
Diejenigen, die länger als die nötigen 8 Jahre zur Schule gehen, erhalten unter anderem als Ansporn häufig Stipendien sowie Praktika aber auch bezahlten Zugang zu Sportvereinen, Kulturevents und werden zudem in Kursen gelehrt, mit Computern zu arbeiten. Die angebotenen Kurse sind meist umweltpolitischer Natur,
aber in Curitiba macht dieser Bereich auch einen großen Teil der Berufslandschaft aus.
Da Curitiba 27% seines Etats in Bildung investiert (zum Vergleich: Deutschland gab 2006 insgesamt 4,8% des Haushalts dafür aus) hat es einen stolzen Alphabetisierungsgrad von 94%. Damit liegt Curitiba deutlich über dem Brasilianischen Durchschnitt von 88,4% und auf einer Höhe mit Deutschland.

Brasilien ist immer noch ein Land der dritten Welt und auch in Curitiba gibt es Armenviertel, sogenannte Favelas, aber in vielen Dingen ist diese Stadt dennoch ein Vorbild für die ganze Welt. In Peking wird auch bereits angefangen, auf das Bussystem aus Curitiba umzusteigen, in Los Angeles plant man dies ebenfalls.
In Adelaide, Bogotá, Ottawa und Jakarta wird dieses System bereits konsequent durchgesetzt. Bleibt zu hoffen, dass auch die Bereiche Nachhaltigkeit, Ökologie und Bildung in anderen Städten Anklang finden.
Die Europäische Union hat angeblich bereits ein Auge auf einige dieser Ideen geworfen.

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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.05.2010 um 23:43
Fand ich sehr interessant. Danke.
Jascha Goltermann schrieb am 25.05.2010 um 23:56
Dankeschön, dass freut mich, ist auch erst mein erster Eintrag hier im Freitag.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.05.2010 um 00:20
Super Einstieg. Interessantes Thema. Mach weiter so! :-)
archinaut schrieb am 26.05.2010 um 00:59
Vielen Dank für den informativen Blog,
würde mich freuen, mehr aus der Stadt zu hören...
Jascha Goltermann schrieb am 26.05.2010 um 01:03
Wirst du, aber erst Ende August. Dann werde ich nämlich ein Jahr dort leben und auch regelmäßig in dem Blog, den ich oben verlinkt habe, aus der Stadt berichten.
Das wird sicher auch außerdem interessant, weil in Brasilien im Oktober Präsidentschaftswahlen sind und mit Dilma Rousseff eine sehr interessante, linke Kandidatin antritt: en.wikipedia.org/wiki/Dilma_Rousseff
archinaut schrieb am 26.05.2010 um 01:18
... dann bin ich ja schon mal gespannt!
enum schrieb am 26.05.2010 um 02:26
durchaus interessant, sowohl der artikel, als auch die ideen der dortigen lokalregierung. da musste ich gleich mal nachgucken, von wem die stadt denn regiert wird. laut wikipedia ist es seit märz die psb, die partei des demokratischen sozialismus. davor war es die bekannte pt, also die arbeiterpartei, die ja auch die regierung brasiliens stellt. ich schau mal in deinem blog vorbei, wenn dann in brasilien wahlen sind :)
hinrich brave schrieb am 28.05.2010 um 07:54
daß es so eine stadt überhaupt gibt, kann man ja kaum glauben.
Alien59 schrieb am 26.05.2010 um 06:09
Sehr spannend. Da freue ich mich schon auf Informationen direkt aus der Stadt. Wie kommt man dazu, ein Jahr dort leben zu können?
Jascha Goltermann schrieb am 26.05.2010 um 18:19
Danke, freut mich. Ich werde dort im Rahmen des weltwärts-Projekts ein freiwilliges soziales Jahr verbringen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 26.05.2010 um 11:23
Herr Goltermann, danke für den Beitrag. Anmerkung: Sie vergleichen Prozente des Etats von Curitiba mit dem der BRD. Das Lustige bei den Prozentzahlvergleichen ist, es kommt immer auf das vom Hundert an. Und da sind doch 27% des Bildungsetats von Curitiba bestimmt weniger als 4,8% des BRD-Etats.Dazu kommt die Qualität.
Ein weiterer Hinweis für Sie: Sie schreiben, besonders von Armut betroffene Kinder erhalten für ihre Wertmarken ein Buch auf dem ein englischer Text steht! Oder warum zitieren Sie den Text in Englisch? Weil zu der Sekundärliteratur, die Sie als Basis für Ihren Text genommen haben, englische und vielleicht deutsche Texte gehören. Auf einem brasilianischen Buch, besonders für arme Kinder steht kein englischer Text, es sei denn, es handelt sich um einen Englischkurs.
Die Autos haben abgenommen? Wahrscheinlich weil die Armut gestiegen ist. Soweit ich das mitbekommen habe, besteht das gesamte Transportsystem Brasiliens aus Bussen, Schiffen, Flugzeugen, Autos. Ich glaube, es gibt kaum Züge.
In einem Kommentar schreiben Sie Dilma Rousseff sei interessant. Dazu: Talverz o Senhor saiba que a Rousseff é a candidata de Lula. Porque o Senhor acha ela interessante? Lula foi no começo da sua carreira um sindicalista pobre. No fim do governo dele o filho de Lula é um milionário. Uns anos atrás houve um escândalo no Brasil a respeito duma quadrilha de politicos corruptos no coração do PT. O governo Lula melhorou realmente a vida da maioria dos brasileiros? Vivia sete anos no Brasil. A ultima vez no ano passado para dois meses em Espirito Santo. Vi muita pobreza, criminalidade, drogas. No outro lado uma riqueza incrivel para poucos ricos.
Ich freue mich auf die Antwort.
Jascha Goltermann schrieb am 26.05.2010 um 18:48
Hallo Nox, danke für die Anmerkung.
Natürlich ist der Etat Curitibas nicht mit dem der BRD zu vergleichen. In realen Zahlen nicht. Aber die Zahlen zeigen dennoch, wie viel der jeweiligen Regierung (ob Lokal oder nicht) prozentual die Bildung wert ist.
Das mit dem Text auf dem Buchcover ist tatsächlich ein Fehler, natürlich ist dieser eigentlich auf Portugiesisch.
Das mit den Autos ist allerdings vollkommen falsch. Der Stadt geht es eigentlich ganz gut, die Bevölkerung verdient dort 66% mehr als im Landesdurchschnitt; die Wirtschaft wächst in 30 Jahren konstant um 7% (Landesdurchschnitt ist 4%).
Laut Umfrage von www.grist.org/article/cities3 sind 99% der Bevölkerung mit ihrer Stadt zufrieden. In nur 20 Jahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt der Stadt knapp 50% mehr als in ganz Brasilien. Der Grund ist wohl eher das Rede Integrada de Transporte: en.wikipedia.org/wiki/Rede_Integrada_de_Transporte

Ihren Text zu Dilma Rousseff ist etwas merkwürdig, Sie selbst haben sie ja gar nicht kritisiert. Natürlich gibt es Korruption in der Regierung und das Land ist stärker in Arm und Reich gespalten, ich würde aber bei aller Kritik an Lula nicht sagen, dass man Dilma da bereits etwas anlasten könnte. Wenn man sich die drei (eigentlich nur zwei) aussichtsreichen Kandidaten für die Präsidentschaft anguckt, bleibt sie doch sicher auch Ihr Favorit, oder nicht?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 26.05.2010 um 20:40
Klar. Aber nur weil Rousseff in der Vergangenheit linke Guerillera war, ist das keine Garantie, dass sie Politik für die Masse der Bevölkerung macht. Ich hatte bei zufälligen Gesprächen z.B. in Bussen (die rasen wie die Besengten) letztes Jahr das Gefühl der Facharbeiterbrasilianer steht auf Lula (einer von uns), der die Linke in seiner Partei ins politische Aus gedrängt haben soll. Dilma ist die Kandidatin von Lula. Soweit ich das mitbekommen habe, hat die Partei der Arbeiter (PT) ein bischen Caritas gemacht und sich ansonsten die Taschen voll gestopft. Einen großen Unterschied zur Politik von Henrique Fernando Cardoso sehe ich nicht. In Bezug auf die Korruption wurde ich an Collor de Mello erinnert. Das Wirtschaftswachstum ist natürlich gut für die PT. Interessant finde ich folgendes. Man sieht dort immer mehr chinesische Motorräder. Der Maschinenstock der brasilianischen Metallverarbeitungsindustrie ist sehr stark von asiatischen Maschinen bestimmt (Analyse der Zeitung Maquinas e Metais). Mir scheint, es gibt eine Tendenz zur verstärkten Kooperation von sogenannten Schwellenländern, einen Marktverlust früher mehr dominierender Regionen wie USA. Das ist vielleicht wichtiger als die Politik von Lula oder Dilma. Politik kann man nur verstehen, wenn man sich mit Ökonomie und ihren Interessen auseinandersetzt. Alles andere ist nettes Gerede. Ein effektives Transportsystem ist bestimmt eine gute Bedingung für Wachstum, aber nicht seine Erklärung. Meiner Meinung nach gibt es auch einen Zusammenhang zwischen "Mentalität" und Ökonomie. Sie wissen, dass es in Brasilien deutsch-, italienisch-, japanisch-, afrikanisch-usw.-stämmige gibt. Schauen Sie sich mal die Entwicklungen an, in den Regionen, die von der jeweiligen Gruppe dominiert werden. Ihr Thema ist natürlich interessant. Wir werden es im Auge behalten. Alles Gute. Ihr Aufenthalt in Curitiba wird bestimmt geil.
Jascha Goltermann schrieb am 27.05.2010 um 17:30
Klar, die Spitze der PT verhält sich teilweise konträr zu dem, was sie öffentlich vertreten will. Ein bißchen wie die SPD, nur schlauer und nicht ganz so drastisch.
Meine Meinung zu ihr ist ja auch nicht ausgereift, aber sie bleibt dennoch weiterhin eine interessante Kandidatin und als mehr habe ich sie ja nicht ins Spiel gebracht. Marina Silva ist auch eine interessante Kandidatin. Wer weiß, was es an ihr zu kritisieren gäbe (im sozialpolitischen Sektor), wäre sie bereits so "weit" gekommen wie Rousseff..
Eine umfangreiche Meinung werde ich mir erst dann machen können, wenn ich in Brasilien bin und die Menschen und den Wahlkampf vor Ort miterlebe.
Naja, was man bereits jetzt hoffen kann ist, dass es nicht der Chef der Zentralbank Henrique Meirelles wird ;) Auch José Serra von der PSDB wäre meiner Meinung nach ein Schritt in die falsche Richtung.
claudia schrieb am 28.05.2010 um 07:42
Interessantes Projekt, ja.
Man könnte darüber nachdenken, ob eine Elektrifizierung des Verkehrssystems machbar und sinnvoll wäre.

Porto Alegre ist übrigens auch in Brasilien.

Ich frage mich, warum man immer praktische Ideen im Ausland suchen muss und gleichzeitig hier ausser hochtourigem Theorierausch nichts zuwege bringt.

---
>>Die Stadt beschäftigt städtische Schafshirten und setzt nicht Rasenmäher, sondern Schafsherden ein um die Grünflächen abzugrasen.<<
Das kenne ich aus den 50er Jahren. Die Rasenflächen um die Wohnblocks der Kreisbaugenossenschaft Friedrichshafen waren teils Weide für Schafe, teils mähte der Schäfer, um Heu für den Winter zu gewinnen.
Durch diese Art der Bewirtschaftung waren die Rasenflächen nicht "Grünteppich", sondern hübsche Blumenwiesen.
Eine schöne Kindheitserinnerung, aber in der BRD damals nicht „zukunftsfähig”.
Jascha Goltermann schrieb am 28.05.2010 um 18:43
Sicher, eine Elektrizifierung würde wohl noch umweltfreundlicher sein. Die Städte, die überlegen, dass BRT System auch einzuführen sollten von Anfang an gucken, ob es mit Straßenbahnen statt Bussen möglich ist. Das BRT System aus Curitiba ist aber auch schon sehr umweltfreundlich, jedenfalls durch seine Auswirkung auf die Verkehrsnutzung.
Durch das Bussystem werden 27 Millionen Autofahrten pro Jahr gespart, oder anders aufgerechnet, 27 Millionen Liter Benzin, denn 28% der BRT Nutzer haben vor der Einwführung für die gleiche Strecke das Auto verwendet.
Verglichen mit gleichgroßen Städten in Brasilien, verbraucht Curitiba 30% weniger Benzin pro Einwohner.
Das liegt aber unter anderem auch daran, dass die Bustickets so günstig sind. Es gibt einen einheitlichen Preis, mit dem man an jeden Punkt der Stadt fahren kann. Man braucht also nur ein Busticket pro Tag.
Da die Busse ja eine eigene Spur haben, gibt es für sie auch fast keine Ampeln, die Busse halten quasi nur an den Haltestelle.

Deine Frage habe ich mir auch schon gestellt. Es ist vorallem erstaunlich, dass man sowas dann ausgerechnet in armen Ländern umsetzt, obwohl wir uns das hier viel eher leisten könnten.

Das mit Schafshirten gibt es so weit ich weiß heute noch in einigen Gegenden in Holland, aber nicht in größeren Städten.
Schade, dass wir hier häufig etwas als nicht zukunftsfähig empfinden, was eigentlich fortschrittlich ist. Fortschrittlich und trotzdem Umweltschonend ist hier nur, was mit Ökostrom läuft. Aber Eine Methode, die ganz ohne Strom auskommt scheint unvorstellbar.
Frank Linnhoff schrieb am 29.05.2010 um 09:21
Herzlichen Dank für diesen Bericht. Es tut gut, wie in diesem Beitrag, über eine gute, am Menschen ausgerichtete Politik des gesunden Menschenverstandes zu lesen. Weiter so.
Willi schrieb am 30.05.2010 um 14:02
Fand den Eintrag sehr erfrischend. Das als vornbildlich geltende Verkehrssystem und weitere Infrastrukturmassnahmen in Curitiba, gab es aber bereits seit den 90-er Jahren. Sie galten damals auch in Brasilien als vorbildlich.
Nach meinen Beobachtungen sind diese positiven Entwicklungen eher ein Erfolg basisdemokratischer Bewegungen als eine Folge der Politik der gerade regierenden politischen Parteien.

Wichtig ist: man sieht , es geht auch anders.
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