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Liebe Leser,
heute findet in Hamburg die zweite Stitzung im Rahmen unseres Innovation Labs Print statt. Im Dezember haben wir uns mit dem Verhältnis von Netz und Print befasst. Heute mit dem Investigativen Journalismus.
Ich hab beim letzten Mal meinen Vortrag hier ins Netz gestellt. Es gab im Dezember eine lebhafte Debatte zu diesem Text, die sich ein bisschen mit dem Inhalt befasste und sehr viel mit der Form. Das war überraschend. Es handelt sich erneut um das nicht bearbeitete Manuscript meines Vortrages (Kurz mal aus dem Nähkästchen: Wenn ich irgendwo einen Vortrag halten soll, das mache ich ja nicht so oft, nur manchmal, dann schreibe ich mir den Text genau so auf, wie ich ihn sprechen will. Also gesprochene Sprache. Es handelt sich also nicht um ein Transcript sondern um die geschriebene Fassung, die aber dem Anspruch genügen soll, den man an einen mündlichen Vortrag stellen kann.)
Ich wünsche erträgliche Lektüre.
JA
Guten Tag meine Damen und Herren,
willkommen zur Zweiten Sitzung unseres Innovation Labs Print.
Sie erinnern sich an unser Oberthema, das Verhältnis von Print und Netz und was der Printjournalismus tun kann, um morgen auch noch da zu sein.
Heute geht es um Investigativen Journalismus.
Lassen Sie mich mit einer Frage anfangen: Was bedeutet dieser Ausdruck eigentlich - Investigativer Journalismus. Was soll das heißen? Wenn einer viel recherchiert? Gut. Aber ab welchem Grad der Recherche beginnt der Investigative Journalismus? Oder hängt das nur mit der Relevanz des Themas zusammen? Aber wer definiert, was relevant ist? Oder geht es um die Wirkung des Artikels, der da entsteht? Bei Rücktritten gilt dann ab Staatssekretär aufwärts das Beiwort Investigativ?
Ich werde immer skeptisch, wenn alle Leute ein Wort so bereitwillig benutzen, das in Wahrheit so schwer zu definieren ist.
Ein anderer Begriff, für den das auch gilt - und der auch eine gewisse Bedeutung entfaltet, eine gewisse Schwere - ist der des "Qualitätsjournalismus". Es ist ganz bemerkenswert, wer alles im medialen Disput dieses Wort für sich in Anspruch nimmt. Und wie schwer das eigentlich zu bestimmen ist. Ich rate Ihnen einfach, solche Worte nie zu glauben und aus grundsätzlichen Erwägungen heraus immer zu hinterfragen. Sie werden nämlich meistens missbraucht.
Also heute geht es um Investigativen Journalismus. Und da ist die Frage nach der Bedeutung ja alles andere als eine akademische. Ich bin kein Medienwissenschaftler und die akademische Perspektive liegt mir hier fern. Aber wir haben eine Medienkrise. Zumindest eine gefühlte. Angeblich sinkt die Qualität der journalistischen Arbeit. Angeblich nimmt das Commitment der Verlage ab. Das Internet bedroht angeblich die journalistische Kultur, die uns in Deutschland lieb und teuer ist. Und das wird alles gerne am Zustand des Investigativen Journalismus fest gemacht. Der dann natürlich schlecht ist.
Lutz Hachmeister - den kennen Sie sicher: Fernsehjournalist, früher Leiter des Grimme Instituts, Medienwissenschaftler, hat heute ein Forschungsinstitut in Berlin - also Hachmeister hat in einem großen Bericht über den Zustand des deutschen Journalismus vor einigen Jahren geschrieben
"dass eine wahre Kolumnen- und Leitartikelflut in den Zeitungen überdeckt, dass die Zahl der originellen und wirkungsmächtigen Kommentatoren gering ist. Und die wenigen investigativ arbeitenden Journalisten mussten sich schon in einem "Netzwerk Recherche" zusammenschließen, um für eine Form des Journalismus zu werben, die eigentlich selbstverständlich sein sollte."
Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Hachmeister ist einer der klügsten Beobachter der Medienszene. Ein sehr lustiger und intelligenter Mann, von dem ich sehr viel halte. Er wird diesen Befund nicht umsonst abgegeben haben, aus dem man schon hört: Um dem Investigativen Journalismus ist es schlecht bestellt.
Und in einer Studie des von Hachmeister vorgestellten Netzwerks Recherche heisst es gar:
"Affären und Skandale werden im Wochenrhythmus aufgedeckt – „Bunte“ und „Gala“ berichten darüber. Enthüllungen? Jeden Abend im Big-Brother-Container. Undercover-Recherchen? „Verstehen Sie Spaß?“! Nur eines gibt es nicht: Investigativen Journalismus (IJ)."
Das ist natürlich starker Tobak.
In der Vorbereitung zu dieser Sitzung habe ich zwei Ihrer Kommilitonen gefragt, was ich denn hier erzählen soll. Was Sie eigentlich an dem Thema interessiert. Die beiden haben mich mit Fragen bombardiert:
Was ist Investigativer Journalismus?
Wie funktioniert er?
Wie hat er sich seit Einführung der Massenmedien entwickelt?
Welche Rolle spielt er in den MM?
Wie findet die investigative Berichterstattung statt? Welche Darstellungsformen werden in der Regel gewählt?
Wie entwickelt sich der IJ in Zeiten der Medienkrise?
Ist der IJ in Zeiten sinkender Anzeigeneinnahmen noch finanzierbar?
Ist der IJ eine qualitätssichernde Leistung der Medien?
Kann der IJ die Zeitungen sogar aus der Krise retten?
Wenn ja - was muss er leisten?
Müssen die Medien wieder investigativer berichten, um interessant zu bleiben?
Welche Berichtsformen sind (noch) zukunftsfähig in die Medien?
OK. Das sind eben kluge Kommilitonen, die Sie da haben. Weil es sich hier ungefähr um alle Fragen handelt, die einem überhaupt einfallen können. Nur eins vorweg: Ich kann die alle nicht beantworten. Oder jedenfalls würde ich jetzt nicht versprechen wollen, sie zu beantworten.
Aber ich kann mir gemeinsam mit Ihnen ein paar Gedanken zum Investigativen Journalismus machen. Und am Ende würde ich gerne gucken, ob Ihnen - und mir - diese Leitsätze einleuchten, die ich an den Anfang der Überlegungen stellen will:
Der Investigative Journalismus wird in seiner Bedeutung überschätzt. Er ist wichtig. Aber er ist nicht entscheidend. Wenn wir uns einig sind, dass Journalismus unter anderem - ich betone: unter anderem - die Funktion hat, die 4. Gewalt im Staat zu sein, also Kontrolle auszuübeen, dann würde ich sagen, dass der Investigative Journalismus dazu seinen Teil beiträgt. Nicht mehr. Nicht weniger. Um es klar zu sagen: Es gibt auch Journalismus, der Herrschaft kontrolliert, der kein Investigativer Journalismus ist. Vielleicht lässt sich sogar zeigen, dass Investigativer Journalismus weniger wichtig ist als früher - und dass seine "Krise" - wenn es denn eine gibt - nicht daran liegt, dass hier alles vor die Hunde geht und dass früher alles besser war - Sie wissen schon, früher, als wir barfuß durch den Wald im Regen zur Schule gingen und dankbar dafür waren - sondern daran, dass andere Formen des Journalismus heute wichtiger geworden sind. Mal sehen.
Sie wissen, dass der Private Investigator im Angelsächsischen der Privatdetektiv ist. Also der Mann mit Trenchcoat und Schlapphut. Und es hat mich immer begeistert, dass eine der größten Reporter-Gestalten der Geschichte grundsätzlich mit Trenchcoat und Schlapphut ausgerüstet ist: Nämlich Kermit der Frosch. Es ist ja kein Zufall, dass der Detektiv und der Reporter der gleichen Ikonographie folgen. Beider Handwerk ist es, Verborgenes aufzudecken. Und darum wundert es auch nicht, dass andererseits eine der größten Detektiv-Gestalten der Geschichte, immer wieder ohne Probleme ins Reporter-Handwerk wechseln kann: Nämlich Micky Maus. Detektiv und Reporter sind Archetypen des westlichen 20 Jahrhunderts.
Die kennzeichnende Eigenschaft des Reporters ist es, rauszugehen, nicht am Schreibtisch zu sitzen, mit den Menschen zu reden. Es ist nicht, was sich im Kopf abspielt. Und auch nichts, was aus den Hinterzimmern kommt. Sondern Erlebtes, Gesehenes, Gefühltes. Ist das Investigativer Journalismus? Zum Teil. Wenn der Informant Deep Throat sich mit Bob Woodward im untersten Level der Tiefgarage 1401 Wilson Boulevard triff, dann passt das Setting ganz gut zum Privatdetektiv-Image des Reporters. Aber für einen Investigativen Journalisten ist es offenbar eher untypisch. Das hat jedenfalls der einzige wirklich prominente Investigative Journalist Deutschlands erklärt, Hans Leyendecker. Er hat wieder und wieder versichert, dass sein Handwerk nicht so aufregend sei, wie mancher vielleicht annehmen mag - sondern eben Handwerk. Stundenlanges Aktenstudium ....
Andererseits wissen wir alle, dass nicht Feuergefechte und Faustkämpfe den Alltag des Privatdetektivs ausmachen - sondern ewiges Warten im Auto, im Dunklen, mit kaltem Kaffee im Tassenhalter.
Versuchen wir es an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Koblenz, Anfang 1816. Da wurde nämlich der Rheinische Merkur verboten und sein Gründer und Herausgeber Joseph Görres sah sich gezwungen, Bücher zu schreiben. 1819 drohte Preußen Görres mit dem Gefängnis und er drohte zurück. Ich zitiere:
"Wenn man fortfährt, mich ferner aufs Äußerste zu treiben, dann werde ich auch auf der äußersten Spitze kühn meine Stelle nehmen ohne Schwindel, und dann will ich von da den Pfuhl unseres öffentlichen Lebens ... sondiren bis zu seinem innersten und tiefsten Grunde; ich will der Welt kundig machen, was es ist was Reiche verdirbt, Völker zu Schanden macht, und Teutschland an den Rand des Unterganges gebracht."
Das liest sich, finde ich, auch nach annähernd zweihundert Jahren nicht so schlecht. Und eine Menge Berliner Parlamentskorrespondenten sollten sich das hinter ihren Schreibtisch hängen. Oder eben besser nicht.
Also: "Sondieren bis zu seinem Innersten und tiefsten Grunde", das ist doch eine ganz brauchbare Definition der Tätigkeit eines Journalisten, der es krachen lassen will.
Das ist natürlich eine wesentliche Voraussetzung, wenn Sie den Job auf diese Art und Weise ausüben wollen. Ich würde hier einmal die These wagen, dass der Investigative Journalismus - was immer das auch sein mag - uns deshalb so krisenaft vorkommt, weil es weniger Leute gibt, die diesen Job machen wollen. Also, es kommt nicht nur auf die Verlage an, die das Geld bereitstellen müssen. Sondern auch auf die Leute, die Lust haben, diese Arbeit zu machen. Der Job ist anstrengend, nicht sehr glamourös, hat absurde Arbeitszeiten und kann wahnsinnig langweilig sein. Wenn Sie "Irgendwas mit Medien" machen wollen - ja, "Irgendwas mit Medien", Sie verstehen - dann haben Sie wahrscheinlich keine Lust, sich durch meterweise unveständliche Akten zu wühlen, in denen der Berliner Bankenskandal um Diepgen und Landowksi verborgen ist. Es kann nämlich sein, dass in Ihren Metern von Akten gar kein Bankenskandal drin ist und das Wühlen völlig umsonst war. Und wenn Sie eher genussorientiert sind und was ihre Arbeitsökonomie angeht eher kurzfritig denken, also auf schnellen Return der eingesetzten Mühe und Zeit aus sind - dann ist der Job des Investigativen Journalisten nicht so furchtbar attraktiv, fürchte ich. Man sagt ja, die Jugend von heute sei so. Aber man hat das von der Jugend von gestern auch gesagt. Und von der von vorgestern auch. Das wollen wir mal nicht vergessen. Darum würde ich gerne ihr Augenmerk auf die Frage richten, ob wir früher mehr Investigativen Journalismus hatten und mehr Investigative Journalisten als heute? Ich kann mir kein vernünftiges Mittel vorstellen, diese Frage zu beantworten. Aber ich glaube nicht, dass es sich so verhält.
Ich glaube, es gibt eine Reihe von Medien, die einen Teil ihrer Identität aus dem Investigativen Journalismus beziehen. Und die tun das heute auch noch. Und dann sind neue hinzugekommen.
In einer Studie des Netzwerks Recherche wird der Investigative Journalismus in Deutschland vor allem mit dem SPIEGEL assoziiert.
Die Süddeutsche Zeitung hat sich in den vergangenen Jahren ebenfalls ein gewisses Renommee auf dem Gebiet erarbeitet - aber vor allem wegen des Wechsels von Hans Leyendecker von Hamburg nach München. Das ist nun auch schon wieder, was, 12,13 Jahre her?
Aber denken Sie an die Bild-Zeitung, die neulich die Details des Massakers von Kundus veröffentlicht hat. Ich habe Kai Diekmann gefragt, ob der Verteidigungsminister ihm die Unterlagen zugespielt hat, oder hat zuspielen lassen - und er hat gesagt, Quatsch, wir haben daran wochenlang gearbeitet ...
Jedenfalls hat die Bild das gebracht, wäre früher eine Sache des Spiegels gewesen, des Sterns, oder eben der SZ. Jetzt macht Bild so was auch. Ist das die Krise des Investigativen Journalismus?
In der Studie des Netzwerks - die eigentlich mehr eine kleine Umfrage unter Mitgliedern war als eine Studie - wird übrigens zwischen Investigativem und Rechercheorientierten Journalismus unterschieden. Aha.
Ihnen ist bereits aufgefallen, dass ich dabei bin, diesen Begriff zu dekonstruieren. Ich kann damit nichts anfangen.
Ich glaube, dass wir unter dem Begriff Investigativ eine Idealisierung des Journalismus vornehmen.
Das ist gefährlich - weil wir eine zentrale Aufgabe des Journalismus - die Recherche - in ein Ghetto sperren und uns ein bisschen der Gefahr aussetzen, dass alle anderen Journalisten nicht mehr so viel recherchieren müssen, weil sie ja keine investigativen Journalisten sind. Und die kann sich ohnehin keiner mehr leisten - weil die Zeiten einfach so schlecht sind. Damit löst sich dann alles irgendwie auf. Ich bin da fundamentalistischer: Jeder Journalist muss recherchieren. Punkt.
Es gibt manchmal Themen und Geschichten, da dauert die Recherche dann länger - und je länger sie dauert, und je mehr Widerstände sie überwinden muss, desto eher wird man sie Investigativ nennen.
Interessant wird es in den Fällen, in denen es auch um aufwendige Recherche geht - und um Themen von großem allgemeinen Interesse, wo wir uns aber alle irgendwie scheuen würden, den Begriff Investigativer Journalismus zu nutzen. Sie wissen worauf ich hinauswill. Wenn die Bunte eine Agentur anheuert, die Informationen über Seehofer und Lafontaine und Gysi sammelt - wie nennen wir das? Recherche? Ausspionieren? Ist das investigativ oder einfach nur eklig? Vergessen Sie nicht, dass früher, als die PR-Strategien noch nicht so ausgefuchst waren wie heute, die Mächtigen über die Journalisten als Ratten und Schmeißfliegen geschimpft haben, als Schmierfinken von der Presse, denen man das Handwerk legen muss. So redet heute niemand mehr - öffentlich. Aber denkt so auch niemand? Also: Gehört die Bunte auch zu den Investigativen Organen der Republik?
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Investigativ habe ich herausgefunden, beim Klicken auf 'Fortsetzung hier' lande ich bei "Eine Seite mit dieser Adresse existiert nicht."
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Danke für den Hinweis - nun funktioniert alles.
Herzliche Grüße Maike |
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Der investigative Journalist muss erst mal Fragen stellen. Er muss neugierig sein. Ein "Gespuer fuer Themen" haben. Und was wissen. Einen klaren Blick, wer hat den schon..also jedenfalls was wollen, was wissen wollen ist noch nicht viel. Vielleicht reicht es schon, wenn er ehrlich ist, sagt was ihn antreibt. Dann kann der Leser entscheiden, ob dieser iJ ihn interessiert. Und man kann auch mal den Gegenbegriff suchen, was ist denn das Gegenteil eines iJ? Wuerden wir den ueberhaupt noch als Journalisten bezeichnen? Journalism is what journalists do. Jedenfalls entscheidet der Leser, wem er seine Aufmerksamkeit widmet.
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Ich bin da fundamentalistischer: Jeder Journalist muss recherchieren. Punkt. >> Hoert, hoert! Ist das nicht trivial? |
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Lieber Herr Augstein,
Langsam mache ich mir Sorgen um Sie. Denn, wenn Sie sich schon sagen, ich will "investigativ" selbst definieren, dann vielleicht doch nicht mit Joseph Görres! Den trieben nämlich zwei Seelen als Herausgeber des Rheinischen Merkurs. Ursprünglich liberal und demokratisch gesinnt, allerdings antisemitisch und franzosenhasserisch, fiel er bei den Preußen in Ungnade und verlor sein publizistisches Sprachrohr, aber auch seine beamtete Verwaltungsposition am Mittelrhein. Görres Reaktion war, er wurde reaktionär. Dann schrieb er noch öfter in dem Stile,dem sich heute auch die Bunte immer mehr zuwendet. Welch´ ein Glück katholisch, nicht-jüdisch und monarchisch regiert zu sein. Kurzum Herzensergießungen verkaufen sich besser. Das Tolle, Dolle und Olle an Görres ist gerade die Richtung der Wende, Kehre, Hinwendung, nämlich in das andere, staatstragende Feld, nicht mehr das der damals noch weniger mächtigen, vierten, kontrollierenden Gewalt. Das ausgerechnet im bayrischen Königreich dessen "Erhöhung" von Napoleons Gnaden ausging. Plötzlich blutet das Herz und Mysterien tun sich auf, die publizisitisch viel besser laufen, als die hohlen Drohungen Görres gegen seine ehemaligen Dienst-und Brotherren. Für solches "investigatives" Tun gab es damals Anerkennung im katholischen Bayern und heute gibt es Bambi-Publizistik und fokussierte Wahrheiten aus dem Supernetzwerk. Wirklich bekannt war Görres nicht etwa wegen seiner publizistischen "Enthüllungen", sondern wegen seines schreienden Franzosenhasses. Auch dies muss für einen freien und kaufmännisch denkenden Verleger und Herausgeber in diesem Zusammenhang nachdenklich stimmen, war es doch die Gewerbeordnung und das Zivilrecht der Franzosen, linksrheinisch und nach Bsetzung im Westfälischen, die das Verlagswesen kaufmännisch wesentlich attraktiver machte. In der Restauration blieben nur die Handelskammern übrig. II Investigativ ist ein Journalismus nicht durch die der Rasterfahndung analogen Methoden und breitflächigen Bespitzelungen, da, wo man über eine Enthüllungsstory eine politisch oder publizisitisch missliebige Richtung und deren Personal irgendwann, irgendwie, mit irgend welchen Recherchen in Schwierigkeiten bringen kann, wobei man schon einmal preemtiv ermittelt und zuschlägt. Investigativ bezieht sich auf das Verfahren, politische oder kulturelle oder rechtliche, oder wissenschaftliche Aussagen von Personen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen und dafür tiefe Recherchen zu betreiben, Informanten unter Vertrauensschutz zu gewinnen, sich in Rollen zu begeben, um eine Recherchenachweis anzutreten, der durch ein Interview, Bücher, Akten, Protokolle und Informanten nicht sicher zu erreichen ist. Investigativ heißt auch nicht Verdachtsrecherche und beständige Suchbewegung im "Promi"- und "Nicht-Promi"-Land, sozusagen ohne ausreichenden Anlass. Investigativ bedeutet nicht, so wie Sie es andeuten, der eigenen Recherchepflicht, wenn man denn überhaupt noch etwas Recherchiertes berichtet, Folge zu leisten. Das Letztere hat mit mehr mit Standesregeln und Presserrecht zu tun und ist mehr als ein Kunstfehler, wenn man es notorisch nicht tun will. Investigativ heißt, dem Populismus, wo man ihm begegnet, mit Fakten entgegen zu treten. Es ist schon noch ein Unterschied, ob ich heraus finde, ob ein Asylbewerber in Polizeigewahrsam schicksalshaft oder absichtlich verbrannte, ob ich ermittle, dass Akten gefälscht, Unterschriften nur gestempelt, Straftaten begangen, Durchstechereien in Politik und Verwaltung inszeniert wurden; ob ich weiß, wer Steuern im großen Stile hinterzieht und sich dafür nicht einmal schämt, sondern allenfalls sich selbst für dumm erklärt, weil man ihm auf die Schliche kam, oder ob ich, über den Balkon in Bismarcks Sterbezimmer vordringe, bei "Lafo" und der Wagenknecht und dem Bartsch und im Höschen, noch ist es eine Fantasie von irgendwem einen "Promi" oder Politiker, irgendwann einen GPS und Stimmaufzeichnungschip plaziere, um sein Privatleben in den Griff zu bekommen und vermeintliche Widersprüche zu seiner Religion, Moral und allgemeinen Ansprache an das Volk auf zu decken. Die strenge Frisur Angela Merkels als "Walzenfrisur" zu entlarven ist nicht investigativ und nicht recherchiert. Ob aber Herr von Guttenberg tatsächlich schlecht informiert wurde oder nicht, ob seine direkten militärischen Untergebenen als Bauernopfer gehen mussten, oder nicht, das wäre investigativ und wichtig zu wissen. Über die kaufmännische Seite, lieber einen politischen Meinungsjournalisten, als einen Rechercheur ein zu stellen, mag ich nicht viel sagen. Ich verstehe davon zu wenig. Aber die Aussage hat ein Geschmäckle. Zum Ende: Dekonstruktion, wenn Sie sie denn schon als philosophische Katergorie ernst nehmen, ist keine Aufforderung der moralischen Beliebigkeit auf die Beine zu helfen. Es gibt zwischen Hans Leyendecker, Günter Wallraff und Florian Klenk einerseits und den Recherchen der Burda-Bunten-Truppe nebst Hilfs- und Subunternehmungen andererseits, keine Zusammenhänge! - Es sei denn, Alles wäre Wurst. Das meinten die Erfinder der philosophischen Dekonstruktion sicher nicht. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Investigativ heißt, dem Populismus, wo man ihm begegnet, mit Fakten entgegen zu treten. >> Sehr schoen! Und zwar egal wo und wen es trifft. Uebrigens ist auch Hans Leyerdecker zu hinterfragen. Dass er den Moevenpickbesitzer in Schutz nimmt, ehrt ihn, aber im Fall der Schweizer Bankgeheimnisse den Datenschutz zu bemuehen, als ob der da ein Problem waere, wird komisch. Guenter Wallraff war mal interessant. Florian Klenk? Immerhin ein Jurist! Also klarer Blick... |
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Sie haben Recht, Herr Teich.
Ohn´ Ansehen, aber immer mit Respekt, muss ein Journalist arbeiten. Aber, bei allem Hinterfragen, zählt für mich schon die generelle Linie. Sie können ja auch beim institutionellen Vordenker der Investigativen, Herrn Leif, durchaus kritische Anmerkungen machen und einige Schönheitsfehler aufdecken. -Wichtig ist aber die erkennbare Linie und Zielstrebigkeit bei der eigenen Arbeit. Leider müssen natürlich die ganzen Investigativen nunmehr ständig mehr Inteviews und Testimonials abgeben, als selbst recherchierte Artikel zu schreiben. Sie müssen mittlerweile auftreten (Geschäft! Leitung!). Da wird viel kurz gedacht, selbst von den Besten. Und, ganz ehrlich, Herr Augstein kann sich bei mir, also in meinen Augen und Gedanken, schon viel Unsinn erlauben, für das Projekt "Der Freitag", seine Ideen und Vorstellungen von der Verknüpfung On-Offline, hat er meine volle Sympathie, selbst wenn er stets einen Hang zum Boulevard verspürte und nun eine sehr eigenwillige Interpretation des investigativen Journalismus entwarf, die ganz normale, allgmein gültige Jounrnalismusregeln mit dem investigativen Journlismus und seinen Aufgaben ebenso verwechselt, wie seine Argmentation den Begriff unzulässig auf den, meinetwegen "gehobenen" Boulevard ausdehnt. Die "BILD", das zumindest glaube ich ihm hier, hat sich tatsächlich "gebessert". Aber, von welchem Niveau ausgehend. Im Vegleich mit der angelsächischen Yellow-Press ist unsere "BILD" informativ und ordentlich. Übrigens: Klenk, im "Falter", Österreich, Wien. Mehr als nur ein Jurist, auch ein ausgesprochen guter, vor allem investigativer Journalist. Kennen lernen: Leider ist das "Ö-Blog" auf ZEIT-Online, trotz einer veritablen Schreiberliste, kläglich geschwunden. Es wurde auch von der Redaktion dort "verachtet" (D.h., nie wirklich propagiert). Dabei waren manche Beiräge wirklich originelles Feuilleton. Das war auch von Klenk mit initiiert, der auch einmal für die ZEIT hauptamtlich tätig war. U.a schrieben dort Franzobel und Eva Menasse, Uli Ladurner und die Frau Dusl/Commandantina Dusilova. Das ist natürlich als Dauerkolumne kein investigativer Journalismus. Aber, schauen Sie in den "Falter". OT: In meinem o.g.Beitrag sind soo... viele Fehler. Wenigstens "präemptiv" sollte es heißen. - Editorfkt.? Daher mache ich ab sofort auch eine längere Pause. Die Blogs flutschen nur so durch und Vieles ist eine Art "Ersatz- und Erweiterungstwitter". Dazu hab´ ich keine Lust und keinen Nerv. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Klar kenne ich den Klenk.
Nicht persönlich. Aber wir wollten immer mit dem Falter "was machen". Bisher haben wir nur Abos ausgetauscht. Schade. Eine spannende Zeitung. Und sonst: Ich weiß nicht, mir neigen die Dinge bei größerer Annäherung zur Auflösung. Das ist nun mal so. Ich kann mit dem Begriff des Investigativen nicht viel anfangen. Ihre Definition lautet: "Investigativ bezieht sich auf das Verfahren, politische oder kulturelle oder rechtliche, oder wissenschaftliche Aussagen von Personen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen und dafür tiefe Recherchen zu betreiben, Informanten unter Vertrauensschutz zu gewinnen, sich in Rollen zu begeben, um eine Recherchenachweis anzutreten, der durch ein Interview, Bücher, Akten, Protokolle und Informanten nicht sicher zu erreichen ist." Darin steckt viel Normatives. Und es sind überhaupt zu viele Worte, um für einen so einfach scheinenden und so oft gebrauchten Begriff als Defintion plausibel zu sein. Ich bin auch nicht sicher, wie wichtig es wirklich ist zu wissen, ob Guttenberg belogen wurde. Wir haben da einen U-Ausschuss, der befasst sich dann mit Befehlsketten und wer die fünfte Person im Zimmer war. Schon recht. Aber der eigentliche Skandal ist der Krieg in Afghanistan. Dafür brauche ich keinen Investigator und keinen Ausschuss. Sondern klares Denken, eine klare Sprache und den Mut zur Auseinandersetzung. (Es ist unsinnig, das gegeneinander aufzuwiegen. Im echten Leben muss man das aber manchmal. Das ist das eine. Das andere ist: Ich werde immer sehr, sehr skeptisch, wenn Leute sagen, früher sei "es" besser gewesen.) ((Und dann noch: Nicht schlapp machen! :) )) Ihr JA |
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Lieber Herr Augstein,
Gut, akzeptiert, die Definition ist zu lang, zu rückwärtsgewandt, vielleicht auch zu überfordernd. Ich will nicht den dezidiert investigativen, gegen den politisch-analytischen Journalisten, oder gegen andere Ressorts und Spezialitäten aufwiegen und ausspielen. Manche können Orte gut beschreiben, andere Menschen, andere haben den Blick für kulturelle Dinge und Details. Aber, wie schon gesagt, ihre knappe Defintion von "investigativ" hat den Nachteil, Sachverhalte zu benennen, die sich aus den Standesregeln für sprichwörtlich jeden Journalisten ergeben (Ausnahme Anzeigeblätter, Werbung,Sprecher,...). Die Verstösse dagegen sind Legion, so wie es heute trotzdem immer noch viele nicht-investigative und gut recherchierende Journalisten gibt und die investigativen Presseleute, siehe Leyendecker, so manches Mal bei der politischen Analyse schief liegen, oder eben "Fälle" beurteilen, statt ein prinzipielles Fazit zu ziehen. Beispiel von Guttenberg: Der U-Ausschuss, ist das nicht jenes Instrument des langen Gedächtnisses, ohne allzu große Folgewirkung?- Siehe z.B. Steinmeyer, Fischer u.a. im Fall Kurnaz. Siehe die Ausschüsse in Hessen zur Steuerfahnderaffäre. Ohne Presse geht nichts, kommt nichts ans Licht, wird höchstens ausgehandelt. Mir geht es um den Minister. Hat er gelogen und regiert weiter, hat er "Sündenböcke" gesucht und gefunden? - Was macht er, so meine Vorstellung, erst, wenn es ´mal richtig ernst wird, hier vor Ort, ist dann Verlass, oder ständiges Wenden im eigenen Interesse angesagt. Derzeit ist Alles 7000 km weg und daher nicht unter den Wählern wirksam. Aber, wie schnell kann sich das ändern! Was kann plastischer und direkter wirken, als ein Schaubild in der SZ, welches die "Einbindung" Westerwelles in eine rege, nicht-politische Geschäftstätigkeit nachweist? Derzeit wird häufig so argumentiert, dass dies nur für Mitglieder der Exekutive anrüchig und letztlich sogar untragbar sei. Aber, Herr Westerwelle hatte auch vorher Vollzeitämter in der Legislative (die Partei und der Abgeordnete als Person sind Verfassungsorgane) ausgeübt und nimmt sie noch wahr, neben denen eine "Geschäftstätigkeit" in eigener Sache und sei es auch nur durch Kontaktanbahnungen und Reden eigentlich nicht hingenommen werden kann. - Hier ist es doch gut, wenn genügend Kapital vorhanden ist, investigative Journalisten, nicht Detekteien, anzusetzen. Denken Sie einmal an den enormen persönlichen und finanziellen Aufwand und die Hartnäckigkeit, die nötig waren, die Lucona- Affäre in Österreich aufzudecken. Bei uns wird viel Geld verpulvert Liebschaften aus zu kundschaften und das Sexleben allgmein medial verachteter oder eher in Minderheitenpositionen befindlicher Politker offen zu legen. - Nicht sehr ehrenvoll, aber gewiss einträglich. Eine Bedingung, die Sie ja auch erfüllen wollen, ist doch die gehörige Portion Selbstdistanz. Also, bei Wertungen und Klassifizierungen die Möglichkeit falsch zu liegen nicht aus zu klammern. Wenn man das nicht ab und zu laut sagt, dann klingen Urteile sehr harsch und die vorgetragene Meinung, selbst wenn sie wohlbegründete ist, kommt wie ein Richtschwert daher. Ich finde, das geht auf Dauer nicht gut. Klar, eine Zeitung braucht eine Linie, eine Haltung, in den ganz wichtigen Sachen. Und wenn Sie beim Thema Krieg und Frieden nicht herumeiert, sondern Flagge zeigt, in diesem Falle sicher mit einer Mehrheit der nicht angehörten Bevölkerung im Einklang, die aber trotzdem weiterhin andere Zeitungen liest und kriegführende Parteien mehrheitlich immer wieder wählt. - In anderen Fällen wird es auch einmal umgekehrt notwendig sein, Minderheitenpositionen durch zu halten. - So hat jedenfalls diese Zeitung mit Linie bei mir immer den ersten Platz. Gute Nacht und viel Glück Christoph Leusch PS: Mir geht es im Moment wirklich etwas zu schnell und das merke ich am eigenen Tun hier. -Ich bin zu lang,an zu vielen Baustellen, mit zu viel Zeit, das braucht und liest offensichtlich kaum jemand, auch wenn ich mir selbst mit dem Schreiben Klarheit verschaffe. Das muss ich akzeptieren. Also Pause, aber nie schlapp machen. Jetzt war das aber genug Chill-out. Mein Chill-out für Sie und ihr Team: www.freitag.de/community/blogs/columbus/berliner-genderama---maenner-frauen--und-vereinigungsfragen |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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Einzelpreis: 3.60 €
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