12.12.2009 | 11:07

"Als der Heiligenschein des Guten zerbrach"

Es lohnt sich, noch einmal den Blick zurück auf das Jahr 1968 zu lenken, dessen Gedenken vor dem Hintergrund diesjähriger Jubiläen schon wieder verblaßt. Denn was 1968 in Ost wie West zu beobachten war, spielt auch für das Verständnis der 1989er Ereignisse und unserer Gegenwart eine entscheidende Rolle. Der Historiker Stefan Wolle hat im letzten Jahr mit seiner Publikation "Der Traum von der Revolte. Die DDR 1968" Maßstäbe für einen reflektierten Umgang mit diesen Teil unserer Geschichte gesetzt.

Sehr detailliert und differenziert stellt er Geschichte wie Vorgeschichte und damit gleichsam den Bedingungsrahmen, den politisch-geistigen Kontext sowohl des Prager Frühlings wie auch der Unruhen in Westeuropa dar, dieser zum Teil parallel verlaufenden Entwicklungen einer Protestkultur in Ost und West, die sich eigentlich irgendwo in der Mitte hätten treffen müssen. Er, der selbst Sympathisant des Aufbruchs im sozialistischen Nachbarland gewesen ist, verbleibt dabei nicht im Theoretischen, sondern veranschaulicht seine Untersuchungsergebnisse mit reichlich Faktenmaterial, das bisher kaum einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sein dürfte. Stefan Wolle gelingt es, das komplexe und widersprüchliche Gefüge der 68er-Bewegungen in Ost und West transparent zu machen.

Zielten die Bemühungen auf der einen Seite auf die Reformierung bzw. Demokratisierung des Sozialismus, so auf der anderen auf eine Sozialisierung der bürgerlich verfassten Demokratie und der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Auf beiden Seiten war mithin die Intention vorherrschend, verkrustete Verhältnisse aufzubrechen, weitreichende gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen.
Der Autor geht auf Reformansätze seitens der Regierungen in einigen der sozialistischen Staaten, insbesondere auch in der DDR ein, deren Crux allerdings darin bestand, nur ein wenig Offenheit, Freiheit zu wagen und dabei alles wie gehabt unter Kontrolle zu halten. So führte auch die DDR Mitte der 60er Jahre in Ansätzen Marktelemente ein, u.a. die wirtschaftliche Rechnungsführung für die Kombinate und Volkseigenen Betriebe, setzte auf Lockerungen in der Jugendpolitik. Nach der neuerlichen Verhärtung der Kultur‑ und Jugendpolitik infolge des 11. Plenums konnte man wiederum beobachten, wie Jugendliche, die gemeinhin eine generationskritische Haltung einnahmen und von einem nicht explizit politischen Widerwillen gegen den Staat bestimmt waren, durch den ständigen Druck der Politik und der Ideologie künstlich politisiert wurden.

Es ist bekannt, wie und durch welche Kräfte das tschechische Experiment eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz gewaltsam beendet wurde, weniger bekannt hingegen, und das ist u.a. ein Verdienst des vorliegenden Bandes, wie das Experiment von den verschiedenen Bevölkerungsschichten in der DDR wahrgenommen wurde, wie sich die Proteste gegen den Gewaltakt im Lande formiert, welchen Ausdruck sie gefunden haben und wer die Träger dieser Proteste gewesen sind. Entgegen der gängigen Annahme, dass vor allem Intellektuelle und Studenten deren Initiatoren waren, haben Stefan Wolles Archivstudien ergeben, dass der Anteil von Lehrlingen, Schülern, jungen Arbeitern an den verzeichneten Protestaktionen, Sympathiebekundungen und Aufrufen knappe 60 % betrug. Überdies dominierte überhaupt die Jugend (im Alter bis 25 Jahre) bei jeglicher Art von Aktionen.

Interessant auch, dass durchaus Berührungspunkte zwischen der westdeutschen APO und den systemimmanenten Kritikern im Osten Deutschlands auszumachen waren. 1967⁄68 sollte es sogar zu offiziellen Kontakten auf oberster Ebene zwischen SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und FDJ kommen, die jedoch alsbald wieder abgebrochen wurden, weil die DDR-Seite nicht das Risiko eingehen wollte, dass bei einer öffentlichen Diskussion mit Vertretern beider Organisationen in der Hauptstadt etwa auch die politischen Verhältnisse im Gastland thematisiert würden, und gerade diese Freiheit hatten sich die Vertreter des SDS ausbedungen.

Dieses Buch liest sich spannend wie ein Roman, und man sollte es auch lesen, wenn man Wesentliches über die Beweg‑ und Hintergründe der Ereignisse des Herbstes 1989 erfahren will. Nur eines stört mich – die auch bei anderen Autoren (z.B. Richard Sklorz in Freitag Nr. 33⁄2008) beobachtbare Tendenz, vor dem Hintergrund der mit Verve betriebenen und für den Sozialismus existentiell entscheidenden Reformbestrebungen in der Tschechoslowakei und der sich anschließenden traumatischen Grunderfahrung ihres Endes die Sozialismus-Utopien einer vornehmlich westdeutschen Linken lediglich als träumerisch, verspielt, naiv abzutun. Ich glaube, das wird ihr nicht gerecht.

Stefan Wolle: Der Traum von der Revolte. Die DDR 1968. – Berlin: Ch. Links Verlag, 2008. 19,90 Euro.

Dieser Beitrag ist zuerst in Sachsens Linke erschienen.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 12.12.2009 um 12:02
Liebe jayne,

danke für den Buchtip. Hört sich wirklich gut an.
Toll beschrieben. Man bekommt Lust auf mehr.

Tschüß

por
Magda schrieb am 12.12.2009 um 15:51
Finde ich auch sehr interessant. An die Zeiten erinnere ich mich ja noch gut. Eigentlich wussten alle, dass damit wieder eine Hoffnung im Eimer war. Aber ich habe zu der Zeit nicht protestiert. Ichhielt ich das für völlig sinnlos. Höchstens als Beweis dafür, dass man sich selbst ernst nimmt, schien mir das wichtig. Und zu der Zeit habe ich das weniger getan.

Aber ich erinnere mich an den Professor Feyl, Bibliothekswissenschaftler, bei dem wir Vorlesungen hatten. Der hat sich gegen den Einmarsch gewandt und seinen Lehrstuhl verloren. Seine Tochter, die Renate Feyl hat das später mal in einem Buch bearbeitet.

Gruß
Magda
jayne schrieb am 13.12.2009 um 10:49
Feyl, das würde mich interessieren, spielt das womöglich in Renate Feyls "Ausharren im Paradies" eine Rolle?
Magda schrieb am 13.12.2009 um 11:00
Klar, jayne,
das Buch habe ich auch gelesen vor einigen Jahren. Das ist wohl die Geschichte. Feyl stammte ja aus Prag, gehört zur deutschen Minderheit.
Ich weiß noch, wie Renate Feyl einige Studenten ansprach wegen der Geschichte, wie sie drüber denken, aber ich war weniger bei den Bibliothekswissenschaftlern, deshalb hatte ich nicht so einen Kontakt zu ihr.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 23:31
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