09.09.2011 | 09:04

An die Luft gesetzt ...

Kaltes Rosa am Morgen, das schnell erlischt - in der Nacht hatte es Schauer gegeben, und nun ist die Luft gesättigt von der Feuchtigkeit, dennoch kann ich oben sitzen, auf dem Turm, und der Stille gehören, der relativen ...

Der Rufer pünktlich, gegen Sieben - es heißt ja immer, er oder sie macht sich Luft resp. macht seinem/ihrem  Ärger Luft, d.h. der betreffenden Person scheint in diesem Moment egal, was die Anderen denken mögen, so es in der Öffentlichkeit geschieht, man schafft sich Luft, also auch Raum und Distanz. Distanz zum Gegenstand wie zu den Anderen, denn man erfährt sich in diesem Augenblick auf sich allein gestellt, während die anderen lediglich Zeugen ...

Und es könnte einem im Nachhinein ja auch unangenehm sein, sich dieses Augenblicks zu erinnern - all das macht die Distanz aus, so man seinem Ärger Luft macht, er hervorbricht oder vielmehr es - man spricht da viel lieber vom ES und umschreibt damit eine Sache, einen Gegenstand, eine Situation oder Lage, mit der man sich nicht abzufinden vermag -

Der Ärger macht sich Luft, das unbekannte Dritte in einem, von dem man dann gern sagt, es habe sich angestaut - Dieses ES, vielleicht ein Fossil aus Vorzeiten, als noch von Ungemach die Rede war, versehen mit dem bestimmten Artikel für Sächlichkeiten ... Wer dröselt wieder auf, was hier ineinander verknäult und Sprech- wie Sprachhaltung mitbestimmt ...

Das Ungemach, das einem widerfahren - So spricht heute kein Mensch mehr, heißt es, wenn solche Sätze fallen, gleich Soldaten auf fremdem Terrain. Im Ungemach läßt sich nicht gut hausen, denn das macht sich Luft dann und wann, und man findet sich genau dort wieder, an die Luft gesetzt, die Luft, diese säugende Allmutter ...

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 09.09.2011 um 12:13
Seinem Ärger Luft machen - das heißt ja auch, den Deckel zu heben und den Druck entweichen lassen. Da ist etwas, das gärt und treibt Gase hervor, die einen Druck aufbauen. Wenn man den ablässt, ist das ES immer noch da, aber man kann vielleicht gelassener damit umgehen.

Man kann dann so schön seine sprachlichen Entäußerungen drehen und wenden, wie Du das tust.
poor on ruhr schrieb am 09.09.2011 um 13:42
@jayne
@goedzak
Gerne gelesen. Sehr schön geschrieben. Da kann ich mich goedzak nur anschließen.
Ich denke aber, dass goedzak nur eine Art beschreibt welche wege der Ärger beschreiten kann. Zu dieser Druckkesseltheorie des Ärgers gab es neulich im Fernsehen eine ganz interessante Wissenschaftssendung im Fernsehen.
Danach kann dieses Druckrauslassen den Ärger auch noch verstärken. Das kommt wohl auf den Menschen an.
Du hast ihn jeden falls auf wunderbare Art verabeitet.

LG

por
goedzak schrieb am 09.09.2011 um 18:41
Magst Recht haben, por. Ich kenne mich da nicht so aus, weil ich eher zu Unterdruck neige. :)
archinaut schrieb am 09.09.2011 um 23:52
Liebe jayne,
einen schönen Text hast Du da an die Luft gesetzt....
Liebe Grüße
archinaut
jayne schrieb am 10.09.2011 um 09:49
besten dank Euch allen, hat mir geholfen beim luftmachen, ja auch das ...
h.yuren schrieb am 11.09.2011 um 20:06
liebe jayne,
neulich stand auf der anderen straßenseite ein möbelwagen mit den großen lettern UNGEMACH auf der seitenfläche. ich hab nicht nachgesehn, aus welchem ort der transporter kam.

ich glaube, es wird immer schwieriger, seinen ärger an die luft zu setzen, wenn keine hilfsmittel wie drogen z.b. im spiel sind. enthemmendes.
die gängigste art, seinem inneren wutstau luft zu machen, ist inzwischen wohl, per (billig)flieger in die luft zu gehen. das schafft in kürzester zeit größte distanz zum gesammelten ärger und frust. andere verkehrsmittel helfen zur not auch, aber nicht so heftig.

kann es sein, dass es dir demnächst zu kalt wird auf deinem turm?
ich habe übrigens auch so ein (selbstgebautes) gerüst, das ich gern erklimme, um da oben zu arbeiten mit aussicht über alle hütten ringsum. aber es gibt leutchen, die sich fürchten vor der höhe. das auch zugeben. leute ohne neid mit blick auf segelnde störche oder kjacks.
Wolfram Heinrich schrieb am 11.09.2011 um 20:20
@h.yuren
neulich stand auf der anderen straßenseite ein möbelwagen mit den großen lettern UNGEMACH auf der seitenfläche. ich hab nicht nachgesehn, aus welchem ort der transporter kam.

Aus Wuppertal:
web2.cylex.de/firma-home/spedition-hans-ungemach-gmbh-_-co--kg-2412838.html

Ciao
Wolfram
h.yuren schrieb am 11.09.2011 um 22:24
lieber wolfram, wie kannst du nur so realistisch nasenspitz an der stelle inspizieren im alltagskram, wo der von mir gesichtete karren doch bewusst aus nirgendwo kam?
ich verstand meine einlassung als eine poetische anspielung. du machst daraus eine seifenblase und erstichst sie. du prosamann.

ciao
hy
Wolfram Heinrich schrieb am 11.09.2011 um 23:19
@h.yuren
lieber wolfram, wie kannst du nur so realistisch nasenspitz an der stelle inspizieren im alltagskram, wo der von mir gesichtete karren doch bewusst aus nirgendwo kam?
ich verstand meine einlassung als eine poetische anspielung. du machst daraus eine seifenblase und erstichst sie. du prosamann.


Ach Gottchen, was hab ich da nur wieder angerichtet. Ich bitte, meinen Kommentar aus dem Protokoll zu streichen.

Ciao
Wolfram
jayne schrieb am 12.09.2011 um 08:01
es gibt sie ja noch, die luftkurorte, und der ort, in dem ich hause, firmierte bis in die 20er jahre des letzten jahrhunderts als solcher, die kurwiese existiert noch ...
jayne
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