05.03.2011 | 17:00

before ...

Wie in Dresden versuchen die Neonazis alljährlich auch in Chemnitz einen Trauermarsch zum Gedenken an die Opfer eines Bombardements durchzuführen, das die Stadt am 05. März 1945 erlebte, und diesen Tag für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Als Antwort darauf hat sich in dieser Stadt ebenfalls ein breites überparteiliches Bündnis aus Gewerkschaftern, VertreterInnen der Linken, Grünen, SPD, Piratenpartei und anderer Gruppierungen gebildet, das jedoch nicht solch eine überregionale Aufmerksamkeit wie das Dresdner erfährt. Es wurden SprecherInnen und Verantwortliche benannt, doch was die Koordination der verschiedenen Aktivitäten und Veranstaltungen betrifft, muß das Bündnis noch Erfahrungen sammeln.

Das Ordnungsamt der Stadt hatte im Vorfeld den Naziaufmarsch zwar verboten, das Verwaltungsgericht jedoch hob am Mittwoch das Verbot wieder auf. Das Bündnis Chemnitz-nazifrei wurde hingegen bis Freitag Abend im Unklaren gelassen, ob und welche ihrer Gegenveranstaltungen zugelassen werden. Sämtliche Kundgebungspunkte, die direkt an der genehmigten Marschroute liegen und die Möglichkeit geboten hätten, in Hör- und Sichtweite gegen den Aufmarsch zu protestieren, wurden von der Versammlungsbehörde untersagt.

Legende: Rosa = Marschroute der Neonazis. Rot = genehmigte Gegenkundgebungen. Blau = verbotene Gegenkundgebungen.

So sieht das Bündnis das verfassungsrechtlich verbürgte Grundrecht auf Protest in Sicht- und Hörweite abermals per Sächsischem Versammlungsgesetz infrage gestellt. Die Polizei indes verteilte an den Vortagen ein Info-Blatt, dem zu entnehmen ist, daß laut §21 des Versammlungsgesetzes das Unterbinden einer genehmigten Demonstration rechtswidrig ist und versuchte damit Druck zu machen; zumindest sorgte sie bei der Bevölkerung für Verunsicherung. Denn es gibt auch kein gesetzlich verankertes Trennnungsgebot ...

Dabei hat das Bündnis bewußt nicht zu Blockaden aufgerufen, sondern zu Kundgebungen und einen antifaschistischen Picknick, um sich im vorgegebenen rechtlichen Rahmen zu bewegen. Doch dieser Rahmen wurde seitens der Versammlungsbehörde recht restriktiv und einseitig gegen das Bündnis ausgelegt. Es ist also höchste Zeit, daß der von Innenminister Ulbig nach den Ereignissen in Dresden angekündigte öffentliche Diskurs zu Versammlungsgesetz und Formen bürgerschaftlichen Engagements gegen Rechts beginnt ...

Chemnitz Samstag Morgen, kurz vor acht Uhr: Als ich durch das Zentrum lief, war außer den polizeilichen Absperrungen und temporär eingerichteten Parkverbotszonen noch nicht viel von dem Bevorstehenden zu spüren. Am Theaterplatz und am Nischel, zwei der genehmigten Kundgebungsorte, bauten die Gegendemonstranten gerade ihr technisches Equipment und ihre Stände auf ...

Nachmittags die Nachricht, daß über 1000 Chemnitzer BürgerInnen und Gäste gegen den Naziaufmarsch protestieren. Eine kleinere Blockade an der Zentralhaltestelle soll von der Polizei geräumt worden sein ...

Liveticker der Freien Presse; dazu ein Resümée ...

Der MDR berichtet ... dazu ein längerer Beitrag im Sachsenspiegel - selbst die Oberbürgermeisterin, so ist darin zu sehen, muß sich vor einem polizeilichen Zugriff für kurze Zeit in Sicherheit bringen, eine absurde Situation ...

Hier ein erster zusammenfassender Bericht seitens der Antifaschistischen Aktion.

Die Sächsische Zeitung mit einem Vorbericht ...

[wird noch mit Bildmaterial ergänzt]

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 05.03.2011 um 21:08
Danke für den Bericht!
mcmac schrieb am 05.03.2011 um 21:38
Liebe jayne, vielen Dank für diesen engagierten geamchten Bericht!

Offensichtlich ist es auch in Sachsen wichtiger, eventuell Linkslastiges unter Kontrolle zu halten, als Faschisten und ihre Mitläufer konsequent in die Schranken zu weisen. -Dieses Gefische der Konservativen am rechten Rand nimmt bedenkliche Ausmaße an. Das ist erbärmlich und empörend.

Liest man den Live-Ticker, muss diese „Rechnung“ wohl aufgegangen sein: Pfefferspray gegen, und blutende Nasen bei den Gegendemonstranten. Durch die Polizei!

Mir fehlen die Worte (nein, fehlen mir nicht; würden aber wohl redaktionell editiert werden...)
mcmac schrieb am 05.03.2011 um 21:43
...zu viel Engagement beim Tippen: engagiert gemachten sollte es oben heißen... Sorry.
poor on ruhr schrieb am 05.03.2011 um 21:52
Liebe jayne,

von mir auch Danke für den Bericht. Wenn ich Deine Blogs über dieses Thema in den sächsischen Städten lese, kommt es mir immer so vor, als ob die Nazis bei den Demonstrationen bevorteilt werden. Die dürfen demonstrieren und die Antinazidemonstranten nicht? Das ist doch nicht in Ordnung. Schön, dass nicht alle Einwohner der grossen sächsischen Städte es zulassen, dass ihre schöne Heimat ein unumstrittenes Aufmarschgebiet für Nazidemonstranten Nazidemonstranten wird.

Übrigens tolle Fotos! Kompliment. Klasse schreiben tust Du ja sowieso! ;)

Herzliche Grüße

aus dem Ruhrgebiet

por
jayne schrieb am 06.03.2011 um 07:46
daß das versammlungsgesetz oft recht einseitig ausgelegt wird, habe ich ja schon oben erwähnt, und daß dem so ist, macht auch eine seiner schwächen aus ...
poor on ruhr schrieb am 06.03.2011 um 09:46
@jayne

Danke. Die Frage hat sich für Dich vielleicht sehr leicht gelesen. Ich wollte es für mich nur noch mal ganz klar haben. ;)
h.yuren schrieb am 06.03.2011 um 08:43
liebe jayne, was du zeigst, ist die lernunfähigkeit des systems. mich erinnern die maßnahmen der obrigkeit an verhältnisse in den 20er jahren. justiz und polizei haben zumindest auffallend oft die augen links und die hand über rechts. das alte schema. meinst du, das sei zufall?
danke für die dokumentation der zustände.
jayne schrieb am 06.03.2011 um 10:01
glaube auch nicht, daß das ein zufall ist ... - man spricht ja auch gern von rechts- und linksextremen und sieht sich als "mitte", macht sich damit einen "weißen fuß"; fdp und cdu waren gestern bei den friedlichen protesten nirgends zu sehen ...
KalleWirsch schrieb am 06.03.2011 um 10:11
Man muss da gar nicht in die 20er Jahre zurückgehen. Mich erinnert das an die Maßnahmen gegen die ersten AntiAtom Demos. Die Demonstarnten wurden auch gerne als Terroristen diffamiert.
archinaut schrieb am 06.03.2011 um 10:25
Liebe jayne.
vielen Dank und bitte weiter so!
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