10.09.2010 | 08:55

Die andere Friedliche Revolution

Vor wenigen Tagen sah ich Patricio Guzmans einfühlsamen Film über Salvador Allende, den er 2006 fertiggestellt hatte. Darin kommen Zeitzeugen, Wegbegleiter Allendes und auch Nachgeborene zu Wort, und geboten wird dokumentarisches Material, das vordem noch nicht publiziert worden ist. Guzman selbst mußte nach Pinochets Putsch am 11. September 1973 emigrieren, um seine Haut zu retten.

Der Film erinnerte mich an die eigenen Vorstellungen und Hoffnungen, die ich mit der Unidad Popular und dem Namen Allendes verband, seinem Wahlsieg im November 1970 und dem langen Warten, bis er endlich vereidigt wurde, als neuer Präsident der Republik Chile ...

Es waren Jahre, in denen meine Aufmerksamkeit vor allem von Entwicklungen und revolutionären Situationen in anderen Ländern gefesselt wurde, nur nicht von Vorgängen in dem Land, in dem ich lebte und das einen Kult pflegte, den man als permanente Revolution verstanden wissen wollte, auch wenn das nicht so genannt werden sollte und auch keine war.

Ich blickte nach Frankreich, wo Sozialistische und Kommunistische Partei 1970 im Begriff waren, ein Wahlbündnis zu schließen, um die bürgerliche Regierung abzulösen, und ich blickte auf Chile, wo sich ein Wahlsieg der Unidad Popular abzeichnete. Mich faszinierte Allendes Programm vom friedlichen und demokratischen Übergang in eine sozialistische Gesellschaft, das nichts anderes vorstellte als jenen Dritten Weg, der immer wieder verworfen worden war. In Chile schien das Konzept aufzugehen ...

Die neue Regierung verstaatlichte Kupferminen und andere große Unternehmen, um deren Gewinne zu vergesellschaften und zur Bekämpfung der Armut einzusetzen. Es gab eine Landreform, um den verarmten Landarbeitern und ihren Familien eine Existenzgrundlage zu schaffen, jahrzehntelang hatte man dafür gekämpft. Breite Bevölkerungsschichten beteiligten sich am Transformationsprozeß, initiierten ihn zum Teil selbst, bildeten vor Ort Räte.

Doch anders als im heutigen Brasilien, wo z.B. die selbstorganisierten Strukturen in den Stadtteilen der großen Städte die Bedingung und auch ein wichtiges Korrektiv für die Politik der Lula-Regierung darstellen, drohte in Chile die Einheit zu zerfallen, weil Allende diesen Faktor der Selbstorganisation nicht recht einzuschätzen vermochte und von parallelen Strukturen sprach.

Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1972 besuchte ich den Messestand von Chile in jenem Pavillon, in dem traditionell die jungen Nationalstaaten ausstellten, vorrangig Naturprodukte, bewunderte die Hochglanzprospekte, auf deren Seiten Stätten der Kupfergewinnung abgebildet waren, darunter auch ein Tagebau, kupferfarben - Tagebaue waren mir vertraut, sie bildeten die Topographie der eigenen Kindheitslandschaften, und es war noch nicht die Zeit, um Fragen nach der ökologischen Verträglichkeit zu stellen ...

Indes sollte meine Wahrnehmung der lateinamerikanischen Realitäten über die Liedkultur dieses Kontinents eine herausragende Rolle spielen. Violetta und Isabel Para, Mercedes Sosa, Victor Jara, Quilapayun ... Irgendwann bastelte ich mir einen Sticker mit der chilenischen Fahne und begann Lieder nachzusingen, von Victor Jara beispielsweise La Plegaria a un Labrador (Gebet an einen Landarbeiter), dessen Poesie mich faszinierte. Chile verkörperte für mich all das, was ich zuhause vermißte ... Noch heute besitze ich eine Schallplatte vom 1. Internationalen Festival des Populären Liedes, das im Frühjahr 1973 in Chile stattfand, produziert in Santiago de Chile.

Der Putsch vom 11. September, über den ich wohl erst am frühen Morgen des 12. erfahren sollte, aus dem Radio, den Vier-Uhr-Nachrichten - so sehr sich Unheilvolles auch angekündigt, über das Frühjahr, den Sommer - nun also die lange Liste der Toten, der Emigrierten, und Nerudas letztes Gedicht, über die Satrapen, die Statthalter, die in Chile die Macht ergriffen - das Wort Satrap vernahm ich da zum ersten Mal ... Doch in unserem Land, in dem seitens Partei- und Staatsführung über die Medien permanent Solidaritätskampagnen geführt wurden, ganz gleich, ob es um Kuba, Griechenland, Vietnam, Chile oder Angela Davis ging, wollte kaum noch jemand etwas davon hören.

 

 
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Kommentare
Hermanitou schrieb am 10.09.2010 um 09:19
Die anlaufende Chile-Solidaritätsbewegung vereinte nach dem 11.09.73 Ost-und West. Die beste LP mit Liedern für die Chile-Solidarität war "Chilenisches Metall" aus der DDR.
Und wir Linken in Westdeutschland haben uns durchaus als Teil der weltweiten Solidaritätsbewegung verstanden.

Ich selbst habe im "Haus der jungen Talente" in Ostberlin während diverser "Festivals des politischen Liedes" nicht den Eindruck gewonnen, daß sich da nur die Partei-und Staatsführung solidarisierte. Die Empörung war unter den jungen Menschen auch in der DDR eine Allgemeine. Und die tatkräftige Hilfe aus der DDR war für die Chilenen selbst ungemein wichtig. Genauso wie die Unterstützung politischer Flüchtlinge bei uns im Westen.
jayne schrieb am 10.09.2010 um 09:47
"Ich selbst habe im "Haus der jungen Talente" in Ostberlin während diverser "Festivals des politischen Liedes" nicht den Eindruck gewonnen, daß sich da nur die Partei-und Staatsführung solidarisierte." - so ist das von mir auch nicht gemeint, daß sich niemand sonst solidarisiert hätte. Aber ich hatte mir damals eingebildet, daß das viel mehr leute interessieren müßte und sollte in meinem umfeld (arbeit, straße ...) weitgehend auf desinteresse stoßen, und das war auch eine folge der kampagnenartig sich über die ddr-medien ergießenden solidaritätsbekundungen - ganz gleich, ob es um kuba, griechenland, vietnam, chile oder angela davis ging, diese kampagnen sorgten auch für eine ermüdung bei den leuten, sie mochten nichts mehr davon hören, zumal die solidaritätsbewegungen auch instrumentalisiert wurden, während eine kritik nach innen, an den zuständen im eigenen land in den medien kaum statthatte ...
jayne schrieb am 10.09.2010 um 10:18
habe das ende modifiziert, um deutlicher zu machen, was ich meine.
goedzak schrieb am 10.09.2010 um 13:11
Hallo Hermanitou, Du warst mehrmals beim diesem Festival? Warum schreibst Du nicht mal darüber, was Du da so erlebt hast? - Es gibt ja noch das bescheidene Nachfolge-Festival 'Musik & Politik'.
Hermanitou schrieb am 10.09.2010 um 13:19
Yep. Ich habe auch noch die tollen Platten davon ... als singender "Falke" (SJD-Die Falken) war man da dabei.
jayne schrieb am 10.09.2010 um 13:29
habe auch noch lp aus verschiedenen jahren, und war 1973 und 1974 direkt vor ort, blättere in großen abständen in der festivalzeitung von '74; während der festivaltage eröffnete sich wirklich eine andere welt ...
Gustlik schrieb am 10.09.2010 um 10:09
Das sich Allende selbst erschossen hat, galt zu DDR-Zeiten als "Feindnachricht". Heute kann man das natürlich anders einordnen. Für mich war Chile 1973 der erste politische Gong.

Gesellschaftliche Veränderunegn auf dem 3. Allendeweg werden immer wieder über die Strassensperren der USA stolpern. Sie werden es nicht zulassen.
jayne schrieb am 10.09.2010 um 10:22
ja, das war im Guzman-Film gut dargestellt ... Im übrigen habe ich eben Dein blog zum film entdeckt, den Du gestern eingestellt hattest ...
poor on ruhr schrieb am 10.09.2010 um 12:43
Liebe jayne,

vielen Dank für die Erinnerung an Chile. Gerne gelesen.
Ein etwas anderer 11 September dessn Auswirkungen wir auch global spüren und immer machen uns die Eliten weiss, dass es nicht anders gehensoll!

Herzliche Grüße

rr
jayne schrieb am 10.09.2010 um 12:56
ja, lieber rr, so ist es - im dlf heute mittag wurde eben an den 11. september 2001 erinnert, der andere 11. hingegen, der mit wohlwollender unterstützung der us-regierung rechnen konnte, führt ein schattendasein, selbst in chile, wo viele, will man Guzmans recherchen von 2006 glauben, nicht darüber sprechen wollen ...
poor on ruhr schrieb am 10.09.2010 um 13:00
@jayne

ja, genau! Danke für das Blog von Dir , das mich auch an die von mir gelesenen Teile von Naomi Klein´s Katastropphen-Kaptalismus erinnert hat.
ImAugenblick ist ja Chile eher durch die verschütteten Bergarbeiter in Fokus der Nachrichten.
goedzak schrieb am 10.09.2010 um 13:07
Liebe jayne, Danke für diesen Text!

Ich musste auch daran denken, wie wir uns vor genau einem jahr hier über das Thema unterhalten haben. - Das hat jetzt mit Chile 1973 nichts zu tun, aber dieser Gedanke an damals und wenn ich mich so umgucke... na, lassen wir das.

Danke nochmal für alle Deine Beiträge hier!
jayne schrieb am 10.09.2010 um 13:25
ja, lieber goedzak, wenn man sich so umguckt - das nachfolgeprojekt in nicaragua ist dann ja leider gescheitert resp. auch zum scheitern gebracht worden, und bei venezuela muß man abwarten - in brasilien laufen indes zum teil interessante und vielversprechende dinge in sachen direkter demokratie, mal sehen ...
goedzak schrieb am 10.09.2010 um 13:58
Tja, die Herren 'Linken' finden einen Chavez ja lieber 'unappetitlich'. Die Indios sind wahrscheinlich auch bloß minderbemittelte Unterschichtler...

Pardon für meinen Sarkasmus.
archinaut schrieb am 11.09.2010 um 03:34
Gern gelesen, liebe jayne,
vielen Dank!
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