10.11.2009 | 16:52

Die Kanzlerin setzt künftig "auf den Erfindungsgeist von Menschen"

Zur Regierungserklärung von Angela Merkel

Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt, daß die Kanzlerin auch zukünftig auf den Erfindungsgeist von uns Erdlingen vertrauen will und nicht etwa auf die Einfälle einer noch unbekannten Spezies Aliens, der die Green Card für Deutschland schmackhaft gemacht werden könnte. Obwohl mich beim Hören der Regierungserklärung immer wieder das Gefühl beschleichen sollte, sie hätten schon Einzug gehalten, die grüngesichtigen Gnome aus einer entfernten Galaxis, und trieben nun im Hohen Hause ihren Schabernack, hinter den Kulissen ...

Die Kanzlerin hatte zu Beginn ihrer Rede eine "schonungslose Analyse unserer Lage" versprochen, um anschließend zu den Konsequenzen zu gelangen, die "Aufgaben beim Namen (zu) nennen", wie sie blumig zu formulieren wußte, was im Saale Heiterkeit auslöste. Die Analyse blieb sie indes schuldig, bis zuletzt, schwadronierte dafür über die langfristigen Weichenstellungen und kurzfristigen Ansätze zur Krisenbewältigung der neuen "Koalition der Mitte", eine Wortschöpfung, in die sie sich offenbar verliebt hatte. 

"Weltweit werden die Karten neu gemischt", stellte Frau Merkel klar, und Deutschland stehe vor der größten Bewährungsprobe wie seit der deutschen Einheit nicht mehr. Wenn es um die Ressourcen der Erde, Know How, erstklassiges Wissenschaftspersonal gehe, müsse Deutschland ganz vorn mitmischen und seine Interessen wahren. "In unserem Land steckt viel", äußerte die omnipotente Regierungschefin sodann in Bezug auf gut ausgebildete Arbeitnehmer und die Innovativkraft von Wissenschaft und Wirtschaft, und "die Bundesrepublik muß alle Arbeitsplätze in Deutschland im Blick haben." Aber was das im Einzelnen bedeuten mag, folgte nur wenige Sätze später: befristete Arbeitsverhältnisse sollen erleichtert, "Beschäftigungsbremsen" gelöst, Instrumente und Programme der Arbeitsagenturen auf Wesentliches reduziert werden. Flächendeckende Mindestlöhne sieht auch die neue Bundesregierung nicht vor, will jedoch sittenwidrige Löhne verbieten. Und die einzuziehende kapitalgedeckte Säule der Pflegeversicherung, die, so die Kanzlerin, den Kreislauf ungerechter Belastung jeweils nachfolgender Generationen durchbrechen soll, werde im Endeffekt ein Mehr an Solidarität zeitigen, statt weniger. Davon, daß der Arbeitnehmer dafür z.B. allein aufkommen muß, war nicht die Rede.

Verschwommen wirkte das Regierungskonzept namens "Wachstumsbeschleunigungsgesetz", auf das die Kanzlerin danach zu sprechen kommen sollte. Man wolle "neues und stärkeres Wachstum" schaffen, aber für einen Erfolg dieses Weges gäbe es keine Garantie. Der Mittelstand solle gefördert und der Bankensektor auf seine "im Kern dienende Funktion" in Bezug auf die Wirtschaft eingeschworen werden. Das löste abermals Heiterkeit in den Reihen der Opposition aus, wie auch das bonmot von der Steuerpolitik, die als Gesellschaftspolitik zu betrachten sei. Denn man wolle das Steuerrecht nunmehr endlich vereinfachen, und sie warb dafür mit dem Slogan "Einfach, niedrig und gerecht."

Zur Klima- und Umweltpolitik war zu hören, daß man "den Weg in das regenerative Energiezeitalter gemeinsam gehen" wolle, und dann folgte die nur wenig innovative Aufzählung der Komponenten des Energiemixes - AKW seien für eine Übergangszeit noch unverzichtbar, ebenso Braunkohlenkraftwerke, und dies, obwohl das Energieangebot derweil so verdichtet ist, daß Windkraftanlagen immer wieder abgeschaltet werden. Die Kobolde aus dem All haben in den Hinterzimmern der Ministerien und des Bundeskanzleramts also offenbar schon kräftig mitgemischt ...

"Jeder kann Deutschland besser machen" schloß die Kanzlerin "das schließt die Opposition mit ein."

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 10.11.2009 um 17:07
Liebe jayne,

vielen Dank für den sehr guten Blog. Das Thema finde ich persönlich ja immer etwas traurig, doch Du hast wie immer pointiert aufgezeigt, wie Politik gegen die Interessen der kleinen Leute gemacht wird und wie das dann trotzdem als eine Riesengeschenkpackung verkauft wird.
Ich finde das persönlich immer bedrückend und gehöre zu den Typen die "Anne Will" auch schon mal auschalten, weil sie das Geschwafel der Politiker einfach physisch und psychisch nicht mehr ertragen können. (-Auch wenn es heißt dass die "Wahrheit jedem zugemutet werden kann" (Hannah Arendt?))
Reden aus dem Bundestag sind da schon etwas Anderes und bei einer Regierungserklärung dürfte man / frau als Bürger/ Bürgerin ja schon einen Anflug von Ehrlichkeit und aufrichtigem Einblick in die Vorhaben der nächsten vier Jahre erwarten. Was von der Regierungserklärung von Angela Merkel zu halten ist, hast du nach meiner Einschätzung in Deinem Blog vollkommen richtig und zutreffend beschrieben. Vielen Dank dafür.

Herzliche Grüße

por
mahung schrieb am 10.11.2009 um 17:29
Hallo Jayne, danke für den Beitrag.

"Wachstumsbeschleunigungsgesetz"

Das Wortungetüm verschleiert und verdeckt, was es eigentlich meint. Geld in die Taschen derjenigen die es gegenwärtig am wenigsten brauchen auf Kosten derjenigen die es zurzeit schon dringend oder gegenwärtig dringend brauchen. Der (Wahn)Witz ist, dass hier eine Wirtschaftstheorie zugrunde liegt, die nachgewiesen weltweit bisher immer gescheitert ist. Angeblich generieren Steuersenkungen auf Pump, Wachstum und zwar derart viel, dass alle Schulden einst beglichen werden können und auch noch was übrig bleibt. Die angeblich so analytisch denkende Kanzlerin sollte es besser Wissen. Der Winter wird kalt ...
I.D.A. Liszt schrieb am 11.11.2009 um 19:50
Ja, die Wahrheit sollte jedem Menschen zugemutet werden könen, aber hier wird ja keinerlei Wahrheit ausgesprochen, sondern wild drauflos die Phrasendreschmaschine bedient.

An dieser Stelle möchte ich mich mal wieder selbst zitieren (aus einem Kommentar zu sachichmals Kommentar zu Ludischbo zum selben Thema: www.freitag.de/community/blogs/ludischbo/die-kanzlerin-glaubt-nicht-an-die-wirtschaftspolitik-ihrer-koalition):

>"Wachstumsbeschleunigungsgesetz" ist so ein Wort, an dem man fühlen kann, daß es eine Lüge darüber ist, was es gesetzlich zu regeln vorgibt.<

Die Wahrheit dagegen, die jedem Menschen in unserer Lage zugemutet werden können müßte, ist doch vielmehr, daß alles nicht mehr so weitergeht wie bisher, daß dieses Wirtschaftssystem seine Grenze erreicht hat, daß man andere Formen des Wirschaftens finden muß und andere Arten, den erwirtschafteten und/oder vorhandenen Reichtum zu verteilen, sodaß eine möglichst große Zahl von "Bürgerinnen und Bürgern" (auch so eine Merkel-Phrase) daran teilhaben kann.

Diese Wahrheit jedoch will Frau Merkel weder sich noch der Klientel ihrer eigenen Partei noch der ihrer Koalitionspartner zumuten, und auch uns "Bürgerinnen und Bürgern" nicht, denn alle "Bürgerinnen und Bürger" müßten ihren Lebensstil radikal ändern.

Wem kann man diese grausame Wahrheit schon zumuten, wenn man nicht eine Revolte der Unzufriedenheit auslösen will?
poor on ruhr schrieb am 12.11.2009 um 22:11
Lieber I.D.A. Liszt,

herzlichen Dank für die Reaktion auf meinen Kommentar auf jaynes Blog. Stark! Ich denke , Du hast Das Richtige geschrieben! Bei den körperlichen Arbeiten auf meiner arbeit habe ich heute darüber auch nochmals reflektiert und auch gedacht, um welche Wajrheit es eigentlich geht, hedenfalss bestimmt nicht um unsere Wahrheit! Danke!

Herzliche Grüße

por
I.D.A. Liszt schrieb am 13.11.2009 um 01:17
Lieber por,

danke für die Streicheleinheiten.

Nein, unsere Wahrheit ist das tatsächlich nicht, sondern die der herrschenden Klasse. Leider ist dieser Begriff der allgemeinen Verdummnebelung zum Opfer gefallen, so daß man sich heute fast lächerlich macht, wenn man ihn gebraucht.

Er trifft aber trotzdem immer noch zu.
Ich bin überzeugt: D a s ist unsere Wahrheit.
Wir werden von einer herrschenden Klasse unterdrückt und ausgebeutet.
Jetzt höre ich mich altmodisch an!

Herzlichst,
I.D.A. Liszt
Magda schrieb am 10.11.2009 um 17:24
Hallo jayne,
ja eine Meisterin der Verschwommenheiten. Das ist das einzige, das wächst - der Verschwommenheitsgrad.

Also los jetzt - wir werden jetzt Deutschland besser machen. Sie spricht ja noch immer in solchen Wahlkampfformeln. Doch doch, wir folgen Frau Merkel. Und sie schließt die Opposition ein: Wo schließt sie sie denn hin?
Titta schrieb am 10.11.2009 um 19:10
Danke jayne,

tapfer, tapfer. Weil du dich mit dem Schwachsinn näher befaßt hast, muß ich das jetzt nicht mehr tun. Mit der Zusammenfassung von dir bin ich ja nun gut "informiert". Wie lange dauerte die Rede eigentlich?
jayne schrieb am 11.11.2009 um 07:48
Eine knappe stunde, liebe Titta, und dann war langweiler steinmeier an der reihe, der offenbar unter permanenten gedächtnisschwund leidet, was die eigene rolle in der letzten legislatur betrifft - tabula rasa, immer wieder gern praktiziert im politischen geschäft ...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.11.2009 um 14:25
"Wachstumsbeschleunigungsgesetz" für dessen Erfolg es keine Garantie gibt, aber zumindest 'mal ein Gesetz. So ähnlich wie "Umweltprämie". Jayne, Du hast das echt ganz vorzüglich zusammengefasst. Ohne Ironie, nicht mal richtig Kritik, ganz einfach Bestandsaufnahme, einfach toll. Hähä, aus der Ferne ist gut Lachen, was Sarko hier in Frankreich für Blindgänger verteilt schafft die "Koalition der Mitte" in Deutschland scheinbar mit links, bzw semantischer Bravour.
jfenn schrieb am 10.11.2009 um 19:23
Wenn ich es richtig sehe, kann die Rede Merkels derzeit immer noch nicht in der Mediathek des Deutschen Bundestags abgerufen werden ...
jfenn schrieb am 10.11.2009 um 21:09
Wer sich die Rede anschauen möchte, findet sie in der ZDF Mediathek in voller Länge: www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/893838/Merkel-Viel-Anlass-zur-Zuversicht?bc=sts;stt&flash=off
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 08:28
Hut ab, ich kriegs nicht über mich, mir sowas anzuhören/-sehen. Du hast es mir erspart. Danke!
jayne schrieb am 12.11.2009 um 08:33
lieber meisterfalk, meine lebensgefährtin hält das auch nicht ab, während es für mich beinahe eine alltägliche pflichtaufgabe ("munition sammeln") - am wochenende besuche ich den bundesparteitag der spd hier in dd, und werde steinmeier und die anderen spd-verweser hoffentlich bei gutem verstande überstehen ...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 08:46
Drücke den Daumen für Deinen Verstand!
I.D.A. Liszt schrieb am 12.11.2009 um 16:57
Jayne, also >spd-verweser< ist ja wohl ein großartiger Ausdruck - treffender geht es nicht...
Titta schrieb am 12.11.2009 um 22:15
Oh jayne,

dann wünsch ich dir alles Gute. Vielleicht ist ja das Wetter wenigstens schön am Wochenende.
jayne schrieb am 13.11.2009 um 07:26
@ all: das wetter ist tatsächlich schön, und die spd-genossen genießen vorab einen ökumenischen gottesdienst (8.00 uhr), eröffnen dann 9.30 uhr spektakel, rundum werden verschiedene sponsor-firmen ihre angebote offerieren (kein witz, die liste der aussteller ist auf der spd-seite aufgeführt) ... Gestern habe ich mir schon das akkreditierungskärtchen abgeholt, die dresdner messe war schon toll zum parteitagsgelände umfunktioniert; die abteilung, die das alles koordiniert, nennt sich übrigens "eventmanagment", und so wissen wir, womit wir es die kommenden drei tage zu tun haben werden ...
jayne
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