14.11.2009 | 16:54

"Die SPD ist nicht da, um als Partei da zu sein" oder Der Tag danach

Eindrücke vom Bundesparteitag der SPD in Dresden, nach dem Erscheinen des Erzengels Gabriel

Dem zweiten Tag war ein ruhigerer Beginn beschieden, für etwas Aufsehen vor dem Haupteingang zum Messegelände sorgte nur eine Gruppe der Linksjugend "solid" (Die Linke), die einen Offenen Brief an die Delegierten der SPD verteilen wollte. Dort heißt es: "Als Teil einer Generation, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die politische Landschaft mitgestalten will, fordern wir die SPD - und insbesondere die Mitglieder der Jusos - auf, sich endlich für eine sozial gerechtere Gesellschaft einzusetzen und die ideologischen, personellen und inhaltlichen Vorbehalte gegenüber Menschen, die links von der SPD eine politische Heimat gefunden haben, fallen zu lassen. Denn eines haben die Ergebnisse dieses Wahljahres mehr als deutlich gezeigt: Nur zusammen haben wir die Kraft, dieses Land zu verbessern!" Sie versuchten auch dem gerade eintreffenden Kurt Beck ein Exemplar zuzustecken, doch der winkte ab und rief "lernt erst einmal Politik!"

Der Saal zeigte sich gegen 9.00 Uhr noch kaum gefüllt, und so konnte ich die Zeit nutzen, um die dem Plenum vorgelagerte Ausstellungshalle zu besichtigen. Neben den Ständen verschiedener Kreisverbände, Arbeitsgemeinschaften und Initiativen der SPD waren auch die Präsentationen diverser Unternehmen und Verbände zu finden. Bertelsmann-Stiftung und BDI, Phillip Morris, PKV und Audi in Eintracht mit Friedrich-Ebert-Stiftung, AWO oder der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, und die Sparkasse schenkte Kaffee aus, in roten Bechern ...

Mit Spannung hatte ich die Rede des Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier und die sich anschließende Aussprache erwartet - Aber hier zeigte anscheinend das vorabendliche Erscheinen des einenden Erzengels schon Wirkung, denn von Widerspruch war in der Aussprache nur wenig zu spüren, ganze zwei Delegierte beteiligten sich daran. Dabei hatte Steinmeier genug Angriffsflächen geboten, z.B. in Bezug Arbeitsmarktpolitik. Er geiselte die dauerhafte Spaltung der Arbeitnehmerschaft in solche, die von ihrer Arbeit leben können und jene, die mit Niedriglöhnen abgespeist werden und am Monatsende noch aufs Amt müssen. Am Vortag wären die Reaktionen seitens der Delegierten darauf wohl harrscher ausgefallen, denn da hatten bei anderer Gelegenheit viele der Redner klargestellt, daß die SPD die Mitverantwortung für die Ausweitung der Leiharbeitsverhältnisse als auch des Niedriglohnsektors während ihrer Regierungszeit trägt und dies auch deutlich benannt werden sollte.

Doch nun schien die Zeit zurückgedreht oder der von den Delegierten initiierten Analyse die "Spitze" genommen, und Steinmeier konnte das ganze Spektrum künftiger Oppositionspolitik ausbreiten, ohne kritische Nachfragen fürchten zu müssen. Auf Versäumnisse und Fehler während der rot-grünen und schwarz-roten Regierungszeit ging er nicht ein, so war es ein Leichtes, einen Forderungskatalog an die schwarz-gelbe Koalition aufzumachen, dem man selbst in der Regierungsverantwortung nur ansatzweise entsprochen. Beispielsweise in Sachen Mindestlohn - entsprechende Anträge der Opposition zu einem flächendeckenden Mindestlohn sind in der Vergangenheit stets auch von der SPD abgeledert worden. Steinmeier leistete eine gründliche Kritik des schwarz-gelben Koalitionspapiers und der ersten Schritte der neuen Regierung (Wachstumsbeschleunigungsgesetz), aber ohne kritische Sichtung der eigenen Regierungstätigkeit erscheint das nur wenig glaubwürdig. Wie formulierte gestern Christian Reinke aus Mecklenburg-Vorpommern in Bezug auf die Rolle der SPD bei der Teilprivatisierung der Rentenversicherung: "Wer die gesetzliche Rente teilprivatisiert, kann nicht mehr glaubwürdig gegen die Privatisierung in anderen Bereichen der sozialen Sicherungssysteme auftreten."

Nur während der Debatte zum Leitantrag sollte der kritische Geist vom Vortage noch einmal aufscheinen, ein Delegierter betonte, der Bundesparteitag solle den Anfang und nicht das Ende der notwendigen Debatte bilden, und das müsse der Leitantrag auch ausdrücken. Christine Nägele aus Bayern merkte an, daß der Antrag zu undeutlich in Bezug auf die Fehler der SPD in ihrer Regierungszeit ausformuliert sei und nannte in diesem Zusammenhang Leiharbeit, Hedge-Fonds, die Reduzierung der Leistungen im Gesundheitswesen. Dem Abstimmungsverhalten in Sachen Initiativantrag Nr. 11 zum Leitantrag, von dem nur der erste Absatz von der Antragskommission übernommen worden ist, was mehrere Redner scharf kritisierten, wird entscheidende Bedeutung für einen Neuanfang der SPD beigemessen, zumindest von großen Teilen der Delegierten. Denn gerade in den nicht übernommenen Absätzen 2 und 3 findet sich die Kritik an den politischen Entscheidungen der SPD-Führung sehr konkret formuliert.

Indes bildete das alles kein Hindernis, am frühen Nachmittag den vormaligen Vorsitzenden Müntefehring noch einmal zünftig zu feiern und mit stehenden Ovationen aus dem Vorstand zu verabschieden.

Nachtrag 17.18: Heftig auch die Auseinandersetzung um die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, ein Antrag, der von Franziska Drohsel eingebracht wurde. Dieser Antrag ist soeben mit großer Mehrheit angenommen worden.

2. Nachtrag: Der Initiativantrag 11 ist am Abend tatsächlich nur zu einem geringen Teil angenommen worden, die Absätze 2 und 3 wurden hingegen entsprechend dem Vorschlag der Antragskommission mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.11.2009 um 17:02
Der BDI hätte doch eigentlich 'n paar anständige Espressomaschinen hinstellen können, die Geizhälse.

"lernt erst einmal Politik!" und standing ovations für Müntefering - na, ja.
Streifzug schrieb am 14.11.2009 um 17:20
Dass du dir sowas antust. Das ist ja schon gelebter PolitMasochismus.
jayne schrieb am 14.11.2009 um 17:28
naja, ganz so schlimm ist es nicht, s' gibt auch erfreuliches, und jetzt sitze ich wieder zuhause und verfolge das ganze per livestream -
Magda schrieb am 14.11.2009 um 17:30
"Das ist ja schon gelebter PolitMasochismus."

Na, also, wenn man was beurteilen will muss man sich das doch auch angucken. Wenigstens, wenn die Gelegenheit dazu da ist und eine gewisse journalistische Neugier.
Sonst wird eine diffuse ignorante Feindbildpflege ohne Argumente.
Streifzug schrieb am 14.11.2009 um 19:23
@Magda,

diffuse ignorante Feindbildpflege kurz diff, genau das wäre was für mich ;)
I.D.A. Liszt schrieb am 15.11.2009 um 23:17
@ Magda:

Um einen Parteitag der SPD zu beurteilen, muß man sich nicht dahin begeben. Man sollte doch eigentlich ziemlich genau wissen, was dort aufgeführt wird.
Magda schrieb am 14.11.2009 um 17:28
Da kriegt man einen guten Eindruck. Frage: Hast Du das gleich vor Ort geschrieben oder erst von zu Hause? Das ist ja schnell im Netz.
Ich frage mich die ganze Zeit, wie die SPD sich so von einer in die andere Tasche lügen kann.

Da ist ganz bestimmt viel "Vorarbeit" wieder geleistet worden, damit es keine Revolten gibt. Wahrscheinlich wieder solche Geschlossenheitsappelle.

Und die Vermögenssteuer soll also wieder eingeführt werden, falls die SPD mal wieder an die Macht kommt. Na, das wird sich wohl hinziehen. Da kann man das schon fordern.

Danke Dir
Gruß Magda
jayne schrieb am 14.11.2009 um 17:41
den beitrag habe ich dann zuhause geschrieben, mir vor ort nur reichlich notizen gemacht - mehr, als ich in so einen beitrag letztendlich verarbeiten kann. Und was passiert, ist schon eine zwiespältige geschichte: gestern trat Gabriel als derjenige auf, der die reihen wieder schließen möchte, die partei einen, und seitdem befindet sich das kritische potential auf dem rückzug. Dabei steht gabriel genauso für die regierungsjahre der spd in der verantwortung wie etwa münte oder steinmeier. Zum größten teil abgeschmettert wurde eben ein initiativantrag (I 11), der eben die grundsätzliche kritik am bisherigen kurs der spd im leitantrag verankert wissen wollte.
poor on ruhr schrieb am 14.11.2009 um 21:39
Liebe jayne,

vielen dank für Deinen großen Aufwand und die vielen Informationen vom SPD-Parteitag. Wenn ich das so lese schwindet dieser Anflug von Hoffnung, den ich gestern hatte, wieder langsam etwas. Man darf von den Genossen von der SPD leider wohl nicht zu viel erwarten. Bei BDI, Philip Morris und vor allem bei der Bertelsmann-Stiftung kam mir auch so dieses "Na Ja" im Stile von meisterfalk hoch. Na ja.

Herzliche Grüße

por
jayne schrieb am 15.11.2009 um 15:24
Erhard Eppler betonte in seiner heutigen gastrede vor den delegierten, die sozialdemokratie sei besser als andere parteien auf die zukunft vorbereitet - diese aussage erscheint mir doch etwas zu optimistisch bzw. muß sich erst in der zukunft erweisen, ob die von Nahles und Gabriel versprochene intensivierung der mitgliederbeteiligung und der grundsätzliche neuanfang tatsächlich realität werden. Eppler hielt eine beachtenswerte rede, zog parallelen von bad godesberg (1959) zu heute (dresden), die rede ist auch hier nachzuerleben:
Knüppel schrieb am 15.11.2009 um 16:23
Liebe Jayne,

Epplers Rede, war die einzige, die ich mir auf "Phoenix" angesehen habe. Ich fand sie beachtlich, wenn ich auch seinen "Optimismus" im Hinblick auf die SPD nicht teile.

Wenn Eppler sinngemäß sagte "Ältere seien nicht klüger, aber sie hätten mehr Verleichsmöglichkeiten", war das pfiffig formuliert.

Als er dann die kampflose Aufgabe sozialdemokratischer Werte, durch die Partei ansprach, die Begriffe "Gerechtigkeit-Solidarität-Freiheit" einander gegenüberstellte und darauf hinwies, dass sie einander bedingen, war das ... was?

Ich meine, es war ein Tritt in den Hintern von Schröder-Müntefering-Steinmeier und all denen, die immer noch keine wirkliche Fehler-Aufarbeitung vorgenommen haben. Sie sind die Totengräber der SPD.

Die "GenossInnen" klatschten brav Beifall (wahrscheinlich dachten sie, "wird wohl dessen letzter Auftritt auf einem SPD-Parteitag sein") und zeigten damit doch nur, dass sie offenbar nicht verstanden, dass ihnen ihr Verhalten soeben links und rechts um die Ohren geschlagen wurde.

Eppler ist ein sozialdemokratisches Urstein, ich entdecke in der heutigen SPD auf Anhieb niemanden mit seiner Kompetenz und Analysefähigkeit und ich ... werde die SPD nie wieder wählen! Ja, ich weiß, man soll nie "nie" sagen, ich tue es trotzdem.

Beste Grüße
SP
mahung schrieb am 15.11.2009 um 17:41
Hallo Jayne,

habe die Rede von Eppler auch gesehen. Leider ist er - wie in jeder Partei - einer der nichts mehr zu sagen hat und deshalb Dinge formuliert, vor welchen die Aktiven der Parteien zurückschrecken (Blüm-Geißler-Dressler-Effekt)würden.

Ich halte sehr viel von Eppler und seine Anmerkungen zu Marktfanatismus, Steuersystem und der Ausspruch, Freiheit und soziale Gerechtigkeit seinen keine Gegenpole einer Balkenwaage (wie es Ideologie bei FDP und großen Teilen der CDU ist), wo immer die eine Seite zulasten der anderen pendelt, sondern soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Demokratie bedingen einander, sprach mir aus der Seele.

Ich las vor einiger Zeit ein Buch von Eppler, welches ich hier empfehlen möchte:

Erhard Eppler; Auslaufmodell Staat?; Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2005

... und zum Schluss noch ein kleines Bonmot von Titanic-Online zum SPD-Parteitag in Dresden:

SPD gerettet

Mitgliederschwund, kaum noch Wähler, Nahles und Süßigkeiten-Siggi als Führungsduo: Die SPD gilt als fast zerstört. Jetzt der letzte Rettungsversuch: Auf dem SPD-Parteitag in Dresden wurde einstimmig beschlossen, die SPD als Unesco Weltkulturerbe anzumelden.
jayne
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