15.11.2010 | 13:00

"Die Welt schläft nicht" - aber der Realitätssinn der Kanzlerin ...

Heute hat in Karlsruhe der Bundesparteitag der CDU begonnen, und die gerade laufende Grundsatzrede der derzeitigen Parteivorsitzenden Angela Merkel könnte man Satz für Satz zerpflücken und nach ihrem Wahrheitsgehalt abklopfen, denn Ausdruck einer Orientierung an der Lebenswirklichkeit und an den Dingen, die die Leute hierzulande bewegen, ist die Rede nicht.

Rot-Rot-Grün zu verhindern, bezeichnete Merkel eingangs ihres Beitrags als Aufgabe von historischer Tragweite, und dann holte sie auch schon zum Rundumschlag gegen die Oppositionsparteien aus, deren Vertreter sich als hämische Kritiker unter die Demonstranten in Gorleben mischten (Linke), oder meinten, bürgerliche Politik erschöpfe sich im Hochhalten von Transparenten (Grüne).

Mit den Bürgerrechten, bürgerschaftlichem Engagement und der Funktionsweise von Politik in einer Demokratie scheint die Kanzlerin ihre Probleme zu haben, jedenfalls zieh sie jene, die "nur" protestierten, z.B. gegen S21 oder Castor-Transporte, der Verantwortungslosigkeit; Verantwortung wahrzunehmen bedeute etwas anderes ... Dabei vergißt sie wieder einmal mehr, daß es ursprünglich der Massenprotest 1989 auf der Straße war, der ihr die Möglichkeit eröffnete, hier und heute als Parteivorsitzende der CDU und Bundeskanzlerin zu agieren.

Auch Verdi-Vorsitzender Bsirske bekam sein Fett ab, weil er ausgerechnet im ND, dem ehemaligen Zentralorgan der SED, in einem Beitrag für das Recht auf politischen Streik plädierte. Das hätte er doch mal unter Rot-Grün machen sollen, monierte sie, aber auch da wäre es die falsche Zeitung gewesen ...

Als Beweis für den Realitätsverlust können auch Angela Merkels Einlassungen zu Krisenbewältigung und Energiepolitik betrachtet werden. Zu letzterer äußerte sie, die Schwarz-Gelbe Koalition wäre die erste Regierung überhaupt, die nicht nur über die Stärkung des Sektors Erneuerbare Energien rede, sondern diese auch politisch umsetze. Dazu bedürfe es nun mal auch der Brückentechnologien ...

Selten so gelacht ...

 
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Kommentare
seriousguy47 schrieb am 15.11.2010 um 14:19
Die Probleme mit der Realitätswahrnehmung scheinen bei Merkel inzwischen sehr tiefgehend zu sein....:

"In ihrer Eröffnungsansprache zum Karlsruher Bundesparteitag der CDU begrüßte Angela Merkel die Delegierten "in Stuttgart". Offenbar ein Freudscher Versprecher"

www.tagesspiegel.de/berlin/merkel-begruesst-karlsruher-delegierte-in-stuttgart/2586846.html

...und sie scheinen nicht nur geographischer, sondern auch verfassungspolitischer Natur zu sein:

"Die Finanzierung des umstrittenen deutschen Bahnprojekts „Stuttgart 21“ durch das Land Baden-Württemberg ist laut einem Gutachten verfassungswidrig.....Baden-Württemberg habe nicht das Recht, das Projekt mitzufinanzieren, betonte der Verfassungsrechtler Professor Hans Meyer von der Berliner Humboldt-Universität heute in Stuttgart."

orf.at/stories/2025513/
seriousguy47 schrieb am 15.11.2010 um 14:21
Hinweis: Der Tagesspiegel hat seinen Beitrag inzwischen verändert. Das Zitat stimmt trotzdem.
poor on ruhr schrieb am 15.11.2010 um 17:40
Liebe jayne,

woe gut geschrieben. Spricht mir aus der Seele. Danke.

Sehr starke Sätze darin, wo ich anbgeschnellt habe, z.B:

"Dabei vergißt sie wieder einmal mehr, daß es ursprünglich der Massenprotest 1989 auf der Straße war, der ihr die Möglichkeit eröffnete, jetzt als Parteivorsitzende der CDU und Bundeskanzlerin zu agieren." Im Inhalt so einfach und doch nur all zu wahr! Beeindruckend!

Herzliche Grüße

poor on ruhr
Ehemaliger Nutzer schrieb am 15.11.2010 um 21:09
Mit solch einer dicken Schwarte wird die Merkel hoffentlich diesen Junker aus der CSU mal los. Wenn sie diesem Typen im Februar hilft um noch mehr Soldaten nach Astan zu schicken, kann sie wirklich das Handtuch werfen. Weil, mit einem Bundeskanzler Guttenberg und einem Aussenminister Özdemir gibt's bestimmt 'ne Bombenstimmung für Gesamt-Toitschland; - da kann dann gleich auch noch ein Endlager im Stuttgarter Schlosspark gebaut werden.
poor on ruhr schrieb am 16.11.2010 um 13:55
@sachichma

"...diesen Junker aus der CSU..." Klasse Beschreibung und toller Ausdruck. ;)

Herzlicher Grüße

por
mahung schrieb am 15.11.2010 um 21:35
"Dabei vergißt sie wieder einmal mehr, daß es ursprünglich der Massenprotest 1989 auf der Straße war, der ihr die Möglichkeit eröffnete, jetzt als Parteivorsitzende der CDU und Bundeskanzlerin zu agieren".

Nicht nur dass. Sie vergisst, und Ihr Innenminister auch, dass nach den Maßstäben, die Sie nunmehr anlegen, in der DDR keine Massenproteste hätten stattfinden dürfen - da sich an geltende Gesetze zu halten, erste Bürgerpflicht ist.

"Die erste Bürgerpflicht sind Ordnung und Ruh,
schlaf gut und mach die Augen nur fest zu." Die Skeptiker, 1988, JaJaJa, MC: "O.T." (oder "Harte Zeiten", 1989, Amiga)

Dabei kommt noch hinzu, dass im Gegensatz zur DDR heute ein Demonstrationsrecht existiert und unsere nunmehrige Nomenklatura das irgendwie lästig zu finden scheint. Dazu noch folgend - wie soll es bei mir anders sein, ein netter "Brief an die Leser" aus der aktuellen Titanic:

>>Übrigens, Herr de Maizière!

War es nicht ein wunderschönes Kompliment, das Ihnen die kritischen Journalisten von der Zeit da im Interview machten? Noch einmal, zu Ihrer Labsal: »Wir müssen uns immer anstrengen, mit Ihnen zu streiten, Herr Minister, weil wir meist sympathisch finden, wie Sie denken.« Ein Satz, so sonnenschön, daß ihn noch die linientreusten Zonen-Zensoren dem Neuen Deutschland nicht hätten durchgehen lassen: aus Gründen der Systemglaubwürdigkeit.
Aber verstehen auch Sie wenigstens nach und nach, de Maizière, warum das deutsche Kulturkleinbürgertum derzeit so an der DDR leidet? Weil es sich selbst in deren Nomenklatura wiedererkennt? Nein? Sie verstehen schon die Frage nicht?
Dann will nichts gesagt haben: Titanic
Ernst schrieb am 16.11.2010 um 08:08
Ach, ich liebe Parteitage jeger Art und jeglicher Couleur. Bei allen geht es immer so schön selbstbeweihräuchernd zu. Die eigenen Fehler werden zu notwendigen Fortschritten umgedeutet, die anderen Parteien werden genüßlich geschlachtet und ausgeweidet ... Sendungen dieser Art im TV können höchstens noch von den Samstagabendvolksmusikergüssen getoppt werden.
sozenschreck schrieb am 16.11.2010 um 08:18
@Ernst
Sendungen dieser Art im TV können höchstens noch von den Samstagabendvolksmusikergüssen getoppt werden.
----------------------------------------------------------------------
...und von Sendungen über die mangelhafte Grabpflege für Romy Schneiders Grabstelle in Paris!
Nicht zu vergessen die Berichtserstattung von den Pickeln am A*sch Lady Gagas.
Ach ja, DSDS ist auch sehr hoch im Kurs im Unterschichtenfernsehen (bes. RTL, SAT1 etc.).
mcmac schrieb am 16.11.2010 um 10:37
Heute, am 2. Tag in Stuttgart ...ähh Karlsruhe, rockt der CDU-Parteitag Schland (und morgen dann die ganze Welt) mit dem Werte-Schocker PID; ein gesellschaftlich unglaublich relevantes Thema derzeit, da (laut 1-EXTRA-tagesschau) im Jahr ca. 4 Paare in Deutschland diese PID vornehmen lassen. Boah ey, echt christlich. Und superdemokratisch, wie es da zur Sache geht. Das sollten sich alle HartzIV-Jammerlappen mal ansehen und anschließend hinter die Löffel schreiben.
jayne schrieb am 16.11.2010 um 11:36
auch hier paßt walther von der vogelweides ausspruch "ahi, wi kristenliche nu der babest lachet ..." jetzt spricht gerade die saarländische sozialministerin zum thema ...
mcmac schrieb am 16.11.2010 um 13:20
...und wie christlich auch die päpstlichen Herolde mitkichern: Voluminöser Aufmacher der ARD-Nachrichten ist dieses den Planeten demnächst aus der Umlaufbahn bringende Thema.

Nur ein Mal, ganz kurz, hat der bestimmt nicht als außerordentlich linksextrem bekannte Robin Lautenbach blumig umschreibend darauf verwiesen, dass diese ernsthafte offene und kontroverse "Diskussion" vielleicht doch eventuell und eher eine scheinheilige Debatte zwecks Schärfung konservativen Profils für potentielle Schwarz-Wähler sein könnte...aber nur eventuell...damit hinterher keiner sagen kann, es wurde von den unabhängig-überparteilichen Qualitätsmedien nicht auch gesagt, von wegen "tendenziös" oder gar "Zensur" oder "chinesische Verhältnisse" -musste halt richtig hinhören, dummes Volk.
mcmac schrieb am 16.11.2010 um 13:42
Ergänzung:

...wobei „konservativ“ in diesen Zusammenhängen selbstverständlich das gute, alte „reaktionär“ meint. „Konservativ“ ist ja eigentlich etwas Gutes. Um das auch mal festzuhalten.

Das neoliberalistische und daher im Beginn schon missbräuchlich verwendete Schlagwort von der 'Umwertung der Werte' ist in Wirklichkeit vor allem eine Vergewaltigung der Begriffe, eine Pervertierung ihres Sinns zwecks Verschleierung von banalen, aber gewaltigen minoritären Machtinteressen. Ein Mittel, dessen sich die bewusst-und seelenlosen Mainstreammedien ganz selbstverständlich und ohne zu hinterfragen bedienen...darüber würde ich mir mal eine Diskussion wünschen.
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