09.11.2011 | 11:12

Große Wäsche und die Kategorien Krieges

 

Die Erinnerung an Vormittage im Waschhaus, wenn die Weißwäsche im Kessel kochte, es ans Spülen ging - die Holzwanne, in der wir sommers gelegentlich auch im Freien badeten, wurde per Schlauch mit Wasser befüllt, doch was ich dabei im Auge hatte, waren die hellen und die dunklen Flächen auf dem Estrich, die abwechselnd wuchsen, weniger wurden ...

Den hellen Stellen galt die kindliche Sympathie, denn das waren die trockenen, die sich gegen Ende des Waschtags allmählich ausweiteten, miteinander verbanden - das Kind nannte sie "die befreiten Gebiete", war voller Freude, wenn es mehr wurden. Es dachte an "Befreiungskampf", Kampf gegen Kolonisatoren, etwas, das es beim Radiohören aufgeschnappt haben mochte, oder den Losungen abgelauscht, auf Transparenten an der Straße gelesen ...

Die Kategorien des Kriegs waren ihm, waren uns allgegenwärtig und vertraut, wir dachten in ihnen. Unsere Spiele waren geprägt vom Denken in diesen Kategorien - unsere Spiele, obgleich Friedenskinder wir, in einen Frieden hinein geboren, der eher ein Nichtkrieg, sekundiert von Detonationen aus dem Äther -

Und gegenwärtig die Erzählungen Kriegs, Weltkrieg I und II, und die diverser anderer Kriege, die diesen vorangegangen oder gefolgt, Korea, Kuba, Vietnam ... und der Wortbesatz davon geprägt - ja, wir waren besessen von Worten, von Anfang an, die den Kategorien des Kriegs verpflichtet.

Und dieser Wortbesatz erschien uns im Anfang, im allmählichen Begreifen so kryptisch wie die auf uns überkommenen Mauerinschriften und Ruinen, Rudimente einer Vorzeit, von der wir uns kaum einen Begriff machen konnten, von der Bestimmung des einen oder anderen Gebäudes, in dessen Traufe nun Birken wuchsen, sich Gräser festgesetzt und das aus leeren Fensterhöhlen starrte ...

Das Schweigen der Erwachsenen, nach ihrer Bestimmung gefragt, mochte bedeuten: daß da keine erinnerlich ... Den Kategorien des Kriegs entsprachen die des Friedens: man mußte wachsam sein, gewappnet ...

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 09.11.2011 um 13:04
Nichtkrieg, noch präziser gesagt, regional begrenzter Nichtkrieg, ist ja heute i.G. auch wieder der Zustand. Wobei die Nähe des Dochkrieges größer ist, als wir uns eingestehen möchten.
jayne schrieb am 09.11.2011 um 13:20
da gebe ich Dir Recht, man könnte auch von der Nachkriegsordnung der Dinge sprechen, bezogen auf die 50er/60er Jahre ...
goedzak schrieb am 09.11.2011 um 13:15
"...die Holzwanne, in der wir sommers gelegentlich auch im Freien badeten, wurde per Schlauch mit Wasser befüllt,..."

Ich saß mit meinen vielen Brüder immer in sowas:

Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.11.2011 um 17:34
@ Jayne
ein schöner dichter Text.
poor on ruhr schrieb am 09.11.2011 um 20:38
Schöner Text. Gerne gelesen. Danke. An diese Erzählungen kann ich mich auch noch erinnern und an den Onkel von der Marine der im Krieg ein Bein gelassen hat.
jayne
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