10.03.2010 | 10:40

Leerstellen-Tango

Bin über eine Leerstelle gestolpert, gestern abend, als es dunkelte, und Leerstellen entwickeln bekanntlich zentrifugale Kräfte, weshalb ich kaum Schlaf finden konnte, dagegen sind die Wirkkräfte des neuen CERN-Reaktors nichts ...

Leerstellen erscheinen doppeldeutig, sie signalisieren Fehlbedarf, das Nichts, den Mangel, die Fehlbesetzung, das Unbewußte, Unbekannte, Fehlgeschlagene - und schon ist man "aus dem Schneider" - doch so einfach geht das nicht.

An der Leerstelle wird man los, was sich als ungeeignet, unbrauchbar erwiesen, dessen man überdrüssig (ja, die Drüsenfunktion: ausscheiden) - die Leerstelle machts offenkundig, sie ist nicht besetzt.

Was folgern daraus unsere Berufspolitiker: Leerstellen sind zu besetzen, auszuweisen, zu markieren, zu benennen, zu skandalisieren, zu untersuchen, auf die Probe zu stellen, zu leugnen, zu beseitigen, zu übersehen. Denn Leerstellen verhalten sich kostenneutral, beleben die Konjunktur, sind gut fürs Geschäft, tun Keinem weh, stehen nicht im Wege, fallen nicht ins Gewicht, lassen uns kalt, bleiben sauber, machen was her, haben es in sich, platzen wie eine Seifenblase ...

Deshalb: gib ihnen Saures, mach sie fertig, lehr ihnen Mores, mach sie alle, scheiß' drauf (pardon), man darf sie nicht überinterpretieren ... Oder, ins Positive gewendet: Erkläre die Leerstellen zur Chefsache, überdenke dein Verhältnis zu ihnen, suche das Gespräch, lade sie ein, baggere sie an (aaber nich alle!), sei ihnen ein guter Hirte, durchleuchte sie, laß sie bei kleiner Flamme Köcheln, vervielfältige und beschreibe sie, laß' sie nicht aus den Augen, geh in ihnen auf ...

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 10.03.2010 um 11:44
"scheiß' drauf" - So eine Leerstelle wäre vielleicht eine ökologisch sinnvolle Alternative zum Chemie-Klo in Caravans?! Allerdings sollte man nicht so lange mit nacktem Hintern drauf hocken, vielleicht noch gar in Ruhe die blöd-Zeitung lesen, das führt geradewegs zum Urologen, denn Leerstellen sind auch Kaltstellen, weshalb man sich warm anziehen sollte, wenn man "in ihnen auf"gehen möchte...

:))
poor on ruhr schrieb am 10.03.2010 um 11:45
Toll geschrieben. Bei der Interpretation kämen mir schon einige Assoziationen zu gewissen Politikern, aber jayne ´s Wortkunst lässt ja immer auch noch Wege
in andere Richtungen zu, weshalb es ja auch Kunst und so viel mehr ist.

Herzliche Grüße

rr
Joachim Petrick schrieb am 10.03.2010 um 14:40
Eine ungemein "schöne" Geschichte, die Geschichte der vielen bwwkannten wie unbekannten Leerstellen, wo doch so viele Lehrstellen fehlen.
Leerstellen erinnern mich, ich kann nicht anders, zunächst immer an das fehlende "h" als "Aha! Erlebnis".
Wollen uns Leerstellen nicht gerad durch den Mangel des "h" unabdinglich etwas lehren?, nämlich dass Leerstellen in Reinkultur"Form ohne Inhalt" sind.Im Zeitalter des Internets bedeuten Leerstellen, nicht einmal Fehler, Mangel an Software, bedeuten weniger als Standby, bedeuten einfach "Netzverbindung ausgesetzt, aus dem Paradies des Internets vertrieben".
In der staatlichen Haushatspolitik bedeuten dagegen Leerstellen"Günstige Gelegenheiten" für die unauffällig undurchsichtige Verklappung von sonderbar peinlich wie unangenehmen Kostenfaktoren, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen.
tschüss
JP
archinaut schrieb am 11.03.2010 um 02:09
Ganz schön voll
sind Deine Leerstellen,
liebe jayne,
hoffentlich findest Du für uns noch mehr....
jayne
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