01.04.2010 | 12:36

"Menschen mit schwierigen Biographien"

Heute morgen ging eine Meldung über den Ticker, nach der der Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der Union, Josef Schlarmann in einem Interview mit der Wirtschaftswoche vorgeschlagen habe, Langzeitarbeitslose künftig über Zeitarbeitsfirmen in Beschäftigung zu bringen, denn die kennten sich ja aus mit "Menschen mit schwierigen Biographien".

Zunächst dachte ich, es handele sich um einen Aprilscherz, denn die Nachricht wurde nicht weiter kommentiert, doch beim virtuellen Aufblättern der Zeitung sollte ich eines Besseren belehrt werden. Eines Besseren, das in Gestalt zitierter Äußerungen wieder einmal auf die alten Klischees von den besserungswürdigen und sozial derangierten Langzeitarbeitslosen abhebt, die ja auch von den Arbeitsagenturen lediglich noch als Kunde betrachtet werden.

Nach Lesart des Herrn Schlarmann sind die Arbeitslosen wie gehabt selbst schuld an ihrem Geschick. Argumente wie das fehlender Arbeitsplätze oder unerträglicher Arbeitsbedingungen in bestehenden Beschäftigungsverhältnissen (und letzteres wird in Deutschland leider nach wie vor kaum thematisiert) gelten da überhaupt nicht. Und die Zeitarbeitsfirmen sind natürlich die besten Anwälte für die Wahrung der Interessen Arbeitsloser wie -suchender.

Eingangs stellte die Wirtschaftswoche die Frage, ob es in Deutschland den vielbeschworenen "anstrengungslosen Wohlstand" gebe, und Schlarmann steigt gleich mit einer Bezugnahme auf HARTZ IV-Empfänger ein:

"Von Wohlstand zu reden wäre wohl übertrieben, aber es gibt anstrengungslose Einkommen. Ich denke da zum Beispiel an jene Hartz-IV-Empfänger, die Teil des Medien-Spektakels geworden sind, weil sie von sich behaupten, gar nicht arbeiten zu wollen – und das schon seit Jahren. An dieser Minderheit kann man in der Sozialstaatsdebatte nicht vorbeigehen."

Auf die Nachfrage, ob da nicht zu aller erst Leute in Betracht kommen müßten, die unglaublich viel Kapital angehäuft hätten und von den Zinsen lebten, antwortete Schlarmann, daß diese wie auch jeder Rentner dafür etwas geleistet hätten, also nichts mit einem "anstrengungslosen Wohlstand".

Und nach diesem Gusto geht es weiter, immer wieder problematisiert er die gesetzte Arbeitsunwilligkeit Einzelner und nimmt damit die gesamte Klientel in Haftung. Zeit- und Leiharbeit dürften indes kaum die Lösung des Problems darstellen, im aktuellen 11. Regierungsbericht zur Leiharbeit, über den am 26. März im Bundestag debattiert wurde, heißt es unter anderem:

„Knapp 12 Prozent der vorher regulär Beschäftigten ist nach der Leiharbeit weder regulär noch in der Arbeitnehmerüberlassung beschäftigt und mehr als die Hälfte des (untersuchten) 180-Tages-Zeitraumes arbeitslos gemeldet.“ (S. 84)

Und auf Langzeitarbeitslose bezogen:

"fast jeder Vierte (24 Prozent) findet sich auch nach dem Zwischenstopp in der Arbeitnehmerüberlassung in der Arbeitslosigkeit wieder.“ (S. 85)

 
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Kommentare
Magda schrieb am 01.04.2010 um 13:04
Unglaublich. Dreist, nichtswürdig.
Dabei: Ich hatte schon Hoffnung geschöpft, weil in verschiedenen Fernsehsendungen - z.B. auf WDR und auch bei Plasberg - auf fehlende Arbeitsplätze, falsche Beschuldigungen gegen Hartz IV-Empfänger und das Schüren von Emotionen hingewiesen wurde. Und auch auf die Notwendigkeit von Mindestlöhnen.

Es tobt ein Kampf um Definitionshoheit und gegen den Mindestlohn.
Damit hat es zu tun unter anderem denke ich.
Lee Berthine schrieb am 01.04.2010 um 13:38
Das Thema Langzeitarbeitslose endlich wieder in Arbeit zu bringen, ist ja immer wieder mal aktuell, aber eigentlich ein Evergreen.
Denn genau hier befindet sich die Schnittstelle, an der "zweit Welten" aufeinandertreffen.
Zum einen Langzeitarbeitslose, die u.a. Kinder großgezogen haben, eine Berufs-Ausbildung und - Tätigkeit haben und hatten, die ein bestimmtes Alter erreicht haben.
Kein Wunder, kaum ein 20-30jähriger wird langzeitarbeitslos sein. Da finden sich meist ältere Menschen, ab 40 Jahre.
Und genau das ist ein kritisches Alter für die Jobsuche.
Wird natürlich gerne unter den Teppich gekehrt.
Obwohl solche Arbeitnehmer die meiste Berufserfahrung und Lebenserfahrung mitbringen, werden sie nur höchst ungern und widerwillig eingestellt.

Da muss das Jobcenter schon mit Eingliederungshilfen winken, das heißt, der Arbeitgeber bekommt Vergünstigungen, wenn er einen Langzeitarbeitslosen einstellt.
Offiziell lautet das Argument: wer länger arbeitslos ist, ist komplett demdem Arbeitsalltag entfremdet und zu strukturierter und effektiver Leistung erst nach längerer Einarbeitungszeit in der Lage.

An dieser Stelle drängt sich die Zeitarbeits-Branche geradezu auf!
Hier kann der gehandicapte und arbeitsbehinderte Langzeitarbeitslose mit seinen zwei linken Händen allmählich wieder an eine bezahlte Tätigkeit herangeführt werden.
Dass er hierfür nur einen Bruchteil des regulären und angemessenen Gehaltes erwarten kann, versteht sich von selbst.

Der Beruf bzw. die Position des Personalberaters, will sagen Leiharbeitsmanagers samt Assistent/innen ist ein ganz neues Berufsbild, solche Jobs schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Leiharbeitsbranche floriert noch immer, hat aber ihre Blütezeit hinter sich.

Immer weniger Menschen sind bereit, sich für einen Dumping-Lohn auslutschen, auspressen und ihre hochwertige Arbeitskraft ausnutzen zu lassen.

Gut, wenn man da auf Langzeitarbeitslose zurückgreifen kann, gesellschaftlich gebilligt.
mahung schrieb am 01.04.2010 um 15:06
"Immer weniger Menschen sind bereit, sich für einen Dumping-Lohn auslutschen, auspressen und ihre hochwertige Arbeitskraft ausnutzen zu lassen.
Gut, wenn man da auf Langzeitarbeitslose zurückgreifen kann, gesellschaftlich gebilligt."

Danke. Von dieser Seite habe ich das noch nicht betrachtet. Frage mich auch schon den ganzen Morgen, seit die Meldung in der Welt ist, was das eigentlich bedeuten soll, was der da sagt, der CDU-Mensch. Bin ja mal gespannt, wo die Herren und Damen von der Zeitarbeit dann die ganzen Jobs hernehmen wollen. Denn gedumpt, ausgebeutet und systematisch gemobbt wird ja auch außerhalb der Zeitarbeit.

Habe mich aus lauter Verzweiflung (und natürlich gesetzlich vorgeschriebenem Bewerbungszwang) schon oft genug bei Zeitarbeitsunternehmen unterwürfigst per Bewerbungsunterlagen angeboten, um - auch weit unter Wert - meine Akademikerhaut zum (Arbeits)Markte zu tragen. Allein ich wurde nicht erhört. Sogar mein Fallmanager sagte kürzlich zu mir: Mehr als bewerben könnse sich ja schließlich nicht und setzte sogleich meine monatliche Bewerbungspflicht auf 3 - 5 Bewerbungen pro Monat herab - der ist nämlich Realist und darüber hinaus sehr freundlich. Diese Eingliederungsvereinbarung konnte ich denn auch ohne größere Bauchschmerzen unterschreiben. Hätte ich ja eh gemusst.

Jetzt habe ich mich aber wieder ins Private zurückgezogen (aber das ist ja angeblich auch politisch), obwohl ich eigentlich nur jayne danken wollte, dass Sie dies Thema aufgegriffen hat.
Lee Berthine schrieb am 01.04.2010 um 20:53
@ mahung
Wahrscheinlich haben Sie Glück, dass Sie "überqualifiziert" sind (Studium o.ä.), und daher nicht direkt ins Profil für Büroassistenten, Lagerarbeiter, Monteure, Sekretärinnen und sogar Erzieher in Leiharbeit passen...
Mir wurde, als ich arbeitslos wurde, ein Job im Callcenter über eine Leiharbeitsfirma angeboten. Mit der Bemerkung, dass ich extra eine Schulung dafür bekomme, falls mir das artfremd vorkäme.
Ich habe dankend abgelehnt. Als ich erfuhr, dass ich knapp 800 Euro brutto für 40 Std. pro Woche hätte verdienen sollen - natürlich mit der Möglichkeit mit AlgII "aufzustocken" ,hat mich das natürlich nur in der Entscheidung bestätigt.
Alien59 schrieb am 01.04.2010 um 15:14
Und dabei kommt dann sowas raus:
www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,686388,00.html

Auch wenn der Name des Geschäftsführers eher auf einen Aprilscherz schließen lässt.

Ist denn der gesunde Menschenverstand soweit ausgestorben, dass man nicht einsieht, dass Menschen keine Arbeit finden können, wenn keine Stellen da sind?
B.V. schrieb am 01.04.2010 um 15:19
Den "anstrengungslosen Wohlstand" gibt es nur als Finanzjongleur oder TV-Fuzzie. Hartz4ler müssen sich mehr anstrengen für ihre paar Kröten, selbst wenn sie Arno Dübel heißen, denn auch sein Einkommen bekommt er nicht stressfrei (z. Z. nur Lebensmittelgutscheine, da er im TV immer nur die Wahrheit sagt). Sowas wird natürlich gnadenlos bestraft vom Fall(beil)manager, nur weil der arme Dübel anscheinend in seiner Jugend nicht genügend soziale Kompetenz dahingehend gelernt hat zu durchschauen, das wer die Wahrheit sagt, bei Strafe des eignen Unterganges, vom Stärkeren (Fallbeilmanager) gerichtet zu werden.
Aber, eine verkommene protestantische Arbeitsethik, welche in unserer Gesellschaft immer irrsinnigere Blüten treibt, wird uns wahrscheinlich noch so manche närrische Unterhaltung bescheren.

Frohe Ostern!
Lee Berthine schrieb am 01.04.2010 um 20:54
Ebenfalls frohe Ostern! :)
merdeister schrieb am 01.04.2010 um 21:14
So etwas kann auch nur jemandem mit einer schmierigen Biographie einfallen.
poor on ruhr schrieb am 01.04.2010 um 21:20
Immer wieder verdienstvoll solch dreiste und menschlich unverschämte Reden zu brandmarken. Ich wollte erst schweinische Reden schreiben, aber das wäre eine Beleidigung-für die Schweine. Ich kriege immer einen dicken Hals wenn ich das lese, höre oder im Fernsehen sehe.
Möge 10 Jahre Hartz IV über die kommen, die diese Volksverhetzung aussprechen. Seufz. Ich weiß, leider ist er nur ein frommer Wunsch!

rr
archinaut schrieb am 02.04.2010 um 02:28
... das Wort "arbeitslos" wird zum Synonym für
"nutzlos", "wertlos", "hilflos"...zum bösen Stigma
h.yuren schrieb am 02.04.2010 um 22:26
der völlig weltfremde bertrand russell rechnete vor, dass jede/r etwa 3 h pro tag arbeiten müsste, wenn alle arbeiteten.
es muss also noch eine menge anderer arbeitsloser geben außer den offiziell so bezeichneten. erbschaften sollen ja z.b. manchmal viel nerven kosten. je unüberschaubarer große, desto stressiger.
demnach ist die rede vom "anstrengungslosen Wohlstand" gegenstandslos.
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