02.02.2010 | 21:37

Richterlicher Bereitschaftsdienst oder Ein Nachspiel in Sachsen

In verschiedenen Blogbeiträgen haben sowohl Tom Strohschneider als auch ich über die Vorbereitungen zur Blockade des europaweit größten Naziaufmarschs am 13. Februar in Dresden berichtet, und dies betraf die Aktivitäten des parteiübergreifenden antifaschistischen Bündnisses "Dresden nazifrei" ebenso wie die gesetzgeberischen Kurzschlüsse seitens der Sächsischen Staatsregierung. Letztere müssen nun eiligst repariert werden ...

Nun haben sich nach Feststellung des Fehlers im Text des bereits ausgefertigten Versammlungsgesetzes neue Entwicklungen ergeben, und ich möchte in diesem Zusammenhang aus einer Pressemitteilung des Sächsischen Justizministers sowie der Antwort der Linksfraktion im Landtag zitieren.

Der Justizminister Dr. Martens ließ heute unter dem Titel 

Vorbereitung der sächsischen Justiz für den 13. Februar 2010 in Dresden

verlautbaren:  "Wir haben leider in den letzten Jahren erlebt, dass Extremisten den Tag des Gedenkens an die Zerstörung der Stadt Dresden benutzt haben, um den Rechtsstaat auf die Probe zu stellen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass dieser Gedenktag ein Tummelplatz von rechtsextremen Ideologen und linken Chaoten wird. Die Justiz ist gut vorbereitet, um mit rechtsstaatlichen Mitteln adäquat und entschlossen auf gewaltsame Übergriffe zu reagieren.

Mit dem neuen Versammlungsgesetz sind die Voraussetzungen für würdevolles Gedenken am 13. Februar in Dresden geschaffen. Dieser Tag stellt auch die sächsische Justiz vor Herausforderungen. Ein Fokus liegt dabei auf der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Justiz. Die für Straftaten gegen den inneren Frieden zuständige Abteilung der Staatsanwaltschaft Dresden stimmt sich bereits im Vorfeld mit der Polizei ab. Über den normalen Bereitschaftsdienst der Staatsanwaltschaft hinaus wird am 13. Februar 2010 ein Staatsanwalt unmittelbar in der Polizeidirektion anwesend sein, um die notwendigen Entscheidungen vor Ort schnell und effizient treffen zu können. Ein weiterer Staatsanwalt steht auf Abruf bereit. Beide Staatsanwälte sind durch ihre langjährige spezialisierte Tätigkeit mit der besonderen Problematik von Ausschreitungen vertraut.

Der richterliche Bereitschaftsdienst in Dresden am 13. Februar 2010 wird aus zwei Richtern bestehen, die ebenfalls besondere Erfahrungen mit der Thematik haben."

Seitens der Fraktion Die Linke erklärte der rechtspolitische Sprecher Klaus Bartl: "LINKE beantragt Sondersitzung des Rechtsausschusses – keine weitere Kriminalisierung von Engagement gegen Nazis!

So tief wie Dr. Jürgen Martens ist in der jüngeren bundesdeutschen Geschichte kaum ein Liberaler gefallen – vom verlässlichen Verteidiger der Freiheits- und Bürgerrechte zum rechtskonservativen Polarisierer im Bandmann-Stil („Tummelplatz von rechtsextremen Ideologen und linken Chaoten“). Dabei gerät das eigentliche Problem des 13. Februar in Dresden aus dem Blickwinkel: der schamlose Missbrauch des Gedenkens der Dresdner an die Zerstörung ihrer Heimatstadt vor 65 Jahren ausgerechnet durch den europaweit größten Aufmarsch der Nazis, die sich in der Nachfolge derer befinden, die jenen verbrecherischen Krieg vom Zaun gebrochen haben, dem letztlich auch Dresden zum Opfer fiel.
 
Die heute Verlautbarung des ehemals liberalen sächsischen Justizministers ist aber auch aus einem ganz anderen Grund völlig daneben: Die Staatsanwaltschaft ist nicht der verlängerte Arm der Regierungspolitik bzw. sollte es nicht sein. An der nötigen Distanz gab es ja gerade in Sachsen in den vergangenen Jahren wiederholt berechtigte Zweifel. Um so unverantwortlicher ist es, dass sich nun der Justizminister anmaßt, im Namen der Richter und Staatsanwälte zu sprechen. Nach der Beschädigung der Versammlungsfreiheit durch das neue Versammlungsgesetz wird nun sogar die Unabhängigkeit der Justiz angegriffen.
 
Wenn das Ansehen Sachsens am 13. Februar nicht zusätzlich schweren Schaden nehmen sollte, muss der Justizminister unverzüglich auf den Pfad der rechtsstaatlichen Tugend zurückkehren. Wir haben für Freitag eine Sondersitzung des Verfassungs- und Rechtsausschusses des Landtags beantragt – mit dem Ziel, dass zivilgesellschaftliches Engagement nicht weiter kriminalisiert wird und die offenkundigen Mängel des Versammlungsgesetzes behoben werden."

Die innen- und rechtspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Sabine Friedel äußerte:

„Die Vorbereitungen der sächsischen Polizei und Justiz für den 13. Februar 2010 in Dresden sollten vor allem dazu dienen, friedliche Demonstrationen gegen Rechts zu schützen. Die Dresdnerinnen und Dresdner wollen ihren Protest gegen den rechtsextremen Missbrauch des 13. Februar zeigen. Deshalb hat die Oberbürgermeisterin zu einer Menschenkette aufgerufen. Und deshalb unterstützen alle demokratischen Parteien, die Kirchen, Wirtschaft, Kultur und der Sport den friedlichen Protest.

Wichtig ist, dass sich die Dresdner Bürgerinnen und Bürger in der Innenstadt frei und sicher bewegen können. Polizei und Justiz haben die Aufgabe, den friedlichen Protest zu ermöglichen und zu schützen. Wir erwarten einen freien Zugang zur Innenstadt für alle, die gemeinsam mit friedlichen Mitteln protestieren wollen. Daran werden wir den 'Erfolg' von Polizei und Justiz am 13. Februar messen."

Auch die Fraktion der Grünen im Sächsischen Landtag meldete sich mit Antje Hermenau, Fraktionsvorsitzende, zu Wort:

GRÜNE beschließen Klage gegen das Versammlungsgesetz

"Wir halten die in der letzten Woche beschlossene Novelle des Sächsischen Versammlungsgesetzes in wesentlichen Teilen für unvereinbar mit der Sächsischen Verfassung und dem Grundgesetz", so Antje Hermenau, Vorsitzende der Fraktion.

"Zudem bedarf das Gesetz dringend einer verfassungskonformen Auslegung durch das Verfassungsgericht, um die praktischen Probleme der Versammlungsbehörden und der Polizei zu begrenzen. Daher streben wir gemeinsam mit den Fraktionen Die Linke und der SPD die Einreichung einer Verfassungsklage an."

"Gründlichkeit geht uns dabei vor Schnelligkeit."

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
archinaut schrieb am 03.02.2010 um 01:56
Man ist leider etwas ratlos,
wenn sich derartige Fronten aufbauen:
hoffentlich findet Dresden den richtigen Weg.....
Alien59 schrieb am 03.02.2010 um 05:50
Da frage ich mich, irgendwie, was das für Leute sind, diese sächsischen Politiker. Im Biedermeier stecken geblieben?

Ernsthaft, ich finde die Tendenz der sächsischen Regierung bedenklich. Wenn das mal gut geht, am 13.2.
jayne schrieb am 03.02.2010 um 15:28
und der bizarren meldungen aus dem sächsischen biedermeier ist längst noch kein ende beschieden ... So ließ jetzt dresdens geschätzte oberbürgermeisterin via stadtverwaltung der linken landtagsabgeordneten Julia Bonk, die für den 13. februar eine veranstaltung angemeldet und dafür auch schon das placet der versammlungsbehörde bekommen hatte, verkünden, sie sei zu unzuverlässig, eine veranstaltung zu leiten. In der presseerklärung der linken heißt es u.a.: "Die Veranstaltung vom Sonnabend, auf die sich die Stadtverwaltung bezieht, bekam – gegen den Willen des Ordnungsamtes – von zwei ordentlichen Gerichten grünes Licht. Auch die Polizei vor Ort erhob keine Einwände gegen die Durchführung der Veranstaltung. Um so unverständlicher ist es, dass das Ordnungsamt nun nachkartet. Hier wird auf ungute Weise die Strategie der Repression gegenüber zivilgesellschaftlichem Engagement gegen Nazis fortgesetzt, die zuvor leider schon durch die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit Aufrufen zu friedlichen Aktionen am 13.2. zutage getreten ist."
poor on ruhr schrieb am 03.02.2010 um 15:49
Gut, dass die Klage gegen das Versammlungsgesetz gemacht wird!
Diese Schikanen vom Ordnungsamt gegen Anti-Nazi-Engagement sind wirklich unverschämt repressiv auch gegen die Zivilcourage nicht einfach zu Schweigen.
Joachim Petrick schrieb am 03.02.2010 um 16:09
Ja!,
wo sind wir denn?,
ist da der despotische Sachsenfürst August der Starke als Biederkopf einer Dresdener Oberbürgermeisterin
"Niemals Nacktbild"
wieder auferstanden?

Frau und Herrn Biederkopf stören nicht Nazi Aufmärsche, sondern Anti- Nazi Aufmärche, die sie "oh Schreck!" erst erinnern, dass es Nazis in Dresden und anderswo gibt?

tschüss
JP
Alien59 schrieb am 03.02.2010 um 16:19
Danke fürs Fortschreiben der Neuigkeiten.
Dummerweise bin ich diese Art von "Verwaltungshandeln" gewöhnt - schrieb gestern hier dazu einen Artikel....
carlfatal schrieb am 03.02.2010 um 22:55
Wie jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag, der Schoß bleibt fruchtbar weil von edlen Demokraten erst ermuntert. Und dann fiel den Herren vom VS letztes Jahr doch nicht besseres ein, als die wahre Gefahr von links zu beschwören, egal wieviele Tote rechter Terror noch kostet.
Wie jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag...
jayne schrieb am 04.02.2010 um 11:13
möchte noch auf einen artikel gestern im ND verweisen, in dem es u.a. heißt:
"Nicht schlüssig begründen konnten die Minister gestern, wozu es der kürzlich von CDU und FDP im Landtag beschlossenen Änderung des sächsischen Versammlungsgesetzes bedurfte. Martens verwies zwar darauf, dass man das traditionelle stille Gedenken »im Kernbereich«, der laut Gesetz das Gebiet um die Frauenkirche und die innere Neustadt umfasst, »von Störeinflüssen freihalten« wolle, etwa von laut skandierten rechten Parolen. Kritiker weisen indes darauf hin, dass die Marschroute der Neonazis bereits 2009 das jetzt geschützte Gebiet gemieden hatte und zudem als Schweigemarsch durchgeführt wird. Ein Sprecher der Stadtverwaltung Dresden hatte auf ND-Anfrage kürzlich betont, dass eine Verfügung wie die jetzt erlassene auch nach dem alten Versammlungsgesetz möglich gewesen sei."
s. www.neues-deutschland.de/artikel/164325.minister-ruft-fuer-13-februar-zu-protesten-in-dresden-auf.html
jayne
beobachterin des (medien-) alltags
Mitglied seit:
3 Jahre 16 Wochen
Zuletzt aktiv:
12.05.2012
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 165
Kommentare: 1713
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
22:31
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:28
ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:27
luggi hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
22:27
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:24
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG