27.07.2010 | 08:09

Spiegelungen und Brüche

Im Frühjahr ist Anne Dorns Roman "Spiegelungen" erschienen. Und wie in ihren letzten Arbeiten greift die Grand Dame der Literatur, die in diesem Jahr ihren 85. Geburtstag feiert, auch hier wieder ihr Generalthema der Trennungen, Verluste und des sich Wiederfindens auf, vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund eigener Lebenserfahrungen. Eine Thematik, die auch von ihrem frühen Wechsel von Ost- nach Westdeutschland und der Tatsache geprägt ist, daß Familienangehörige im Osten geblieben sind, die Autorin ihre Kontakte dorthin nie hat abreißen lassen.

Doch der Roman begegnet uns nicht als fortschreitende Erzählung eines Geschehens, vielmehr werden wir in ihm mit fünf unterschiedlich benannten Frauengestalten konfrontiert, denen je ein Kapitel gewidmet ist. Die Kapitel entfalten eigenständiges Kolorit, und so könnte man den Eindruck gewinnen, es handele sich im Eigentlichen um autarke Binnenerzählungen.

Indes fügt sich alles in einen größeren, auch autobiographisch konnotierten Zusammenhang, denn die Autorin läßt jede dieser Figuren in einer konkreten Lebenssituation episodenhaft hervortreten. Und so stellen die Kapitel schon eine gewisse chronologische Abfolge her, verkörpern die einzelnen Figuren eher Aspekte einer Person und machen deren biographische Brüche kenntlich, während sie selbst im Hintergrund bleibt.

Im Eingangskapitel Minza ist die Frau noch ein Kind. Ein Kind, das mit ihren Eltern im Dresden der frühen dreißiger Jahre lebt und nicht zu verstehen vermag, warum die Mutter während einer Dampferfahrt auf der Elbe plötzlich zusammenbricht. Unerklärlich bleibt ihm auch, was zwischen den Eltern abläuft. Oder warum einmal, sie sind zu einer Hochzeit eingeladen, der Saum des roten Kleids von Tante Dora unter der Trennwand zwischen den Toilettenzellen hervorlugt und seltsame Geräusche macht.


Schon in ihrem 1992 erschienenen Erzählband "Geschichten aus tausend und zwei Jahren" hatte Anne Dorn ihre Kindheit in Dresden reflektiert, doch im vorliegenden Roman geht es um Verstörungen ganz anderer Art als um jene, die dem zeitgeschichtlichen Kontext ihres Erwachsenwerdens geschuldet sind. Hier werden wir auch Zeugen der sexuellen Orientierungsversuche eines Mädchens, das mitten im Krieg zur Frau heranreift.

Als Lena begegnet uns die junge Frau in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die die Härte des von Not, Gewalt und Zerstörung geprägten Alltags zu spüren bekommt. Nicht zuletzt auf ihrer Fahrt in den Westteil dieses Landes, die mühselig und gefahrvoll ist. Sie findet in einer kleineren Stadt Zuflucht und einen Neuanfang. Lena entsinnt sich ihrer zeichnerischen Begabung, durchläuft eine Ausbildung am Theater, arbeitet als Kostümbildnerin ...

Hanna folgen wir in der Zeit des Wirtschaftswunders durch eine stetig sich verdüsternde Ehegeschichte, an deren Ende sie mit ihren drei Kindern den Mann verläßt. Sie muß nun allein für deren Unterhalt aufkommen, gemeinsam unternehmen sie eine Reise nach Italien, die sich ob des schmalen Familienbudgets recht abenteuerlich gestaltet, überqueren in ihrem Kleinwagen die Alpen ...

Judith findet in einer Großstadt am Rhein Arbeit und ihr entgültiges Zuhause, die Kinder sind schon etwas älter und bestimmen nicht mehr ausschließlich ihren Alltag. Und wieder ist auch ein zögerliches Anbahnen von Beziehungen zu beobachten ... Als Clara schließlich lebt sie in Ehe mit einem Mann, der sich als Alkoholiker entpuppt. Diese schwierige und doch liebevolle Beziehung zeitigt auch für sie gesundheitliche Konsequenzen, traumatisch gestaltet sich die Erfahrung ihres ersten Herzinfarkts.

Daß das letzte Kapitel den Namen MILEHAJUCLA trägt, bestätigt die eingangs gehegte Vermutung. Wir begegnen einer Frau im fortgeschrittenem Alter, die abgeklärt wirkt und trotzdem das Interesse am Leben nicht verloren hat. Das Wort MILEHAJUCLA mutet an wie ein rätselhaftes Epitaph, das über einem Türstock angebracht ist ...

Der Autorin gelingt mit diesem Zeugnis eines menschlichen Werdegangs, einer Selbstfindung, in der praktizierten literarischen Distanz zum eigenen "Ich", zum eigenen Leben, etwas Wunderbares. Und wir dürfen dabei gewiß sein, daß jedem Scheitern auch die Möglichkeit eines Neuanfangs innewohnt ...

Anne Dorn wurde in Wachau bei Dresden geboren, erlebte Kindheit und Jugend in Dresden, in einer Stadt, mit der sie noch heute viel verbindet, regelmäßig besucht sie Freunde und Bekannte. Unmittelbar nach Kriegsende siedelte sie allein nach Westdeutschland über, durchlief eine Ausbildung als Kostümbildnerin, war später für Rundfunk und Fernsehen tätig, drehte auch eigene Filme.  Ende der 60er Jahre veröffentlichte sie erste literarische Arbeiten, seit 1969 lebt die Autorin in Köln. Die auch ihr selbst wichtigsten Bücher sollten jedoch erst ab Anfang der 90er Jahre in dichter Folge erscheinen, so z.B. "hüben und drüben", "Geschichten aus tausend und zwei Jahren" und zuletzt der Roman "Siehdichum" (2007).

Anne Dorn: Spiegelungen. Roman. Dittrich Verlag, Berlin 2010.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 27.07.2010 um 09:04
Interessante Beschreibung des Romans "Spiegelungen" von Anne Dorn. Das mag sich so anhören , als ob ich ihn kennen würde, was aber nicht der Fall ist.
Ich fand diese Aufschlüsselung des Romans in die verschiedenen Lebensphasen sehr interessant, habe aber nicht verstanden, ob es sich immer um die selbe Frau handelt oder vielleicht ist das ja auch gar nicht wichtig.
jayne schrieb am 27.07.2010 um 09:13
letztendlich handelt es sich um facetten ein und derselben literarischen figur ...
poor on ruhr schrieb am 27.07.2010 um 09:17
Danke. :)
Ich finde es immer sehr anregend wie Du als die Fachfrau über Literatur schreibst.
Magda schrieb am 27.07.2010 um 13:17
Danke für die interessante Besprechung. Bisher kannte ich - von ferne - nur den Namen.
Joachim Petrick schrieb am 27.07.2010 um 16:35
Hallo jayne,
Danke!
für die dicht geschilderte Vorstellung des an Facetten reichen Buches von Anne Dorn.

Frage:
“Kann man/frau Brüche nicht spiegeln?, sind das Spiegeln und die Brüche notwendig ein Gegensatzpaar?, oder offenbart gar erst das Spiegeln so manchen Bruch?

tschüss
JP
jayne schrieb am 27.07.2010 um 16:56
"sind das Spiegeln und die Brüche notwendig ein Gegensatzpaar?" - ne, so ist das ja auch gar nicht angelegt ...
Joachim Petrick schrieb am 27.07.2010 um 19:19
"wie ist es denn angelegt, bevor bzw.. damit wir uns hier engagiert anlegen können, wenn wir wollen?"

tschüss
JP
h.yuren schrieb am 30.07.2010 um 14:07
danke, liebe jayne. weil ich gern lese, was du schreibst, habe ich diese besprechung gern gelesen. zugleich geistert mir im hinterkopf herum, was brecht zum gespräch über bäume geschrieben hat. auch wir leben ja immer noch in finsteren zeiten. anderen zwar als jenen. ein gespräch über bäume ist kein verbrechen mehr, weil der wald nicht stirbt, sondern einfach so verschwindet.
ich lese (oder muss ich sagen: las?) gern biographisches. zugleich stört mich die epische breite des erzählens. dürfen wir uns noch unterhalten, während die welt verendet?
jayne schrieb am 30.07.2010 um 15:56
lieber h.yuren, ich verstehe Dich und möchte mit einer gegenfrage antworten: dürfen wir einem andern das sprechen über seine erlebnisse, erfahrungen verweigern, weil vielleicht das ende der welt naht? oder wird nicht trotz aller gefährdungen, des drohenden weltendes nach wie vor auch gelebt, findet alltag statt - eben leben ...
Die frage, wie menschen miteinander umgehen, wird bis zuletzt von belang sein ... Und nützt es der welt irgendwie oder bewahrt es sie vor dem untergang, wenn wir uns nicht mehr unterhalten?
Entschuldige bitte diese vielen fragen, die vielleicht nur eines deutlich machen: daß es keine letztgültige antwort gibt ...
h.yuren schrieb am 30.07.2010 um 17:02
schon klar, liebe jayne, dass es fliegen gibt. diese tierchen sind mir früh vertraut gewesen, weil wir zwischen viehbauern wohnten und manche ecken schwarz von fliegen waren, selbst wenn die gar nicht mehr da waren.
ich sah als kind, dass fliegen über leichen gehen, über tote, erschlagene artgenossen. die lebenden schienen ganz fidel zu sein, zum beispiel verstreute zuckerkrümel genüsslich aufzuschlürfen durch ihren rüssel. ars vivendi.
jayne schrieb am 30.07.2010 um 17:14
jetzt fühle ich mich doch etwas mißverstanden, denn ich wollte sinngemäß eines sagen: wenn die menschen wieder mehr aufeinander hören und zugehen würden, wäre vieles leichter, auch das finden von alternativen zum gegenwärtigen szenario ...
h.yuren schrieb am 30.07.2010 um 18:00
liebe jayne, du schreibst im konjunktiv. aber es sind nicht nur die menschen (welche?), die nur bahnhof verstehen. es sind die eltern, die schulen, die ... verhältnisse. die herrschaftsverhältnisse. sie machen viele, zu viele sprachlos oder betrunken.
jayne schrieb am 30.07.2010 um 18:34
da gehe ich doch d'accord ...
jayne
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