jboy

Der Geist geistloser Zustände

17.10.2011 | 18:59

So protestiert die Müdigkeitsgesellschaft

Ich fange gleich mit meiner Schlussfolgerung an und arbeite dann darauf zu. Viele Missverständnisse der Occupy-Bewegung stammen daher, dass sie als Gegenbewegung zu einer viralen Macht gesehen wird, dabei wendet sie sich aber gegen eine neuronale Macht. Die Unterscheidung zwischen viraler und neuronaler Macht entnehme ich dem im vorigen Jahr erschienenen Aufsatz von Byung-Chul Han über die "Müdigkeitsgesellschaft". (Ich habe das Buch hier in englischer Sprache zusammengefasst). Was macht den Unterschied zwischen diesen beiden Typen der Macht aus? Han erläutert diesen Unterschied mit Bezug auf medizinische Paradigmen. Die virale Macht operiert in einem immunologischen Paradigma, die neuronale Macht in einem neurowissenschaftlichen Paradigma. Im immunologischen Paradigma kann klar zwischen Innen und Außen unterschieden werden. Der Erreger greift den Organismus an und löst so die Krankheit aus.  So kann auch beim Funktionieren der viralen Macht zwischen Angreifer und Angegriffenen, zwischen Feind und Freund unterschieden werden. Der Angreifer wirkt negativ auf den Angegriffenen, und der Angegriffene setzt sich dadurch zur Wehr, dass er den Angreifer versucht zu negieren, also selber zum Angreifer wird. Das Überleben beider hängt von einer doppelten Negation ab: die Negation des Angreifers muss negiert werden.

Sleeping Bag Colors

Han argumentiert, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Macht nicht mehr auf immunologische Art und Weise funktioniert. Die heutigen Pathologien –Hyperaktivität, Burnout, Depression – sind nicht das Resultat einer Negativwirkung von Außen, sondern ein Exzess von Positivität von Innen. Sie sind Infarkte, nicht Infekte. Wir sind nicht krank, weil etwas Äußeres uns krank macht, sondern weil wir uns selber krank machen, indem wir überproduzieren und überkommunizieren. Deshalb können diese Pathologien nicht nach immunologischen Prinzip abgewehrt werden. Als systemimmanente Pathologien kann ihnen nur auf immanente Weise begegnet werden. In unserer an Positivität überreichen Zeit muss die Positivität gegen sich selber gewendet werden, um eine Störung in der nie abbrechenden Abfolge von produktiven und kommunikativen Leistungen zu verursachen und so wieder Negativität in das System einzubringen. Han sieht die beste Chance dafür darin, dass die Müdigkeit, die sich in einer auf dauernde Produktion und Kommunikation ausgerichteten Gesellschaft verbreitet, der aus dem Ruder gelaufenen Vita activa entgegenwirkt und so eine neue Temporalität begründet. Diese neuen Temporalität ist der "leeren und homogenen Zeit" entgegengesetzt, in der eine Leistung linear und homogen auf die andere folgt, ohne Bezug und Sinn. Sie suspendiert, was wir die "säkulare Zeit" nennen können. Der Begriff der Müdigkeitsgesellschaft bezeichnet also weniger eine soziologische Gegenwartsdiagnose als eine prophetische Hoffnung, dass die immanenten Möglichkeiten unserer Zeit darauf hinwirken mögen, unseren Trieb zur Produktion ohne Zweck und Ende zu überwinden.

Nach dieser etwas zu lang geratenen Begriffsklärung will ich mich nun meiner Argumentation hinwenden. In einer relativ frühen, representativen Kritik der Occupy-Bewegung von links hat Doug Henwood vom Left Business Observer geschrieben:

I’m both curious and frustrated by the inability of the organizers, whoever they are exactly, or the participants, an endlessly shifting population, to say clearly and succinctly why they’re there. ... I desperately hope that something comes of this. But there’s a serious problem with this speechlessness.  
...
Occupiers: I love you, I’m glad you’re there, the people I talked to were inspiring—but you really have to move beyond this. Neoliberalism couldn’t ask for a less threatening kind of dissent.

Henwood schlägt vor, dass eine klare Stellungnahme gegen die "Gangster", die die Wirtschaft ruiniert und infolgedessen den öffentlichen Sektor endgültig trockengelegt haben, artikuliert werden muss. Mit einer klaren Botschaft könnte eine klare organisationale Strategie ausgearbeitet werden, um so ernsthaft im politischen Feld mitzumischen und den Neoliberalismus ernsthaft herauszufordern. Henwood bezieht sich dabei auf Jodi Dean, die ich von der leninistischen Avantgarde als Modell politischer Organisation inspirieren lässt.  (Seitdem hat Henwood seine Kritik zurückgezogen.)

Die Prämisse dieser und vieler anderer Kritiken ist, die Bewegung könne den Feind klar benennen und mit einem vorgefertigten Satz an Strategien in die Offensive gehen. Als Jeff Mangum auf dem Liberty Plaza im New Yorker Finanzdistrikt den großartigen Song seiner Band Neutral Milk Hotel, "Oh Comely", aufgeführt hat, hat die anwesende Menge von Wall-Street-Besetzerinnen und -Besetzern gejubelt, als er die Worte "We know who our enemies are" gesungen hat. Und irgendwie weiß die Occupy-Bewegung das auch. Aber sie weiß auch, dass sie es sich nicht so einfach machen kann, diese Feinde klar zu benennen und dann gegen sie mit einer fixen Organisationsform und einem Satz politischer Forderungen ins Feld zu ziehen. So gibt es, trotz des Jubels für Mangums Liedzeile, wenig konkret orientierte Wut. Die Rufe von "Fuck the police!" oder "That'll do, pig" gegen die brutalen und militarisierten Beamten der New Yorker Polizei (NYPD) sind eine relative Seltenheit. Rufe und Schilder, die darauf hinweisen, auch die Polizeibeamten seien Teil der "99 Prozent", sind weit verbreiteter. Der Slogan "We are the 99 percent!" ist sehr inklusiv und suggeriert sogar, die one-percenters sind gar nicht so anders wie wir, sie sind bloß ein kleiner Teil des großen Kuchens, der bedauernswerterweise abgespalten wurde. So wundert es auch nicht, dass selbst Rufe und Schilder mit dem Slogan "We are the 100 percent" im Umfeld von Occcupy Wall Street zu hören und sehen sind.

Warum dieses Zögern, eine klare Freund/Feind-Trennung vorzunehmen? Nun, hier kann uns die Unterscheidung zwischen viraler und neuronaler Macht eventuell helfen. Virale Macht kennt klare Grenzen, weiß wo die Angriffspunkte sind, und kann daher das Schlachtfeld sofort erkennen. Bei neuronaler Macht sieht die Sache anders aus. Hier gibt es keine stetige äußere Einwirkung, keinen klar erkennbaren disziplinären Apparat, von dem die Macht ausgeht. So scheint es auch bei der Macht, der sich die Occupy-Bewegung widersetzt. Diese Macht ist diffus, und sie ist nichtmals klar trennbar von denen, die gegen sie antreten. Der Gegner sticht nicht klar hervor, und selbst wenn er mit der geografischen Bezeichnung "Wall Street" benannt wird, so bleibt er eine Abstraktion.

Was tun, wenn man nicht mit vorgefertigten Waffen – einer avantgardistischen Organisation, einer widerspruchsfreien Ideologie – in den Kampf ziehen kann? Hier kommt Hans Idee der Müdigkeitsgesellschaft ins Spiel. In Anlehnung an den österreichischen Autor Peter Handke unterscheidet Han zwei Arten von Müdigkeit: die entzweiende und die versöhnende Müdigkeit. Ein Beispiel für die entzweiende Müdigkeit ist die Apathie angesichts des vermeindlichen Endes der Geschichte, die seit den Neunzigerjahren weit verbreitet ist. Handke: "Solche Müdigkeiten brannten uns das Sprechenkönnen, die Seele, aus." Dieses Wochenende habe ich zahlreiche Demonstrantinnen und Demonstranten auf dem Times Square mit handgeschriebenen Schildern gesehen auf denen Stand: "Give a shit!" Das könnte als Appell gelesen werden, sich der wirklichen Lage bewusst zu werden, sich über die faktische Lage Klarheit zu verschaffen und sich aktiv für seine Interessen zu engagieren. Das scheint aber nicht die Lösung zu sein (und ist vermutlich auch nicht so gemeint).  "We all know that shit is fucked up and bullshit" – das steht außer Frage. "The point is not the facts, but their basic glaring obviousness: we all know it." Es ist im Angesicht der offensichtlichen Faktenlage und ihrer Bedeutung für unser Alltagsleben – endlose Arbeit oder Arbeitssuche – dass viele der entzweienden Müdigkeit verfallen. Han schlussfolgert nicht, dass die Müden aktiviert werden müssen, sondern dass sie die Inspiration der Müdigkeit nutzen müssen. Wieder Handke: "Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, aber was gelassen werden kann." Wenngleich Han Herman Melvilles "Bartleby", einen Wall-Street-Angestellten, der nach und nach jegliche Arbeit mit den Worten "I would prefer not to" ablehnt, nicht als Modell einer solchen inspirierten Müdigkeit ansieht, so dient er doch als Inspiration für einige Wall-Street-Besetzerinnen und -Besetzer. Das bloße Zusammensein, das Verweilen an einem Ort, das scheinbar ewige Diskutieren auf einen Konsens hin in General Assemblies – all dies ist Teil einer Neuentdeckung der Inspiration, die in der Müdigkeit liegen kann. 

Rest, Rejuvinate

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 18.10.2011 um 02:34
@jboy

Die Inspiration der Müdigkeit nach dem Elfmeterschuss auf das Tor, das „Tooorr“ Gebrülle noch im Ohr, bereit sich mit der Gegenpartei in einem Mediationsverfahren auf Augenhöhe über das Torverhältnisse zum Spielende vor dem erstaunten Publikum in Öffentlicher Sitzung im Mittelfeld zu verhandeln?

Verschafft die Inspiration der Müdigkeit die Nervenstärke, auch mit Gegnern zum Zwecke systemrelevanter Verhandlungen in dauernder

Siehe dazu:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/fragen-zum-freitag-salon-donnerstag-20102011-
jboy schrieb am 19.10.2011 um 00:32
Danke für die Rückmeldung. Leider scheint da irgendwas abgeschnitten zu sein, sodass mir der Kommentar und die Frage nicht ganz verständlich sind. Auch der Link schafft für mich leider nicht mehr Klarheit – wahrscheinlich verstehe ich irgendeine Anspielung nicht. Vielleicht kannst Du die Frage nochmal stellen.
Sebastian Dörfler schrieb am 18.10.2011 um 12:58
sehr schön, danke.
jboy schrieb am 19.10.2011 um 00:24
Freut mich, dass Dir der Beitrag gefallen hat. Danke für die Rückmeldung!
shalako schrieb am 18.10.2011 um 15:25
Das Zauberwort zu diesem Beitrag ist der Begriff >Internalisation (Internalisierung)<.
jboy schrieb am 19.10.2011 um 00:26
Ja, das stimmt. Wobei meines Erachtens neuronale Macht/Gewalt nicht nur auf einem psychologischen Mechanismus beruht, sondern auch durch institutionelle Arrangements und kulturelle Muster (einen “Geist des Kapitalismus”) wirkt.
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