Jenny Bauer HMS

Blog von Jenny Bauer HMS

20.08.2010 | 15:24

Woodstock mit Beat

 

Immer wieder sonntags von 14 bis 22 Uhr findet irgendwo in Hamburg Grünanlage statt. Die Organisatoren des Techno-Events setzen auf wenig Werbung, grüne Wiesen und Partyflächen ohne Zäune

Text Jenny Bauer, Fotos Katharina Hamberger

In leichten Wogen schlägt das glitzernde Wasser gegen das Ufer. Das Platschen mischt sich mit dem Rauschen des Winds in den grünen Baumkronen und dem Schnattern, Glucksen und Krähen der Vögel. Dann der Beat. Gleichmäßig, dumpf und leise. Er kommt von der östlichen Seeseite. Mit jedem Schritt dorthin wird die Musik lauter. Vereinzelte Melodien und Wortfetzen erklingen. Irgendwann gehen die Geräusche der Natur in den künstlichen Klängen aus den Boxen unter. Es ist Grünanlage am Eichbaumsee am Stadtrand von Hamburg.

 

 

„Wir sind in der Szene auch ein bisschen ein Aushängeschild für Hamburg.“

Seit sieben Jahren gibt es die Grünanlage-Events. Begonnen hat es mit 500 Gästen in Entenwerder. Mittlerweile besuchen im Schnitt 3.000 Musikfans die Partys. Mal mehr, mal weniger. „So richtig können wir das nicht sagen, weil wir ja keinen Eintritt verlangen und so die Leute auch nicht an der Kasse zählen können“, sagt Mitorganisator Holger Behn (32). Gemeinsam mit Jörg Hill (40) und Jens Kiefel (39) hat er den Freiluft-Rave auf die Wiesen Hamburgs gebracht. Als der Erfolg größer wurde, gründeten sie die Plan G GmbH. „Hauptsächlich organisieren wir vier bis sechs Mal im Sommer die sonntäglichen Grünanlage-Partys und die letzten beiden Jahre gab es noch das Grünanlage-Festival“, sagt Behn. Seit dem kämen auch viele Gäste von weiter weg, aus dem Süden Deutschlands oder gar aus Italien.

Von ganz soweit entfernt kommen Leif Albrecht (30) und seine Freunde zwar nicht – aber immerhin haben sie die Anreise aus Kiel auf sich genommen. „Wir waren schon beim Festival und sind fast jeden Sonntag dabei“, erzählt der Fachinformatiker. Nur Bunny sei jetzt erst zum zweiten Mal hier. Albrecht hält eine blaue Stange in der Hand, an der mit grauem, breitem Klebeband ein rosa Hase in einem blauen Raumschiff befestigt ist. „Ein Freund von mir hat immer ein Steckenpferd dabei und ich fand das lustig“, sagt er. Kurz nach einem Grünanlage-Event habe er das Plüschtier auf dem Flohmarkt gefunden. Aber leider blinke das Raumschiff nicht mehr. „Die Leute hier sind einfach entspannt, die DJs sind sehr gut, das Wetter meistens auch und dann ist es ja auch noch kostenlos“, erklärt Albrecht seine regelmäßigen Besuche.

 „Wir finanzieren die Veranstaltungen nur durch die Einnahmen der Bar“, sagt Mitorganisator Behn. Bisher habe das immer geklappt. Selbst an Regentagen haben die Einnahmen zumindest die Kosten der Organisatoren gedeckt. Auf die ganze Saison bezogen gäbe es immer einen Gewinn zu verzeichnen. „Wir wollten einfach niemand ausgrenzen“, sagt Behn. Aber damit das so bleiben kann, haben die Organisatoren zwei Wünsche an die Besucher. Zum einen sei es zwar erlaubt, eigene Getränke mitzubringen, aber es sollte nicht zuviel werden, weil sich die Party sonst nicht mehr finanzieren lassen. Zum anderen sollte jeder mithelfen, den Platz möglichst sauber zu halten. „Es kann ja einfach jeder seinen Müll am Ende in die Behälter dafür schmeißen“, sagt Behn. Denn auch, wenn bei der Organisation darauf geachtet werde weit genug von den Anwohnern entfernt zu feiern und alles sauber zu hinterlassen, gibt es immer wieder Schwierigkeiten, die Events von der Stadt genehmigt zu bekommen. Das läge auch an anderen Veranstaltern, die die gleichen Flächen nutzen und weniger korrekt die Vorgaben einhalten und damit auf alle Events ein schlechtes Licht werfen. „Wir finden es ja gut, dass andere dasselbe machen, aber die sollten sich auch an die Regeln halten“, sagt Behn.

Der Kampf gegen den Hype

Werbung gibt es nur wenig für die Grünanlagen-Partys. Keine Flyer, keine Anzeigen, keine Plakate. „Das haben wir ganz bewusst zurück gefahren, als der Hype um die Partys größer wurde“, sagt Behn. Denn alles was ganz schnell nach ganz oben gehypt würde, verschwände auch ebenso schnell wieder. Mittlerweile sorgen nur noch eine schlichte Website, Internetforen und Mundpropaganda dafür, dass die Gäste wissen, wo und wann die nächste Veranstaltung stattfindet. Die Musik bewegt sich irgendwo zwischen Techno, House, Minimal und Electro. „So klar ist das nicht mehr abzugrenzen“, sagt Behn. Er selbst ist Musikproduzent und DJ - dann aber unter dem Namen H.O.S.H. Genau wie seine anderen beiden Kollegen, macht er die Grünanlage-Organisation nur nebenbei aus Überzeugung und hat noch einen Hauptberuf. So ist es auch ihm und Mitorganisator Jens Kiefel, ebenfalls Musikproduzent, zu verdanken, dass äußerst gute und bekannte DJs bei dem Event an den Plattentellern stehen. „Natürlich machen da viele auch nur mit, weil sie uns kennen und die Idee gut finden“, sagt Behn. Er selbst sucht sich pro Saison einen Gig aus, bei dem er auch selbst auflegt. So wie an diesem Sonntag.

Wiese plus Beats

„Wir wollten von den üblichen Clubkonzepten weg“, sagt Behn. Irgendwie sei es dann zu der Idee gekommen, unter freiem Himmel aufzulegen und zu feiern. „Im Süden gibt es so etwas auch, aber hier in Hamburg hat sich das wegen des Wetters niemand so richtig getraut“, sagt Behn und deutet anschließend grinsend mit dem Kopf gen Himmel. Die Sonne scheint.

Die Wiese ist mit kleinen Deckeninseln übersäht. Wie bei einem Picknick sitzen die kleinen Grüppchen zusammen. Dazwischen stehen einzelne Jongleure und werfen kleine Bälle in die Luft oder schwingen ihre Pois – Kugeln an Schnüren -  in Bahnen um ihre Körper. Mädchen in Bikini-Oberteilen tratschen, ein paar Besucher haben sich zurück gelehnt und hören der Musik zu, fast alle haben Getränke in der Hand. Seifenblasen schweben durch die Luft, die nach Zigaretten, Gras und Holzkohle riecht.

„Woodstock mit Beat beschreibt es ganz gut“, sagt Behner. „Am Anfang ist es immer recht gechillt, aber irgendwann tanzen die meisten.“ Er hat Recht. Zunächst tanzen nur wenige Gäste leicht abgehackt zu dem Wummern der Boxen, dann beginnen die Leute auf den Decken mit ihrem Oberkörper im Takt der Musik zu wippen und irgendwann ist die große Fläche vor dem DJ-Pult voll mit Menschen.

Bloß kein Zaun um das Partygelände

Der Sonntag erwies sich als praktischer Veranstaltungstag. „Wir wollen immer pünktlich um zehn aufhören um Lärmbelästigung zu vermeiden und das klappt ganz gut, wenn am nächsten Tag fast alle Gäste arbeiten müssen“, sagt Behn. Außerdem halte sich so auch der Konsum von Alkohol und Drogen in Grenzen. Gerade letzteres wird häufig mit Events wie diesem in Verbindung gebracht. „Bestimmt gibt es so etwas hier. Da muss man realistisch sein. Aber nicht so stark wie auf anderen Veranstaltungen.“

Die negativen Seiten von Musikevents – an diesem Thema gibt es besonders an diesem Sonntag kein Vorbeikommen. Erst einen Tag zuvor waren wegen einer Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg zahlreiche Menschen ums Leben gekommen oder verletzt worden. „Das war klar, dass die Geschichte heute präsent ist“, sagt Behn und blickt dabei kurz zu Boden. Schrecklich sei das, was das passiert ist und es sei auch geplant, eine Schweigeminute zu halten, aber das alles habe relativ wenig mit dem Event hier zu tun. „Da geht es ja oft gar nicht mehr um die Musik, sondern nur noch um ein großes Massenspektakel. Das vermittelt ein falsches Bild von Techno.“ Bei Grünanlage sei es noch nie zu Zwischenfällen gekommen. Das Party-Gelände ist von allen Seiten frei begehbar. Als zu viele Gäste ihre eigenen Getränke mitbrachten, haben die Organisatoren darüber nachgedacht, das Areal einzugrenzen. „Aber das haben wir dann sein lassen. Wir wollten einfach keine Zäune“, sagt Behn.


 
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Kommentare
goedzak schrieb am 20.08.2010 um 15:30
Danke für den Bericht. Sympathische Veranstaltung. - Aber auch gut, dass die akustische Dimension fehlt...

(kleiner Scherz, so vollelektronisch generierte Töne sind nicht so mein Ding :))>)
Jenny Bauer HMS schrieb am 20.08.2010 um 15:33
PS:

Die hier beschriebene Veranstaltung war am 29. Juli, einen Tag nach den Vorfällen auf der Loveparade in Duisburg.

Vor diesem Hintergrund war es für mich als freie Journalistin schwierig einen Abnehmer für diesen Artikel zu finden. Nun ist aber zu einem etwas Zeit vergangen seitdem und zum anderen sind diese beiden Veranstaltungen meiner Meinung nach nicht vergleichbar in Hinblick auf ihre Organisation. Deswegen habe ich mich entschieden den Text nun über diesen Kanal zu veröffentlichen.

Desweiteren hat hierzu auch ein Text einer Kollegin von der Bergedorfer Zeitung beigetragen (www.bergedorfer-zeitung.de/vier-und-marschlande/article77065/Alarm_5000_Techno_Juenger_feiern_am_Eichbaumsee.html), der sich nicht mit meinen Beobachtungen vor Ort deckt. Im Sinne der Vielfalt wollte ich meinen Artikel im Vergleich dazu zur Verfügung stellen.

Die restlichen Events der Verantstaltungsreihe mussten übrigens abgesagt werden. Die Behörden vergaben keine Genehmigung bzw. zogen sie zurück.
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21:42
Matto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:39
luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:39
Lethe hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:30
Magda hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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