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Unterschiede

01.07.2009 | 00:15

„Auch Clio erzählt“ - Zeitgeschichtliche Bezüge bei Uwe Timm

Uwe Timms vierte Frankfurter Poetikvorlesung (vgl. [1] [2] [3]) handelte von den zeitgeschichtlichen Bezügen in seinem Werk, das bekanntlich durch die Studentenbewegung angeregt worden war und das diese auch in weiten Teilen zum Gegenstand hat.

Ausgangspunkt ist für Timm ein „Denkmalsturz“, der in seinem Roman „Heißer Sommer“ vorkommt: 1967 stürzten Studenten an der Hamburger Universität das Denkmal des ehemaligen deutschen Reichskommissars für „Deutsch-Ostafrika“, Hermann von Wissmann, vom Sockel: „Wissmann, wir kommen“, sollen sie dabei gerufen haben. Aber der Sturz des Denkmals steht symbolisch für die seinerzeit angedachte Revolution in einem Land, in dem 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs rassistisches und faschistoides Denken und Handeln weiterhin an der Tagesordnung waren, und in dem es insbesondere auch eine furchtbare personelle Kontinuität gab. Die weitere Beschäftigung mit der deutschen kolonialen Vergangenheit führte Timm später zu seinem Roman „Morenga“.

Timm erinnert sich an seine Kindheit nach dem Krieg, als die Amerikaner nach Deutschland einmarschierten: Sie kamen, entgegen seiner Vorstellung, nicht laut und brutal, sondern leise, auf Gummisohlen, und sie unterschieden sich dabei beträchtlich von den deutschen Soldaten, die sich ihnen entgegenstellen sollten, dies aber zum Glück nur halbherzig taten, am Ende nur noch in Zivil gekleidet. Er erinnert sich an einen Lehrer an seiner Schule, der meinte, es gebe „schon wieder zu viele Juden in Deutschland“. Und er erinnert sich an seinen Freund Benno Ohnesorg, der später, als Timm während seiner Promotion in Paris war, von dem Polizisten Kurras bei den Berliner Unruhen gegen den Schah von Persien erschossen wurde. Daß der Todesschütze – wie unlängst bekannt geworden war – während dieser Zeit Stasi-Mitarbeiter war, findet Timm – mit Recht – „widerlich“, und zwar auch deswegen, weil die hierdurch ausgelöste intensive Beschäftigung mit dem Täter das Opfer, seinen Freund Ohnesorg, ausblende, von dessen großen Begabungen – er sei ein intimer Kenner der französischen Moderne gewesen – so wenig zurückgeblieben sei.

Die Geschichte, so positivistisch sie erforscht werden mag, wird letztlich auch nur erzählt, und die richtige Form hierfür sei, so Timm, der Roman, der übrigens auch unterhaltend sein sollte.

Der wiederum gut gefüllte Hörsaal VI der Frankfurter Universität ist mehrheitlich mit Zeitzeugen jener Jahre besetzt, die mit solchen Szenen, wie sie gestern abend geschildert wurden, anscheinend noch lebhafte eigene Erinnerungen verbinden. Dazwischen verschwinden die jüngeren Hörer. Die alten Männer (und Frauen) mit Kugelschreibern sind in der Mehrheit. Nur jenseits des Durchgangs, auf gleicher Höhe wie ich, sitzt ein etwa 40jähriger Mann, der, wie aus einer anderen Welt, vor Beginn der Vorlesung konzentriert seinen Laptop bearbeitet und gleichzeitig etwas nervös sein Handy beobachtet. Er wirkt in diesem Rahmen, eingekreist von zeitungslesenden Germanisten, Hausfrauen und Rentnern, als komme er aus einer anderen Welt.

Und auf das Frankfurter Wetter war auch heute nachmittag Verlaß: Pünktlich zum Beginn der Veranstaltung gewitterte es. Der Regen fiel diesmal aber nicht in Frankfurt, sondern im südlichen Umland.

 
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