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Nach den ausgiebigen Regenfällen der letzten Tage war es erheblich kühler geworden in Frankfurt und Umgebung, so daß die Klimaanlage zum Abschluß der Frankfurter Poetikvorlesungen im Sommersemester 2009 (vgl. [1] [2] [3] [4]) dann doch noch zeigen konnte, was sie zu leisten vermag. Beinahe mit Eiseskälte empfing sie die Hörer des fünften und letzten Vortrags der Reihe, in dem Uwe Timm diesmal „Über das Ende“ sprach.
Eine Geschichte kann nur von ihrem Ende her verstanden werden. Erst wenn man ihren Ausgang kennt, kann man ihrer Entwicklung einen Sinn abgewinnen, erst im nachhinein kann man beurteilen, welche Rolle Zufall und Notwendigkeit bei ihrem Fortgang gespielt haben.
Welche Rolle spielt aber der Schluß einer Geschichte für den Schreibprozeß? Bei seinem Roman „Heißer Sommer“ habe er sich zwar auf Notizen und Erinnerungen gestützt, berichtet Uwe Timm, er habe aber beim Schreiben nicht gewußt, wohin sich die Handlung letztlich entwickeln werde.
Timm stellt sein Vorgehen demjenigen Adalbert Stifters gegenüber, der das Ende des „Nachsommers“ nach dem Scheitern der bürgerlichen Revolution 1848/49 sehr weitgehend umgeschrieben hatte. Und er erinnert an Gottfried Keller, der sogar seinen ganzen Roman „Der grüne Heinrich“ nachträglich umarbeitete. Der Gang der Erzählung wird hierbei ex post so bearbeitet, daß er der nachträglich veränderten Auffassung des Autors entspricht.
Ein großer Erfolg beim Publikum war die Lesung eines Auszugs aus dem „Heißen Sommer“, der – passend zum Veranstaltungsort – von einer revolutionären Hörsaalszene handelte, in der die äußerst gruppendynamischen Abläufe einer studentischen 68er Versammlung beschrieben werden. „So ist es gewesen!“ rief eine Hörerin dazwischen. Die Komik der Abläufe sei seinerzeit von der Kritik nicht erkannt worden. Man habe sich sehr ernst gerade mit dieser Szene beschäftigt.
Aber nicht nur diese Poetikvorlesung über das Ende ging heute abend zuende, es zeichnen sich noch mehr Schlußpunkte ab: Einerseits der Weggang des Suhrkamp-Verlags, der die Vorlesung seit langem ermöglicht hatte und der diese Tradition auch weiterhin fortführen will, nach Berlin. Andererseits der Umzug der Universität aus Bockenheim auf den neuen Campus Westend rund um das alte IG-Farben-Gebäude. Dieter Bartetzko hat die dort geschaffene Architektur vor kurzem wohlwollend beschrieben hat.
Die Ankündigung, die Poetikvorlesungen würden ab dem bevorstehenden Wintersemester auf dem neuen Campus fortgeführt, wurde vom Publikum mit nicht unerheblichem Unmut und mit großem Bedauern aufgenommen. Der nächste Dozent im Jubiläumsjahr wird Durs Grünbein sein, ein Lyriker, der ab dem 1. Dezember 2009 in einem Hörsaal im neu errichteten Hörsaalzentrum lesen wird. Man knüpfe damit an die erste Poetikvorlesung an, die 1959/60 von Ingeborg Bachmann gehalten wurde.
Der Universitätsstandort Bockenheim befindet sich in Abwicklung. Alles verfällt zunehmend, nichts wird mehr instandgesetzt. Ganze Flügel des alten Hauptgebäudes und das Juridicum stehen mittlerweile leer. Die „Pusteblumen“ am Springbrunnen zwischen dem Verwaltungsgebäude und der Neuen Mensa wurden abgebaut, und auch die Packstation der Post in der Passage vor der alten Mensa wurde seit dem vergangenen Dienstag abgebaut. Bis 2015 soll alles geräumt sein, und auch der Hörsaal VI, in dem einst Theodor W. Adorno las, werde abgerissen, so hörte man heute abend.
Dahinter steht durchaus auch ein politisches Konzept: Die Universität und damit die höhere Bildung verschwinden in Frankfurt aus dem öffentlichen Raum und ziehen sich auf einen kuscheligen, sauberen neuen Campus im amerikanischen Stil zurück, hinter Zäunen gut verschanzt, wo man leichter unter sich bleiben kann.
Am Ende steht Melancholie. Es ist nicht zu ändern.
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IG-Farben statt Adorno, die Richtung passt.
Gentrification ( www.freitag.de/community/blogs/benjamin-mattausch/gentrification-als-kampfbegriff--am-beispiel-neukoelln ) oder Restauration? Für irgendwelche historische Adelspaläste ist immer Kohle da. |
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Gentrification, ja. Das Projekt ist aber nicht historisch, und das IG-Farben-Gebäude ist erst recht kein Adelspalast. Der neue Frankfurter Campus entsteht ja von Grund auf neu, wird um das alte Gebäude erst errichtet. Er ist aber, und das ist der wichtigste Unterschied zur alten Uni, nicht mehr so in das Frankfurter Stadtleben integriert wie der alte Bockenheimer Campus. Sichtbarstes Zeichen hierfür ist der ihn umgebende Zaun, mit dem er von seiner Umwelt abgegrenzt wird. Diese Schwelle muß man erst einmal überschreiten. Sie gab es früher nicht. Die Frankfurter Unibibliothek kann man von der U-Bahn aus direkt betreten, wie an der Hauptwache und an der Konstablerwache die Kaufhäuser. Bei den neuen Bibliotheken auf dem IG-Farben-Gelände kann man ein Schließfach nur nutzen, wenn man einen Bibliotheksausweis hat (die Fächer sind mit einem RFID-Schloß versehen). Bücher ausleihen kann nur, wer Mitglied der Universität ist, dadurch schränkt sich der Benutzerkreis noch weiter ein. So wird Bildung, die aus Steuergeldern finanziert wird, wahrlich exklusiv. Es lebe die Exzellenz und ihr Cluster.
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Nachtrag: In der Süddeutschen Zeitung vom 10. Juli 2009, Seite 14, findet sich eine lesenswerte Betrachtung von Volker Breidecker zu den Poetikvorlesungen unter dem Titel „Der Autor im Hall der Gedanken. Aufbrüche, Abbrüche: Uwe Timms Frankfurter Poetikvorlesungen", die leider nicht online abrufbar ist.
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Nachtrag 2: Der Hessische Rundfunk berichtet über die bereits erwähnte Poetikvorlesung von Durs Grünbein und das begleitende Jubiläumsprogramm im bevorstehenden Wintersemester 2009/2010. Es wird keine Vorlesungsreihe geben, sondern nur eine Einzelvorlesung. Daneben wird es eine Matinee mit ehemaligen Poetikdozenten geben, die auch live im Hörfunk übertragen wird.
www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=5982&key=standard_document_37473268 |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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