jfenn

Unterschiede

23.06.2009 | 00:17

Die „Piraten“ wurden vorgeführt

Im „Nachrichten- und Ereigniskanal“ Phoenix kam es gestern abend in der Sendung „Unter den Linden“ zu einer bemerkenswerten Diskussion: Der Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Dirk Hillbrecht, die bei den Europawahlen im vergangenen Monat aus dem Stand knapp 1 Prozent der Stimmen erhalten hatten, im Gespräch mit Rupert Scholz, Moderation: Christoph Minhoff.

Thema der Sendung war zum einen das gerade von der großen Koalition verabschiedete Internet-Zensur-Gesetz, das nach dem Vornamen der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen auch als „Zensursula-Gesetz“ bekannt geworden ist. Zum anderen ging es um die aktuelle urheberrechtliche Diskussion – Stichworte wären hier etwa gewesen: Kulturflatrate, Open Access oder Google Books/Heidelberger Appell.

Es wäre eine Chance gewesen, das Anliegen der Piratenpartei, einer Partei, der zuletzt am vergangenen Wochenende der ex-SPD-Bundestagsabgeordnete Tauss beigetreten war und die bisher ausschließlich mit ihrem Auftreten gegen „Zensursula“ und dem Eintreten für ein freies Internet aufgefallen war und die schon als die neuen Grünen des Internets bezeichnet worden sind, einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Diese Chance ist gründlich vertan, man könnte auch sagen: sie ist – teils selbstverschuldet, teils öffentlich-rechtlich bewirkt – vereitelt worden.

Der Mathematiker Hillbrecht war mit zwei Profis konfrontiert, die buchstäblich mit allen Wassern der politischen und juristischen Diskussion gewaschen waren. Hillbrecht bekam während der gesamten 45 Minuten, die die Sendung dauerte, keinen Fuß auf den Boden. Er war der Diskussion argumentativ und inhaltlich überhaupt nicht gewachsen und wurde regelrecht vorgeführt.

Es gelang ihm während der ganzen Zeit nicht, die wesentlichen Kritikpunkte an dem Internet-Sperr-Gesetz vorzutragen: Nämlich die völlig fehlende rechtsstaatliche (parlamentarische, richterliche, mit einem Wort: öffentliche) Kontrolle für die vom Bundeskriminalamt aufzustellende Sperrliste und der Aufbau eines staatlich-privaten Überwachungsapparats, der sehr gut auch zu anderen Zwecken als dem von der Politik vorgegebenen gebraucht werden kann, wenn er erst einmal wirksam aufgebaut worden ist.

Und es gelang ihm auch nicht, die jahrelange, vor allem von den amerikanischen Rechtsprofessoren Lawrence Lessig und Paula Samuelson betriebene Diskussion zur Fehlentwicklung des Urheberrechts unter den Bedingungen von Internet, Digitalkopie und Digital Rights Managagement verständlich und kompetent auszuführen.

Hillbrechts diskursives Scheitern war einerseits ein Musterbeispiel für die hohe Bedeutung, die der Rhetorik nach wie vor im politischen Diskurs zukommt. Andererseits zeigte sich darin aber auch ein großes Problem, das der Moderator, wie der Münchener Staatsrechtler Scholz der konservativen Seite zugehörig, ausblendete: Die Diskussion krankte nicht nur an einer Differenz, die die Generationen betrifft (der altersmäßigen digital divide), sondern auch an einer Lücke, die der Engländer C. P. Snow einst als „Die zwei Kulturen“ angesprochen hatte: Gesellschaftswissenschaftlich-geisteswissenschaftliche Bildung und technisch-mathematische Intelligenz redeten hier geradezu beispielhaft aneinander vorbei. Es war nicht nur die Kluft zwischen der Blogosphäre und altem Print, die sichtbar wurde, die beiden Welten des klassischen Humanismus einerseits und des digital native andererseits. Es war auch ein sehr grundlegendes Unverständnis, eine Distanz, die größer nicht hätte sein können, und die notwendigerweise zum Scheitern des Außenseiters in der Runde führen mußte, weil die Piratenpartei von einem Vorsitzenden angeführt wird, der nicht in der Lage ist, wirksam in den gesellschaftlichen Diskurs einzugreifen. Das ist letztlich auch weniger eine Frage des Besuchs von Rhetorikseminaren als der Fähigkeit, im Rahmen des herrschenden und allseits akzeptierten Paradigmas überhaupt argumentieren zu können.

Es war wahrscheinlich nötig, daß die Piratenpartei einmal – sozusagen im kleinen Kreis auf Phoenix, wo man noch vergleichsweise entre nous ist – vorgeführt wurde. Denn wer mitregieren will, muß auch mitreden können. Und das ist hier nicht einmal auf dem ureigenen Terrain gelungen.

Jörg Tauss wird übrigens bei der bevorstehenden Bundestagswahl nicht für die Piratenpartei antreten.

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 23.06.2009 um 00:26
Titta schrieb am 23.06.2009 um 19:07
Schade, der livestream ist grad abgeschaltet.
Streifzug schrieb am 26.06.2009 um 00:01
jfenn schrieb am 26.06.2009 um 00:15
Es gibt einen Podcast und einen Livestream von Phoenix. Hier der Podcast (mp4):
podfiles.zdf.de/podcast/phx_udl/090622_phx_udl_udlpod_p.mp4?2009-06-23T06:40:27
Bildungswirt schrieb am 23.06.2009 um 00:58
Einmal gegen die Wand gelaufen - daraus kann man lernen.
Die Aufgabe: Wie verbindet man professionelle Rhetorik mit Wahrhaftigkeit?
m 1 schrieb am 23.06.2009 um 01:24
Tja, ich werde diese merkwürdige Diskussion erst einmal überschlafen, stehe allerdings zu meinen bereits gemachten Kommentaren :-)

* merz1.soup.io/post/21873582/Tja-das-Stahlbad-des-Marsches-durch-die
* Ebenfalls dort, also merz1.soup.io/, kann man unter dem 22.6.2009 auch meine spontanen Livekommentare auf identi.ca/m1 nachlesen.
Zwangsneurose schrieb am 23.06.2009 um 10:39
Stimmt er hätte sich auf solch ein Zwischenreder-Niveau wie Scholz und Minhoff begeben sollen.

Er hat seinen Job gut getan und versucht mit den Fakten etwas zu bewirken. Dass sich natürlich seine Gegenübersitzenden überhaupt nicht mit dem Thema auseinander gesetzt haben und es auch nicht wollten, dafür kann er leider nichts. Um bei der Sache von gestern als Sieger herauszugehen, da hätte es jemanden auf Friedman-Niveau gebraucht der seine Gegenüber selbst ständig lautstark unterbricht und fiese Fragen stellt. Aber will man sowas wirklich sehen?
m 1 schrieb am 23.06.2009 um 12:12
Nach dem Überschlafen der Diskussion:

Der Bundesvorsitzende der Piraten geht gegen den Justizgruftie der CDU KO. Ringrichter vom Bayernkurier

"Mehr als den Titel braucht man eigentlich gar nicht zu schreiben, wenn man die sportlich unfaire und einseitige Diskussionsrunde auf Phoenix gestern Abend kurz zusammen gefasst wegmicrobloggen will. Die Partei der digitalen Ureinwohner, wobei Ureinwohner übrigens das absolute Gegenteil von bösen Piraten sind, das aber nur als Denkanregung nebenbei, erlebte ein auf dem Nebenplatz bei Phoenix ein Kommunikationsdisaster allerersten Ranges und das war auch gut und lehrreich so! (...)"
DooOdu schrieb am 23.06.2009 um 13:40
Ein guter Rhetoriker hätte so viele Vorlagen bekommen, um die beiden konservativen Herren in Grund und Boden zu diskutieren, schade.

you can't stop the signal!
Zenbote schrieb am 23.06.2009 um 14:36
Verdammt da wird einem schlecht beim Zuhören, wer zu Hölle hat diesen Vorsitzenden gewählt? Das kann ich aus dem Stehgreif besser und man muss aber auch die schlechte Vorbereitung und suggestive Einstellung der Moderation betonen!

Der Kahn schwappt herum, es müssen die richtigen Leute rein, sonst wird das nichts.... Rechtsstaatlichkeit, der Gegensprecher war Staatrechtler, dass hätte man ausspielen sollen und bla bla, wenn der andere Staat nicht reagiert, dann ist dass immer noch kein Grund für Zensur!
Verfassungskonformität sei abzuwarten.

Großes OMG für einen solchen Vorsitzenden.

Allein der Spruch "Fluch der Karibik" sollte zu einer persönlichen Beleidigung werden, bzw. sollte darauf hinweisen, auf welchem Level man sich hier begibt. Eine angemeldete Partei ist nicht gerade ein Spaßverein, außgenommen solche Sachen wie Pogo oder die Partei.

radiomensch schrieb am 23.06.2009 um 17:40
Die Piratenpartei sieht sich mit demselben Problem konfrontiert, welches alle Parteien haben, die als Neulinge die politische Bühne betreten:

Die etablierten Parteien (CDU, SPD und Grüne) verfügen über einen vergleichsweise großen Fundus an Funktionären und Mandatsträgern. Diese Personen sind politische Vollblüter. Sie üben sich in diesem Metier von dem Tag an, an dem sie mit 14 Jahren in die Junge Union oder die Jungsozialisten eintreten.

Tag ein Tag aus übt man das politische Geschäft (Kungeln in Vorstandssitzungen, Reden halten, 30-Sekunden sound bites ins Mikrofon sprechen). Mit den Ritualen der Politik und der veröffentlichten Meinung ist der Berufpolitiker bestens vertraut.

Der politisch interessierte Bürger hingegen, der sich engagieren will und sich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit präsentiert, macht in einer Fernsehdiskussion auf den Zuschauer leicht einen überforderten und verwirrten Eindruck.

Vor Jahren kam mal ein Fernsehbericht über eine Rhetorikschule in Bonn (damals noch Bundeshauptstadt). Der Betreiber dieser Schule hatte ein gutes Auskommen, denn unter den Bundestagsabgeordneten fand er reichlich Kunden. In der Reportage durften die Abgeordneten, welche die Rhetorik-Schulbank drückten, übrigens nicht namentlich genannt werden...

Ich sehe aber eine Chance: Mit dem Internet ist den politischen Newcomern ein Instrument an die Hand gegeben, den Bürger an den tradierten Kanälen vorbei direkt anzusprechen. Das ist eine Chance für die Piratenpartei, welche sie, soweit man das überblicken kann, bis jetzt recht geschickt nutzt.
Nils Bremer schrieb am 24.06.2009 um 00:25
Sorry, aber die Piratenpartei ist ja nun auch nicht erst am Tag vor der Phoenix-Sendung gegründet worden. Ein wenig Vorbereitung auf ein solches Gespräch kann man da wohl erwarten - und politische "Stählung" sollte der Vorsitzende einer Partei, die mitreden will, ebenfalls mitbringen.
Zum Artikel: das alles hat recht wenig mit zwei verschiedenen Sphären zu tun, sondern ist nur Ausdruck der Unfähigkeit sich zu artikulieren. Die kann es unter, sagen wir mal, offline-affinen auch geben.
Wie gut nur, dass der Sache mit den richtigen Worten, korrekter Aussprache, vollständigen Sätzen und Diskussionskultur in Deutschland eh kaum Wert beigemessen wird. Anders gesagt: wenn Helmut Kohl Bundeskanzler werden konnte, dann kann es der Vorsitzende der Piratenpartei auch. Ob das am Ende dann so eine gute Idee war, darüber lässt sich sicher streiten. Darüber, ob hier nun Online- und Offline-Welt aufeinandertreffen nicht.
mh schrieb am 24.06.2009 um 16:44
fans langweilig. dabei isses so simpel:

man muss die idioten am heimischen herd packen. ihnen die globalen argumente vorwerfen, am besten noch n vergleich mit dem dritten reich hinterher dreschen, das kommt in deutschland immer gut, und stasi, das kapiert eh jeder.

sachargumente sind zu meiden.

nuff said.
Jonathan Lütticken schrieb am 25.06.2009 um 09:29
jfenn
Jürgen Fenn
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