jfenn

Unterschiede

03.07.2009 | 20:57

Die Piratenpartei und die soziale Frage

Der Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss, der vor kurzem aus der SPD aus- und in die Piratenpartei eingetreten war, hat heute seine beiden letzten Reden im Bundestag gehalten.[1] [2] Das rechtpolitische Programm, das er darin entwickelt hat, kann sich sehen lassen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Forderung, der Staat, und das heißt auch: das Parlament möge sein Handeln an den Grundrechten und an rechtsstaatlichen Prinzipien ausrichten, von einem Außenseiter vorgetragen werden muß und wenn die unmittelbar auf ihn folgende Rednerin der CDU/CSU darin eine „Blamage“ erblickt. Ein Außenseiter, zumal, der sowohl im Bundestagsfernsehen als auch bei Phoenix schamhaft als „fraktionslos“ vorgestellt wurde.

Richtig ist nach wie vor der Einwand, das derzeitige Programm der Piratenpartei greife zu kurz.[3] [4] Zu vieles fehlt darin, um sich vorstellen zu können, was man erhalten werde, wenn man die Partei wählen würde. Der flotte Freibeuterkahn stellt sich bisher eher als Katze im Sack dar, und wer will die schon kaufen? Auch die größte Frustration mit den etablierten Parteien mag einen dazu nicht bewegen.

Vor allem laufen hier auch die Vergleiche mit dem Aufkommen der Grünen zu Anfang der 1980er Jahre leer, woran Julia Seeliger heute zutreffend erinnert hat.

Ein besonders ärgerlicher weißer Fleck in Zeiten des sozialen Abbaus, den der Mainstream monoton und neusprecherisch als „Reform“ bezeichnet, ist die Sozialpolitik. Sie ist bisher so gut wie abwesend bei den Piraten, auch in den Anträgen[5] [6] zum Bundesparteitag, der an diesem Wochenende in Hamburg stattfinden soll, sucht man sie vergebens.

Jörg Tauss hat sich gestern abend im Medienradio ausführlich über seine politischen Positionen, über die Ereignisse der letzten Wochen und über sein Verhältnis zu seiner neuen politischen Heimat geäußert. Das Interview wurde live gestreamt und soll noch heute abend als Podcast veröffentlicht werden. Es gab knapp 200 Teilnehmer in dem sehr lebhaften Chat auf Freenode und ungefähr 300 Hörer im Livestream. Über Twitter findet man bereits einen Mitschnitt.

Tauss ging auch auf die Frage ein, welche programmatischen Positionen die Partei abseits vom Urheberrecht und einer Zensur des Internets, wie sie gerade vom Bundestag beschlossen worden ist, habe. Zunächst ging er auf bildungspolitische Fragen ein. Open Access liegt nahe.

Mir als gelerntem Sozialrechtler ist die Sozialpolitik natürlich sehr wichtig. Tauss sagte, daraufhin angesprochen:

Sozialpolitik ist eher der Bereich, wo ich den Eindruck habe: Der ist am meisten auseinanderdividiert. Wir haben Liberale, wir haben Neoliberale, wir haben alte Sozialdemokraten, so wie mich, die sagen: Also, es muß schon ein Staat sein, der sich um die Schwachen kümmert, wo man nicht sagen kann: Jeder ist seines Glückes Schmied. Aber, da, glaube ich, da liegen, im Grunde genommen, so die größten Differenzen ...

Frage: ... Grundeinkommen – gegen – für ... ?

... Grundeinkommen ist ja eine hochinteressante Idee. Warum nicht? Ich habe mich dem nie widersetzt ...

Die soziale Frage ist die Gretchenfrage der Piratenpartei. Wer hier auch nur den geringsten Zweifel aufkommen läßt, der soziale Ausgleich spiele für ihn keine wesentliche Rolle, „das Internet“ sei „wichtiger“ als die Zukunft von Hartz IV oder als die Qualität der Versorgung von gesetzlich Krankenversicherten oder der gesellschaftliche Umgang mit Behinderten oder der arbeitsrechtliche Kündigungsschutz, der sollte bei der Gesetzgebung besser nicht mitwirken, gleich auf welcher Ebene und gleich zu welchem Thema.

Man darf deshalb gespannt sein, wohin die Reise geht, denn die Segel sind gesetzt.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
radiomensch schrieb am 04.07.2009 um 14:06
Kern der Sache ist natürlich, dass die Piratenpartei eine "single issue"- Partei ist. Der Themenkreis Internetzensur, freie Meinungsäußerung, Urheberrecht etc. liefert den raison d'être der "Piraten".

Sicherlich ist es realistisch anzunehmen, dass sich derzeit die überwiegende Zahl der Piraten im politischen Spektrum selbst eher "links" verorten würde. Das hieße, dass die Piraten in Sachen Sozialpolitik eher dem Anti-Agenda-2010-Flügel der SPD (also der SPD-Linken) nahe stehen.

Der jüngst ins Europaparlament gewählte Vertreter der schwedischen Piratenpartei hat erklärt, er werde sich der Parlamentsgruppe der europäischen Grünen anschließen und - mit Ausnahme von Fragen wie Internetzensur etc. - auch mit den Grünen zusammen abstimmen.

Anderseits kann man die Agenda der Piraten auch im klassischen Sinne als liberal bezeichnen: Freiheit des Einzelnen von staatlicher Bevormundung.

Daher ist es durchaus vorstellbar, dass der geneigte Wähler die ihm wichtigen Anliegen bei der Piratenpartei am besten aufgehoben wähnt, er aber im übrigen bei der Sozialen Marktwirtschaft das Schwergewicht auf "Marktwirtschaft" legt.

Oder: Ist die Piratenpartei für jemanden wählbar, der für Atomkraft ist?

Vergleichbare Fragen wurden Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre aufgeworfen, als sich die Grünen als politische Kraft in Deutschland herausbildeten. Die Grünen wurden ursprünglich auch als "single-issue"-Partei konstituiert. Es ging vornehmlich um den Umweltschutz, in erster Linie um den Widerstand gegen die Atomtechnologie.

In der Gründungsphase der Grünen waren auch Menschen engagiert, die man dem bürgerlichen Spektrum zuordnen würde, ich denke z. B. an Herbert Gruhl, vormals CDU ("Ein Planet wird geplündert"). An den Gründungsversammlungen nahmen vereinzelt sogar Rechtsextremisten in fortgeschrittenem Alter teilt, die "Blut und Boden" ökologisch verstanden.

Ich meine, die Piratenpartei wäre gut beraten, sich auch weiterhin vorrangig auf ihre Kernthemen zu konzentrieren.
jfenn
Jürgen Fenn
Ort:
Neu-Isenburg
Mitglied seit:
1 Jahr 5 Wochen
Zuletzt aktiv:
19.03.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 77
Kommentare: 293
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
10:01
Anette Lack hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:00
Jan Jasper Kosok hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:57
Hexogen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:57
Anette Lack hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:55
Hermanitou hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Fussballarena/Wahlkampfarena (community)
MIssbrauchsdebatte

portlet_missbrauch.png

Aktuelle Ausgabe bestellen
Freiwillige vor!

Ausgabe 11/10
18.03.2010

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 2.90 €

>> bestellen

probeabo260x120.jpg

Buch der Woche

11bdw.png

WKA_Powerradio

WKA_portlet_powerradio.png

Freitag unterstuetzt

portlet_polit_camp01.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG