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Unterschiede

21.07.2009 | 22:40

„Die Politiker sind viel zu nah an der Wirtschaft“

Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftswissenschaftler an der FH Gelsenkirchen, hat in der Sendung „Der Tag“ auf hr2-kultur vom 20. Juli 2009 die derzeitige wirtschaftliche und politische Krise erklärt. Das Interview beginnt sechs Minuten vor Ende der Sendung und wurde von Florian Schwinn geführt:

hr2 Der Tag: … Wie kann man denn verhindern, daß „die da oben“ in den Chefetagen einfach immer weitermachen, was sie wollen, und sich nicht darum scheren, was die Gesellschaft um sie herum bewegt? Ich meine jetzt nicht nur die Banken, sondern … auch die anderen Manager.

Bontrup: Ja, ich befürchte, daß wir vor einer grundlegenden Strukturveränderung, auch im Politischen, auch in der Wirtschaft, bisher immer noch zurückgeschreckt haben, und wenn ich 'ne Prognose wagen soll, dann würde ich mal die wagen, daß die nächste Krise schon vorprogrammiert ist. Wir haben bisher ja überhaupt nichts verändert, weder im Politischen noch in der Wirtschaft ist begriffen, was wir an Weltwirtschaftskrise – die schlimmste, sicherlich, nach dem zweiten Weltkrieg, die wir zurzeit durchleiden, viele Menschen durchleiden, und das Schlimme steht ja noch bevor. Die Massenarbeitslosigkeit, die ja bereits riesengroße Werte seit dreißig Jahren auch in Deutschland hat, die wird nochmal gravierend zunehmen. Es wird Kapitalvernichtung, die ja bereits auch schon stattgefunden hat, nochmal zusätzlich stattfinden, und die wahren Ursachen dieser Krise sind bis heute überhaupt nicht in der Gesellschaft diskutiert. Es war nämlich eine gigantische Umverteilung, die unter dem neoliberalen Regime seit dreißig Jahren gepredigt worden ist, Umverteilung von unten nach oben. Die Reallöhne sind weltweit überall verfallen, die Gewinne sind explodiert, und dieses Geld suchte dann an den Finanzmärkten Anlage, und diese Anlage ist jetzt in Blasen, sozusagen, „geplatzt“. Und diese Ursache ist bis heute überhaupt nicht öffentlich zur Kenntnis genommen und auch diskutiert worden …

hr2 Der Tag: Das heißt, Sie fügen jetzt noch etwas hinzu – es ist nicht, wie wir eben differenziert haben, die Realwirtschaft am Ende, die dann leidet unter dem, was die Finanzwirtschaft gemacht hat, sondern es ist am Anfang die Politik, die diese Richtlinien, sozusagen, durchgesetzt hat, von denen Sie gerade sprachen …

Bontrup: Richtig, mit dem neoliberalen Regime. Das ist ja in der Mitte der 70er Jahren, sozusagen, weltweit verkündet worden. Die Märkte sollten liberalisiert werden, insbesondere natürlich auch die Kapitalmärkte. Das ist alles umgesetzt worden, und wir haben dann diese Umverteilung erlebt, die Gewinnquoten sind nach oben weggebrochen, und die Lohnquoten nach unten. Das war das Umverteilungsergebnis. Die Staaten haben zusätzlich durch eine völlig verfehlte Steuer- und Finanzpolitik dieses noch forciert. Altersversorgungssysteme sind liberalisiert worden, siehe auch in Deutschland die Einführung der Riester-Rente. Das spülte ja alles Geld zusätzlich an die Finanzmärkte, und dieses Geld mußte dann Anlage finden, und fand keine, im Grunde genommen, mehr in der Realwirtschaft. Das Prinzip, rufe ich auch nochmal in Erinnerung, shareholder value, wurde gepredigt. Die Finanzmärkte, oder die Finanzaktiva ist in die Realwirtschaft eingedrungen, hat, sozusagen, dort auch das Paradigma verkündet. Überall ist rationalisiert worden. Die Menschen sind entlassen worden. Das sind doch alles, im Grunde genommen, die Ursachen für diesen Kollabieren. Und das ist überhaupt nicht ehrlich in der Diskussion, und das verurteile ich zutiefst, und ich mach' auch einen Punkt, wenn man nach vorne denkt, in Alternativen: Ich führe das auch darauf zurück, daß wir bis heute in den Gesellschaften, in den kapitalistischen Gesellschaften eine gespaltene Gesellschaft haben: Wir haben die Staaten – der Staatsapparat, der ist zwar parlamentarisch demokratisch verfaßt, aber die Wirtschaft ist es nicht. Dort herrscht, im Grunde genommen, einseitig nur das Kapital, und das Kapital ist hofiert worden, das Kapital hat sogar die demokratischen Staaten teilweise – Stichwort nur: Lobbyismus – immer mehr unterminiert. Die Staaten, die Politiker sind viel zu nah an der Wirtschaft. Das müßte alles gekappt werden, wenn man wirklich einen Veränderungsprozeß einleiten will, wenn man nicht noch einmal will, daß in vier, fünf Jahren, in zehn Jahren nochmal eine solche schwere Krise auf uns zukommt. Und dann, befürchte ich, werden wir nicht nochmal die Kurve kriegen, die wir jetzt nochmal grade bekommen haben.

hr2 Der Tag: Ich fasse nochmal zusammen, was Sie eben gesagt haben. Sie haben gesagt, wenn ich das mal so zuspitzen darf: Die Umverteilung von unten nach oben hat dazu geführt, daß die Reichen immer reicher wurden, aber unten keine solventen Schuldner mehr gefunden haben, denen sie wirklich ihr Geld leihen konnten und es dann auch mit Zinsen zurückbekommen haben. Deshalb haben sie sich insolvente Schuldner gesucht, und deshalb ist die Blase geplatzt.

Bontrup: Ganz genau, Sie haben es wunderbar zusammengefaßt. Genau so isses. Weil, der Vermögende braucht natürlich immer das Pendant, er braucht immer den Schuldner, er braucht immer denjenigen, der, sozusagen, ihm per Kredit sein Vermögen „abnimmt“, sonst kann der Vermögende ja sein Vermögen nicht über Zinsen etc. verwerten. Und dann mußte er immer mehr den insolventen Schuldner bzw. den schlechten Schuldner – prime rates zum Beispiel, in den USA ist das ja ganz klassisch gelaufen – brauchte er ihn. Und dann ist das System kollabiert. Das ist nur eine Folge eben dieser Umverteilung. Kapitalistische Krisen entstehen immer durch dysproportionale Verteilung der Wertschöpfung, die arbeitsteilig in der Realwirtschaft realisiert wird, und das ist das Ergebnis dieser gigantischen Umverteilung. Und wir haben nichts daraus gelernt im politischen Bereich, wenn man sich gerade jetzt mal vor dem Wahlkampf die Parteiprogramme der regierenden bzw. auch der Parteien in Deutschland anguckt, dann soll offensichtlich Neoliberalismus pur weitergemacht werden. Da werden gigantische Steuersenkungen versprochen, da wird die Diskussion mit Sicherheit im Herbst wieder aufkommen, daß in Deutschland die Löhne zu hoch sind. Das kennen wir alles zu genüge: Das ist neoliberales Dogma. Das hat genau uns diese Krise eingebracht. Und wenn wir da nicht endlich begreifen, daß das der falsche Weg war, dann werden wir noch alle unser blaues Wunder erlerben.

hr2 Der Tag: Krise? Welche Krise? Business as usual. – So haben wir ja unseren „Tag“ heute auch überschrieben. …

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 22.07.2009 um 22:49
Auf den Punkt gebracht. Aber wen interessiert es schon? Die MainstreamMedien versuchen solche Analysen in einer Fülle von neoliberalem Gebrabbel untergehen zu lassen.

Und der German Trash wählt weiterhin die Verursacher.
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Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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