jfenn

Unterschiede

05.11.2009 | 22:59

Die Wikipedia hat heute abend über sich selbst diskutiert

Zur Aufregung der deutschsprachigen Blogosphäre über die ganz normale Löschpraxis in der deutschsprachigen Wikipedia hatte ich schon etwas geschrieben. Worum es dabei geht, ist nicht neu, sondern seit vielen Jahren gängige Praxis, und die ganze Erregung ist deshalb vor allem ein Hinweis auf eine nachholende kritische Auseinandersetzung mit der Wikipedia als Quelle und Medium. Mit der Wikipedia als sozialem Projekt, als „Bewegung“ beschäftigten sich bisher vor allem eine Illustrierte wie der „Stern“ und wenige Autoren wie Günter Schuler 2007 in seinem Buch „Wikipedia inside“, in dem er auch viele Wikipedia-Promis vorstellte. Auch manches, was online abläuft, ist eben nur zu verstehen, wenn man sich die gruppendynamischen Prozesse anschaut, auf denen das für alle sichtbare Ergebnis beruht. So ist die Wucht, mit der die derzeit stattfindende Diskussion abläuft, wahrscheinlich vor allem mit einer sehr weitgehenden unkritischen und emotionalen Identifikation der Netzgemeinde mit dem Wikipedia-Projekt zu erklären.

Heute abend fand zu alledem nun eine Diskussion statt, die von Wikimedia Deutschland veranstaltet wurde, dem Verein hinter der Wikipedia, der die Infrastruktur trägt und der dem ganzen virtuellen Projekt ein reales organisatorisches Fundament gibt. Und über diese Veranstaltung habe ich mich denn doch ziemlich gewundert, weil sie weder dem Anlaß nich dem Selbstverständnis des Wikipedia-Projekts gerecht wurde.

Zunächst fand ich erstaunlich, daß man sich „in der großen Stadt Berlin“ (Erich Kästner) an einem so kleinen und beengten Ort traf: „Das Setting der Wikipedia-Diskussion ist indiskutabel. Hälfte der ‚Teilnehmer‘ ist im Raum nebenan“, schrieb Frank Rieger dazu. Provinziell. Es wurden nur 42 Teilnehmer eingelassen (sic!). Zu Wort kamen vor allem die Diskutanten, die die bereits bekannten Thesen aus ihren Blogbeiträgen wiederholten. Man blieb auffällig unter sich in der Welt des „freien Wissens“. Und die technische Qualität des Video-Livestreams war leider unter aller Kritik. Ohne Kopfhörer war der Ton nicht zu verstehen, weil er viel zu leise ankam. Fefe, der das alles mit angestoßen hatte, aber nicht eingeladen worden war, hat darüber schon sehr schön live und aus der Ferne gebloggt. Anne Roths Statement war für mich noch das originellste. Sie verglich die deutschsprachige Wikipedia mit Indymedia, wo das Mitmach-Web unter anderem mal begonnen hatte. Man kann die Gegenöffentlichkeits-Plattform Indymedia natürlich nicht so ohne weiteres mit der doch sehr mainstreamigen Wikipedia vergleichen, die sich bei ihren Inhalten bekanntlich maßgeblich am sogenannten „neutral point of view“ orientiert. Aber die soziale Komponente sei vergleichbar, meinte Anne Roth. Immer mehr Mitarbeiter strichen die Segel; dadurch steige die Belastung der verbleibenden Admins; die Stimmung im Projekt spanne sich an; normale Nutzer würden vergrault; der Bürokratismus nehme weiter zu; wodurch wiederum mehr Regulars das Handtuch würfen; usw., usf. Been there, seen that.

Indymedia spielt mittlerweile keine große Rolle mehr.

 
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Kommentare
yato schrieb am 06.11.2009 um 16:01
wikipedia sollte auf ein demokratischeres bewertungs und "zensursystem" von wissen setzen, und nicht auf 700 "wahrheits diktatoren".

man sollte alle registrierten wikipedia user die entscheidungen der admins bewerten lassen können.
ein system wie bei amazon oder beim appstore mit 5 sternen und unterdialogen und gut/schlecht bewertungsbuttons der unterdialoge)

andere auffassungen (ausser jux) sollten nicht gelöscht werden sondern als gegenmeinung (anklickbar im artikel) erhalten bleiben - auch die eventuellen verästelungen der diskussionen sollten so eingebunden werden. die übersichtlichkeit in der obersten ebene sollte beibehalten werden, es soll aber der rest nicht abgeschnitten sondern easy verfügbar gemacht werden.

es stellt sich immer mehr heraus, dass es nicht die EINE wahrheit gibt, sondern dass selbst absolut wiedersprüchliche wahrheiten zugleich wahr sein können, da wahrheit sehr oft eine sache der perspektive ist und es eine objektive wahrheit bzw. perspektive nicht gibt.

objektiv ist in diesem sinne nur die aneinanderreihung der verschiedenen subjektiven wahrheiten und nicht die dominanz der wahrheit der mächtigen 700
ruhrrot schrieb am 06.11.2009 um 17:34
Lieber jfenn,

vielen Dank. Guter,interessanter Blog. Ich wußte gar nicht, dass es Indymedia gibt.

Herzliche Grüße

por
Bildungswirt schrieb am 06.11.2009 um 20:10
Bin mal zusätzlich allen Links gefolgt - gute Arbeit!
Gruß BW
Andreas Kemper schrieb am 07.11.2009 um 08:48
Wikipedia ist nunmal kein Wiki. Alle wichtigen Entscheidungen werden in kleinen Kreisen vordiskutiert und erst dann zur Abstimmung frei gegeben, wenn klar ist, wie diese auszugehen hat. Von den Bertelsmann-Kooperationen erfuhren die Wikipedia-AutorInnen aus der Presse. Dass diese nicht mehr stattfinden, liegt an Bertelsmann, nicht an den Protesten. Die Lizenzumstellung wurde ebenfalls nicht vorher diskutiert, sondern nur mit einer weltweiten Abstimmung pro/contra durchgewunken. Ähnliches gilt für die "gesichteten Versionen".

Auf der anderen Seite gibt es keine Unterstützung für AutorInnen. Diese werden noch immer als "Schreib-Konsumenten" wahrgenommen. So wurde zum wiederholten Male festgestellt, dass es kaum weibliche AutorInnen gibt - angegangen wird dieses Problem nicht. Dass kritische Wikipedia-AutorInnen massive Probleme mit Neo-Nazis haben, ist deren Problem. Wenn Wikipedia-AktivistInnen vor Ort Wikipedia-Veranstaltungen machen wollen, bekommen sie auch auf Nachfrage keine Unterstützung vom Verein. Dass es möglich ist, für seine Wikipedia-Artikel Tantiemen zu erhalten, weiß bisher auch so gut wie kein Wikipedia-Autor.

Der deutsche Wikimedia-Vereinsvorstand ist ein gutes Sprungbrett. Sei es für gut bezahlte Jobs in San Francisco, beim SPIEGEL oder in der Internetbranche. Das Fußvolk hingegen kann sehen, wo es bleibt.

Ich habe dieses Jahr den Versuch einer Organisierung von Wikipedia-AutorInnen gestartet:
www.ig-wpa.de/

Anfang des nächsten Jahres findet eine Tagung zu Problemen in Wikipedia statt. Der Titel dieser Tagung lautet "Wikiwars". Ausgangspunkt ist der problematische "Neutral Point of View". Während der Tagung wird der "Critical Point of View" bevorzugt.
jfenn
Jürgen Fenn
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