jfenn

Unterschiede

29.10.2009 | 23:36

„Krankenversicherung ist der falsche Ansatz“

In der heutigen Sendung von „Democracy Now!“ gab es eine sehr aufschlußreiche Diskussion über die neueren Versuche der Obama-Administration, die Krankenversicherung der Amerikaner zu verbessern. Einer der Diskutanten, Professor Oliver Fein von der Cornell University, wird gegen Ende des Gesprächs grundsätzlich und beschreibt das Problem aller Krankenversicherung (öffentlich, privat oder gemischte Modelle), indem er den ganzen Ansatz als Versicherung in Frage stellt:

„[…] The problem […] is that they’re going to make that public option behave like an insurance company, right? […] That’s a real difficulty. And maybe the whole paradigm of insurance is wrong. Just think of it. You buy car insurance or house insurance, you hope you’ll never have to use that insurance, right? I mean, you don’t want your house to burn down. You don’t want to get into a car accident. Health insurance is—you know, it’s the wrong term, right? We don’t want health insurance, because we all know at some point in our life we’re probably going to get sick. And, in fact, we want younger people to use preventive services. We want people to use their insurance. […] Which is the exact opposite of, you know, what most insurance is about. That’s why we talk about a national health program, Medicare for all, again, trying to get out of the insurance paradigm. For instance, in Medicare, you don’t pay premiums, per se, for the Part A part of it. It’s part of your, you know, payroll tax. […] I fear—I fear that it’s going to be very hard to get there from—through the public option. […]“

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 30.10.2009 um 08:22
Ich merke mal wieder, dass mein Englisch nicht gut genug ist für die Nuancen. Was meint er mit 'aus dem Versicherungs-Paradigma heraus kommen'?
Magda schrieb am 30.10.2009 um 09:52
@jfenn - das ist ein bisschen schwierig zu verstehen ohne Hintergründe.

Die Argumentation ist - so wie ich sie verstanden habe: Das Versicherungsprinzip besteht immer darin, dass man - bei Abschluss einer Auto- Haurats- und anderer Versicherungen - davon ausgeht, dass man sie nie oder selten braucht.

Bei einer Krankenversicherung ist es umgekehrt. Jeder weiß, dass man Krankheiten nicht vermeiden kann. Eine Versicherung, bei der - im Gegensatz zum obigen Denkansatz davon ausgegangen wird, dass sie ständig gebraucht wird - ist ein Problem und ein Paradigmenwechsel.
Darum plädiert er wohl für Medicare, das nationale Gesundheitsprogramm, das aus seiner Sicht, diesen Paradigmenwechsel nicht macht. Das soll wohl eher die Vorbeugung als der Schutz im Mittelpunkt stehen.

Ich nehme an, meisterfalk, soweit warst Du jetzt auch schon gediehen. Vielleicht finden sich ja noch sachkundigere Leute ein, die es differenzieren oder konkretisieren können. Jedenfalls dieser Versicherungsgedanke ist schon ein Argument.

Jetzt müsste man noch gucken, wie Medicare und Medicaid - wie das in den USA funktioniert. Das gibts aber schon viele Jahre, soweit ich weiß.
jfenn schrieb am 30.10.2009 um 11:22
Es tut mir leid, wenn das für den einen oder die andere sprachlich zu schwierig war. Danke sehr, Magda, für Deine Zusammenfassung.

Der Kernpunkt ist (ich sage das jetzt mal mit unseren deutschen Begriffen): Die Wahrscheinlichkeit, daß man irgendwann mal krank wird, ist gleich eins, also 100%. Dann benötigt man die entsprechenden Leistungen. Unsere gesetzliche Krankenversicherung ist eine Sozialversicherung, und "Sozialversicherung" besteht immer aus zwei Aspekten, nämlich Versicherung und Solidarprinzip, das einen sozialen Ausgleich zwischen den Versicherten herbeiführen soll. Und man muß sich fragen, ob der Solidarausgleich zwischen den Versicherten nicht letztlich das einzige ist, was man benötigt und was öffentlicherseits geschaffen werden sollte. Ob man also hier überhaupt eine "Versicherung" haben will/sollte?

Die Diskutanten halten diesen Standpunkt zum Ende des Gesprächs für vernünftig, bezweifeln aber gleichzeitig, daß dieser geradezu revolutionäre Ansatz im Kongreß sich durchsetzen ließe.

Ich habe auf diese Diskussion hingewiesen, weil wir derzeit in Deutschland und in den USA eine vollkommen unterschiedliche Lage haben: Während bei uns das Solidarprinzip in der Krankenversicherung zurückgedrängt wird, indem die Beiträge zukünftig vollkommen unabhängig vom Einkommen bemessen werden sollen ("Solidarausgleich" angeblich über staatliche Zuschüsse für Bedürftige aus Steuermitteln -- die wiederum aus Steuereinnahmen stammen würden, die nur von denselben Bedürftigen stammen werden, denn es wird ja hierzu eher die Mehrwertsteuer erhöht werden als die Einkommensteuer), wird dort von Obama versucht, erstmals überhaupt ausreichende Leistungen für alle einzuführen. Dazu werden mehrere Modelle diskutiert, von voll-privat über genossenschaftlich organisiert bis hin zu "öffentlich", also staatlich. Die Reaktionen darauf sind bisher massiv gewesen. Obama wurde von seinen rechten Gegnern deswegen mit Hitler verglichen, es gab u.a. dementsprechende Fotomontagen von ihm. Und diese Dreierrunde bei "Democracy Now!" findet sozusagen auf der genau gegenüberliegenden Seite des Spektrums statt, sie ist das andere Extrem auf der linken Seite.

Es wird einerseits aufgeklärt über die größeren Zusammenhänge (Millionen Amerikaner sind ganz ohne Versicherung, die Kosten laufen aus dem Ruder, viele sind nur deswegen überschuldet) und entwickelt am Ende eben diese Ansicht, die auch für uns revolutionär wäre: Nicht das Solidarprinzip sollte abgeschafft werden, sondern -- im Gegenteil -- das Versicherungsprinzip! Zugegebenermaßen eine positive Utopie, denn dazu wird es angesichts der Macht der Versicherungskonzerne nicht kommen, weder hier noch dort. Aber absolut erwägenswert.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.10.2009 um 11:31
@ meisterfalk, so fein ist das alles nicht, eher altes neu formuliert. Das hatte vor 20 Jahren ein Dr. Walid Amin Ruwayha in seinem Buch über "Terrorism and Hostage-Taking in the Middle East" beschrieben als er über den Sinn von Versicherungen für Reporter schrieb. Versicherungen versichern nur was der Kunde hofft wird niemals eintreten.Als sich dann die USA aus dem Libanon zurückgezogen hatten trugen Versicherungen auch keine Risiken mehr. Mittlerweile ist es allerdings so das Du denkst gut versichert zu sein, aber dann feststellst das dies und das nicht versichert ist. Beispiel Zahnersatz und so...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.10.2009 um 11:35
@ jfenn Deine Idee ist gut und Du räumst eben auch gleich ein das sie Utopie ist. Ist das Prinzip Hoffnung also doch ein menschlicher Urtrieb?
Magda schrieb am 30.10.2009 um 14:24
"Und man muß sich fragen, ob der Solidarausgleich zwischen den Versicherten nicht letztlich das einzige ist, was man benötigt und was öffentlicherseits geschaffen werden sollte. Ob man also hier überhaupt eine "Versicherung" haben will/sollte?"

Ja, jetzt wirds verständlich. Sehr interessant. Aber für die Amerikaner ein "rotes Tuch".
h.yuren schrieb am 30.10.2009 um 22:34
ein ziemlich heißes eisen, jfenn, nicht nur in den usa. die frage nach der solidargemeinschaft steht zentral.
wenn es nur darum ginge, brauchte mensch wirklich keine kranke versicherung. es wäre einfacher, der staat übernähme die entstehenden kosten aller.
das problem beginnt so richtig ernst zu werden, wenn nicht nur nach den rechten der versicherten gefragt wird, sondern auch nach den pflichten. wann begibt sich jemand "freiwillig" aufs dünne eis zulasten der anderen, die klug oder brav auf dem festen sand bleiben?
an dieser stelle wird die versicherungsfrage revolutionär, weil sie mehr voraussetzt und von jedem einzelnen fordert, als freie fahrt für wildgewordene bürger.
einen kleinen vorgeschmack künftiger krisen unter nachbarn war das nichtraucherschutzgesetz. so etwas wie ein unrechtsbewusstsein bei unsolidarischem verhalten war nicht immer zu erkennen.
eine solidargemeinschaft setzt mündige, gut informierte, verantwortungsbewusste menschen voraus. verlangt utopisches von den real-existierenden leutchen.
die 2-klassen-medizin ist ein weiteres beispiel für unsolidarisches treiben.
eine lösung der steigenden krankheitskosten ist nicht in sicht.
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Jürgen Fenn
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