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Seit einer Stunde regnet es. Ich gehe trotzdem zur Wahl. Als ich auf die Straße trete, läßt der Regen nach, hört aber nicht ganz auf. Es ist milder, als ich zunächst dachte. Ein kühler, regnerischer Sonntagnachmittag.
Weder auf dem Weg zum Wahllokal noch davor stehen Wahlplakate. Nichts deutet darauf hin, daß hier die Wahlen zum Europäischen Parlament stattfinden. Eher unauffällig, seitlich steht ein diskretes Schild, das den Weg zu den Wahlbezirken weist. Die Schule, die in einem „Bildungszentrum“ untergebracht ist, schläft heute. Menschenleere Gänge. Verschlossene Zimmer.
In dem Raum, der für „meinen“ Wahlbezirk vorgesehen ist, herrscht ruhiger Betrieb. Vier Wahlhelfer wenden sich mir zu, reichen mir den Stimmzettel und bitten mich in die Wahlkabine. Die Anzahl der auf dem Stimmzettel angebotenen Parteien steht im krassen Gegensatz zur Zahl der Wähler an diesem Tag. Auf der Schultafel ist die Wahlbeteiligung stündlich angeschrieben worden. Vor einer halben Stunde, um 15 Uhr, lag sie bei 18%.
Ganz oben auf dem Stimmzettel steht die CDU, die Piraten fallen mir ganz am Ende auf, dazwischen der ganze Rest, teils vernünftig, teils sektiererisch, teils völlig plemplem. Die Entscheidung fällt mir schwer, aber ich wußte ja, was mich erwarten würde, und ich bin auch nicht allein mit meinem Dilemma, wie ein Blick in die Blogosphäre zeigt: [1], [2], [3], [4].
Zur Sammlung der Stimmzettel steht eine gelbe Mülltonne bereit, deren Deckel mit einem breiten Schlitz versehen wurde, so daß sie als Wahlurne dienen kann. So hat man den Eindruck, als gehe die Stimme direkt in den Abfall, zusammen mit den zurückgegebenen Wahlbenachrichtigungen. Ins Altpapier. Wie praktisch.
Als ich die Schule verlasse, hat der Regen aufgehört, und die Sonne kommt heraus. Ich begegne noch zwei Nachbarn, bevor ich auf dem langen Weg nach Hause zurück gehe. Sonntagsspaziergang durchs Neu-Isenburger Westend. Eine Stadt mit knapp 35000 Einwohnern. Eine Frau führt zwei Hunde aus, in Richtung Waldrand. Kein einziges Wahlplakat ist zu sehen, auf dem ganzen Weg.
Dann, kurz vor dem Hotel, ein Aushang an einer Straßenlaterne: „Garage zu mieten gesucht.“ Mit Telefonnummer.
Erneut die Sonne. Aber der Himmel ist weiter voller dunkler Wolken.
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Manchmal denke ich, dass es passieren könnte, dass zu vielen die Demokratie zu selbstverständlich wird, so selbstverständlich, dass sie das zentrale Recht dieser Demokratie, die freien Wahlen, auf beiden Seiten unterschätzen und damit gefährden könnten - und das macht mich sehr nachdenklich.
Es ist nicht nur die geringe Wahlbeteiligung, es ist auch so etwas wie das, was ich hier lese: keine Wahlplakate - als gäbe es unwichtige Orte ... . Und die Politik am Wahlkampf auszurichten, sollte auch nicht zu sehr verlockend sein, denn damit wächst dann der ohnehin schon beklagte Vertrauensverlust noch weiter. |
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Mit der Demokratie ist es wie mit den Grundrechten: Man muß sie ausüben, sonst hat man sie nicht.
Zum Thema „Wahlplakate“ habe ich mittlerweile eine Meldung aus der Offenbach-Post vom 19. Mai 2009 gefunden, der zufolge die Neu-Isenburger Grünen auf das Aufstellen von Wahlplakaten verzichtet haben, weil sie sich davon keinen Zuwachs an Stimmen erhofft hätten. In der Nachbarstadt habe man schon bei den hessischen Landtagswahlen keine Plakate mehr aufgestellt, ohne Auswirkung auf den Wahlerfolg. Und das von den Erfindern des legendären „Walplakats“! www.op-online.de/nachrichten/neu-isenburg/gruene-verzicht-eu-wahlplakate-300947.html |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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