Im vorigen Beitrag haben wir uns einen Überblick aus 10.000 Fuß über die Grundlagen und Grundanforderungen des Lebens innerhalb einer Gemeinschaft verschafft:
Heute kommen wir zu den Problemen, die sich aus den unterschiedlichen Voraussetzungen der Leute ergeben. Weiterhin folgt ein kleiner Exkurs in das Reich des „Bösen“ als unabänderlichen Faktor eines jeden Zusammenlebens.
Die Macht der Niedertracht und die Niedertracht der Macht: Philosophie der Überlegenheit und das „Menschenrecht“ auf Destruktivität
Ab wann besteht also überhaupt ein Problem: wenn man nicht angepasst (fit) genug an das Bezugssystem ist. Als Gründe kommen auf Seite des Subjekts insbesondere Krankheit, Alter oder mentale Aspekte infrage.
Allgemein gesprochen, besteht die Schwierigkeit darin, sich nicht „einbringen“ zu können – das, was von außen an Möglichkeiten existiert und das, was vom Subjekt zur Nutzung dieser geboten werden kann, sind zu weit auseinander.
Es besteht allerdings oft auch ein Interessen-Konflikt.
Kurzer Exkurs als Beispiel:
Nehmen wir an, wir hätten eine perfekte Welt und spielten ein Spiel.
Eine Spielbank teile Spiel-Karten aus. Es sind x rote (Arbeitskraft) und x schwarze (Produktionsmittel/Arbeitsplatz) Karten. Insgesamt also 2 * x Karten.
Die x schwarzen Karten gibt die Spielbank alle einer einzelnen Person. Jede Karte der x roten verteilt die Bank an jeweils eine Person.
Für jedes am Ende einer Runde wieder zustande kommende Paar aus roter und schwarzer Karte zahlt die Spielbank einen Preis von 100 Euro.
Die Besitzer einer roten Karte können also diese nun dem Besitzer der schwarzen Karten verkaufen, damit dieser sie wiederum für 100 Euro zurück an die Bank verkaufen kann.
In einer fairen und netten Welt wäre also Pi mal Daumen jede Karte 50 Euro wert, richtig?
Es macht aber einen enormen Unterschied, ob man nur eine „Karte“ hat oder alle einer Farbe.
Vernichtet der Besitzer der schwarzen Karten eine davon, geht auch ein Besitzer einer roten Karte mit Sicherheit leer aus. Das heißt, jeder Besitzer einer roten Karte hat Anreiz, seine Karte möglichst billiger als jemand anders anzubieten, um nicht auf seiner sitzen zu bleiben.
Bei 32 Karten (16 roten und 16 schwarzen) wäre es also möglich 1600 Euro Gewinn zu machen.
In einer fairen Welt: 800 Euro für die „Arbeiter“ und 800 Euro für den Boss. Vernichtet der Boss nur eine Karte, sind nur noch 1500 Euro drin. Doch wenn jeder Arbeiter beispielsweise jetzt nur noch 45 Euro für seine Karte verlangt, denn weniger ist besser als nichts, macht der Boss trotzdem mehr Gewinn als in der anderen Rechnung (obwohl weniger Wertschöpfung insgesamt möglich ist). Denn von den 1500 Euro gehen jetzt 825 an den Boss.
Dieses kleine Beispiel verdeutlicht, warum eine rein Arbeitgeber-orientierte Politik Arbeitsplätze vernichten kann. Soviel zum systemimmanenten Problem, warum Vollbeschäftigung – selbst wenn in einer hypothetischen perfekten Welt, die Möglichkeiten bestünden – schwer zu erreichen ist.
Aber das ist nur eine ziemlich vereinfachte und natürlich nicht ganz realitätsgetreue Darstellung.
Bleiben wir also dabei, dass es „irgendwelche“ Faktoren gibt, sei es unverschuldet oder selbst verschuldet, warum manche Leute nicht aus eigener Kraft für ihren Unterhalt sorgen können.
Was uns direkt zum nächsten Problem führt: der Abhängigkeit von anderen und die Förderung dessen, was ich, auch wenn mir der esoterische Hauch missfällt, das „Böse“ nennen würde.
Kant hatte Königsberg zu Lebzeiten selten (bzw. nie?) verlassen. Seine Kontakte und Begegnungen waren wohl geordnet, oft akademisch und gewählt. Entsprechend weltfremd muten die von ihm geprägten Konzepte wie „Menschenwürde“ und sein „kategorischer Imperativ“ an:
„[...] der Mensch, und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen, sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden. [...]“
„[...] Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde […] “
„[...] Der praktische Imperativ wird also folgender sein: Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest. [...]“
Diese aus dem 18ten Jahrhundert stammenden Zeilen machen den Eindruck als kämen sie von einem anderen Planeten. Dennoch spiegeln sie sich in unserem Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes wieder. Obwohl sie so rein gar nichts mit den zeitgenössischen „Philosophien“ eines Heinsohn, Sloterdijk oder Sarrazins zu tun haben, welche sich anschicken Ersatzreligion des Bürgertums zu werden.
Es braucht nicht viel um Kant zu widerlegen. Ein Blick in den Alltag respektive die Tagespresse sollte reichen. Man muss weiter zurückgehen, zu Spinoza, um einen bezeichnenden, einfachen Spruch zu finden, der die Lage zutreffend beschreibt: „Jeder hat (nur) soviel Recht, wie er Macht hat.“
Wir haben die Erkenntnis der Milgram-Experimente, wir haben die Erfahrungen mit Heimen jeder Art, speziell religiöse; wir haben insbesondere Erfahrungen mit privaten Initiativen – Stichwort Treberhilfe.
Was also, wenn man keine Macht hat? Wie damit umgehen? Andere Staaten zeigen uns ja, dass es auch ohne Existenz-Sicherung geht.
Bevor im nächsten Beitrag die Alternativen vorgestellt werden hier noch eine Abgrenzung, was nicht(?) dazugehört:
Opportunismus / „Beraterexistenz“
Der Trick dabei ist, unter Vorwand der Stabilität oder Überlebensfähigkeit des Gesamtsystems gegen Teilgruppen zu mobilisieren und sich dieses vergüten zu lassen.
Sich entziehen des Problems durch Annehmen einer Meta-Ebene. Sich außerhalb des Raubtierkäfigs wähnen, den man herbei beschwört. Der Flirt mit der Macht: Hexenjagd und liefern von „dankbaren“ Sündenböcken. Im Grunde fällt das in die Kategorie Kannibalismus.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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