Jan Fremder

Begegnung im Licht

18.04.2011 | 21:35

Authentizität versus Anonymität?

 

Es ist keine Entscheidung der Sorte „entweder Authentizität oder Anonymität“!
Bei dem großen Geschrei darum kann sich der Eindruck jedoch manchmal ergeben.
Denn die etablierten Medien verkünden jedes Jahr aufs Neue den Untergang des Abendlandes und beharren auf ihrem Recht der angestammten Qualität.
Es gibt Probleme, die die Anonymität im Netz verstärkt, klar. Wir sehen ganze Herden von Trollen und Claqueuren. Die Hemmung nimmt ab, sich auch mal Worte/Sachen an den Kopf zu werfen, wie man es bei persönlichen Begegnungen nicht täte.
(Beziehungsweise als Folge dann eben eine Schlägerei die Verhältnisse schnell und unbürokratisch klärte). Cybermobbing und Bullying sind nur ein paar Stichworte.
Den negativen Auswirkungen muss entgegen gewirkt werden, keine Frage, aber mit Augenmaß.

Dies ist ein eigenes Thema und verdient gesondert Betrachtung, hier wird es erstmal ausgespart.

Nun zurück zu den etablierten Medien. Hat die „Qualitätspresse“ jemals allein durch die Identifizierbarkeit ihrer Autoren sichergestellt, dass sie frei von Unwahrheiten oder Unsinn bliebe?

Stichwort „der Stern“ und die Hitler-Tagebücher als bekannteres Beispiel aus der Vergangenheit ...
Gibt es im Boulevard keine Hetzjagden auf die Florida Rolfs oder so manchen gefallenen Promi – kann das nicht auch Existenzen zerstören?

Gruppen im Netz, mit Namen, wie „freundliche Paparazzi“, deuten darauf hin, dass es auch andere (unfreundliche) Paparazzi gibt, welche dann wohl eher der Normalfall sind, denn ein extra Eigenschaftswort für diesen Fall fehlt.

Wie sind die Effekte zu bewerten, wenn sich Journalisten nur gegenseitig die Zeugnisse ausstellen, kommentieren und überprüfen, die dann mit Volkes Stimme sprechen? Was wenn die Kooperationsbereitschaft zwischen den Blättern und Verlagen zu einem Friede-Freude-Eierkuchen verkommt?

Hat es dagegen Herr B. Manning soviel genutzt, dass jetzt jeder sein Gesicht kennt und sich mit ihm „solidarisieren“ kann? Ohne Wistleblower wären einige Probleme nie an das Licht gekommen.
Das weiß jede Firma, die einen Kummerkasten aufstellt:

„Wenn Du möchtest, dass die Leute Dir ungeachtet der Konsequenzen die Wahrheit sagen, dann musst Du ihnen ermöglichen, dies anonym zu tun.“

Es mag dann auch mal ein Zigarettenstummel oder ein Kaugummi drin liegen, aber ein Kanal für möglicherweise wichtige aber unangenehme Nachrichten bleibt gewährleistet. Diese sind freilich auf den Wahrheitsgehalt zu prüfen, bevor man allein auf deren Grundlage handelt.
Ganz darauf zu verzichten birgt die Gefahr, wie sie in Märchen, a la des „Kaisers neue Kleider“, schon in vor-digitaler-Zeit beschrieben wurden.


Was sind gute Gründe anonym zu bleiben: Einzelne Personen sind angreifbar. Nicht jeder ist finanziell so unabhängig, um sich eine öffentliche Meinung uneingeschränkt leisten zu können.
Bei asymmetrischen Kräfteverhältnissen ist Anonymität für freie Meinungsäußerung unabdingbar. Verantwortung für die Meinung tragen heißt dummerweise für unterschiedliche Publizisten Unterschiedliches.

 
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Kommentare
rolf netzmann schrieb am 20.04.2011 um 04:45
Den Aussagen stimme ich zu, Anonymität ist manchmal einfach notwendig, um die Wahrheit zu sagen.
Nicht umsonst haben Journalisten vor Gerichten ein Zeugnisverweigerungsrecht und es gibt für sie den Informantenschutz, was bedeutet, dass Journalisten ihre Quellen nicht preisgeben müssen. Ohne diese rechtsstaatlich garantierten Grundsätze wäre so mancher Informant gar nicht bereit, Interna weiter zu geben.
Andererseits möchte ich auch gern wissen, mit wem ich mich "virtuell unterhalte", mag also Offenheit auch im Netz. Und nicht jeder, der anonym surft, muss dies objektiv auch, davon bin ich überzeugt.
Jan Fremder schrieb am 20.04.2011 um 12:07
Hinter jeder technischen Infrastruktur stehen Menschen.
Und die sind äußerst verschieden und man sieht nicht alle Beteiligten. Als Benutzer sollte man dem System nicht vertrauen /müssen/. Offenheit im Netz, für die die sie freilwillig leben und für sinnvoll erachten. Manchmal ist das Risiko und das Ärgernis groß, für wenig bis gar kein "Gemeinschaftsfeeling".
Meine, Ehrlichkeit, freundliche Gesinnung etc. hat nichts damit zu tun, dass man sich erstmal den Personalausweis zeigt.

M.E. hängt dieses "Gefühl" auch nicht mit Realnamen und realen „Personendaten“ zusammen.
Was auf dem Personalausweis steht, sagt wenig bis gar nichts über dessen "Authentizität" aus.
Und andersherum habe ich auch schon, in den letzten 6 Jahren, zwei sehr extreme Fälle erlebt, wo Leute keinen Hehl aus ihrer Realidentität gemacht haben und trotzdem andere massiv angegriffen, soweit sie sich eben an den gesetzlichen Bestimmungen langhangeln konnten oder es mit „Opfern“ zu tun hatten, von denen klar war, dass sie ihr Recht nicht geltend machen konnten.
Jan Fremder
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