Jan Fremder

Begegnung im Licht

08.06.2011 | 06:20

Die Letzte nach Jahren

 

Es gibt Gesetze, von denen kaum jemand etwas weiß. Die sind auf den spontanen Eindruck hin sehr unverständlich. Und nur eine unverständliche Handlung, aus einer – nach außen hin – unverständlichen Situation heraus, bringen Dich überhaupt erst damit in Kontakt.

Den Kioskbesitzer in meiner Straße, den ich sonst nur vom Sehen her kenne, bat ich darum mir eine einzelne Zigarette zu verkaufen und schob ihm einen Fünf-Euro-Schein hin. Der Mann wurde etwas blass um die Nase und sagte, ich könne gern eine Schachtel haben, aber eine Einzelne dürfe er mir gar nicht verkaufen. – Was?! – Von mir aus, fuhr ich fort, könne er mir ja eine Schachtel verkaufen, eine Zigarette herausnehmen und die Schachtel wegwerfen – aber das wollte er partout auch nicht.

Er sah mich nervös fragend an. Keine anderen Leute im Laden. Wirke ich tatsächlich wie ein Zivil-Bulle? Oder wie von der Gewerbeaufsicht? Denkt der, ich wäre von der Konkurrenz und würde ihn nachher verpfeifen? Ich sehe wahrscheinlich einfach nicht wie jemand aus, der Zigaretten zu fünf Euro das Stück raucht. Stimmt. Und jemanden anschnorren, das finde ich unpassend.
Schön, dann eben eine Schachtel XY zu 4,30, bitte.
Ich reiße die Schachtel unterwegs auf und suche mir die schönste aus. Nicht so einfach. Welche Ähnlichkeit die alle haben. Klemme die Kippe hinters Ohr und werfe die Packung einem im Hauseingang rumsitzenden Punker auf die Decke, der das mit einem „Ey! Danke Mann! Echt nobel.“ quittiert.

Komme noch rechtzeitig nach Hause, bevor das Gewitter wieder anhebt, und erledige solange ein paar Sachen. Als es aufhört, öffne ich die Balkontür. Die Luft ist so klar. Die Nachbarn werden mich verfluchen. Setze mich raus und kreise das papierne Tabak- Röllchen zwischen den Fingern. Anzünden. Inhalieren. Spüre die schwerere Atemluft, den Widerstand in den Lungen. Kein Hustenreflex, auch nach der langen Zeit nicht. Der Körper hat also nicht vergessen. Auch anders als gedacht, ich erinnere mich nicht. Habe erwartet, etwas auszulösen – dass mit dem Geruch des Rauchs auch alte Gedanken oder Bilder aufkommen. Nichts davon. Der zweite Zug. Leichter Schwindel setzt ein, noch angenehm. Entspannung. Weniger wegen des Tabaks, als durch die Fokussierung auf den jetzt sichtbaren Atem.

Nehme noch langsam eins – zwei – tiefe Züge und stelle fest, dass der Qualm schon in meinen Klamotten hängt und der Geruch an den Händen haftet. Ich drücke die Kippe ungefähr nach einem Drittel aus. Damals hat es gar nicht sowas, wie eine Letzte, gegeben, fällt mir auf. Irgendwann die Sache einfach abgelegt. Damit ist das dann wohl jetzt auch abgeschlossen. Die Sachen fangen an aufzuhören, lange bevor man`s richtig merkt. Ist ganz anders, als ich dachte. Ist ganz gut so, wie es ist.

 
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Kommentare
Calvani schrieb am 08.06.2011 um 07:58
Lieber Jan,

ich mag Ihre narrativen Texte viel lieber als die sachlichen...aber das wissen Sie ja schon...

Calvani
Sarah Rudolph schrieb am 08.06.2011 um 13:23
Sehr schön.
Jan Fremder schrieb am 08.06.2011 um 14:28
@Leelah
Danke.
@Calvani
Ich akzeptiere das einfach als Kompliment, wenn auch als gemischtes :)
@Lara
"Ich habe meine letzte Zigarette im Herbst 2006 geraucht..."
Weiß nur mit ziemlicher Sicherheit, dass ich Ende 2005 schon nicht mehr geraucht habe. Vorher auch nur gelegentlich.
Vielleicht sind die Männer zum Schneehaufen, weil sie Rauch aufsteigen sahen und dachten dann, "Ach, das sind bloss die beiden, die heimlich qualmen."
Calvani schrieb am 08.06.2011 um 18:47
@ Jan
Gemischtes Kompliment? Nein. Das war ein lupenreines Kompliment verbunden mit der Ermutigung auch zukünftig vermehrt erzählende Texte hier einzustellen. Seien Sie doch nicht so misstrauisch!
Jan Fremder schrieb am 08.06.2011 um 22:09
@Calvani
Nichts für Ungut. Mein Aufschrecken in Bezug auf fachlich versus narrativ liegt darin begründet, dass ich mich kürzlich mit Arbeitszeugnissen und den Zeug drumherum und den einschlägigen Formulierungen befasst hatte. Und da ist ein Lob an der falschen Stelle fatal. Aber auf den Alltag sollte das auch nicht übertragen werden. Ist eine Geheimsprache für sich, wo sich die Bedeutungen auch im Zeitverlauf ändern.

Btw. ich sehe unten in der Antwort an Frau Hank habe ich "vernommen" geschrieben, obwohl man Glühen nicht vernehmen kann. Wollte wohl wahrnehmen schreiben.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.06.2011 um 14:14
Hmmm... Lieber Jan, jetzt muss ich aber rätseln, ob Sie einfach mal Lust hatten, über die Dinge des Lebens zu plaudern oder ob es eine Allegorie war. :)

Ich habe meine letzte Zigarette im Herbst 2006 geraucht... weiß jetzt nicht mehr, ob es Oktober oder November war. Vorher war ich nur Gelegenheitsraucherin, allerdings über viele Jahren. Ich glaube, seit ich 18 geworden bin... Schwangerschaftszeit und Jahr danach sind natürlich ausgenommen.

"Habe erwartet, etwas auszulösen – dass mit dem Geruch des Rauchs auch alte Gedanken oder Bilder aufkommen. Nichts davon."

Bei mir hat aber Ihre Geschichte eine kleine Erinnerung ausgelöst. :) Ist schon lange her, ich war etwa 20 oder 21. Ich und eine gute Freundin von mir wollten uns einen schönen Abend machen, über dies und das quatschen und so... dabei haben wir ziemlich viel getrunken, oder, konkret gesagt, wir haben uns voll besoffen. Und dann wollten wir eine rauchen. Die Freundin war zwar auch nur eine Gelegenheitsraucherin, also nicht jeden Tag geraucht, aber wenn man trinkt, dann steigt ja auch die Lust nach Nikotin. Also hatten wir beide ein heißes Begehren nach einer Zigarette. Das Problem dabei war, dass ihr Mann rigoros dagegen war, dass seine Frau raucht (sollten Feministinnen diesen Kommentar lesen, dann bitte keine Aufregung, es gibt auch Frauen, die rigoros dagegen sind, dass ihre Männer rauchen, und überhaupt, das war Sibirien im 20.Jahrhundert, Emanzipation gehörte nicht zu unseren Stärken... zumindest nicht in jedem Bereich... darum geht es jetzt aber nicht). Also wir haben dem Mann gesagt, dass wir uns ein bisschen frische Luft schnappen wollen, ein kleines Stück draußen spazieren gehen. Es war Winter, später Abend, Sterne, Schneeflocken, Romantik... Selbstverständlich sind wir nicht spazieren gegangen, sondern haben uns im Hof hinter dem größten Schneehaufen versteckt und die Kippen angezündet. Just in dieser Zeit klingelte ein Freund des Mannes an der Haustür, der kurz vorbei geschaut hat, um irgendwelche Angelegenheit zu besprechen. Dabei wollte er auch eine rauchen, und da der Mann grundsätzlich gegen Zigarettenqual in der Wohnung war, sind die beide draußen gegangen und - selbstverständlich - zu gleichem Schneehaufen gesteuert, hinter dem wir und versteckt haben. Keine Ahnung, was an diesem Schneehaufen so anziehend war... vielleicht sah er besonders romantisch aus. Da waren wir natürlich in Panik... ich meine, hätte man uns entdeckt, hätte zwar nichts Schlimmes passiert, er würde die Frau nicht schlagen oder so, aber Ärger gäbe es schon und der schöne Abend wäre nicht mehr so schön... also haben wir uns gehockt und, solange die Männer sich an der anderen Seite des Schneehaufens unterhielten, waren wir wie zwei kleine scheue unsichtbare unhörbare Mäuse gewesen... und als die Sache dann vorbei war und die Männer weggingen, haben wir uns vom Lachen einfach ins Schnee umgekippt.
Maike Hank schrieb am 08.06.2011 um 14:50
Ich habe einmal nach 16 Monaten Nichtrauchertum auch so eine Zigarette geraucht. Die nicht nur ein wenig Schwindel, sondern erhebliche Kreislaufprobleme samt Übelkeit hervorrief – und mich absurderweise nach einer Stunde gleich die nächste Zigarette konsumieren ließ. Erst ein Jahr später habe ich wieder aufgehört zu rauchen.
Dies ist nun fünf oder sechs Jahre her. Ich weiß es nicht einmal mehr genau. Und nur das Wissen um die erste Erfahrung rettet mich davor, in Ausnahmesituationen zu rauchen. Ich müsste ja sofort jede Party mit grünem Gesicht verlassen und selbst der schönste Moment allein würde sofort zur Qual. Ich bin also gerettet : )
Dabei wäre mir so manches Mal im Sommer schon danach, noch einmal solch eine letzte Zigarette zu rauchen..
Jan Fremder schrieb am 08.06.2011 um 15:46
@Maike Hank
Zitat: „Ich habe einmal nach 16 Monaten Nichtrauchertum auch so eine Zigarette geraucht. Die nicht nur ein wenig Schwindel, sondern erhebliche Kreislaufprobleme samt Übelkeit hervorrief – und mich absurderweise nach einer Stunde gleich die nächste Zigarette konsumieren ließ. Erst ein Jahr später habe ich wieder aufgehört zu rauchen.“

Pardon, ich musste schmunzeln, als ich das gelesen habe. Da ergab sich gleich das Bild, die Zigarette wäre mit großen Augen in zehn Sekunden am Stück hastig durchgezogen worden, so dass man noch in ein paar Kilometern Entfernung plötzlich ein helles Glühen in der Ferne vernommen hat. Und dass dann quasi ein Jahr lang die eine mit der anderen angezündet wurde.

Zitat: „Dies ist nun fünf oder sechs Jahre her. Ich weiß es nicht einmal mehr genau. Und nur das Wissen um die erste Erfahrung rettet mich davor, in Ausnahmesituationen zu rauchen. Ich müsste ja sofort jede Party mit grünem Gesicht verlassen und selbst der schönste Moment allein würde sofort zur Qual. Ich bin also gerettet : )“

Bei mir hat sich irgendwann ein regelrechter Widerwille dagegen aufgebaut. Kann das schlecht beschreiben. Ich hab mal von Schwangeren gehört, die bestimmte Nahrungsmittel plötzlich ekeln. Also mit dem von diesen Beschriebenen war es vergleichbar. Rauch in Klamotten, Rauch in Räumen, Rauch bei nassem Wetter …grrr.

Zitat: „Dabei wäre mir so manches Mal im Sommer schon danach, noch einmal solch eine letzte Zigarette zu rauchen.“

Mir ging es weniger darum, zu rauchen, als etwas bewusst dummes zu tun. Sind noch ein paar andere Sachen passiert, aber davon soll nicht die Rede sein. Das hat eher mit Seelenfrieden als mit Gesundheit zu tun.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.06.2011 um 14:51
"Vielleicht sind die Männer zum Schneehaufen, weil sie Rauch aufsteigen sahen und dachten dann, "Ach, das sind bloss die beiden, die heimlich qualmen.""

Ähm... ja. Möglich ist es schon. Aber unsere Gehirne waren zu dem Zeitpunkt so sehr mit Alkohol durchtränkt, dass diese Idee für uns zu kompliziert wäre...
Ullrich Läntzsch schrieb am 08.06.2011 um 15:10
Auch bei rief der so schon zu lesende Blog eine Erinnerung hervor. Bei der Stelle mit dem vergeblichen Versuch, eine einzelne Zigarette käuflich zu erwerben, mußte ich an einen alten, längst vergessenen Brauch denken. Jahrzehnte ist es her, und als Nichtraucher war ich für die meisten meiner Freunde ein Exot, einer, dem diese Unsitte des Nichtrauchens immer wieder versucht wurde, abzugewöhnen. Sprich, ständig wurden mir Zigaretten angeboten. Irgendwann einmal begann ich sie zu nehmen, um meinen Spieltrieb zu befriedigen und in langsamer, genußvoller Kleinarbeit den Stengel in kleinste Stücke zu zerbröseln. Ein einziger Freund blieb, der mir weiterhin Zigaretten anbot und mich verstand.
Jan Fremder schrieb am 08.06.2011 um 16:11
@Ullrich Läntzsch

Zitat: "Auch bei rief der so schon zu lesende Blog eine Erinnerung hervor. Bei der Stelle mit dem vergeblichen Versuch, eine einzelne Zigarette käuflich zu erwerben, mußte ich an einen alten, längst vergessenen Brauch denken. Jahrzehnte ist es her, und als Nichtraucher war ich für die meisten meiner Freunde ein Exot, einer, dem diese Unsitte des Nichtrauchens immer wieder versucht wurde, abzugewöhnen. "

Ja, die Zeiten ändern sich. Bemerkenswert, wie stark da die Spendabilität der "Freunde" vom Geld abhängt, diesmal ganz gut so.
Jan Fremder
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