9
]
Ein fehlerhafter Mechanismus oder eine nicht der Wirklichkeit gerecht werdende Erklärung wird solange im Einsatz, respektive lebendig bleiben, solange es für beteiligte Akteure nützlich ist. Sie haben kein Interesse daran, das Problem als solches zu sehen oder gar zu beheben.
Auf dem Leipziger Hauptbahnhof stehen Automaten der Bahn, welche vor einiger Zeit noch das folgende Verhalten zeigten:
Wurde die (direkte) Strecke Leipzig-Halle und dann die entsprechende S-Bahn Verbindung ausgewählt, so zeigte der Automat drei verschiedene Tarife für den Kartenkauf zur Auswahl. Dies ist zwar auch irgendwie korrekt, da man auf verschiedene Weise noch mit anderen Verkehrsmitteln ans Ziel kommen kann, aber für sporadisch Bahnreisende erstmal unlogisch.
Denn bei der Wahl der S-Bahn wird ja schon die gewünschte Linie, für einen Zeitpunkt, selektiert und damit der Tarif.
Das Problem ist, dass die unterschiedlichen Tarife zu unterschiedlichen Preisen zu haben sind.
(Und zumindest ich in der Eile immer „sicherheitshalber“ den teuersten gewählt habe, um nicht mit dem falschen, sprich „schwarz“ zu fahren.) Anderen Bekannten ging es damit ähnlich.
Damit wurde jedes Mal zu viel bezahlt. Für die Bahn ist dieses Problem kein Problem und es bestünde, aus deren Perspektive, kein Grund die Tarifwahl transparenter zu machen. Folglich könnte ich darauf wetten, dass das Problem noch eine Weile bestanden hatte.
Ähnlich verhält es sich mit persönlichen Weltanschauungen und politischen Auffassungen.
Man wird Profiteuren von Umweltverschmutzung, Kriegen, Rassismus, Sozialdarwinismus und dergleichen, nicht von der „Falschheit“ ihrer Glaubensauffassung überzeugen können, solange diese eben für sie nützlich ist. (Z.B. Aktienrenditen einfahren oder Hetzschriften mit Bestsellergewinn verkaufen, Sündenböcke liefern, die statt ihrer die Konsequenzen abfangen.) Es besteht kein Anlass für sie eine andere Perspektive anzunehmen, Kant hin oder her.
Und deswegen sind die Diskussionen mit solchen Leuten oft so ermüdend, vorhersagbar und im eigentlichen Sinne sinnlos.
Auf diese Tragik zu sprechen gekommen, antwortete ein Bekannter kürzlich, dass es doch immer auch Kontroll- und Schutzmechanismen gäbe, die verhinderten, dass es von einer Seite zu weit getrieben würde. Dass Beteiligte doch immer gegenseitig aufeinander einwirkten und direkt oder indirekt in Abhängigkeiten voneinander verstrickt wären.
Dazu brachte er das Bild von Prominenten, die einen exzessiven Lebensstil pflegen. Wenn solche die schädliche Wirkung ihres Tuns durch das Feedback in Form von Gesundheitsbeeinträchtigungen zu spüren bekämen, dann machten sie zwangsläufig langsamer und strebten automatisch einen ruhigeren Lebenswandel an.
Worauf ich den Einwand brachte, dass das Bild in mancher Hinsicht nicht stimmt, sondern in der globalen politischen Ordnung es sich vielmehr so verhielte, dass die einen feiern und die anderen den Gesundheitsschaden bekämen. Und solange man quasi die Probleme auslagern kann und es der Nachbar ist (und nicht ich), der den Lungenkrebs kriegt, wenn ich kettenrauche, wird sich daran nichts ändern. Im Gegenteil ist die naheliegende Lösung dann meist, ein paar Sicherheitskräfte einzustellen, damit ebendieser Nachbar nicht in die Rauchgewohnheiten rein pfuscht, mit denen man ihn fertig macht.
|
|
Der Bekannte erzähl Unsinn. Sicher werden jetzt die Kernkraftwerke sicherer gebaut und betrieben, es werden aber nicht die krank und sterben früher, die Geld damit gespart haben.
Ihr Beitrag ist soweit klar. Allerdings fehlt noch eine letzte klärende Idee. Was ist die genaue Definition von Fehler ? Fehler braucht einen Sollzustand, dann sind die Abweichungen davon Fehler. Unter dem Sollzustand des günstigsten der möglichen Tarife sind die teueren falsch, unter dem Gesichtspunkt des maximalen Profits für die Bahn nicht. Der Zustand den Sie beschreiben ist wahrscheinlich die beste Näherung für die Bahn, der Verpflichtung einer wahren Auskunft Genüge zu tun, die ist dabei, und durch Verunsicherung trotzdem mehr zu verdienen. Wie man sieht, durch entsprechend passende Definition des Sollzustandes kann man alles zum Fehler oder zum Treffer deklarieren. Sieht willkürlich aus, ist es aber nicht. Es gibt alle Definitionen, und die realen oder möglichen Zustände haben dann ihre Bewertung. Damit sind wir beim Ausgangspunkt Ihres Beitrags: Fehler bleiben Fehler, solange sie für die Stärkeren davon profitieren. Das Problem der Schwächeren ist es, ihre Definition durchzusetzen. |
|
|
Entschuldigung, schlecht formuliert.
Fehlerhafte Zustände bleiben erhalten, werden nicht als Fehler bewertet, solange die Stärkeren profitieren. Damit geht man implizit schon von der Definition der Schwächeren aus. |
|
|
@Lieber Hayek
Natürlich liegt der Fehler in dem Fall bei der Bahn, egal wie man das definiert. Das kann auch nicht relativiert werden, da wir ja trotzdem Wissen, das es falsch ist. Andernfalls würden wir uns auf die Seite des Falschen stellen:) MfG |
|
|
Liebe Nil, ich muß Ihnen leider widersprechen.
Es ist aber nicht wichtig, ich sehe Ihre Intention und kann diese teilen. Ich habe einen sehr abstrakten Standpunkt eingenommen, der mit dem im Alltag gewohnten Denken nicht leicht nachzuvollziehen ist. Er ist aber zutreffend, Sie bemerken nicht deutlich genug, daß Sie spezielle Fehlerdefinitionen benutzen. Der Schluß geht anders: es gibt alle Definitionen, alle sind theoretisch möglichund theoretisch auch korrekt, möchte ich aber positive Ergebnisse haben, bin ich an die von Ihnen geforderten Definitionen festgelegt. |
|
|
@RdH
Zitat: "Was ist die genaue Definition von Fehler?" Die Fehler, auf die ich hinaus wollte, waren, wenn ein Modell einem Teil der Wirklichkeit widerspricht, dieser aber für Akteure u.U. ohnehin nicht relevant ist. Ich kann diesen widersprechenden Teil ignorieren, da er nicht zu "meiner" Realität gehört. Selbst wenn ich weiß, dass es eine übergeordnete Wahrheit gibt. Sprich, einmal die Naturgesetze, und dann, dass es andere Mitmenschen gibt, die sich zu ihren Interessen und ihrer Sicht ebenfalls äußern können. Als Menschen haben wir dummerweise manchmal mit selbst konstruierten Werten und Gesetzmäßigkeiten zutun. Wo die Anwendung von reiner Logik nicht viel bringt. Da sind Bahn-Tarife ein Beispiel. (Lizenzierungsoptionen für Softwareprodukte wären ein anderes.) Das kann so völlig losgelöst von realen Nutzen (für die Verbraucher) oder natürlichen Vergleichen sein. Obwohl diese Probleme konstruiert sind, beeinflussen sie unser Leben. Zitat: „Fehler braucht einen Sollzustand, dann sind die Abweichungen davon Fehler.“ Der Sollzustand hängt zwar meist von irgendeinem Betrachter ab, ist also subjektiv. Trotzdem gibt es davon unabhängig ja eine „übergeordnete“ Realität. Mit "gesundem Menschenverstand" argumentierend, würde ich beim Tarif Beispiel sagen, die Bahn erfüllt ja einen natürlichen Zweck, nämlich die Beförderung von Sachen. Damit verdient sie Geld und dieser Zweck sollte im Vordergrund stehen, dann das Geld verdienen. Btw. Es ist witzig, dass mir immer wieder das „Momo-Problem“ einfällt. Die Grauen Herren, die den Leuten die Lebens-Zeit „abringen“ für den abstrakten Wert an sich. Und diesen abstrakten Wert schafft man sich irgendwie auf die Seite und häuft ihn an. Wo er dann die meiste Zeit rumliegt :) |
|
|
Habe Momo leider nichtt gelesen.
Die sogenannte reine Logik birngt schon was, es wird klar dann. Nochmal: sie sprechen von gesunden Menschenverstand, übergeordnete Werte. Diese übergeordneten Werte bedeuten einfach einen Sollwert, der über den wirkenden Sollwert liegt, das ist alles. Um einen Fehler zu definieren, brauchen sie Sollwerte, also Ziele. Im Grunde ist es nur eine Verschiebung, aber dann wird klar, weshalb die gleiche Sache einmal als Fehler und dann wieder nicht bezeichnet wird: zu jedem Fehler müßte man den Sollwert dazu sagen, der ihn zum Fehler macht. |
|
|
Das schließt ja nicht aus, sich für Menschenrechte, nachhaltige Produktion, also für "richtige" Sollwerte zu engagieren.
Die Subjektivität fällt dann auch weg: wenn die wirtschaftliche Fehlerdefinition: "es muß sich alles lohnen" wirkt, führt sie zu schweren Nachteilen für den Großteil der Bevölkerung, das ist objektiv, und zu gigantischen Vermögen für die oberen 10%, das ist auch objektiv. Das war der Satz: es scheint willkürlich. Ist es aber nicht, es gibt einfach alle Sollwertdefinitionen, auch wenn man die nciht alle aufzählen kann, und dann geht es darum die "richtigen" auszuwählen. |
|
|
@RdH
Zitat: 'Das schließt ja nicht aus, sich für Menschenrechte, nachhaltige Produktion, also für "richtige" Sollwerte zu engagieren.' Denke darin liegt der Kernpunkt. Es gibt Rechte (oder sollte es geben), die hauptsächlich auf das Individuum bezogen sind und nicht auf "tote Wertansammlungen". Die Grundbedürfnisse nehmen nicht zu oder ab weil jemand mehr Möglichkeiten / Geld hat. (Meine z.B., jemand ohne Geld verspürt nicht geringeren Hunger als jemand mit). Eine Milliarde Euro beispielsweise kann man nicht alleine erwirtschaften. Die Produktivität eines einzelnen Menschen rechtfertigt solche Ansammlungen nicht. |
|
|
Ja schon, aber diese übergeordneten Rechte beruhen auf die subjektiven Einzelinteressen der vielen und sind prinzipiell nichts anderes.
Mir ging es im wesentlichen um die scheinbare Verwirrung der Fehler, manche sind und manche doch nicht. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen