Jan Fremder

Begegnung im Licht

16.04.2011 | 17:58

Über das Wesen der Provokation und das Heischen nach Aufmerksamkeit

 

Erstmal was ist Provokation? Etwas provozieren, etwas herausfordern: ein Gefühl oder eine Handlung, sprich ein eine Re-Aktion auslösendes Einwirken.

Trotz der vorwiegend negativen Beiklänge sind also auch positive Gefühle provozierbar?

Der Natur nach ist jedes Lebewesen eigentlich bestrebt oder sollte bestrebt sein, von allein eine positive Emotionslage zu entwickeln oder beizubehalten. Wir streben das an, was wir mögen und meiden das, was wir nicht mögen, richtig? Weil wir uns eigentlich gut fühlen wollen, stimmt´s?

In der Realität ist das nicht so oft zu beobachten, wie aus dieser Erkenntnis zu vermuten wäre. Wir sind affekthungrig. Wir suchen auch Situationen und Bedingungen auf, die uns „herausfordern“, die in Konflikt zu unserem Wesen, Denken und Handeln stehen. Der Boulevard „reizt“ selten mit positiven Meldungen. Ebenso in sonstigen Medien. Wenn wir nur auf positive Gefühle erpicht wären, würde es nur noch Komödien und „Love-Stories“ in den Kinos zu sehen geben (dagegen existieren auch Dramen, Thriller, Horror-Filme, Action-Streifen u.a. nicht für Entspannung bekannte Genres, die wir uns ganz freiwillig antun und sogar Geld dafür bezahlen). Wahrscheinlich, weil sie uns am Ende eine Klärung von Problemen suggerieren, die uns eine Erleichterung verschafft, wo man nach dem „Happy—End“ oder überhaupt, auch nach dem nicht so glücklichen Ende, zumindest froh darüber gewesen sein kann, dass der Film vorbei ist und das eigene Leben weiter geht.

Viele Medien machen es jedoch nicht so wie Filme oder Romane. Sie lassen uns mit der Aufgewühltheit und dem Weltschmerz alleine, den sie in uns mühevoll heraufbeschworen haben.

Wie Tucholsky über den Idealisten schrieb: Die Welt ist „schlecht“, wir wollen sie „gut“ haben. Und daran kann man eben verzweifeln oder auch nicht und sich stattdessen mit einem guten Buch auf einen sonnigen Balkon setzen. Aber dann springt doch der kleine Reparaturroboter in uns an und wir möchten es „WALL-E“ gleichtun und die Welt ein bisschen aufräumen.Hier mal eine Schraube anziehen, dort mal trösten und ein Pflaster verordnen. Gerade als „linker Weltverbesserer“ ist man für Provokation anfällig und wird schnell zum Flummiball mit dem die Beteiligten in der Situation Pingpong spielen. Wie gelingt also Provokation immer wieder? „Distanzierte“ Probleme gibt es sicherlich, die unser Handeln motivieren, aber am intensivsten und bohrendsten wird provoziert, in dem persönliche Bezüge hergestellt werden. Verkürzt gesprochene Beispiele: „Deine Gefühle und Deine Bedürfnisse sind falsch!“, „Du bist nicht, wie Du sein sollst!“, „Deine Weltsicht ist falsch!“, „Deine Lebensweise ist falsch!“, „Du bist falsch!"

Die Werbung gibt dann auch Empfehlungen zu Scheinlösungen: „Du musst das und das tun / konsumieren / wählen, Dich so und so verhalten, damit Du 'besser' wirst. Erfülle unsere Wünsche und (vielleicht) bist Du irgendwann okay. Sei so, wie wir es wollen und Du bist etwas akzeptabler.“
Der fortgeschrittene Trick, wenn es nur um Aufmerksamkeit an sich geht, besteht jetzt darin, die Ursache des Konflikts unerkannt zu lassen und einen Teil der Rezipienten gar nicht die Möglichkeit zu lassen, zu sein, wie sie sind. Besonders böse ist es, wenn sie selbst daran gar nichts ändern können, um in dem proklamierten Kontext zu „funktionieren“ / „richtig zu sein“. Am Wirkungsvollsten provoziert man also mit Themen, über die alle eine Meinung haben. Insbesondere eine eigene Meinung haben. Wie sie sich z.B. selbst (als Frau oder Mann) definieren.

Provokation ist also in manchen Bereichen und Themen unvermeidlich, eben weil wir Individuen sind.

Interessenkonflikt

 

Wodurch provoziert man also nachhaltig? Mit der Missachtung von Bedürfnissen oder der Verletzung von Interessen. Wie provoziert man garantiert: Mit der Verletzung von legitimen Bedürfnissen oder Interessen. Oder eben den hiesigen erwartbaren Interessen einer Umgebung.

/Update 18.04.2011: habe Clip aus rechtlichen Gründen wieder rausgenommen.

Noch eine kleine persönlichere Anmerkung. Ich halte es für verwerflich, allein um des Provozierens willen zu provozieren. Klar ist es Mode geworden, klar macht es jede Agentur und setzen es diverse Publizisten ein, um Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Neben den, schon ein paarmal erwähnten, Effekten der „sinnlosen“ Bindung von Ressourcen, indem sich Leute über Dinge, die ohnehin nicht zu ändern, bzw. nicht des Änderns wert, weil individuell sind, aufregen, strapaziert man durch sinnlose Provokation das „gesellschaftliche Immunsystem“.

Normalerweise sollten Dinge attackiert und beseitigt werden, die wirkliche Probleme darstellen. Wir regen uns über Unrecht auf, wir empören uns. Durch die ständige Empörung und Reizung verlieren wir das Gefühl dafür, was wirklich problematisch ist. Wir erleben Ohnmacht häufiger als nötig und resignieren.

Lassen wir doch andere, wo sie uns nicht aktiv stressen, sein, wie sie sind.

/Update 16.04.11: Habe das Zitat wieder entfernt, letztlich steckt alles in dem Satz.

 
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Kommentare
EnidanH schrieb am 16.04.2011 um 18:16
In jeder kleinen und großen Stadt leben Leute, die murmelnd durch die Straßen laufen, hier und da pöbeln, und - seien wir ehrlich - dringend einer Therapie bedürfen. Die heutige Zeit sieht so aus, dass alle diese nicht mehr durch die Straßen laufen, sondern, denn es gibt für jeden einen Internetanschluss, bloggen oder so tun als ob.
Da helfen auch keine richtigen Bemerkungen mehr.

LG
EnidanH schrieb am 16.04.2011 um 18:19
Anmerkung: provokant und pauschalisierend, aber wer wissen will warum das Internet so aussieht wie es aussieht kommt an dieser Tatsache nicht vorbei.
Jan Fremder schrieb am 16.04.2011 um 18:45
Liebe EnidanH,

das Problem besteht ja nicht erst seit dem Internet. Die Provokation, bzw. die, welche sie initiieren werden unabhängig von der letztlichen "Güte" des Ganzen belohnt.

Es gibt doch seit Urzeiten auch klassische Medien, die damit sehr bewusst Geld machen.
Ich sehe nicht in einer vermeintlichen "Verpöbelung" das Problem und die Ursachen.
EnidanH schrieb am 16.04.2011 um 18:55
Ich habe auch nicht gesagt, dass das seit dem Internet so ist, sondern mich auf das Internet bezogen.

Was Sie mit Verpöbelung meinen weiß ich nicht; im Internet sind nun mal die konzentrierter zu finden, die, mangels sozialen Kontakten oder usw., pöbeln, provozieren, ein eigenartiges Verständnis von Kontakten haben. Soll heißen, es sind Menschen, die sich daneben benehmen, keine Apparate oder Institutionen.

Der Unterschied zu Medien ist, dass ich mich entscheiden kann welche Zeitung ich lese oder welchen Radiosender ich höre, während ich mich beispielsweise hier mit Verhaltensweisen konfrontiert sehe, die ich nicht sehen will. Warum? Weil es Leute gibt, die Aufmerksamkeit brauchen oder Egotrips oder was weiß ich. Das ist für die viel effektiver, denn die halbe Welt bekommt es mit.
Jan Fremder schrieb am 16.04.2011 um 19:30
Liebe EnidanH,

Zitat: "Was Sie mit Verpöbelung meinen weiß ich nicht; im Internet sind nun mal die konzentrierter zu finden, die, mangels sozialen Kontakten oder usw., pöbeln, provozieren, ein eigenartiges Verständnis von Kontakten haben. "

ich habe auch schon gut in ihr Umfeld integrierte Menschen pöbeln sehen.
Entsprechende Hools etc. sind auch keine Einzelgänger.
Und in der Online-Welt habe ich selten Menschen getroffen, die mehr Leute in ihrer Buddy List hatten, als bei sehr offensiv bis aggressiv agierenden Leuten.
Soziale Isolation als den klassischen Provokateur-Background zu sehen, halte ich für gewagt.

Zitat: "Soll heißen, es sind Menschen, die sich daneben benehmen, keine Apparate oder Institutionen. "

Die Provokation kann im Dienste / im Interesse von Institutionen erfolgen.
Werbung soll z.B. zum Kauf provozieren.

Zitat: "Weil es Leute gibt, die Aufmerksamkeit brauchen oder Egotrips oder was weiß ich. Das ist für die viel effektiver, denn die halbe Welt bekommt es mit."

Wenn jemand ständig negatives Feedback bekommt und sich selbst negative Emotionen auslösen sieht, halte ich das für wenig anstrebsam. Das mag es geben, ist dann aber schon recht pathologisch.
Es sei denn es gibt eben noch genug Rückendeckung und Schulterklopfen von anderen Pöblern.
EnidanH schrieb am 17.04.2011 um 07:03
Nichts anderes hab ich gesagt, als dass es pathologisch ist, zumindest auffällig.

Was Sie über Werbung sagen timmt so nicht ganz, aber gut.

Imgrunde habe ich Ihnen zugestimmt, aber mit einer anderen Analyse, ich führe es auf das Grundklima hier in der FC zurück, dass man sich missversteht oder missverstehen will. Anyway.
ebertus schrieb am 16.04.2011 um 18:37
Provozieren ist möglicherweise - nein mit Sicherheit - die intellektualisierte und meist kontrollierte Art des Trollens; auch hier in der FC, wie wir ja immer mal wieder erleben dürfen.

Von Hause aus anonym, erst relativ kurz dabei, hyperaktiv und absolut themenbegrenzt, so gesellen sich dann bei Bedarf die noch anonymeren SupporterInnen dazu; merken nicht mal, dass die Sprachmelodie ähnlich bis gleich daher kommt, der inhaltliche Tenor sowieso.

Ok, Lösungswege gibt es nur im Ansatz, manchmal will man als gestandener Blogger ja auch spielen, florettieren, obwohl die Intention des seriösen, beinahe akademischen Trolls natürlich sofort bis relativ gleich bemerkt wird. Weiteres und Substantielleres kann bestenfalls die Moderation, die Redaktion ermitteln, veranlassen.

Namen und Beispiele lassen wir hier mal weg, dem Stil und der Netiquette wegen. Dennoch Danke für diese Reflektion.
Jan Fremder schrieb am 16.04.2011 um 22:53
Hallo Ebertus,

mich interessieren schon Lösungswege.
Bzw. nennen wir es "emotionale Immunisierungsstrategien".
Die andern lassen sich nicht ändern und vielleicht ist es überhaupt, ein Fehler dies zu wollen(?)
Nicht nur auf die FC bezogen, sondern überhaupt.
Pauschal alles zu ignorieren was einen ärgert ist auch nicht immer die Lösung.
Denke "Externalisieren" ist gut. Nichts persönlich nehmen. Distanz. Beleuchten. "Was stört mich an dem Plakat / dem Aufmacher?" => Auch mal genau hinsehen, wo die Intuition eigentlich zum Wegsehen nötigt. Das Gegenteil von dem tun, was eigentlich intuitiv wäre. "Was sind das für Leute, die sowas tun?" „Was stört mich daran?“ „Warum halte ich es für falsch?“
Naja und die restlichen 99,999 % der vermeidbaren Fälle aus dem Weg gehen oder Wahrnehmungs-„Filter“ entwickeln.

Vielleicht Thema eines eigenen Beitrags.

Viele Grüße,

jf
Jan Fremder
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