10
]
Irgendwo hatte ich einmal über eine Studie gelesen, welche die Tendenz, sich an andern zu orientieren, thematisierte. Höchstwahrscheinlich war es in
James Surowieckis „The Wisdom of Crowds“. Sozialforscher platzierten da in der Öffentlichkeit in den leeren Himmel starrende Personen, um zu überprüfen, wie die Umgebung darauf reagierte. Ab einer kritischen Masse von Leuten, die dieses Verhalten adaptierten, wuchs die Zahl der Neugierigen immer rascher an, die sich dazu gesellten und es den Gruppenmitgliedern gleich taten. Denn wo viele in die Luft sehen, gibt es offensichtlich etwas Wichtiges zu sehen – da muss es geradezu etwas für die meisten sehr relevantes zu sehen geben, auch wenn man es selbst nicht sehen kann.
Einen einzelnen Abweichler kann man noch sehr leicht für verschroben oder verrückt halten, eine größere Gruppe schon nicht mehr ganz so leicht. Irgendwann definiert sich mit den Maßstäben neu, was Norm und was Devianz ist.
Menschen orientieren sich in ihrer Entscheidung an der Meinung von anderen, vorzugsweise von Mehrheiten, so das Buch, zum Teil aus gutem Grund. Denn im Schnitt ist dies ein Energie-sparendes Vorgehen bei Entscheidungen oder um eine Situation einzuschätzen. Diese Logik macht sich die Werbung zunutze, wenn sie Produkte von den „normalen Leuten auf der Straße“ preisen lässt und auch, so zumindest meine Wahrnehmung, die Politik.
Nachdem ich die Sendung „Anne Will“[1] über von Guttenberg und die Gorch-Fock-Affäre gesehen hatte, fühlte ich mich wieder an das Buch, speziell die oben erwähnte Anekdote erinnert.
Anne Will fragte von den Gästen die Kritiker des AußenVerteidigungsministers, wie sie sich denn, trotz all der gegen ihn gerichteten Vorwürfe, die Popularität von Guttenbergs erklären oder ob sie denn Zweifel an der Entscheidungskraft der Bürger hätten. Seltsam auf so etwas eine Antwort zu erwarten, zumal Publikumsbeleidigungen nie eine gute Idee sind. Sprich, zu erklären, dass man die Bürger für nicht fähig hält, den AußenVerteidigungsminister richtig einzuschätzen.
Zur Untermauerung von dessen positivem Image spielte Will einen Filmausschnitt mit Interviews von Berliner Touristen vor. Alle samt antworteten sie auf die Frage nach dem beliebtesten glaubwürdigsten Politiker mit: „von Guttenberg“. Dabei betonte Will ausdrücklich, dass die Befragten zufällig ausgesucht wurden.
Zumindest für mich ergibt sich damit eine plausible Erklärung für einen guten Teil der Popularität von Guttenbergs: die leidenschaftlich proklamierte Popularität von Guttenbergs in den Medien.
Ein Beweis also für die „Weisheit der Vielen“ und die Exzellenz des Adligen?
Wer weiß, zumindest müssen, laut Surowiecki, ein paar Bedingungen wie „Meinungsvielfalt“ und „Unabhängigkeit der Meinungsbildung“ als Grundlage für eine gute kollektive Entscheidungsfindung gegeben sein. Surowiecki brachte selbst ein Gegenbeispiel, nämlich die Kreismühle. So nennt man die Situation, wo Wanderameisen, die stets einer anderen hinterher laufen, so lange zyklisch in einer Schleife spazieren, bis sie verhungern oder eine Intervention von außen den Bann bricht.
Muss ich jetzt auch noch auf „unserem Gutti“ rumhacken, werden einige fragen. Hat er's nicht schwer genug mit der Doktor-Geschichte, die ihm ein paar „Querulanten“ und „Neider“ da einbrocken wollen?
Hm, keine Ahnung. Vielleicht sollte man es populärer machen, Menschen in öffentlichen Positionen trotz Prominenz-Qualitäten nach ihren Handlungen und Wirken einzuschätzen und nicht danach, was andere positiv oder negativ an ihnen finden. Vielleicht wäre es wirklich an der Zeit, die Demokratie vom Kopf auf die Füße zu stellen. Der eigenen Erkenntniskraft mehr zuzutrauen, seine eigenen Sinne, den Verstand und das unmittelbare Umfeld mehr zu gewichten als transportierte Meinungen. Vielleicht bringt es aber auch nur Ärger. Was ich persönlich dagegen gar nicht bezweifle, ist, dass die Investition der CDU SPD nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in die Ausbildung von Frau Will, für die Stiftung selbst, ihre Ziele und die dahinter stehende Partei, jeden Cent wert war.
[1] Anne Will - Selbstverteidigungsminister Guttenberg, vom 30. Januar 2011
|
|
Das Medium als Leittier. Guttenberg ist Vorlage für mehr.
Man beachte den Spiegel im Film, in dem der Spiegelbildsuchende immer nur die Kamera sieht, damit der Zuschauende den Spiegelsuchenden sieht. Eine schräge Täuschung, seit Jahrzehnten. |
|
|
|
|
Ihr Blogeintrag strotzt von Fehlern, das macht es mir ziemlich schwer, ernsthaft inhaltlich darauf eingehen zu wollen.
Guttenberg ist weder Außenminister, noch ist die Friedrich-Ebert-Stiftung CDU-nah. trotzdem freundliche Grüße leelah |
|
|
exakt :)
|
|
|
War zu schnell und zu spät runtergeschrieben.
Und der Verlauf folgte dann schon mal festgelegten Pfaden die der Kontext vorgibt. Deswegen auch die Verwechslung mit der KAS. Gut, gut. "Schuster bleib bei Deinen Leisten". Dann kann man solch entsetzliche und kompromittierende Blamage leichter vermeiden. |
|
|
Jaja, schlimm wenn man auf seine eigenen Vorurteile herein fällt :).
Aber wenn man seine Anne kennt, weiß man eigentlich, dass das nicht sein kann. Bei aller Kritik. |
|
|
Hallo Leeelah (aus Futurama?),
Vorurteile sind Abkürzungen, die sich deswegen halten, weil sie eben manchmal nützlich sind. Dass man mit short-cuts auf die Nase fallen kann, thematisiert ja der Beitrag auf mehreren Ebenen. Auch wenn ich flapsige Fehler gemacht habe, und das Fazit, so wie es im letzten Satz dasteht, unsinnig ist – beziehungsweise es nicht mal richtig falsch geworden ist, als ich CDU durch SPD korrigiert habe. An der Kernkritik halte ich fest. Ich fand, was ich bei der Sendung bisher sah, grässlich. Nur das hat wohl nichts mit Partei-bezogener Ausrichtung von Journalisten zu tun. Mit dem Parteienschema oder „links“, „mittig“, „rechts“ kommt man nicht sehr weit. In der Vergangenheit gab es einige CDU und FDP Politiker, die man aus heutiger Perspektive eher fast ins „linke“ Spektrum eingeordnet hätte. Und genügend SPD Vertreter kann ich mit ruhigen Gewissen für mich klar „rechts“ einsortieren. Etablierte Macht versus Korrektiv. So würde ich das eher kategorisieren. Ich lasse den Beitrag trotzdem stehen. Schande hin oder her. |
|
|
Nein, nein, ich verstehe schon, was du meinst, nur die Grundlage ist so halt... etwas schwierig.
Politische Talkshows sind eben eher auf Krawall, Unterhaltung und die Publikumswirkung aus, als auf alles andere. Großer Erkenntnisgewinn ist da wohl nur zu erwarten, wenn es geschafft wird eine Falle zu stellen, aus der die Gäste nicht mehr herauskommen ohne ihre hochprofessionelle maske fallen zu lassen. Leider. |
|
|
Ach, bei dieser links, rechts, Parteiensache stimme ich dir der Einfachheit halber mal zu.
Die nette Zyklopin wird ohne h geschrieben, ich mag sie aber dennoch sehr! Den Namen hatte ich aber schon vorher, überraschenderweise. Woher, das weiß aber keiner mehr. lg leelah |
|
|
Hallo Leeelah,
die Gäste wollen das Publikum nicht beleidigen, die Moderation will die Gäste nicht zu hart anpacken, weil sonst keine Gäste mehr kommen und so liefern sich die Gäste untereinander belanglose Scheinkämpfe. Und Fallen stellen ist auch schwierig. Wenn jemand strategisch sein "Polit-Handwerk" kann, dann ist es immer möglich, sich irgendwie rauszuschlängeln. Zumal es oft bedeutet, einfach keine eindeutige Aussage mehr zu machen, die prüfbar ist. Die Wahrheit / die reale Grundlage spielt schlichtweg keine Rolle mehr. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen