11
]
„Sie machen das schon vollkommen richtig, Sie müssen nur etwas Geduld haben.“ – „Ist das im Moment nicht besonders problematisch, wegen der Krise?“ – „Nein, nein, als Geisteswissenschaftler haben Sie’s immer etwas schwerer, aber im Moment kommen auch immer mehr BWLer zu uns. Nur Geduld, für das was Sie suchen bringen Sie ja ideale Voraussetzungen mit.“ Schön war es, das Gespräch mit der netten Dame von der Akademikerberatung der BA München, sehr erhellend und aufmunternd. Wäre sie eine der PersonalerInnen, die meine Bewerbungsunterlagen in den vergangenen Wochen gesichtet haben, so hätte ich definitiv einen Job bekommen. Das Problem hier ist leider der Konjunktiv.
Einser-Abitur, danach Zivildienst, anschließend nach einem Intermezzo bei den Psychologen doch ein Studium der Politischen Wissenschaft absolviert und sehr gut abgeschlossen – zugegeben: zwei Semester über der Regelstudienzeit –, dazu VWL und Europarecht im Nebenfach, weil man ja nicht ganz brotlos dastehen will. Solide Basis. Zudem im Studium Praktika in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit absolviert und als studentische Hilfskraft bei einem Bundestagsabgeordneten gearbeitet. Gute Kenntnisse in den gängigen und einer etwas außergewöhnlichen Fremdsprache (Ungarisch) garniert mit reichlich ehrenamtlichem Engagement in leitenden Funktionen auf Landesebene bei einem politischen Jugendverband. Als Krönung noch Stipendiat in einem Begabtenförderwerk gewesen. Und nun? „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Sie dennoch nicht berücksichtigen können.“
Seit ungefähr acht Wochen bin ich also in der Bewerbungsphase und habe dabei bis auf eine Einladung zum Gespräch nur Absagen bekommen. Trotz Bewerbungscoaching, Profiling und der Versicherung von externem Coach und Beraterin in der BA, dass mein Bewerberprofil und die Stellen, auf die ich mich bewerbe doch sehr gut zusammenpassen würden. Um es in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachsprache zu sagen: hier besteht angeblich kein Matchingproblem. Ausdrucksstärke, Formulierungssicherheit, Kommunikationsfähigkeit gepaart mit einer schnellen Auffassungsgabe, und analytischem, strukturiertem Denken – Eigenschaften, die mich für die angestrebte Tätigkeit als Referent oder in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit eigentlich bestens qualifizieren sollten. Durch Praktika und Arbeitszeugnisse selbstverständlich nachgewiesen. Bloß: „Nach sorgfältiger Prüfung Ihrer Unterlagen sehen wir eine Übereinstimmung Ihres Profils mit unseren Anforderungen nicht gegeben.“
Aber was muss der/die ideale Kandidat/in mitbringen? Hier eine kleine Auswahl der allgemeinen Anforderungen an den arbeitswilligen Hochschulabsolventen: zügig und mit sehr gutem Erfolg abgeschlossenes Studium, Fremdsprachenkenntnisse, nachgewiesen durch mehrmonatigen Auslandsaufenthalt, erste Berufserfahrungen oder Praktika, breite Allgemeinbildung, soziale Kompetenz und Teamfähigkeit, bereit, abseits der bekannten Pfade zu denken, Kreativität, Belastbarkeit....
Quer durch alle Stellenangebote und die „Karriereportale“ der Unternehmen und Agenturen wird mit diesen standardisierenden Kriterien der „Normalabsolvent“ gesucht – nicht ohne gleichzeitig darauf hinzuweisen, wie wichtig doch die Persönlichkeit sei, dass sie herausragen solle aus dem Normalen. Vielleicht nur auf den ersten Blick paradox, allerdings auf den zweiten durchaus erklärbar. Wenn in einem standardisierten Verfahren zunächst die normalsten BewerberInnen ausgefiltert werden, oder andersherum formuliert die mit Ecken und Kanten weggesiebt wurden, kann im nächsten Schritt sicherlich die Persönlichkeit entscheidend sein, als der marginale Unterschied zum ansonsten perfekt gefilterten Normalen.
Auffällig auch, dass die Standardisierung an den Universitäten mit Bachelor und Master mit einer Standardisierung der Personalfindung einhergeht. So, wie die Universitäten in Zukunft und aktuell bereits genormte AbsolventInnen produzieren, so wird offenbar nur noch genormtes Personal gesucht. Die Bildungsinstitutionen folgen dem Diktat der Wirtschaft, das nach genormten Menschen sucht, die möglichst reibungslos an- und in den Betrieb einzupassen sind. Die Lehre beschränkt sich darauf, Fachwissen einzutrichtern, die eigentlichen Fachkompetenzen – Arbeitstechniken, aber auch soft skills – bleiben auf der Strecke. Die Suche nach Humankapital in der brutalst möglichen Lesart: schnell und flexibel von hier nach dort zu transferieren, den größtmöglichen Ertrag abzuwerfen und abzustoßen wenn es für den Profit am günstigsten zu sein scheint.
Im Mai 2010 waren 1.072 Politologen arbeitslos gemeldet. Was bei insgesamt 3,2 Millionen Arbeitslosen sehr harmlos klingt wird dadurch relativiert, dass innerhalb des letzten Jahres bei der Politologenarbeitslosigkeit ein Anstieg um über 30% stattgefunden hat. Verglichen mit der Arbeitslosenquote der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler allerdings ein überproportionaler Anstieg. Ein Grund sich sorgen zu machen? Nicht wenn man der netten Dame aus dem Beratungsgespräch glauben mag: „Geisteswissenschaftler wurden noch nie händeringend gesucht, das wird schon.“ Aha.
„Warum hast du denn so etwas brotloses studiert?“ Diese Frage, die ich sonst immer mit dem Verweis auf meine Interessen und Neigungen abgetan habe stelle ich mir in der letzten Zeit häufig selbst. Und beantworte sie noch immer gleich. Vielleicht auch, weil ich mich nicht marktkonform verhalten wollte, nichts studieren wollte, nur um konkurrenzfähig zu sein und mich damit selbst der Markt- und Verwertungslogik zu unterwerfen, mich zur Ware zu machen, mich zu verdinglichen. Interessant, dass ich mir dabei auch Eigenschaften angeeignet habe, die auf der Checkliste jedes Personalers stehen. Das selbständige Denken und Arbeiten, die eigenständige Einarbeitung in komplexe Themen und das kritische Hinterfragen haben in meinem Fach einen hohen Stellenwert. Durch mein politisches Engagement weiß ich, wie in Gruppen diskutiert, gestritten und entschieden wird, wie ich überzeugend vor mehr als hundert Leuten meinen Standpunkt vertrete, wie ich Inhalte anschaulich präsentiere und Konflikte mit anderen produktiv beilege. Projektmanagement, Veranstaltungsorganisation und –planung eignet man sich nebenbei an. Dass meine Auslandserfahrung nicht von einem Erasmussemester kommt, sondern durch die Kontaktpflege auf internationaler Ebene und die Leitung von Delegationen bei internationalen Kongressen oder Bildungsreisen ist nur ein Nebenaspekt. Die Kompetenzen, die ich „erworben“ habe, lassen sich wunderbar in den Personalerslang übersetzen: Kreativität, Flexibilität, Führungskraft, Teamfähigkeit, Belastbarkeit, kritisches Denken. Und trotzdem: „Bitte werten Sie diese Entscheidung nicht als generelle Kritik an Ihrer fachlichen oder persönlichen Qualifikation.“
Vielleicht klingt das alles etwas bitter. Vielleicht zeigt es aber auch eines: dass der Kapitalismus von heute seinem Wesen nach noch immer der Kapitalismus von einst ist. Mit weniger Kohlenstaub, weniger Dampfmaschinen und etwas leiser. Aber mit der gleichen Ausbeutung, mit der gleichen Verdinglichung mit der gleichen inhumanen Art, Menschen zu bewerten. Mit etwas Glück darf auch ich mich bald in diese Verwertungslogik einreihen. Darf meine Arbeitskraft als Ware endlich auf dem Markt verkaufen, mich verdinglichen. Bis dahin heißt es wohl noch öfter: „Für Ihre weitere berufliche Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute und viel Erfolg.“ Herzlichen Dank.
|
|
Stimmt! Aber als Politologe konnte man vor 20/25 Jahren trotzdem noch einen gut bezahlten Job bekommen, wenn man nicht allzu eng fixiert war.
|
|
|
„Sie machen das schon vollkommen richtig, Sie müssen nur etwas Geduld haben.“ – „Ist das im Moment nicht besonders problematisch, wegen der Krise?“ – „Nein, nein, als Geisteswissenschaftler haben Sie’s immer etwas schwerer, aber im Moment kommen auch immer mehr BWLer zu uns. Nur Geduld, für das was Sie suchen bringen Sie ja ideale Voraussetzungen mit.“
Diesen Spruch konnte man auch schon Anfang/Mitte der Neunziger Jahre auf dem Amt vernehmen. |
|
|
„Sie machen das schon vollkommen richtig, Sie müssen nur etwas Geduld haben.“ – „Ist das im Moment nicht besonders problematisch, wegen der Krise?“ – „Nein, nein, als Geisteswissenschaftler haben Sie’s immer etwas schwerer, aber im Moment kommen auch immer mehr BWLer zu uns. Nur Geduld, für das was Sie suchen bringen Sie ja ideale Voraussetzungen mit.“
Diesen Spruch konnte man auch schon Anfang/Mitte der Neunziger Jahre auf dem Amt vernehmen. |
|
|
Das ist die Zeit von Platzhaltern und Textbausteinen. Kopf hoch! Die Lampe am Ende des Tunnels ist mmer noch kaputt.
|
|
|
"dass innerhalb des letzten Jahres bei der Politologenarbeitslosigkeit ein Anstieg um über 30% stattgefunden hat"
Weil Politikwissenschaftler da wo sie hingehören, nämlich in die Politik, viel zu viel Ahnung haben. Weil das im Studium vermittelte normative Denken, ethisch-moralischen Wertemaßstäben griechischer Natur entspricht. Nicht umsonst sind 50% der MdBler Juristen, die können gut quasseln, aber so recht Ahnung von irgendetwas scheint mir ein Großteil nicht zu haben. Auch (wie man sieht) handeln "echte" Politiker von jeher normativen Ansprüchen zuwider. Meine Empfehlung, mach eine Doktorarbeit. Vorher wird das sowieso keine Arbeitsstelle mit produktiven Aufstiegschancen. In den Naturwissenschaften wirst du ja beinahe dazu verpflichtet einen Doktor zu machen. Sonst wirst du sogar noch unter dem Status einer TA angesehen, weil die im Labor die helfenden Elfen sind und von Arbeitstechniken wesentlich mehr verstehen. |
|
|
"Weil Politikwissenschaftler da wo sie hingehören, nämlich in die Politik, viel zu viel Ahnung haben. Weil das im Studium vermittelte normative Denken, ethisch-moralischen Wertemaßstäben griechischer Natur entspricht."
Und genau das kann sich als hinderlich erweisen, wenn Politologen in die aktive Politik gehen. |
|
|
Gaaanz gefährlich, der Mann. Vielleicht seit kurzer Zeit erst den Freitag lesend, jetzt gar bloggen und dabei gleich mal (indirekt) die Systemfrage stellen. Da gibt es bestenfalls im Dunstkreis von Sahra Wagenknecht noch einen Job - aber bitte zurückhalten, nur zuarbeiten.
Akademisches Proletariat nennt man das wohl; und nicht mal abwertend, eher real beschreibend, soweit kein, dem Stand entsprechendes Netzwerk die Sache mal schnell regelt. "Met Klüngel hätt dat nix zo dunn, doch besser ess et, wemmer einer kennt" - BAP, aus "Istanbul". Und in den USA wäre das nicht passiert, da hat man entweder den passenden, Bourdieu'schen Habitus, oder nach dem Studium und zusammen mit den Eltern etc. derart viel Schulden, dass die Karriere auch gern als Tellerwäscher beginnen darf. Hierzulande schaffen das manchmal sogar die Kinder von einfachen Leuten, erst Anwalt und dann Bundeskanzler zu werden. Manchmal...Bei den Top-Positionen in der multinationalen Wirtschaft mag dies bereits nicht (mehr) so sein. Zuviel realer Sarkasmus? Nein, denn dieses wachsende, akademische Proletariat ist eben auch zugleich eine Chance auf gesellschaftspolitischen Wandel "vor" den Irrwegen einer (neuen?) RAF. Noch ist Bildung hierzulande halbwegs weit verbreitet, sind die Ressourcen (auch bei den Eltern etc.) noch vorhanden. Aber dieses Zeitfenster wird sich schließen, die Wenigen in den "Gated Communities" werden auch die Bildung auf Ihresgleichen beschränken. |
|
|
Bin Dr. phil, ausgebildeter Redakteur (renommierte Journalistenschule) mit Leitungserfahrung, Buchautor mit mehreren Preisen und Stipendien, politischer Erfahrung u.a. im Rat sowie diversen Zusatzqualifikationen, daher überqualifiziert und seit 8 Jahren erwerbslos. Zu jedem Ortswechsel bin ich sofort bereit.
Ich empfehle dringend das politische Engagement gegen diese Verhältnisse! |
|
|
Na, acht Wochen, dass geht doch noch. Bei mir heißt das in der Amtssprache bereits "Sie haben keinerlei Vermittlungshemmnisse, es ist die Lage am Arbeitsmarkt". Ich bin schon bei dem anderen Amt ...
Ich habe inzwischen das Gefühl, ein Hochschulabschluss der Geisteswissenschaften wirkt bei manchen Personalern noch gruseliger als Hauptschule und Ungelernt ... Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der weiteren Suche. Bei Ihrer Qualifikation! Also Kopf hoch und noch ein wenig warten! Oh, jetzt klinge ich schon wie die netten Berater und Beraterinnen. Sorry. |
|
|
Wenn Sie nach acht Wochen schon den Blues schieben, dann fehlt Ihrem »Qualifikationsportfolio« noch ein bisschen Frustrationstoleranz und Beharrlichkeit. In Deutschland läuft leider sehr viel über »Vitamin B« und auf dem Amt müssen Sie wohl eher dem Berater noch Ratschläge geben.
Dem Satz »Mit etwas Glück darf auch ich mich bald in diese Verwertungslogik einreihen.« würde ich noch als letztes Wörtchen »lassen« anfügen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen