13.02.2009 | 21:10

Während der Werbung

"Das Glücksversprechen ist härter als der Kopf", habe ich einmal wo gelesen. Und tatsächlich drängt es sich gelegentlich unerwartet auf, selbst wenn es mich beschämt. Da gibt es diesen Werbespot von einem Mobilfunkanbieter. Eine Frau mit Nepalmütze steht im Mittelpunkt, die Kamera dreht sich um sie. Wir Zuseher werden in die Bergwelt des Himalaya versetzt. Erinnerungen und Bilder ihr bekannter Menschen erscheinen an den Wänden –, die offenbar die eines Zeltes sind. Und dazu die einprägsame, mehrfache Wiederholung am Anfang der Sätze: "Ich bin ...". Dann kommt die Aufzählung ihr wichtiger Menschen, Ereignisse, Dinge, die sie alle ist.  "Ich bin jeder Berg, der auf mich wartet. Ich bin alle, die vor mir oben waren und alle, die nach mir kommen werden." Kein Wunder – sie ist Profibergsteigerin. Sie spricht im Dialekt, der wohl Authentizität und Naturverbundenheit ausdrücken soll. Kurz darauf denke ich über die Gefühle nach, die sich da in mir abspulen: Anfangs bin ich peinlich berührt von der Entblößung privater Erinnerungen und persönlicher Anliegen, die sehr echt anmuten. Dann verärgert über die Anmaßung der inszenierten Authentizität, die zum Vertragsabschluss führen soll. Dann aber kommt der Satz mit den Bergen – und ich, der ich mit den Bergen, Wanderungen oder gar dem Klettern nichts am Hut habe – ich Sofa-Ötzi, bin ergriffen. Einfach so.  Ich vermute eine defekte Masche in meiner emotionalen Gestricktheit. Und dennoch: Gab's das nicht alles schon? Wie war das noch mit der Monade, die die Welt widerspiegelt oder dem skandalösen Gott, der in allem wohnt? Oder aktueller: War da nicht dieser Diskurs, der das "autonome Subjekt" dekonstruieren wollte und der die multiplen Persönlichkeiten unter einer widerständigen Perspektive betrachtete? Findet sich hier nicht der Abglanz irgendeiner Chaos- oder Selbstorganisationstheorie wieder oder einer Theorie von Memen, die sich fortpflanzen? Oder eher ganzheitlich: "Du veränderst, was du berührst und was du berührst, verändert dich"? Und freilich gibt's da ein paar Romane und Filme, die sich von solchen Thesen inspirieren ließen.   So, da wären wir nun. Nach der Metaphysik hat sich die These über modische Philosophien, Kunst und Literatur zum Kommerz durchgefressen und wird nun in meinem Wohnzimmer hervorgewürgt. Schon zappe ich weiter, aber die falsche Masche bleibt. Sicher, das kennt doch so mancher. Bei dieser Liedzeile, in dieser Filmszene, an dieser Stelle der Geschichte drückt dir etwas von hinten gegen die Augäpfel, was dann vorne eine Träne zu werden droht. Ich für meinen Teil – bei euch mag das anders sein –  führe dieses Phänomen der Ergriffenheit auf eine Art Sentimentalität des Nicht-Erlebten zurück – auf Unabgegoltenes, auf eine Hoffnung ... (das habe ich sicher irgendwo gelesen). Und worin sollte die Hoffnung bestehen? Die Off-Stimme  bietet an: "Zusammen sind wir mehr" und verspricht damit einen günstigen Tarif "in alle Netze". Aber ich erkenne die Idee wieder in diesen Worten. Sie hat in meinem Bewusstsein (und vielleicht auch etwas darunter) einen weiten Weg zurückgelegt. Sie hat mich – früher (ja, früher!) -  Nächte durchmachen lassen oder mich früh aus dem Bett vertrieben. Die Formulierung dieser Idee ist so einfach, dass sie heute glanzlos erscheinen mag: "Gemeinsam sind wir stark!" Tja, wirkt glanzlos – dafür drückt mich die Werbung.  
 
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Kommentare
Jakob Augstein schrieb am 13.02.2009 um 22:03
Die "Sentimentalität des Nicht-Erlebten" ist eine schöne Formulierung.
Und die Tatsache, dass uns oft Gefühle nur vorkommen wie geborgt, die ist in der Tat verblüffend.
Gute Werbeagentur, könnte man sagen.
Und sich gleichzeit missbraucht fühlen.
jkob schrieb am 13.02.2009 um 22:22
"sentimentalität des nicht-erlebten" - wenn ich bloß sicher wäre, dass ich das nicht irgendwo anders aufgeschnappt habe ... ;)
Jakob Augstein schrieb am 13.02.2009 um 22:35
Ach was. Das ist doch egal. Hauptsache es ist hängen geblieben.
EtienneRheindahlen schrieb am 13.02.2009 um 22:50
Denkt das der Verleger oder der Sprach-Ästhet ?
Jakob Augstein schrieb am 13.02.2009 um 23:04
Na sagen wir mal, der Journalist würde schon nach der Quelle fragen. Der Sprachästhet freut sich einfach über die gelungene Formulierung und der Rest ist schnurz.
Und jetzt ist ja nach 18.00 :)
EtienneRheindahlen schrieb am 13.02.2009 um 23:13
Trés d'accord ;)
ney schrieb am 15.02.2009 um 12:56
[...] dafür drückt mich die Werbung. Ein Schelm, wer böses dabei denkt..Und bedenkenswert, dass nicht jeder Konsument von nicht selbstbestimmtem Werbematerial den Sinn oder Unsinn eines solchen derart tiefgründig hinterfragt. Da fragt sich sicherlich so mancher am nächsten Tag. "Was tue ich hier? Warum um alles in der Welt stehe ich an diesem Verkaufstresen?Ich habe doch schon einen Mobilfunkvertrag...!?" Der Werbewahnsinn à la "Kauf heute - Zahl morgen" tut sein übriges und der Mensch der sich eben noch in einer anheimelnden idyllischen Bergwelt wähnte verschwindet im großen Konsumkosmos. Eine Frage bleibt: Wie genau fühlt man sich dann eigentlich mit dem neuen Handyvertrag? Riechst Du die frische Bergluft nicht.....?
jkob schrieb am 15.02.2009 um 14:50
ney:
"Wie genau fühlt man sich dann eigentlich mit dem neuen Handyvertrag? Riechst Du die frische Bergluft nicht.....?"

ja, genau. der durft fehlt. dafür hat man einen neuen vertrag. die täuschung hat funktioniert. können wir die frage weiter verfolgen: wie geraten wir in diese täuschung? inwiefern sind unsere hoffnungen in sie verquickt? und: wie können wir unsere hoffnungen, das glücksversprechen aus den kommerzzusammenhängen befreien?
ney schrieb am 15.02.2009 um 18:18
ich fürchte da sind werbefachleute am psycho-werk..man ist was man isst. man ist was man kauft...usw..die formel geht auf. solange wir alle nur damit beschäftigt sind uns ein image zu kaufen - bewusst oder unbewusst - merken wir gar nicht, dass wir ja faktisch nie ankommen weil wir immer dort ankommen sollen wo andere - die werbeleute - uns haben wollen..um dann mit uns wieder das selbe spiel zu treiben.neverendingstory.
befreiung aus dem kommerzzusammenhängen funktioniert m.e. nur, indem man sehr ehrlich mit sich ist und fragt: was von alldem brauche ich tatsächlich und unabdingbar um meine wahren ziele im leben zu erreichen!?schnell stellt man bestürzt fest: das meiste ist überflüssig. es lebe der konsum...
jkob
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