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Endlich. Ich bin gerade zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Istanbul Ende Oktober am frühen Morgen mit der Fähre über den Bosporus. Was für Zehntausende Istanbuler Alltag sein mag, fühlt sich für mich jedes Mal magisch an – wenn die Sonne über den Hügeln der asiatischen Seite aufgeht, sich die Wellen kräuseln, Möwen einen auf dem Weg nach Europa begleiten, der Blick den Horizont entlang über den Topkapı-Palast, die Hagia Sofia und zahllose Moscheen schweift und das Fährschiff schließlich gegenüber dem Dolmabahçe Palast nach Backbord dreht und die Iskile, den Fähranleger von Beşiktaş ansteuert.
Gestern Abend wollte ich in der Redaktion der Tageszeitung Taraf Ahmet Altan besuchen, den Chefredakteur jener Zeitung, die erst vor zwei Jahren gegründet wurde, aber gleich in ihrem ersten Jahr mit der Aufdeckung diverser Verstrickungen hoher Militärs in Putschpläne Berühmtheit erlangte. Zweimal hatte ich Altan vergangene Woche geschrieben, etliche Male in der Redaktion angerufen und nach einem Termin gebeten. Am Sonntagmittag um drei, nach einer etwas zu langen Nacht in Beyoğlu las ich schließlich seine Antwort – von Samstagabend, 23 Uhr: Ob ich am Sonntagmittag um eins in sein Büro kommen könne. Nun – nachdem sich Altans Telekommunikationsverhalten gegenüber meinem als inkompatibel erwiesen hatte, dachte ich mir, gehe ich da einfach vorbei. Also mit der Fähre nach Kadıköy, und dank Google Maps ging es mir nicht ganz so, wie Timofey Neshitov in der taz schreibt:
Wer zu Taraf will, sollte sich im verwinkelten Stadtviertel Kadiköy gut auskennen. Weder Taxifahrer noch Verkehrspolizisten hier können einem sagen, wo die Redaktion sitzt. Die investigativste Zeitung des Landes wird in einem mäßig beleuchteten Großraumbüro über einem Buchladen gemacht. Auf dem Bürgersteig stehen Sicherheitsleute.
Die Sicherheitsleute waren allerdings da. Und ausgesprochen nett (einer mochte offenbar meinen Kurzhaarschnitt so sehr, dass er mir kurzerhand übers Haar streichelte – nicht, dass ich auf Körperkontakt mit Sicherheitsleuten stünde, aber das war mir doch allemal lieber, als jede andere Behandlung). In der Alkım-Buchhandlung war ich am Ziel: Altan empfängt mich, in einer Stunde. Um halb sieben wies mich der Sicherheitsdienst zum Aufzug, hoch in die Taraf-Etage.
Altans Büro steht in Kontrast zum Großraumbüro mit seinem abgewetztem Teppichboden und Neonbeleuchtung. Wie ein alter weiser Mann sitzt er in seinem Ledersessel hinter einem großen Schreibtisch aus massivem, rötlich-dunklen Holz. Aber das ist er ja auch: ein alter weiser Mann, der betont, er sei gar kein Journalist, sondern Romanautor. Aber „aus Wut, aus Wut auf die Umstände in der Türkei, machen wir hier Journalismus.“ Und sie lehren dabei nicht nur das Militär das Fürchten, sondern auch die Konkurrenz, was kritischer Journalismus heißt. Altan meint die Putschpläne und Intrigen des Militärs, dessen Macht in letzter Zeit schwindet, die Benachteiligung von Minderheiten, die politischen Morde an Intellektuellen und Journalisten – eines der prominentesten Opfer: Hrant Dink, Chefredakteur von Agos –, begangen von Nationalisten, die sich von Prozessen wegen „Beleidigung des Türkentums“ ermuntert fühlen.
Bei all dem wundert man sich, dass es Taraf noch nicht so ergangen ist, wie anderen Zeitungen. Zuletzt wurde etwa die Wochenzeitung „Nokta“ 2007 geschlossen, nachdem sie aus dem Tagebuch eines Marinekommandeurs zitiert hatte, der darin von zwei fehlgeschlagenen Militärcoups im Jahr 2004 geschrieben hatte. Manche vermuten hinter dem Fortbestand von Taraf den Schutz durch die regierende AKP, zu enge Bande unterstellen die ärgsten Taraf-Kritiker, sogar eine heimliche Finanzierung durch die religiöse Gülen-Bewegung unterstellte die nationalistische Tageszeitung Akşam 2008 Taraf. Altan hat darauf eine andere Antwort: Die Einflussmöglichkeiten des Militärs schwindeten schlicht – und dazu beigetragen habe auch Taraf.
Aber als Fremder, nicht nur im Land, sondern auch gegenüber den politischen Konflikten, dem Nationalismus, der Rolle des Militärs, wage ich noch nicht, Taraf und Altan zu beurteilen. Allgegenwärtige Atatürk-Porträts, Flaggen, Autos, die heute morgen um fünf nach neun mitten auf der Hauptverkehrsstraße in Beşiktaş anhalten und ein Hupkonzert veranstalten, weil der Staatsgründer eben jetzt vor 71 Jahren gestorben ist, das ist eine Form von Patriotismus – oder Nationalismus? –, der vermutlich den meisten in Deutschland aufgewachsenen Menschen ziemlich fremd ist. Täglich in einer der englischsprachigen Zeitungen in der Türkei zu lesen, dass gegen hohe Militärs und Politiker wegen eines geplanten Staatsstreichs ermittelt wird – das ist doch noch noch eine Nummer ungewöhnlicher, wenn man bisher als „worst case“ gewohnt war, von einer Bundeskanzlerin Merkel, einem Innenminister Schäuble und einer Zensurministerin von der Leyen regiert zu werden; beziehungsweise die Härte einer Kindheit und Jugend unter Helmut Kohl erlitt. Umso spannender ist die Türkei.
Das Gespräch mit Ahmet Altan wird als Interview in der Dezember-Ausgabe des „Journalist“ erscheinen. Wenn mir der „Journalist“ das gestattet, werde ich es aber auch hier veröffentlichen. Taraf-Redakteur Yıldıray Oğur hat sich außerdem danach die Zeit genommen, mir eine Einführung in die türkische Blogosphäre zu geben. Die will ich mir die nächsten Wochen mal intensiver anschauen, so weit meine Türkischkenntnisse das zulassen. Über Tipps diesbezüglich (politische Blogs, Medien-Watchblogs etc.) würde ich mich freuen – bitte hinterlassen Sie sie als Kommentar.
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Vielen Dank für diesen Artikel.
Dass der Einfluss des Militärs schwindet, konnte ich diesen Sommer, ich war august und september selbst in der türkei, im Zuge der Reformen in der Minderheitenpolitik beobachten. Taraf wird protegiert, das lässt sich nicht abstreiten, aber früher wurden auch renommierte Journalisten vom Militär bedrängt, das Militär ist als politische Größe weiterhin bedeutend aber die Mauer bröckelt sichtlich und mit dem Informationsgrad der Öffentlichkeit kann es sich das Militär nicht erlauben mit zaman today anzulegen. |
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Danke für den Artikel, interessant und brisant, und Anlass zur Erinnerung an die Stunden, die ich auf Bosporus-Fähren zugebracht habe.
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Sehr interessant.
Ich hatte eine türkische Kollegin, die mir viel über den Militärputsch 1980 und die Entwicklung danach berichtet hat. Aber in der Gegenwart fällt es mir schwer, alles zu durchschaun. Wer will wohin? Welche Kräfte wirken da und wer steckt dahinter? |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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