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Blog von jmr

02.02.2009 | 18:38

Die Hürde des Menschen

Mit seiner Hand verdeutlicht S. das Verfahren. Am Anfang hält er sie waagrecht auf einer imaginären Linie unterhalb seiner Brust. „Nächste Woche habe ich ein Interview beim Bundesamt in Karlsruhe.“ Die Hand – oder die imaginäre Linie – rückt ein Stück nach oben. „Sie prüfen noch einmal alles. Sie wollen Beweise für alles. Vielleicht bekomme ich eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr.“ Die Hand steigt weiter nach oben. „Dann, nach einem Jahr prüfen sie wieder. Ob ich eine Arbeit habe, die Sprache undsoweiter.“ Die Hand steigt weiter. „Dann, nach zwei Jahren wird nochmal geprüft.“ Die Hand steigt weiter. „Und dann kriege ich vielleicht Papiere für immer. Wenn ich die Staatsbürgerschaft haben möchte, muss ich dann einen Test machen. Mit siebzig Fragen.“ Die Hand ist noch weiter nach oben gestiegen. Sie ruht jetzt etwas unterhalb von S. Nase. 

Ich kenne S. und seine Geschichte ein wenig. Ich habe ihn vor ein paar Monaten für die kleinere der beiden Lokalzeitungen interviewt. Auf etwa einer Viertelseite habe ich versucht, die Geschichte eines Flüchtlings wiederzugeben. Eines Flüchtlings, der sich selbst nicht als Flüchtling, was in Deutschland wohl Bittsteller bedeutet, sieht, sondern als Musiker, der dem deutschen Publikum etwas zu geben hat, was es noch nicht kennt. In seinem Heimatland Irak war S. als Virtuose der Oud (der arabischen Laute) ziemlich bekannt, ist im Radio und Fernsehen aufgetreten. Er war anerkannt und geachtet und hatte ein gutes Auskommen mit und von seiner Musik. 

S. ist Kurde. Das ist einer der Gründe, weshalb er seine Heimat verlassen hat. Ein anderer ist das Wirtschaftsboykott der 1990er Jahre. Das Leben im Irak war irgendwann so stark geprägt von ethnischen Konflikten und allgemeiner wirtschaftlicher Not, dass die Familie beschloss, Sohn S. möge sein Heil im Ausland suchen. In einem LKW kam S. über die Türkei nach Deutschland. Und wurde zum Asylbewerber. Zum Asylbewerber, dessen Asylantrag abgelehnt wurde. Zum geduldeten Flüchtling. Eigentlich soll er abgeschoben werden, aber die Abschiebung gilt als ausgesetzt.

Seit neun Jahren lebt S. nun in Deutschland. Nach einer erzwungener Pause in verschiedenen Asylbewerberheimen spielt er schon seit einigen Jahrne wieder Oud. S. ist professioneller Musiker: Er arbeitet an seinen Netzwerken, sucht kreativ nach immer neuen Möglichkeiten für sich und sein Instrument und er tritt auf, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Manchmal in sehr renommierten Rahmen. Den Ausländerbehörden ist das nicht genug. Die wollen den nachvollziehbaren Nachweis, dass S. vollumfänglich für sich selbst sorgen kann. Und wenn er dafür Teller spült. S. zeigte mir seine Hände, seine feinen Finger und sagte: Ich soll bei McDonald's arbeiten? Ich bin Musiker.

Heute traf ich S. im Bus. Er ist ein kleingewachsener Mann. Aber heute schien er geradezu zu verschwinden. Seine Stimme war so leise, dass der laute Diesel sie permanent übertönte. Er erzählte von der vielen Zeit, die vergeht. Von monatelangen Bearbeitungszeiten und Bearbeitungsgebühren. Von dem Geld, dass ihn der Anwalt kostet. Dass er nicht reisen kann, weil ihm das die Duldung nicht erstattet. Dabei müsste er es doch, um die Angebote für Auftritte wahrzunehmen, die er erhält. All das ist ihm unverständlich und inzwischen wohl auch zuwider. Und doch erfordert es seine ganze Kraft, seinen ganzen Einsatz. Während er nur spielen will. Spielen und nochmal Spielen. Mit seiner Oud so oft auftreten, wie es nur geht. Hier in diesem Land, wo Frieden herrscht.

Als wir uns zu besagtem Interview getroffen haben, da lachte S. ziemlich häufig. Ein kurzes, hervorgestoßenes und hilfloses Lachen. Über die Dinge, die er nicht fassen konnte. Als ich ihn heute traf, war ihm auch dieses Lachen vergangen.
 
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