jmr

Blog von jmr

10.02.2009 | 20:44

Kennzeichnungspflicht für Hästräger

„Halt durch des, dass des eskaliert isch.“, sagt P.. Er blickt in Richtung Spiegel; hört mich zustimmend brummen; und fährt fort mir die Haare zu schneiden. P. ist selbstständiger Friseurmeister und ich bin seit etwa 18 Jahren Kunde in seinem Salon. Heute berichtet mir P. von den neueren Entwicklungen der südbadischen Fastnacht. 

Schon seit Jahresbeginn holt der SWR die schwäbisch-alemannische Fastnacht in alle Räume, die mit Fernseher ausgestattet sind. Die vergangenen Samstagnachmittage waren reserviert für Übertragungen diverser großer Umzüge. In Stuttgart gab es das europäische Narrentreffen, in Freiburg feierte die Breisgauer Narrenzunft (BNZ) 75-jähriges Jubiläum. P. sieht sich die Übetragungen häufiger an: „Weil mein Sohn die so gerne mag.“ Ganz real geht er nur noch zum „Hemdglunki“ in seiner Heimatgemeinde. Auf weitere Aktivitäten hat er keine Lust. Was zum Teil auch daran liegt, „dass des eskaliert isch.“

Welche Eskalation genau er meint, das wird aus P.s Worten nicht ganz deutlich. Ich nehme an, er meint die Eskalation der Gewalt. Der Grund dafür, so meine ich seinen Worten entnehmen zu können, liegt für ihn in einem übermäßig gesteigerten Alkoholkonsum. Der Frage, ob es auch dafür Gründe gibt, geht P. nicht weiter nach. 

Vielleicht war die Fastnacht früher ein Ventil. Vom „schmutzige Dunschdig“ bis Aschermittwoch waren Normen, Regeln und Gesetze für die Katholiken zumindest aufgeweicht. Für die Evangelischen galt das gleiche in der nach Aschermittwoch folgenden Buurefasnet. Heute ist die Fasnacht weitestgehend Folklore. Und als solche ein „Event“. Eine Fasnachtsclique oder Guggemusik absolviert heute bis zu eineinhalb Dutzend Umzüge in einer Fasnachtssaison, weil jeder Umzug sich rühmen will, der größte und bedeutendste im Umkreis zu sein. Die Termine großer Fasnachtsveranstaltungen richten sich nach den Bedürfnissen des Fernsehens. In einer Zeit, die eigentlich den leichteren Varianten des Chaos vorbehalten war, wird heute organisiert, geplant, und Geld verdient, was das Zeug hält.

Das alte Bild der Fasnacht als Zeit, in der man „so richtig die Sau rauslassen“ kann, bleibt aber bestehen. Es erfüllt immer noch die Rolle als Ziel der fasnachtlichen Aktivitäten. So mancher scheint dieses Ziel aber erst nach dem völligen Kontrollverlust mittels Alkohol und/oder anderer Drogen erreichen zu können. Es gilt die eigenen Zwänge zu unterdrücken, um an den gesellschaftlichen Normen zu kratzen. Vielleicht spielen die gesellschaftlichen Normen auch keine Rolle mehr und es geht hauptsächlich um die eigenen.

Eventuell ist dieser Widerspruch zwischen den Ansprüchen der Organisatoren und denen mancher Beteiligter, der Grund für die merkwürdigen Maßnahmen, von denen P. mir erzählt. „Die fahren ja mit der Clique bis in den Schwarzwald. Mieten sich einen Bus und fahren mit 25 Leuten da hin. Und wenn einer schon nach der Hinfahrt so betrunken ist, dass er nicht mehr am Umzug teilnehmen kann – dann muss der Strafe zahlen.“

Bei Umzügen und Treffen scheint es inzwischen Usus zu sein, jeden der Teilnehmer mit einer individuellen, sichtbaren Nummer zu versehen. Man erhofft sich davon, etwaige Zerstörungen oder Gewalttaten bestimmten Personen zuordnen zu können. „Früher hat man halt an den Umzügen so teilgenommen. Heute meldet man sich an.“, sagt P. „Das kommt halt durch des, dass des eskaliert isch.“
 
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Kommentare
zigeunerin schrieb am 10.02.2009 um 21:52
Ist es nicht inzwischen mit allem so, was ursprünglich als "Volksbrauch" begann? Heut scheint das einzige Ziel "Auffallen durch Umfallen" zu sein. Mit dem Ursprünglichen hat das längst nimmer zu tun. Es ist zwar schön, sich auf alte Bräuche zu besinnen und diese Traditionen aufrecht zu erhalten. Leider sind die Gründe hierfür aber rein commerziell.
jmr
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Logbuch
15:31
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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delloc hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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anne mohnen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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