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Katrin Schuster verblüfft es am Montag im Freitag,[1] daß „just in dem Moment, in dem das Gesetz seine Wirksamkeit auch jenseits des Analogen beweist, eifrig dessen Nutzlosigkeit behauptet wird“. Dies und die Tatsache, daß, wer „sich in diesen Tagen gegen die Abschaffung des geistigen Eigentums am Digitalen ausspricht“ trotzdem „im gleichen Atemzug“ betont, daß „eine Neuregelung des Urheberrechtsgesetzes vonnöten ist“, ist für die Journalistin eine „rechte Seltsamkeit“.
Kein Wunder, daß sich Katrin Schuster wundert. Schließlich geht es bei den weltweiten aktuellen Diskussionen über „das Gesetz“ um etwas völlig anderes.[2]
Vielleicht sage ich ja nun etwas Revolutionäres, etwas sehr Verstörendes und Erschreckendes: Das Gesetz, von dem wir reden, heißt „Urheberrechtsgesetz“ – und nicht: „Vermarktungsrechtsgesetz“. Es handelt also von den Rechten der Urheber, also dem Recht von Autoren, Bildhauern, Designern, Grafikern, Komponisten, Malern, Musikern, Photographen und Wissenschaftlern an ihrem Werk, an „ihres Geistes Kind“.[3]
Daß heute Urheberrecht mit Vermarktungsrecht identifiziert wird, daß zwar immer von den Urhebern die Rede ist, aber diese eigentlich in der Debatte nicht zu Wort kommen, hat System. Ich hatte es die „Forderung aus der 1. Ableitung von ‚Lieberbergs Gesetz“ genannt: „Wenn etwas Kunst ist, muß auch jemand daran verdienen“. [4]
Geistiges Eigentum verpflichtet – offenbar dazu, daß jemand daran verdient. Im besten Falle ist es der Urheber, in der Regel sind es die Vermarkter seines Werkes. So haben folgerichtig Marek Lieberberg und andere (bspw. in Kommentaren auf börsenblatt.net) jegliche künstlerische Tätigkeit infrage gestellt, wenn sie nicht materiell honoriert wird. Kein Geld – keine Kunst? „Kunst ist“ nur und nur dann, wenn jemand auch daran verdient? Sind wir so weit, daß wir alles nur noch um des Geldes Willen tun? Wie weit sind jene, die Kunst nur dann schaffen, wenn sie auch daran verdienen werden, von jenen entfernt, die Kunst nur kostenlos haben wollen?
Rauben Raubkopierer geistiges Eigentum? Oder rauben sie nicht vielmehr den intendierten finanziellen Ertrag aus der geistigen Schöpfung? Wenn Katrin Schuster meint, daß sich die Vitalität von geltenden Urheberrechtsgesetzen darin zeigt, daß The Pirate Bay in 1. Instanz von einem schwedischen Gerichtshof verurteilt wurde, dann reduziert sie im Einklang mit der von der Industrie vorgegebenen Interpretation die Rechte der Urheber auf die Vermarktung. Noch nie ist die Rede von der Allianz „Kunst & Kommerz“ so deutlich bestätigt worden wie in den gegenwärtigen Diskussionen um „Raubkopien im Internet“. Nicht das Werk als solches steht als schützenswertes Gut im Vordergrund, nein, der finanzielle Ertrag ist es, an dem alles hängt, zu dem alles drängt. Würde auch eine geschlachtete Kuh noch Milch geben, würde man überhaupt nicht mehr vom Urheber und seinem Werk reden.
Hans Pfitzner hat über Carl Maria von Weber gesagt, dieser sei auf die Welt gekommen, „um den Freischütz zu komponieren“. Hans Pfitzner ist – das muß 2009 erläuternd dazu gesagt werden – nicht urheberrechtlich der Erbe des Oeuvres von Weber, er ist nicht der Vermarkter des Komponisten gewesen, sondern ein nachgeborener Künstlerkollege. Heute läse sich das wohl so: „Carl Maria von Weber ist auf die Welt gekommen, um den ‚Freischütz’ zu komponieren, auf daß er und seine Erben daran verdienen“.
Gottfried Weber (1779-1839) – meines Wissens weder Verwandter noch Nutzungsrechtsnachfolger von Webers – schrieb Variationen für Flöte und Gitarre über ein Thema aus der Oper „Der Freischütz“. Welche Lizenzgebühren sind damals wohl im Vorfeld an den Urheber bzw. die Inhaber der Nutzungsrechte am Werk des Opernkomponisten geflossen? Sergej Rachmaninov hat in vielen seiner Werke das „Dies-Irae“-Motiv zitiert: ob die römisch-katholische Kirche als Vermarkter des unbekannten Komponisten aus dem 13. Jahrhundert wohl eine Klage angestrengt hat? Wie viele vorwitzige Tonsetzer vor dem heimatlosen Russen sind wohl in einem Autodafé ihrer gerechten Strafe zugeführt worden? – Oder: muß ich für jede Verwendung des Begriffs „Inkompetenzkompensationskompetenz“ an Odo Marquard Lizenzgebühren abführen?
Der Wille, an geistigem Eigentum zu verdienen, behindert die Schaffung von geistigem Eigentum. Niemand schafft autistisch aus sich heraus Kunst, wir alle sind Zwerge auf den Schultern anderer, wir schaffen aus vorhandenem Material, lassen uns inspirieren, verändern, variieren, zitieren Kunst und schaffen so Verbindungen und Abhängigkeiten als Bild unserer Welt. Das Urheberrecht als Vermarkterrecht hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur durch die digitale Welt verändert, sondern durch die durch und durch kommerzielle Beziehung zum Werk. Viele Künstler, also Urheber, haben sich auch davon infizieren lassen, verfolgen über Anwälte Minderjährige, die Bilder auf ihre selbstgebastelte Homepage stellen, verfolgen Familien, die rührende Tanzversuche ihrer Sprößlinge zu den blechernen Klängen eines lizensierten Musikstücks bei YouTube einstellen.
Wie die Auswirkungen des sog. „2. Korbs“ von 2008 auf die Wissenschaften zeigen, der ja die Handschrift der Vermarkter-Lobby trägt, wurde das Recht, Geld am Werk zu verdienen, so umgesetzt und ausgelegt, daß sich die absurdesten Situationen ergeben, durch die wissenschaftliche Arbeit massiv behindert und nicht zuletzt auch verteuert wird. Die „neuen (digitalen) Nutzungsarten“ sind für die Vermarkter die Möglichkeit, an einem Werk mehrfach auch lange nach Erscheinen eines wissenschaftlichen Aufsatzes daran zu verdienen. Die Urheber, die die Texte in der Regel kostenlos verfaßt und als ihren Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion verstanden haben, sehen keinen müden Cent von den überraschenden Mehreinnahmen der Verlage.
Katrin Schuster ist kein Experte, darum findet sie Diskussionen über ein ach so wirksames Urheberrecht „eine Seltsamkeit“. Sie übersieht das Offensichtliche: es gibt und gilt vornehmlich nationales Urheberrecht. Was an deutschen Universitäten erlaubt ist, ist in Ungarn verboten (Stichwort: digitale Kopien aus Lehrwerken für den Unterrichtsgebrauch). Und nicht in allen Ländern wäre The Pirate Bay gerichtlich belangt worden. Jedes Land hat eigene Auffassungen, wann die Schutzfristen an einem Werk ablaufen, d. h. ab wann ein Werk „gemeinfrei“ ist. Welchen Diskussionsbedarf diese Lage auf europäischer, auf internationaler Ebene auslöst, muß wohl nicht erläutert werden.
Zudem: In den letzten Jahrzehnten wurden diese Laufzeiten in vielen Ländern ausgeweitet, auch in Deutschland arbeiten die Vermarkter darauf hin. Werden Urenkel oder Großgroßneffen und -nichten noch an der Produktivität und dem Kunstschaffen verdienen? Wem gehört eigentlich Kunst? Ist „nationales Erbe“ eine Frage der Vermarktungsrechte?
Alle Probleme und alle Diskussionen – und derer gibt es viele – um das gegenwärtige Urheberrecht lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Viel Geld. Es geht nicht um das Werk, sondern das Geld, das damit verdient wird oder verdient werden kann.
Die digitale Welt, die Anderwelt der analogen Neuen Moderne, in der Modelle und Rezepte aus der „Welt der Dinge“ nicht identisch funktionieren, hat das Verhältnis vieler Menschen zu fremdem geistigem Eigentum, nein: nicht verändert, sondern: wieder geschärft. Der Wert eines Werkes wird nicht in materieller, stattdessen in einer ideellen Währung gemessen: in Aufmerksamkeit. Nun ist der Geschmack des Menschen auch in der analogen Welt durchaus diskussionswürdig, wir müssen uns also nicht verdrießen lassen, wenn nicht Weberns Violinkonzert oder Bachs Goldberg-Variationen bei The Pirate Bay besonders häufig getauscht werden, wenn auch „getwittert“ und nicht nur ernsthaft in philosophischen Zirkeln über „Sein und Zeit“ diskutiert wird.
Geistiges Eigentum verpflichtet – viele Autoren und Künstler, die über das Netz ihr Werk verbreiten, sehen diese Verpflichtung auch auf ihrer Seite. Sie stellen nicht den materiellen Ertrag für sie selbst, sondern den geistigen Ertrag für die Allgemeinheit bewußt oder unbewußt in den Vordergrund. Sie verändern nicht das Urheberrecht, sie nehmen das Urheberrecht in seiner ursprünglichen Gestalt wahr. Sie verweigern sich der Mutation vom Urheberrecht zum Vermarktungsrecht.
Sie definieren Individualität und geistiges Eigentum nicht als Besitz, sondern als Geschenk. Geschenk an sie, Kunst zu schaffen, und Geschenk an die Welt, an Kunst teilhaben zu können.
[1] www.freitag.de/positionen/0917-pirate-bay-prozess-internet-urheberrecht; Der ursprüngliche Titel des am Montag im Netz veröffentlichten Artikels wurde geändert und ist mit einer neuen Überschrift im Netz und auch in der Druckausgabe. Der Text blieb unverändert. [berichtigt am 23.4.9, 22:38]
[2] Auch daß The Pirate Bay „keinen anderen Zweck hat als die Erleichterung des Gesetzesbruchs“ habe, halte ich für eine völlige selbstimmunisierende Fehlinterpretation der Öffentlichkeit; vgl. „Unverantwortbare Verantwortung“ (21.4.9), www.freitag.de/community/blogs/joachim-losehand/unverantwortbare-verantwortung
[3] Der Beitrag von Katrin Schuster hieß ursprünglich irritierenderweise „Wes’ Geistes Kind“.
[4] „Closed Access – Die Freiheit der Enteigneten“ (30.3.9), www.freitag.de/community/blogs/joachim-losehand/closed-access--die-freiheit-der-enteigneten
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"Viel Geld" sind allerdings zwei Worte. ;-)
Nein, aber im Ernst: Gut gebrüllt, Löwe! Da haben Sie sehr schön aufgedröselt, wie uns beständig Sand in die Augen gestreut wird, indem ein Recht mit einem anderen begrifflich und sachlich verflochten und vermischt wird, damit, wer eigentlich nichts Originäres als Urheber geleistet hat, sondern nur zufällig als Urenkel oder Cousine 3. Grades eines Lizenznehmers gern aus einem Werk etwas für sich selbst herausschlagen möchte, ohne dabei geistig tätig werden zu müssen. Das ist so, als wenn jemand nach Getreide ernten wollte, das der Urururahn ausgesät hat. Man sollte wirklich vorsichtig daran gehen, sich eine Meinung über das geistige Eigentum und den Rechten daran zu bilden. Im übrigen entspringt der von Ihnen angeprangerte Vermarktungswahn und und die dazu eingesetzte Bereicherungsstrategie haargenau der irren Welt, in der es Gentechnik-Firmen möglich ist, Patente auf Genome anzumelden! Sicher wird es eines Tages dahin kommen, dass wir auf die Farbe unserer Augen Lizenzgebühren an entsprechende Vermarktungsgenies entrichten müssen. |
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Nur zur Info, zu [1]: Der Artikel wurde nicht geändert, es handelt sich also nicht um eine "revidierte Fassung"; er hatte nur bis gestern eine andere Überschrift, welche wohl nun jener der Druckausgabe angepasst wurde.
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Vielen Dank für die Information. Ich habe die Fußnote [1] geändert und somit richtiggestellt. Damit keine Mißverständnisse irgendwo herumfliegen. (Ich war beim Lesen der Druckfassung aber ehrlich der Ansicht, irgendetwas hätte sich auch am Inhalt geändert. Aber wir sind ja täglich Täuschungen ausgeliefert.)
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Gabriel Tarde hat schon recht früh in seinem Werk "Die Gesetze der Nachahmung" darauf hingewiesen, dass die Gesellschaft ohne "abkupfern" nicht lernfähig ist. Dieses von dir so treffend "Vermarktungsrechtsgesetz" genannte Unding ist der kürzeste Weg in die gesellschaftliche Verblödung. Aber vielleicht ist das ja Programm.
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Erstaunlich, wie viele Worte Sie machen können ohne etwas sinnvolles auszusagen.
Wie weit sind jene, die für ihre Kunst Geld haben wollen von denen entfernt, die dafür nichts zahlen wollen? Man muss es Ihnen scheinbar erklären: Der eine hat etwas und damit das Recht zu entscheiden, ob er es kostenlos oder entgeltlich weitergibt. Der andere hat nichts und fordert etwas umsonst. Geistig fallen Sie in die sechziger Jahre zurück. Wenn wir das Eigentum abschaffen, dann haben alle alles, das ist Ihr Traum. Und als Wohltäter fühlen Sie sich auch noch, wenn Sie als Robin Hood das Eigentum anderer freigiebig an die Menge verteilen. Die Welt teilt sich leider immer noch in zwei Gruppen. Diejenigen, die Reichtum schaffen, und die, die anderer Leute Reichtum verteilen (und sich dabei auch noch edel vorkommen). Dabei müsste es für Sie doch erkennbar sein, dass die einzige faire Regel jene ist: jeder entscheidet frei, ob er seine Leistungen verschenken mag oder nicht. Weiter legen Sie einem anderen in den Mund, er habe gesagt: Nur Kunst die etwas kostet ist auch etwas wert. Lassen wir dahingestellt ob er das gesagt hat. Ihre Kritik an diesem Satz spitzen Sie in der Aussage zu: nur was nichts kostet ist wahre Kunst. Der eine Satz ist so blöd und dümmlich wie der andere. Es ist ja gut und auch leidlich originell, wenn man den grassierenden Kommerz anprangert und von einer Welt ohne Geld träumt. Niemand will Ihnen das nehmen. Leben Sie ein Geldloses Leben. Aber zwingen Sie Ihre Ideologien anderen nicht auf, wenn Sie wirklich an einer freien Gesellschaft interessiert sind. Ihre Ausführungen zum Urheberrecht sind ebenso sinnleer und falsch wie der Rest: das Recht hindert keinen Zwerg sich auf den Schultern eines anderen zu recken, es kennt genau dafür das Zitat oder die Bearbeitung. Meinen Sie wirklich, Sie könnten jemandem weismachen, dass die Verwendung eines Begriffs, den Marquardt geprägt hat ein urheberrechtliches Problem darstellt? Das hat die Rechtsprechung bis ins letzte Detail ausgearbeitet, bewundernswert, denn das Urheberrecht hat enormen Tiefgang, den Sie aus Ihrer Warte leider nicht sehen. Auch Ihr Mythos von den armen Kindern, die für selbstgebastelte Homepages verfolgt werden erinnert mich an die Geschichten, die im Krieg in Frankreich erzählt wurden, dass Deutsche kleine Kinder fressen. Unklar ist dabei immer, ob der Erzähler seine Zuhörer für Idioten hält oder er selbst ein Idiot ist. Es war ein schönes Bild, die Polizei-Razzia auf den Schulhöfen. Und auch Ihr Bild von den weinenden Kindern, die von gierigen finsteren Verwerterkonzernlobbyanwälten verfolgt werden ist hübsch ausgemahlt. Ihre Sprache zeigt, wie sehr Sie in Ideologie verhaftet sind. Da ist ein Verlag immer gleich ein Konzern, das klingt so brutal, und zeigt doch nur, dass Sie selbst von Verlagen herzlich wenig wissen. |
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Auch Ihre Kritik am 2. Korb ist peinlich. In Ihren Augen stand da einem Heer brutaler finsterer Verwerterlobbiisten eine aufrechte Schar von zwölf edlen holden Jünglingen gegenüber. Träumen Sie ruhig weiter. Konkret würde mich aber interessieren, welche enormen finanziellen Verschlechterungen für die Wissenschaft der 2. Korb denn gebracht hat. Aber bitte bringen Sie nicht die Fernkopie als Beispiel.
Auch das Problem eines nationalen Urheberrechts ist kaum haltbar. Es gibt wenig Rechtsgebiete die international so stark harmonisiert sind wie das Urheberrecht. Revidiertes Berner Abkommen oder Welturheberechtsabkommen sorgen schon seit Jahrzehnten für einen reibungslosen Austausch in der Praxis. Und für Deutschland ist es ein wahrer Segen, dass das Urheberrecht heute weitestgehend in Brüssel gemacht wird und die meisten irrwitzigen Ideen aus Deutschland durch Brüsseler Regelungen keine Chance auf Umsetzung haben. Hier muss Europa nicht am Deutschen Wesen genesen. Ja und dann kommt das große Finale aus der Anderwelt, da wo die Guten sind, die Kunst für die anderen Guten machen und die nie nicht Geld dafür wollen und die sich an der Freude der anderen freuen können. Ja, so muss die Welt sein, im Reigentanz der Elfen. Und wenn der verklärte Reigen durch ein schnödes Magenknurren gestört wird, dann wird schon Vater Staat mit einer Kulturflatrate Brot für uns alle schaffen. Ah, für mich nicht, ich sitze ja als Verwerterkonzernlobbiistenfinsterling in der Hölle. |
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Ich bin kein Existentialist und auch kein Misanthrop, trotzdem fand ich Sartres Bild, was denn die Hölle sei, schon als Jugendlicher reizvoll: "L'enfer, c'est les autres" - die Hölle das sind die anderen. Wir sind, wo wir sind und müssen einander nicht noch woanders hinwünschen.
Natürlich überzeichnet, polarisiert und vereinfacht mein Beitrag. Er ist keine Wortmeldung in einer Sachdiskussion, sondern eine - ich würde sagen: Glosse. Eine Prise Polemik, ein Teelöffelchen Satire, einen Schwapps Theatralik und Salz nach Belieben. Ihre Kritik ist also aus rein sachlicher Sicht nicht unberechtigt, geht aber - dazu im folgenden - in einzelnen Punkten an meinen Worten vorbei oder interpretiert sie - angemessen ironisch - um. Mir geht es vor allem um das Verhältnis zum Geld. Das Verhältnis, das Konsumenten zum konsumierten Gegenstand haben und das Verhältnis, daß Produzenten - Urheber und Vermarkter - zum Produkt haben. Und welche Rolle dabei die materielle Wertschätzung, d. h. der Preis spielt. Viele Menschen kaufen, nicht nur von der Werbung dazu verführt, lauter nutzlose Dinge oder Produkte en gros (12x12), weil sie billig sind, fast nichts kosten. Kaufe viel und spare viel, ist die Devise. Und im Internet saugen sich manche Menschen massenhaft Dateien auf ihre Festplatte, die sie nie brauchen werden, deren Nutzen für sie nur im "Haben" besteht. Sie sind ja kostenlos, da muß man zugreifen! Susanne Gaschke und vor ihr in ähnlicher Tonart Marek Lieberberg sehen in der "kostenlos"-Mentalität des Internets einen drohenden Qualitätsverlust, G. spricht von "unlektoriertem Mitteilungsbedürfnis", L. klagt: „Jeder Narr kann einen Blog oder ein Video ins Netz stellen“. Sie sehen durch die kostenlose Verbreitung im Netz aber auch die Existenz der Kunstschaffenden in Gefahr, ja die Existenz der Kultur an sich. Natürlich haben beide insofern recht, als daß Edelsteine im Geröll des Internets ziemlich selten sind, wenn ich mir die Novitätenlisten im Buchhandel nehme (wieviele Neuerscheinungen pro Jahr?) und dann nach Perlen tauchen will, wird meine allerdings Ausbeute auch nicht größer sein. Lieberberg hat nicht gesagt: „Was nichts kostet ist nichts wert“, aber es dringt durch alle Wortzwischenräume, daß er das meint. Und die Schlußfolgerungen habe ich dann - ironisch, satirisch - selbst gezogen. Wenn Menschen nicht mehr für künstlerisches Schaffen bezahlt werden, werden sie dann keine Kunst mehr schaffen? Natürlich wollen und müssen Autoren und Künstler ihr Leben finanzieren. Aber ist das der erste und vornehmlichste Anreiz für sie? Wird man Künstler, weil man nicht Versicherungsmathematiker, Buchhalter oder Verkäuferin bei Karstadt wird. Ein "Beruf" wie jeder andere? Welches Verhältnis haben wir zum Geld - wir, die Konsumenten und wir, die Kreativen? (...) |
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Es geht mir also mitnichten um eine "Welt ohne Geld" oder eine "Welt ohne Kommerz", sondern darum, welches Verhältnis wir zum Geld haben. Dieses Thema ist alt genung, um nicht weiter ausgeführt werden zu müssen. Mein Eindruck jedoch ist: wenn das Geld im Vordergrund steht, läuft etwas schief. Wenn nach staatlichen Protektionismus gerufen wird, um die Welt wieder "in Ordnung" zu bringen, dann widerspricht das auch unserem System, der freien Marktwirtschaft. Der Markt, das sind die Konsumenten, die Kunden. Ihnen - wie bei der Präsentation des E-Book - mit Drohungen zu begegnen, Produkte und Dienstleistungen gegen das Verhalten der Kunden zu immunisieren, ist doch ein Zeichen dafür, daß eine ganze Branche dabei ist, an dem, was die Kunden wollen, vorbeizuhandeln. Anstelle die neuen Verhältnisse kreativ zu nutzen und neue Vorteile lukrieren, wird an alten Ordnungen festgehalten, die nun einmal im Internett passé sind.
Der Ruf der Musikbranche und auch der Verlage ist in vielen Bereichen lädiert. Wie die Medienbranche vorgegangen ist, ist kein Mythos, sondern historisches Faktum, wenn man z. B. ins Jahr 200o zurückgeht: www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,109092,00.html oder www.korso.at/archive/korso/wirtschaft/potter.htm. Abmahnungen gegen private Fan-Seiten (!) sind nach wie vor ein Instrument der Kontollsicherung von Vermarktern (vgl. RTL vs. eine DSDS-Fanseite), man kann immer wieder Beispiele in den Nachrichten lesen. Hier zeigt sich die Pervertierung des Kunstmarktes besonders deutlich, auch wenn es nur Einzelfälle sind. Anstelle wohlabgewogener Überlegungen im Vorfeld werden die Keulen geschwungen. Kein Wunder, daß verärgerte Kosumenten, die sich kriminalisiert und genötigt sehen, dann ebenfalls aufrüsten. Andere Konsumenten werden in die Illegalität abgetrieben, weil sie - wie ein Kommentator mit voller Namensnennung im Börsenblatt.net sagte - die Preisgestaltung für E-Books nicht nachvollziehen können und das legale Angebot für einen schlechten Witz halten. Paul Coelho hat diese Spirale durchbrochen, indem er bewußt Raubkopien seiner Bucher als kostenlose Leseproben einsetzt. In seiner Rede auf der Buchmesse hat er von seinen Erfahrungen berichtet - und die neuesten Untersuchungen zu den Nutzverhalten bestätigen ihn: wer Kostenloses über Torrent-Tracker tauscht, kauft oftmals in der "Welt der Dinge" das, was er vorher illegal auf seine Festplatte geladen hat. Die Umsatzzahlen von Coelhos Werken sind bislang aufgrund dieser Politik nicht gesunken, sondern gestiegen. Paradox, nicht? Das funktioniert aber nur, wenn Vermarkter und Urheber nicht aus jeder Nutzung und jedem Nutzer noch den letzten Cent rauspressen will. Auch die christliche Soziallehre erkennt Gewinnstreben als positiven Wert an. Nur wenn Gewinnstreben von Gier abgelöst wird, wofür Menschen ein feines Sensorium besitzen, regt sich Widerstand. |
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Ich habe selbst als Student in der Presseabteilung eines Publikumsverlages, dann als Redakteur, Lektor in einem mittleren Fachverlag und einem sehr kleinen zuvor gearbeitet. Mein letztes Buch ist in diesem Österreichs kleinstem (und einzigem) Fachverlag für Altertumswissenschaften erschienen, ein Verlag, der open-access aufgeschlossen gegenübersteht. Ich bin kein Verlagsexperte, aber auch nicht unbeleckt, was Kalkulationen und Abläufe, Margen und Programmpolitik anlangt.
Als Wissenschaftler - Lehrer, Autor und Forscher - bin ich direkt vom "2. Korb" betroffen. Und ja: es geht auch um die Fernleihe, bzw. den Dokumentenlieferdienst ("subito"). Mit einem Schlag wurde der Dokumentenlieferdienst per E-Mail im Jahr 2008 eingestellt und Aufsätze und Artikel in Sammelbänden nur noch per Post oder Fax versandt. Nicht 1988, 1998, sondern 2008. Für Disziplinen, in denen die meisten Fachaufsätze in gedruckten Zeitschriften erscheinen, ist das eine Katastrophe. Man recherchiert elektronisch, bestellt elektronisch, bekommt Papier - und muß das dann einscannen. Und die Beschränkungen, die der jetzige, endlich wiede eingerichtete E-Mail-Versand uns auferlegen, gehen an der Praxis wissenschaftlichen Arbeitens völlig vorbei. Fast alle Wissenschaftler umgehen mit Hilfe ihrer Kollegen aus der Informatik inzwischen die DRM-Sperren oder drucken die Aufsätze aus und digitalisieren sie neu. Es ist ein Zirkus. Nur keiner lacht.- Dann die digitalen Handapparate, die wir in sog. "stud.IP"s einstellen: Natürlich scanne ich Aufsätze und Kapitel von Büchern ein, die nicht an meiner Universität vorhanden sind und stelle sie ins Intranet. Was ist da erlaubt, was ist schon illegal? Das Stichwort lautet dazu: "Wissenschaftsschranke". Lesen Sie sich mal auf www.urheberrechtsbuendnis.de/ nach. In diesem Zusammenhang: nein, in vielen Punkten ist das Urheberrecht nicht international harmonisiert; es stimmt zwar, daß im Großen und Ganzen es reibungslos "läuft". Was das europaweite "Urheberrecht in der wissensbestimmten Gesellschaft" anlangt, gibt es jedoch nach wie vor Klärungsbedarf: vor kurzem ist dazu ein Grünbuch erschienen. Die digitale Wissensgesellschaft ruht auf den Grundsätzen des barrierefreien Zugangs zu Wissen. Nicht die künstliche Verknappung von Wissen, sondern die Ausweitung, die kostenlose und umfassende Erschließung und Veröffentlichung von Wissen ist ihr Credo. Wissen ist Macht und in einer demokratischen Wissensgesellschaft muß Wissen allen Menschen offenstehen. Geistiges Eigentum ist - wie die Urheberschaft - wesensmäßig nicht abschaffbar, stehlbar oder enteignungsfähig. |
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Geistiges Eigentum verpflichtet. Es ist nicht nur Besitz, der Zinsen und Tantiemen bringt, sondern impliziert auch eine gesellschaftliche Verantwortung, die dem Werk als Kulturgut entspringt. Es geht mir nicht um ein "entweder - oder": entweder Gewinnstreben oder kostenloses Gemeingut, für ideologisierte Sozialromantik bin ich im falschen Jahrzehnt geboren. Ich wehre mich gegen die Geringschätzung, die der Kunst, die Wissen entgegengebracht wird, wenn sie nur als Gegenstand von Vermarktung und Quelle materieller Befriedigung gesehen wird.
Im Buch Daniel (c. 3) sind es drei Jünglinge, Sadrach, Mesach und Abed-Nego, die sich weigern, das Goldene Bild, das Nebukadnezar hat aufstellen lassen, anzubeten. Wenn Sie uns Wissenschaftler, uns Leser und Konsumenten als jene Jünglinge sehen, dann sind die "finsteren Verwerterlobbyisten" die Babylonier, angeführt von ihrem König Nebukadnezar. Was seinen Sohn Belsazar zu Fall bringt, ist, wie bei Nebukadnezar - so würde der Grieche sagen: seine Hybris. Ich bin nicht Daniel, der den Verlagslobbyisten ihr "Mene, Mene, Tekel, U-pharsin" an der Wand deutet (Dan 5, 25), ich bin nur ein Narr, der einen Blog ins Netz stellt. |
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Es geht ja wohl nicht um die Abschaffung des Geldes.
Es geht nicht einmal darum , ob der Schöpfer eines (künstlerischen oder wissenschaftlichen) Werkes Geld verdienen soll oder nicht, oder ob jemand, der dieses Werk haben will oder muss, dafür bezahlen soll. Es geht doch wohl eher um die Frage, inwieweit geistiges Eigentum privatisiert werden darf. Wie kann denn jemand, der ein wie auch immer geartetes Werk schafft, wissen, wieviel davon sein ureigenstes geistiges Eigentum ist. Wieviel davon basiert auf der Kultur, in der der Schöpfer eines Werkes lebt, wieviel davon basiert auf Gedanken, die andere zuvor gedacht haben, und die der Allgemeinheit zugänglich waren. Wieviele Werke der Kunst wären etwa entstanden, wenn die Verwendung geistigen Eigentums auf die Urheber und in deren Nachfolge auf die Inhaber der Urheberrechte beschränkt wäre? Hätte Bertolt Brecht sich es etwa nicht leisten können, die "Dreigroschenoper" zu schreiben, weil andere die Rechte an John Gays 'Beggar's Opera' innegehabt hätten, wäre die Kultur ein ganzes Stück ärmer... Oder wo wären wir beispielsweise, wenn der Erfinder des Rades damals seine Erfindung hätte patentieren können, und seine Nachfahren im weitesten Sinne (d.h. diejenigen, die die 'Urheber'rechte später erworben hätten) könnten heute noch an jedem Rad, das rollt, verdienen bzw. den Gebrauch von Rädern untersagen, wenn nicht Lizenzen an sie gezahlt würden. Gedanken und Ideen verpflichten eben auch dazu, dass sie weitergegeben werden, damit wir uns (sowohl individuell als auch gesellschaftlich als auch als Spezies) weiterentwickeln können. |
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Alle bisherige Diskussion moralisiert – leider.
Die Frage nach der Gestaltung eines „gerechten“ Urheberrechtes ist eine Machtfrage – wie jede Rechtsfrage - und eine ökonomische Frage. Eine Machtfrage derart, dass sie in einem System entschieden werden soll, dass sich u. a. auch dadurch auszeichnet, dass Spekulanten Milliarden hinterher geworfen werden, aber Kassiererinnen wegen 1,30 € gekündigt wird. Solange das System der Meistbegünstigung der ohnehin Reichen nicht überwunden wird, kann nur gehofft werden, dass sich genug Masse sammelt, ein anderes Urheberrecht durchzusetzen. Davon verschieden ist die rein ökonomische Frage. Hier wäre zu klären, was ist der Wert einer geistigen Leistung, was wäre ihr Gebrauchswert und was wäre ihr Preis. Doch das dürfte eine rein theoretische Frage sein, die höchstens die Lösung der ersten Frage vorbereiten hilft - indem sich möglichst viele einigen können. |
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Nur Eins habe ich zu kritisieren: Geistiges Eigentum gibt es nicht.
Das ist der Kampfbegriff der Verwertungsindustrie, die so überholt und schädlich wie die Auto- oder die Kohlekraftwerkindustrie ist. Es ist schon ein merkwürdiges Eigentum, das an Wert gewinnt, wenn ich es weitergebe ohne es zu verlieren. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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