Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

30.03.2009 | 22:36

Closed Access – Die Freiheit der Enteigneten

(Zu „Das wollt ihr nicht wirklich“ von Marek Lieberberg; SZ vom 28./29.03.09 [1])

„Jeder Narr kann einen Blog oder ein Video ins Netz stellen“ klagt Marek Lieberberg in der „Süddeutschen“, da durch das und im Internet die „Unterschiede zwischen ausgebildeten Experten und einfältigen Laien verwischen“. Natürlich: „Kunst kommt von Können“ und als ihre Zutaten gelten nach wie vor jene 10% Inspiration und 90% Transpiration. Wie anders wir Heerscharen von närrischen Amateuren, die wir unsere Allerweltsmeinungen und Allerweltsvorstellungen in mediokren Texten und Bildern und Liedern wie Hekatomben von unterernährtem, dürrem Opfervieh zu den Altären der Musen schleifen, nach Delphi pilgern und unsere von Hand gefertigten und mit billigen holländischen Gewächshaus-Rosen geschmückten tönernen Weihgeschenke bringen, weil wir hoffen, daß uns Apoll wenigstens einmal freundlich zulächelt!

Da sei die Priesterschaft des Gottes davor! Wie einst der Lichtstrahlende die pythische Schlange bekämpfte und bezwang, steht sie abwehrbereit und gerüstet mit erhobenen Händen am Eingang des Heiligen Bezirks und verweigert uns Unreinen und Frevlern den Zugang. Rosen? Was will Apoll mit Rosen? Gold! Silber! Elphenbein! Zederholz! Bronze! Schaut Euch doch die Schatzhäuser und prächtigen Weihebauten an, die die Großen Straße säumen! Glaubt ihr, die Athener hätten auch nur im Traum daran gedacht, nicht wenigstens mit irgendetwas apart Chrysoelephantinem aufzukreuzen? Billiger kommt ihr uns nicht herein! (Dort drüben stehen die Kartenschalter; Kinder und Behinderte die Hälfte.)

Marek Lieberbergs Kunstkosmos ist bestimmt einem einzigen Naturgesetz: „Was nichts kostet ist nichts wert“. Die 1. Ableitung von Lieberbergs Gesetz lautet damit: „Kunst ist, wenn jemand daran verdient“, und die Forderung aus der 1. Ableitung ist: „Wenn etwas Kunst ist, muß auch jemand daran verdienen“. Und das, bitteschön, sollen die Verleger und Impresarii sein. Und so treiben sie uns, die von ihnen betreuten Urheber, deren Rechte sie unter Lebensgefahr verteidigen, in der Debatte um die Digitalisierung wie Schutzschilde vor sich her. Keine Finte zu lahm, keine Argumentation zu platt, kein Pinselstrich zu dick und keine Lüge zu schamlos, um nicht dafür herzuhalten, alte Pfründe, die so schön viel Geld abwarfen, zu bewahren.

Neuerdings werden im sogenannten „Heidelberger Appell“ [2], Marek Lieberberg erwähnt ihn lobend, auch wir wissenschaftliche Urheber dazu gedrängt, unsere eigene Enteignung, unsere eigene Nötigung zu beklagen und die Gefahren für nichts weniger als die Freiheit von Forschung und Lehre an die Wand zu malen.

Nicht von der Tatsache ist die Rede, daß 1) sich Wissenschaftsverlage für die Publikation von Monographien, Sammelwerken und Zeitschriften von öffentlicher und privater Hand bezahlen lassen, daß 2) Wissenschaftler ihre Arbeitskraft durch Gutachtertätigkeiten, das Verfassen von Beiträgen, redaktionelle Tätigkeiten, Korrektur- und Satzarbeiten kostenlos den Verlagen zur Verfügung stellen und 3) sie in ihren Urheberrechten zumeist durch die ebenso kostenlose verpflichtende Abgabe der exklusiven Nutzungsrechte an den Verlag eingeschränkt werden. Nein: „Open Access“ ist für die Unterzeichner des Heidelberger Appells die Schaufel für das Grab der freien Wissenschaften.

Denn „Open Access“ ist ein Selbsthilfeprogramm von Wissenschaftlern für Wissenschaftler, das die traditionellen Verlage und ihre „Wir-verdienen-an-Autoren-und-Lesern-Strategie“ umgeht und wissenschaftliche Erkenntnisse unter Kolleginnen und Kollegen kostenfrei verbreitet. Die Züricher ETH hat für die Angehörigen ihres Hauses einen solchen Server eingerichtet und sie dazu verpflichtet, ihre wissenschaftlichen Publikationen dort öffentlich zugänglich – open access – zu deponieren. Wohlgemerkt: betroffen sind die – bezahlten – Angestellten der Universität, die in ihrer – von der ETH bezahlten – Arbeitszeit diese Arbeiten anfertigen. Das ist ein Problem für die Unterzeichner des Heidelberger Appells. „Dies dient nicht der Verbesserung der wissenschaftlichen Information“ sagen sie.
Aber es ist natürlich kein Problem, daß die – bezahlten – Angestellten einer Universität, in ihrer – von der Universität bezahlten – Arbeitszeit Korrektur-, Lektorats- und Satzarbeiten kostenlos für den Verlag erledigen, in dem ein wissenschaftlicher Sammelband erscheint, den die Universität oder ein Dritter, solange es nicht der Verlag ist, bezahlt und zu dem wissenschaftliche Mitarbeiter kostenlos Beiträge verfassen.

Open Access ist aus der Not der automatischen und vertragsgemäßen Enteignung unserer Urheberrechte als wissenschaftliche Autoren durch Verlage entstanden, aus der Not, daß wissenschaftliche Periodika und Publikationen in Druckfassung trotz massiver finanzieller und tätiger Beteiligung der Autoren und Institutionen immer teurer und für den einzelnen Leser – Wissenschaftler und Studenten – unerschwinglicher werden und daß jede technische Neuerung durch ein Drehen an der Kostenschraube verhindert wird. Und aus der Erkenntnis, daß digitale Informationen schneller verfügbar, leichter zugänglich, umfassender recherchierbar sind. Open Access „dient nicht der Verbesserung der wissenschaftlichen Information“?

Was Kollege Roland Reuß von der Germanistik in Heidelberg betreibt, dient selbst allenfalls der „Verbesserung der pseudo-wissenschaftlichen Desinformation“ – und das wahrscheinlich in der von der Exzellenzuniversität bezahlten Arbeitszeit. Na, bravo.

„Die Dämlichen erkennt man sofort (ganz zu schweigen von den Idioten)“, sagt Iacopo Belbo in Umberto Ecos ‚Das Foucaultsche Pendel’, „aber der Dumme argumentiert fast wie man selbst, es fehlt nur ein winziges Stückchen.“ Kann jeder Narr einen Blog oder ein Video ins Internet stellen – so haben Marek Lieberberg und Roland Reuß den Beweis angetreten, daß jeder Dumme einen Artikel oder einen Appell in einer deutschen Tageszeitung veröffentlichen kann. Das wollen wir nicht wirklich.

[1] http://www.sueddeutsche.de/kultur/595/463206/text/
[2] http://www.textkritik.de/urheberrecht/index.htm

 
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Kommentare
Magda schrieb am 30.03.2009 um 23:01
Klasse,
jetzt habe ich erstens die Debatte darum besser verstanden und mich außerdem amüsiert.
Elitäre Zausel sind das schon, die Verteidiger einer Welt ,die unbedingt alles draußen halten wollen,was ihre eigene Mediokrität deutlicher hervortreten lässt.

Joachim Losehand
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