Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

20.03.2009 | 16:42

Das Gruscheln der Gottlosen

- Bemerkungen zur „atheistischen Buskampagne“ -

Atheismus kommt ohne Gott nicht aus: Denn eine Kultur ohne jede Vorstellung von „Gott“ und ohne einen eigenen Begriff dafür wird sich nur dann selbst als „a-theistisch“ bezeichnen können, wenn sie um die Existenz theistischer Konzepte weiß. „A-Theismus“ steht somit in theoretischem, „A-Theisten“ selbst oftmals auch in emotionalen Bezug zum Theismus in seinen vielfältigen Gestalten. Ohne „Theismus“ kein „A-Theismus“, insbesondere dort nicht, wo atheistische Konzepte verstanden werden als explizit kritische Gegen-Entwürfe zu theistischen Vorstellungen und sie so anti-theistische Züge tragen, wie in der Monographie „The God Delusion“ des Briten Richard Dawkins. „

„Gott“ los zu sein, frei zu sein von bedrückenden, beängstigenden und befremdlichen Gottesvorstellungen ist einer der Gründe, Atheist zu werden. Schon aus der griechischen Antike, in der in weit höherem Maße als im Christentum die Menschen in Furcht vor den Göttern lebten, wissen wir, daß Menschen diesen grausamen, unbeherrschten und unberechenbaren allgewaltigen und allgegenwärtigen Göttern zu entkommen suchten, indem sie deren Existenz entweder verneinten oder, wie wohl Epikur, sie als uninteressiert an den menschlichen Belangen, als glückselig und unbeweglich in einer unerreichbaren Sphäre über den Menschen dachten. Nicht von ungefähr ist Epikur derjenige, von dem wir die erste Formulierung des Theodizee-Problems kennen, das auf die Furcht der Menschen eine Antwort finden und in der epikureischen Weltanschauung auch geben wollte.

Ein anderer – ebenfalls schon in der Antike beschrittene – Weg ist der über die Beobachtung und Beschreibung der Natur. Die Wissenschaft von der Natur wurde im Athen des Sokrates als Kritik an der einigenden Stadtreligion verstanden, Lehren, die aus der Beobachtung von Sternen bzw. Planeten gezogen wurden, verboten: wo Religion das Wissensmonopol „besitzt“, die Welt als „voll von Göttern“ verstanden wird, haben alternative (Götter-lose) Erklärungsmodelle keinen Platz. In der Gegenwart haben Götter in naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen keinen Platz.

Die Naturwissenschaften, wie auch alle sozial-, geistes- und historischen Wissenschaften kommen ohne die Annahme von Göttern in der Beschreibung und Erklärung ihrer Gegenstände aus. Götter oder numinose Wesenheiten sind nicht „Platzhalter“, nicht „Unbekannte“, die noch vorhandene Wissenslücken schließen könnten oder müssen.

Der Skandal, eine Welt ohne Götter zu begreifen, war im Altertum ungleich größer als heutzutage. Denn antike Götter wurden als Teil der eigenen Umwelt verstanden, Menschen und Götter existierten miteinander in ein und derselben Welt. Sie konnten sich in unterschiedlichen Gestalten den Menschen zeigen, waren nicht nur „Geistwesen“, die hie und da in einen menschlichen Körper schlüpften, sondern man war bis ins Alltägliche auf „Du und Du“ miteinander im Umgang.

Der „Eine Gott“, der Gott Abrahams, Jesu von Nazareth oder Mohammeds ist ein anderer, ein „ganz anderer“ Gott. Dieser Gott ist kein selbstverständlich Handelnder in unserer Welt, kein „immanenter Agent“, sondern transzendent. Ein gläubiger Jude, Christ oder Muslime „findet“ ihn nicht in den Tiefen des Meeres, auf den höchsten Höhen der Berge oder in den einsamen Weiten der Tundren und Wüsten. Genaugenommen kann er seinen Gott in der empirischen Wirklichkeit unseres Kosmos überhaupt nicht finden.

Für die Griechen waren die Götter genauso geschaffene Wesen wie die Menschen, sie lebten in einer „anfangslosen“ Welt ohne Schöpfer. Für einen die Natur betrachtenden Epikureer fand sich darin keine Spur, die zu den Göttern führte, die Existenz der Götter ließ sich nicht aus der Natur heraus ableiten oder deren Willen darin erfahren. Anders in den monotheistischen Religionen, deren selbst ungeschaffener Gott der Schöpfer allen Seins ist. Sein Wirken läßt sich, so sagen die Gläubigen, „in der Welt erfahren“, wie ein Tongefäß Rückschlüsse auf den Töpfer zulasse, so auch die Schöpfung auf ihren Schöpfer. Unsere Welt – „Made in God“.

An diesen beiden großen Themenkomplexen entzündet sich, vereinfacht dargestellt, in der Gegenwart der Diskurs zwischen Atheisten und Theisten. Doch die Mehrheit der Menschen nach wie vor in einer „verzauberten“ Welt, der mit den bewährten Mitteln wie der Astrologie, der Orakelkunst und der Magie beizukommen und die zu verstehen man interessiert ist. Religion ist entgegen aller wissenschaftlicher Prognosen der 1970er Jahre kein „Auslaufmodell“, sondern von nach wie vor steigender Attraktivität. Während man der organisierten Religion entweder wie zu allen Zeiten innerlich indifferent oder kritisch gegenübersteht, sich durch einen Austritt ganz von ihr abwendet, blühen viele andere, neue und altbekannte Formen von religiöser Empfindsamkeit und Praxis. Religion individualisiert sich und organisiert sich doch neu – vielfach aber nur auf Zeit.

In der hochtechnisierten Welt der Moderne, die von den meisten Menschen als fremd oder gar feindlich angesehen wird, formiert sich Religion nicht nur neu, sie radikalisiert sich auch neu. Fundamentalistische Gruppierungen in allen Weltreligionen machen von sich reden, bieten auch ein neu-altes Bild des Religiösen: wer es mit Religion „ernst meint“ und mit Religion „ernst macht“, ist immer ein Radikaler. Und über kurz oder lang bricht die Gewalttätigkeit der menschlichen Natur in die Sphäre des Religiösen ein und macht aus radikalen Asketen gewalttätige Asketen.

Wer mit dem Atheismus „ernst macht“, ist – natürlich – auch ein radikaler Atheist, ein „starker Atheist“ im Gegensatz zu den „schwachen Atheisten“, welche sich von Agnostikern und religionsfernen Indifferenten kaum unterscheiden lassen. Daß auch der Atheismus sich zu einer Bewegung formiert, scheint mir historisch ein Novum zu sein.

Denn bislang war es Vorteil und Nachteil des Atheismus, eine Minderheit zu sein, deren „Mitglieder“ einen schon fast elitären Individualismus hochhielten. Während „die Religiösen“ in Gemeinschaftserlebnissen fast ersäuft wurden, war es eine einsame Angelegenheit, Atheist zu sein. Doch nicht die Gemeinsamkeit, „atheistisch“ zu sein, verband Denker, wie die des Existentialismus oder auch Naturwissenschaftler, sondern eine Philosophie oder eine Betrachtungsweise, in der „Gott“ nicht vorkam, man oft auf „Gott“ nicht einmal verzichten mußte. Atheismus als Destillat aus und als Roh-Stoff in verschiedenen Weltanschauungen kam für sich alleine nicht vor. Atheismus alleine bietet zunächst nichts an – außer den Verzicht auf „Gott“.

Während es („schwacher“) Vegetarismus und Veganismus („starker Vegetarismus“) mit dem Appell „Ohne Fleisch!“ in einer Welt von Fleischfressern es geschafft haben, zu einer alle Schichten umfassenden Bewegung zu werden, ist der Ruf „Ohne Gott!“ selbst in unserer säkularisierten Gesellschaft bislang nur von Einzelnen zu hören gewesen.

Das soll sich nun ändern – in der Welt und auch in Deutschland. „The Atheist Bus Campaign“ will mit einem Ableger hierzulande die mediale Präsenz „der Atheisten“ in der Öffentlichkeit forcieren und deutlich machen, „daß eine nicht-religiöse, aufgeklärte Weltsicht eine positive Möglichkeit darstellt.“ Denn ein „Leben ohne einen Gott kann eine Bereicherung sein: angstfrei, selbstbestimmt, bewußt, tolerant und frei von Diskriminierungen.“[1]

Wie die Vorbilder im Ausland will die Aktion öffentliche Verkehrsmittel zu Trägern ihrer Botschaft „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ (engl. „There’s Probably No God“) machen – und ist bislang vor allem durch die Verweigerung einzelner deutscher Betriebsgesellschaften in die Schlagzeilen gekommen.

Schon im 2. Jahrhundert hatte im kleinasiatischen Oinoanda der Grieche Diogenes seine – epikureische – Weltanschauung in einer Steininschrift am alten Marktplatz der Stadt veröffentlicht. Pikanterweise an der Hausmauer einer konkurrierenden Philosophenschule. Die grundsätzliche Idee ist also nicht wirklich neu und wir wissen auch, daß es im Widerstreit der philosophisch-ideologischen Systeme auch in der polytheistischen Antike zu handfesten Konflikten kommen konnte.

Bot Diogenes von Oinoanda seinen Mitbürgern eine alternative Lebensphilosophie, machte er Vorteile und Nutzen der epikureischen Weltanschauung ausführlich publik, beschränkt sich die „Buskampagne“ auf Schlagworte: „ein erfülltes Leben braucht keinen Gott“, „Werte sind menschlich – auf uns kommt es an“ und „Aufklärung heißt, Verantwortung zu übernehmen“.

Es wäre billig, nachzufragen, welche der als atheistisch ausgewiesenen Weltanschauungen wie Kommunismus oder Nationalsozialismus ein Leben ermöglichten, das „angstfrei, selbstbestimmt, bewußt, tolerant und frei von Diskriminierungen“ war. Die Unbestimmtheit und Allgemeinheit in den Aussagen der „Buskampagne“ macht aber deutlich, daß Atheismus – wie auch Theismus – für sich alleine kein Sinnkonstrukt, keine eigenständige Weltanschauung ist.

Auch wenn die „Buskampagne“ – wie der moderne „Atheismus“ – vor allem Antagonist des monotheistischen Gottesbildes in seinen organisierten Phänomenen sein will und dieses kritisch anspricht, wird damit nur ein kleiner Ausschnitt theistischer Weltanschauungen überhaupt „getroffen“.

Jedoch zielt die Kernaussage am Kern z. B. des christlichen Glaubens vorbei: Es spielt für das Christentum bzw. den einzelnen Christen keine Rolle, ob es „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ (s)einen Gott oder ob es „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ keinen Gott gibt. Das Gedankenexperiment der Pascalschen „Wette“ zeigt, daß es in Glaubensfragen nicht um empirische fundierte Wahrscheinlichkeit oder wissenschaftliche Plausibilität geht, sondern um Hoffnung. Denn Glaube ist Hoffnung – gerade wider alle Wahrscheinlichkeit. Martin Luther macht aus dem paulinischen „hoffen gegen die Hoffnung“ (sperare contra spem; vgl. Röm 4, 18) sein „glauben gegen den Glauben“ (credere contra fidem).

Die nationale und internationale „Buskampagne“ stellt einen Wendepunkt in der Geschichte des Atheismus dar. Mit der Abkehr von intellektueller Schärfe und habitueller Radikalität will „der Atheismus“ sich erstmals als ein massentaugliches Angebot auf dem Marktplatz der Ideologien in Konkurrenz zu anderen plazieren. Man will Nicht-Religiöse, Agnostiker und starke wie schwache Atheisten ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln – und das Bewußtsein, nicht „alleine“ zu sein.

„Atheismus für alle“, besonders ansprechend für die Indifferenten oder jene, die sich noch für „gläubig“ halten, weil sie einmal wöchentlich in einer Kirche sitzen. (Albert Schweitzer bemerkte dazu, daß man ja auch nicht zu einem Auto würde, stünde man selbst täglich in einer Garage.)

Mit den erklärten Zielen der „Buskampagne“ – „mutiger werden, sich gegen religiösen Hochmut zur Wehr zu setzen und sich in die öffentlichen Debatten einzumischen“ – fordern sie auf, sich zu seinem Nicht-Glauben zu bekennen, mit den Plakataktionen werben sie für ihre Weltsicht, ja für ihre „Weltanschauung“.

Die schon mit der Gründung von Organisationen wie dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V. (IBKA) eingesetzte Entwicklung tritt jetzt in eine neue Phase ein.

Ob eines Tages zwei Menschen mit bebilderten Broschüren in der Hand an unserer Haustüre klingeln und uns fragen werden: „Entschuldigen Sie die Störung. Aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß es einen Gott mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gibt?“

[1] http://www.buskampagne.de/
 
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Kommentare
Sozialstudien schrieb am 21.03.2009 um 20:31
Die Paradoxie der Kampagne – ein atheistisches Bekenntnis – finde ich sehr schön auf den Punkt gebracht. Ob diese aber dem Anliegen der Atheisten förderlich ist? Wenn ein Satz und seine Verneinung über dasselbe sprechen (Hallo Wittgenstein), kann Gott ja gewissermaßen nur froh sein: er bleibt im Gespräch. Und sie ehrten Gott, indem sie ihn verneinten...
Joachim Losehand
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