Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

19.06.2009 | 21:35

Dichtung und Wahrheit

Als ich das Gaslicht der Welt erblickte, war ich noch verhältnismäßig jung. Meine Eltern waren zwei Stück, und mein Vater war sehr reich: Er hatte zwei Villen, einen guten und einen bösen. Und eines Tages - es war sehr kalt, und ich fror vor mich hin, denn nicht nur meine Mutter, sondern auch der Ofen war ausgegangen - teilte sich plötzlich die Wand, und eine wunderschöne Fee erschien! Sie hatte ein faltenreiches Gewand und ein ebensolches Gesicht. Sie schritt auf meine Lagerstatt zu und sprach also: „Na, mein Junge, was willst Du denn einmal werden?“ Ich antwortete - im Hinblick auf meine ziemlich feuchten Windeln: „Ach, gute Tante, vor allem möchte ich gerne ’dichter’ werden!“ Das hat die Fee mißverstanden ... (Heinz Erhardt: Wieso ich Dichter wurde [1])

Nicht nur, wer am lautesten schreit, hat recht. Auch wer sich beharrlich wiederholt, hat die Wahrheit auf seiner Seite. „Steter Tropfen höhlt den Stein“ (Horaz, epist 4,10,5) wird sich Uwe Jochum gedacht haben, als er sich daran machte, aus seinem eigenen Beitrag vom 22.3.9 („Was ‚Open Access’ kostet“ [2]) und dem zuvor am 11.2.9 erschienenen Artikel seines Kollegen Roland Reuß [3] jene „Bitte an den Steuerzahler, genau hinzuschauen“ zu kompilieren, die er jüngst in der FAZ am 17.6.9 unter dem originellen Titel „Was Open Access kostet“ veröffentlichen durfte [4].

Dieser neuerliche Aufguß, der nicht im Netz frei zugänglich ist, sondern nur für 2 € aus dem FAZ-Archiv bezogen werden kann, bietet seiner Natur nach nichts Neues. Die Schutzgebühr kann man sich also sparen, wenn man die beiden Vorlagen kennt. Da Beiträge aus dem FAZ-Archiv für den Autor und sein Medium glücklicherweise nicht kommentiert werden können, es also keine lästige unmittelbarte Diskussion als „Wurmfortsatz“ direkt unter diesem Artikel geben wird, zu Uwe „Jochums dämlichen Rechenkünsten“ [5] also an dieser Stelle.

Uwe Jochum – das sei vorab bemerkt – beherrscht die Grundrechenarten. Was er aber nicht beherrscht oder in der Öffentlichkeit beherrschen will, ist die Reflexion des herangezogenen Zahlenmaterials und seiner damit unternommenen Rechenoperationen. Uwe Jochum sagt uns nicht, „was Open Access kostet“, sondern was Open Access kosten könnte, würde man so denken wie er. Was der Autor uns präsentiert, ist nicht das Ergebnis eines Rechenfehlers, sondern ein textgewordener Denkfehler, wie er eines wahrhaft Dummen [6], würdig wäre, der „reflexionselitär“ [7] aus der Masse der Dämlichen herausragt. (Ich nehme prinzipiell an, Uwe Jochum weiß es besser, was die Sache natürlich nicht besser macht, denn: lieber redlich und dumm, als g’scheit und unredlich.)

Die formulierte Kernthese im Faz-Artikel vom 17.6.9 ist: Open Access macht „die Einstellung aller wissenschaftlichen Texte auf Internet-Plattformen, das wissenschaftliche Publizieren nicht billiger“. Sondern teurer. Im folgenden beschränkt sich Uwe Jochum jedoch allein auf OA-Journale der MINT-Disziplinen, andere Fächer oder OA-Repositorien für Monographien, Sammelbände, etc. berührt er mit keine Wort. Anstelle aber genau diesen Umstand deutlich herauszustreichen, spricht er stets allgemein von „Open Access“, wenn er eigentlich nur OA-Zeitschriften meint. Zudem rechnet er - wie wir sehen werden - die Gebühren der MINT-Journale als „Kostenwahrheit“ für alle Disziplinen und alle Arten von Open Access hoch. Da ist ein Fachmann am Werk.

Das zeigt schon seine eigene Beschreibung dessen, „wie Open Access funktioniert. Die Grundidee besteht darin, daß die Autoren der Plattform eine Bearbeitungsgebühr bezahlen, mit der sie ihre Kosten decken und sicherstellen wollen, dass der veröffentlichte Beitrag auf alle Zeit weltweit allen Interessierten elektronisch zur Verfügung steht.“ Diese Plattformen, die ein author-paid-System anbieten, sind zur Gänze MINT-Journale und zum überwiegenden Teil kommerzielle, d.h. gewinnorientiert arbeitende Angebote.

Laut aktueller Preisliste von Biomed Central [8] schlagen dort die Grundpreise der Bearbeitungs- und Publikationsgebühren (APC) mit zwischen 545 € und 1’625 € pro Artikel zu Buche, die Standardgebühr beläuft sich auf 1’055 €. Diese Gebühren reduzieren sich um 15%, hält die Organisation, der der publizierende Wissenschaftler angehört, eine Mitgliedschaft halten. Eine solche Mitgliedschaft kostet in etwa 5'700 € pro Jahr. [9]

Als bekanntestes Beispiel eines nicht-kommerzielles Angebots kann die Public Library of Science (PLoS) gelten, deren APC-Grundpreise zwischen 934 € und 2'048 € liegen. Wer sich genauer informiert, stellt fest, daß der von Uwe Jochum aus den APC-Grundpreisen von PLoS errechnete Durchschnittsbetrag von 1'806 € [10] keineswegs „in etwa dem entspricht, was eine Open-Access-Plattform benötigt, um die Grundkosten für einen Artikel decken und darüberhinaus in Hard- und Software und Personal und damit in ihre Zukunft investieren zu können“. [11] Zum einen ermöglicht eine institutionelle Mitgliedschaft bei PLoS, die einen Preis in der Größenordnung von etwa 3'600 € p.a. hat, [9] den Autoren eine (soweit ich das eruieren konnte) bis zu 50% reduzierte APC, für veröffentlichende Angehörige der Kent University beläuft sich die APC beispielsweise auf 539 € anstelle von 1'078 €. [12]

Zum anderen gewährt PLoS, allen Wissenschaftlern, die sich die APC nicht leisten können, eine Befreiung von den Gebühren. („PLoS is committed to ensuring that our fee is never a barrier to publication and so we offer a waiver to any authors who do not have access to funds to cover our publication fees.“[13])

Am Ende rechnet Uwe Jochum den aus den APC-Grundpreisen von PLoS abgeleiteten Durchschnittsbetrag von 1'806 € [10] hoch und kommt zu dem Ergebnis, daß „für sämtliche 175’000 Wissenschaftler, die die Deutsche Bildungsstatistik für das Jahr 2007 zählt, [...] der Steuerzahler für eine [Open Access -]Publikation pro deutschem Wissenschaftler einen Betrag von 316 Millionen Euro bereitstellen [muß]. Bei zwei [Open Access-]Publikationen werden 632 Millionen Euro fällig, bei drei Veröffentlichungen sind wir dann schon knapp unter einer Milliarde Euro.“

Diese Rechnung ist schon deshalb grundsätzlich falsch, weil PLoS nicht von jedem PLoS-Autor, sondern für jeden PLoS-Artikel eine Gebühr erhebt. Wenn man wahllos durch die Inhaltsverzeichnisse der PLoS-Journale blättert, fällt einem auf, daß (oder so gut wie) kein Beiträge von nur einem Autor verfaßt wurden. Die drei (3) am 9.9.8 in PLoS Medicine veröffentlichten Artikel wurden von insgesamt siebenundzwanzig (27) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfaßt.[14] Wenn für alle Artikel die volle Gebühr von 2'046 € bezahlt wurde, beträgt der Beitrag pro Autor: 227 €.

An den 61 Artikeln, die zwischen dem 24.3.9 und dem 16.6.9 in PLoS Neglected Tropical Deseases veröffentlicht wurden, waren insgesamt 449 Autoren beteiligt. [15] Einige davon haben im Berichtszeitraum (3 Monate) zwei oder gar dreimal als Co-Autoren publiziert; diese abgerechnet haben in drei Monaten in diesem Journal 414 Wissenschaftler wenigstens einen Beitrag veröffentlicht, auf 1 Beitrag kommen in PLoS Neglected Tropical Deseases also 6,78 (Co-Autoren), bzw. 7,39 (mit „Dubletten-Autoren“). Damit beträgt der Betrag pro Autor bei 1'580 € volle Gebühr pro Artikel: 215 € (bei 449 Autoren). In den vergangenen drei Monaten wurden in allen sechs PLoS-Journalen zusammen rund 500 Artikel veröffentlicht, d.h. pro Jahr erscheinen in PLoS-Journalen etwa 2'000 Beiträge (im Schnitt 340 Beiträge pro Journal). Überschlagen wir, würde das bedeuten, daß an jenen rund 2’ooo Beiträgen insgesamt ca. 13'560 Autoren geschrieben haben, für die die volle APC (durchschnittl. 1'806 €) in Höhe von insgesamt 3,612 Millionen € bezahlt wurde. Pro Kopf umgerechnet sind damit rund 266 € pro Beitrag und (Co-)Autor bezahlt worden. Darin eingerechnet sind nicht die Nachlässe für Mitglieder von bis zu 50% pro Artikel, auf die oben schon hingewiesen wurde. [12]

Jetzt wird deutlich, wie unsinnig und wirklichkeitsfremd, ja: dumm die modellhafte Rechnung von Uwe Jochum ist. Denn er als geisteswissenschaftlier Fachreferent der Universitätsbibliothek Konstanz geht unbesehen davon aus, daß jeder einzelne Beitrag in einem PLoS-Journal von einem einzelnen Autor publiziert wird, so wie es in seinen Geisteswissenschaften üblich ist. Die Prämisse: 1 Artikel = 1 Autor ist aber für die MINT-Fächer grundsätzlich falsch, wie wir mit ein wenig Recherche feststellen konnten (und auch Uwe Jochum hätte sich informieren können).

Wenn wir hypothetisch, wie Uwe Jochum es am 22.3.9 („Was ‚Open Access’ kostet“ [2]) tat, die Kosten der Publikation eines PLoS-Artikels auf eine geisteswissenschaftliche Zeitschrift – hier die „Deutsche Vierteljahresschrift“ – umrechnen, dann kommen wir zu folgenden Ergebnissen: in 10 Jahren (!) sind in der DVJS 254 Beiträge erschienen, in etwa das Aufkommen, das ein PLoS-Journal in 10 Monaten (!) zu bewältigen hat. Pro Jahr wären damit bei rund 26 Beiträgen mit im Schnitt – Preissteigerungen nicht eingerechnet – rund 47’ooo € an APC lukriert worden. Was machen wir mit dem Geld?

Für 500 MB Webspace und monatl. 25 GB Traffic bezahlt man derzeit etwa 12 € Jahresmiete, bei ca. 700 kB pro Jahrgang (700 S., pdf-Dokument) muß der Speicherplatz also erst nach über 700 Jahren aufgestockt werden, was – rechnet man die Kosten hoch – pro einzelnem Artikel (26 kB) 0,05 € an prognostizierten Bereitstellungskosten für 700 Jahre ausmacht. Gehen wir großzügig von 5 Stunden Zeitaufwand für die Bearbeitung, Einrichtung und Einbettung in den Internet-Auftritt pro Artikel  aus und veranschlagen wir 20 € pro Stunde (in Anlehnung an TV-L 13; = 100 €), erhalten wir insgesamt 100,05 € Gesamtkosten pro Artikel. Was machen wir mit den restlichen 1'705,95 €, die wir als geisteswissenschaftliches OA-Journal laut Uwe Jochum pro Artikel berechnen könnten? Shopping?

Es hat offensichtlich plausible Gründe, warum OA-Journale in den Geisteswissenschaften (humanities) keine Artikelgebühren erheben (müssen). Und warum derartige Hochrechnungen ziemlicher Nonsense sind.

Das heißt nicht, daß nicht auch dort Kosten anfallen, die aufgrund ihrer Struktur nicht trennscharf von anderen Positionen bislang getrennt worden sind, weil bswp. die redaktionellen Arbeiten das Institutssekretariat, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter oder eine kluge Hilfskraft übernimmt und den wenigen Webspace die Bibliothek zur Verfügung stellt – und das technische Gerät das Institut. (Vgl. a. dazu im Beitrag von Klaus Graf zur DVJS [2]) Diese Ressourcen stellen aber die Universitäten schon lange auch den wissenschaftlichen Verlagen zur Verfügung, für die sie die Autoren-Kontakte, die redaktionellen Arbeiten und Formatierungen bei wissenschaftlichen Sammelwerken erledigen. Welche versteckten Kosten neben den Druckkosten an den Verlag an Arbeitszeit der von der Universität bezahlten Mitarbeiter zu veranschlagen sind, sollte in der Open Access-Debatte immer mitbedacht werden.

Zudem ist der von Uwe Jochum herangezogene „goldene“ Weg des alleine (online) Open-Access-Publizierens nicht in allen Wissenschaften nötig oder möglich. Warum auch? Ernsthafte und sachlich fundierte Diskussionen zu den prospektiven Kosten der Langzeitarchivierung in OA-Repositorien sowie zu Kosten- und Geschäftsmodellen für parallele Print- und Online-Publikation („grüner Weg“ im Open Access), wie sie für die Geisteswessenschaften gefordert werden, müssen zweifellos geführt werden. Mit seinen eher dichterischen Überlegungen dazu, „Was Open Access kostet“ hat Uwe Jochum sich erneut nicht als sachkundiger Teilnehmer zu Wort gemeldet und für die Zukunft empfohlen.

 

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[1] www.heinzerhardt.com/html/dichtkunst.html
[2] www.textkritik.de/digitalia/kosten_dvjs.pdf
[3] Roland Reuß: Eine heimliche technokratische Machtergreifung, in: FAZ, 11.2.9 [http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc~E8A8C72C667984805A1F2CF2954CD7C78~ATpl~Ecommon~Scontent.html]
[4] Uwe Jochum: Was Open Access kostet, in: FAZ, 17.6.9, S. N5.
[5] Klaus Graf, archiv.twoday.net/stories/5646283, als Antwort auf [2].
[6] Vgl. www.freitag.de/community/blogs/joachim-losehand/closed-access--die-freiheit-der-enteigneten
[7] So jüngst Michael Angele: www.freitag.de/kultur/0925-habermas-intellektuelle-internet-medien
[8] www.biomedcentral.com/info/about/apcfaq
[9] www.libraries.wvu.edu/open-access/publishers.php
[10] Uwe Jochum: Was Open Access kostet, in: FAZ, 17.6.9, S. N5; vgl. auch www.textkritik.de/digitalia/kosten_dvjs.pdf, Seite 10, Tabelle 1.
[11] Uwe Jochum: Was Open Access kostet, in: FAZ, 17.6.9, S. N5.
[12] www.plos.org/downloads/plos_instmem_bkgd.pdf
[13] www.plos.org/about/faq.html#pubquest; s. v. „What if I can't afford the publication fee?“
[14] www.plosmedicine.org/article/browse.action?month=9&;;;;day=9&year=2008&field=date
[15] www.plosntds.org/article/browse.action?startPage=6&;;;;field=date&pageSize=10&month=-3
[16] archiv.twoday.net/stories/5707980/

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.06.2009 um 00:50
Trotz vor einiger Zeit angehörter Vorlesungen über Kulturökonomie habe ich leider nicht verstanden, worum es geht. Aber das Lesen war trotzdem amüsant. Muss am Schreibstil liegen.
So ein Fuzzi, der Uwe Jochum!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.06.2009 um 20:26
Ich hab natürlich schon eine Ahnung von dem Problem allgemein, aber die von JL dargestellten Details um Gebühren zum Bsp. sind mir nicht einsichtig. Aber ehrlich: Er hat ne feine Art, das darzulegen.
SteinMain schrieb am 21.06.2009 um 14:22
Hihi, echt gut, und rührt an der Kernfrage allen Seins: "Wie mache ich Geist zu Kohle ?"
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