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"Nach der Wahl ist vor der Wahl" - diese zugegebenermaßen inzwischen recht abgeschliffene Einsicht im Politikgeschehen beschreibt die Zukunft einer Partei besonders: die Zukunft der Piratenpartei.
Die rund 2%, die die junge Partei im Bundesdurchschnitt an Wählerstimmen erzielt hat, erscheinen auf den ersten Blick nicht berauschend - und nicht jede Wahlparty war von ungetrübtem Enthusiasmus befeuert. Ein bisserl mehr hätt's schon sein dürfen. Andererseits konnte die Piratenpartei die NPD in fast allen Wahlkreisen - vor allem in den Alten Bundesländern - als Kraft neben den "Big Five" ablösen.
Die Piratenpartei ist eine bundesweite 2%-Partei geworden. Und das wird sie aller Voraussicht nach nicht bleiben. Denn entweder wird die Piratenpartei keine weiteren Wähler mobilisieren können, wird die "Netzgemeinde" sich einem nächsten Hype zuwenden und es eine Erosion zu den anderen, schon etablierten Parteien geben, die schon (heftig) um Piraten werben. Oder die Piratenpartei kann ihr selbstgestecktes Ziel erreichen, als weiterer Farbtupfer in der politischen Landschaft unser Land aktiv mitzugestalten.
Dabei wird es weniger davon abhängen, ob die anderen Parteien die Zentralthemen der Piratenpartei aufgreifen werden, sondern davon, welchen Kurs die Piraten nun selbst einschlagen und welche Segel sie setzen werden.
Können sie die schon zum Markenzeichen gewordene eigene innerparteiliche horizontale Kommunikationsstruktur auch über eine notwendige hierarchische Organisationsanpassung hinüberretten oder werden sie sie nur "hinüberreden"? Werden die "Techniker", die "Nerds", die der Partei bislang ihren Stempel aufgedrückt haben, sich reibungsfrei mischen mit anderen auch "offline"-Kulturen, also jenen Menschen, die nicht alle 5 Minuten auf ihren Twitter-Account spingsen und nur hie und da über den Bildschirmrand ihres Laptops etwas in eine real-life-Runde werfen?
Ebenso wichtig wird sein, daß die Piratenpartei für Experten an Attraktivität gewinnt, daß nicht die eskapistischen und ideologischen Weltverbesserer und - Verzeihung - Klugscheißer ("and now we want to organize the whole world!") in den Foren und Mailinglisten die Richtung vorgeben, sondern Fachleute. Denn nur diese werden vertrauenswürdige Repräsentanten der Partei und ernsthafte Ansprechpartner für parteiunabhängige Organisationen sein können.
Neben der Konzentration auf die Kernthemen der Piratenpartei dürfen andere, soziale Felder nicht unbeachtet bleiben. Jedoch darf dies nicht zulasten eben jener Kompetenzen gehen, für die und mit denen die Piratenpartei angetreten ist: Bürgerrecht und Freiheit in der digitalen Informationsgesellschaft. Denn werden diese Themen zugunsten anderer populärerer vernachlässigt, wäre dies ein Verrat an den eigenen Überzeugungen für einen sicherlich nur kurzfristigen Längengewinn.
Ich halte nach wie vor die Analyse von Marcel Weiss für maßgeblich in der Beurteilung der Bedeutung des Internets und der "digitalen Revolution" für unsere Gesellschaft. Fast alle Lebensbereiche sind inzwischen direkt oder indirekt vom Internet bzw. der digitalen Informationsverarbeitung und -kommunikation betroffen. Das herauszuarbeiten und die "Technikfolgen" aufzuzeigen wird die zentrale Aufgabe der Piratenpartei sein - und hier zukunftsfähige Lösungen im Dialog zu erarbeiten.
Denn die Piratenpartei bietet kein exklusives Heilsversprechen, das sich nur in und mit der Piratenpartei verwirklichen läßt. Die Piratenpartei ist im Grunde eine überparteiliche Partei, wenn sie sagt, sie sei "nicht links, nicht rechts, sondern vorne". Die Zeit ideologischer Lagerkämpfe und Parolen wie "Bist Du nicht für uns, bist Du gegen uns" scheinen in manchen Bereichen langsam aber sicher ihrem Ende entgegen zu gehen.
Ein wichtiger Beitrag der Piratenpartei zur politischen Kultur kann also neben ihrer horizontalen Kommunikations- und Organisationsausrichung auch ihre Sachorientierung sein, die nicht nach Parteilichkeit, sondern nach "richtigen", nach vernünftigen Lösungen für die Zukunft Deutschlands jenseits dogmatischer Vor-Urteile fragt.
Kommunale und regionale Themen aufzugreifen und die Zentralthemen dabei nicht nur nicht aus den Augen zu verlieren, sondern vor Ort umzusetzen, wird eine der Herausforderungen für die Piratenpartei in den nächsten Monaten sein.
Denn nach der Wahl ist vor der Wahl.
(Joachim Losehand, freihaven.net, by-nc-sa)
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Dass die PP 'Bürgerrecht und Freiheit in der digitalen Informationsgesellschaft' zum Kernthema hat, weil dies ein übergreifendes Problem ist, dass sie die spezifischen "Technikfolgen" aufzuzeigen sich zur Aufgabe macht, ist richtig und begrüßenswert. Dass sie dabei "im Grunde eine überparteiliche Partei" ist, okay, man versteht was gemeint ist, es müsste aber mal genauer geschaut werden, ob es Punkte gibt, wo die Ziele der PP doch mal gegen bestimmte Gruppeninteressen stehen! Dass die Piraten so ganz nur "vernünftige Lösungen für die Zukunft Deutschlands jenseits dogmatischer Vor-Urteile" klingt ein wenig wie "die Zukunft Deutschlands wird auch am XXX verteidigt" und der "Kampf gegen den Terror" könnte auch als Kampf gegen inneren sozialen Aufruhr weitergehen, einhergehend mit Kontrolle und Überwachung nach innen, was die PP vor die Frage stellen müsste, ob ihr Kampf wirklich so allgemein-menschlich nicht rechts, nicht links ist, naja, etc. pp....
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deine zweifel, meisterfalk, teile ich. eine überparteiliche partei ist schon ein widerspruch in sich.
die orientierung an der sache und das wort der fachleute sind zu begrüßen wie auch die flache hierarchie, die aber wie bei den grünen im parteienstaat nicht zu halten ist. |
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mal ganz was alt-modisches: mit dem bundestag wählen wir doch den gesetzgeber, oder? und parteien, das sind doch solche vereinigungen, welche an der politischen willensbildung des volkes mitwirken? so oder so ähnlich stand/steht das im GG. falls mich meine erinnerung nicht trügt.
in dem lichte besehen, haben runde 2% der gewählt-habenden ihren willen bekundet, dass auch die piraten-partei an der gesetzgebung aktiv beteiligt sein solle. nicht mehr. aber auch nicht weniger. gut - daran ist die piraten-partei nun nicht beteiligt. was an der 5%-klausel liegt. aber wer weiß, vielleicht gelingt es ja das nächste mal, den üblichen gesetzgeber etwas zu erweitern. vielleicht auch deshalb, weil ziemliche viele leute von dem gerede über die volksparteien die schnauze gestrichen voll haben. und lieber eine expertinliche partei an der gesetzgebung beteiligt sähe. könnte also sein, dass das volk in seiner politischen willensbildung zum ausdruck bringt, dass sein politischer wille mehr beinhaltet und umfaßt als das, was in den wahlprogrammen der "volksparteien" zu lesen steht. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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