Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

08.05.2009 | 18:14

It’s Not About Porn, Stupid!

Internen Kreisen des BMHKFA[1] zufolge geht das Ministerium davon aus, daß höchstens 200'000 Menschen die Petition „Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten“ vom 22.04.2009 unterzeichnen werden. Dabei berufen sich hochrangige Mitglieder der Laien-Truppe auf die von Horst Vogt im Jahr 2006 veröffentlichte Leipziger Studie (Dunkelfeldstudie) zur gesellschaftlichen und psychischen Situation pädophiler Männer (Lengerich u. a., 2006), in der der Autor von 50'000 bis 200'000 pädophilen Männern in Deutschland spricht.

Bis heute haben bereits über 57'000 Menschen die von Franziska Heine formulierte Petition an den Deutschen Bundestag [2] gegen die Verhinderung von Kinderpornographie unterzeichnet. Mit Ende der Zeichnungsfrist wird also nach ersten Schätzungen des BMHKFA endlich valides Zahlenmaterial zu tatsächlichen oder potentiellen Tätern aus der deutschen Kinderschänderszene vorliegen. Allein unter diesem Gesichtspunkt kann die stets adrett gekleidete, eloquente, sympatische und kinderliebende Bundesministerin Ursula von der Laien schon heute einen großartigen Erfolg für sich verbuchen. Nichtsdestotrotz macht es betroffen – auch den Bundeswirtschaftsminister, der uns aus der Seele spricht: „Es macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, daß es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich einer der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.“[3]

„Nennen Sie doch mal ein konkrektes Beispiel, wie der jetzt geplante Gesetzentwurf uns normalen Internetnutzern schaden würde“ bittet der Moderator von „Radio 1“ (rbb) in einem Telefon-Gespräch mit Franziska Heine am Donnerstag, 07.05.2009, 07:20 Uhr. [4] Wie würde uns normalen Bürgern ein geplanter Gesetzentwurf schaden, der Menschen wie Magnus Gäfgen, der 2002 einen kleinen Jungen entführt (und – was man aber damals noch nicht wußte – getötet) hatte, mit sog. „Rettungs-Folter“ bedroht, um den Aufenthaltsort eines möglicherweise noch lebenden Opfers zu erfahren? Richtig: überhaupt nicht. Denn weder entführen wir kleine Kinder, noch mißbrauchen wir sie oder finden an dergleichen Gefallen.

Wenn aber normale Bürger, wie Sie, Du und ich die Petition gegen „Indizierung und Sperrung von Internetseiten“ unterzeichnen, was hat dann diese Petition mit Kinderpornographie zu tun? Richtig: überhaupt nichts.

Denn der Gesetzesentwurf bzw. das Gesetz, gegen den sich die Initative richtet, schadet nicht der Kinderpornographie und deren Produktion und Verbreitung, [5] sondern unserer Freiheit.

Die Frage, die sich alle, die noch nicht die Petition unterzeichnet haben, stellen müssen, lautet also: Bin ich bereit, die durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantierten Freiheiten und Grundrechte ohne öffentliche Kontrolle einschränken zu lassen, um möglicherweise Menschenleben und Menschenseelen zu retten?

Würde ich es befürworten, wenn ein Täter gefoltert wird, um das Opfer zu retten? Würde ich es befürworten, wenn ein Passagierflugzeug abgeschossen wird, das als fliegende Bombe gegen ein Stadtzentrum eingesetzt wird? Würde ich es befürworten, wenn die öffentliche Informationsfreiheit unkontrolliert per Gesetz eingeschränkt wird und auch in Kauf genommen wird, daß Unschuldige kriminalisiert werden, damit Menschen daran (erfolgreich oder erfolglos) gehindert werden können, Material, das Kinderschändungen abbildet, anzusehen?

Der leyenhafte Vorstoß zur Bekämpfung von Kinderpornographie ist das aktuellste Beispiel für das Wort im Volksmund: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht“. Als Gesetz, das auf einen zentralen Wert unseres Grundgesetzes zielt [vgl. 5 (1)] reiht es sich nahtlos in die anderen bisherigen Angriffe der derzeitigen Bundesregierung ein, die, um die Gesellschaft zu schützen, die rechtlichen wie ethisch-moralischen Grundlagen eben dieser Gesellschaft aushöhlen. Sagen wir es den Befürwortern des Gesetzentwurfs mit Benjamin Franklin: „Those who desire to give up freedom in order to gain security will not have, nor do they deserve, either one.

[1] Bundesministerium für Hauswirtschaft, Kindersegen, Familienglück und Altersruhe
[2] https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=3860
[3] www.radioeins.de/programm/programmbeitraege/20090507/petition_gegen_den.html
[4] www.youtube.com/watch?v=IR9CBl1KN8c&;;;;;eurl=http://netzpolitik.org/2009/online-petition-in-der-tagesschau/&feature=player_embedded
[5] netzpolitik.org/2009/hintergrundtext-kinderpornographie-internet-sperren/

Quelle und weitere Hinweise: www.gulli.com/news/epetition-50-000-und-wie-geht-2009-05-08/

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 08.05.2009 um 19:20
Alles richtig wie ich finde aber heißt es nicht: "Das Gegenteil von Gut ist Gut Gemeint!" ?

Wann geht Frau v.d.L. den von "Familienglück" zu "Altersruhe"? Zeit wärs.
Joachim Losehand schrieb am 08.05.2009 um 19:29
Buhäää! Jetzt verunsichern Sie mich doch nicht so - ich hab's doch gut gemeint ... :-)
Schnabel schrieb am 09.05.2009 um 15:59
Da wird ein Fass ohne Boden aufgemacht.

Nach Kinderpornografie werden dann alle Nazi Seiten gesperrt - jeder aufrechte Bürger ist dafür. Und natürlich auch alle terrorverdächtigen Seiten (wie immer das definiert wird). Und die Urheberrechtsverletzungen (geklaute MP3's und Bilder von Tomaten). Und natürlich auch die Anleitungen, wie man die Sperre umgehen kann - sonst wäre sie ja sinnlos, am Besten gleich alle Hackerseiten sperren. Und was ist mit unlauterem Wettbewerb? Also wenn so ein Abmahnanwalt einen Fehler in der Widerrufsbelehrung findet, ist die Seite gesetzeswidrig und gehört auch gesperrt, oder?

Ein leyenhafter Vorstoß ;-)
manstruator schrieb am 21.05.2009 um 00:48
Lieber FREItag, bitte bitte bietet weder MP3's noch Bilder von Tomaten an, dies könnte verdächtig machen!
Janusz Leidgens schrieb am 11.05.2009 um 17:56
Schoener Artikel. Vor allem das ein Grossteil der Politiker es nicht versteht oder nicht sagen will das es hier nicht uns nicht um das ermoeglichen von Kinderpornographie geht ist nochmal deutlich gesagt. Was mir allerdings in vielen Blogs fehlte ist das grundlegende Problem mit dieser Art von Netzsperren. Und zwar das sie gegen demokratische Grundsaetze verstossen, siehe blog.janusz.de/?p=48
cheers schrieb am 12.05.2009 um 15:51
schnabel, ich denke es geht hier recht klar um die "legalisierung" des internets.

langfristig wird einfach jede seite mit fragwürdigem inhalt ausgeblendet. vorbild : china, welcome to globalisierung.

keine liveübertragungen von fussball mehr, keine torrentseiten, keine mp3s, keine anleitungen für alte verstärker, kein geklautes bildmaterial usw.

so, das war bis jetzt ja langweilig, aber hier schlage ich jetzt mal den bogen, einen etwas weiten, aber innerhalb des freitags : www.freitag.de/alltag/0919-medien-internet-zukunft

zeitungssterben :

ja warum sterben die zeitungen aus ? weil nun wirklich der punkt erreicht wurde wo in der zeitung keine debatten mehr ausgetragen werden, sondern nur plumpe meinung verbreitet wird. das paradebeispiel ist der spiegel.
man lese den spiegel der 70er und vergleiche mit so plumpen aufmachern wie dem aktuellen. wen interessiert denn eine gier-diskussion ? gier ? systemimmanent ?

genau an diesem punkt kommen makro-verwertungs-strategien wie zB. in der musikindustrie und zerstören den für den konsumenten interessanten content-teil.

meine kühne behauptung : langfristig wird versucht das internet anzupassen an die in den syndikalisierten medienwelten herrschende laaaangeweile, in der der ottonormaldeutsche garnicht mehr in der lage ist die politische ratlosigkeit zu bewerten, da eine debatte von pseudo-linken und pseudo-rechten positionen aufgebaut wird, die aber schon von vornherein bestimmte positionen als unveränderlich und normal registrieren, findet ja keiner was dabei, wenn jetzt mal schnell der bankensektor staatliche hilfe kriegt, sind sich ja die politischen pseudo-experten einig.

lange rede kurzer sinn :

das wort proxy-server führt dieses gesetz meiner meinung nach schon relativ ad absurdum. sollte der politsche zirkel wirklich keine IT-berater haben, die auf meinem wissenstand sind ?
hug0 schrieb am 12.05.2009 um 16:46
Also unter [1] finde ich *nichts* bei google. Was ist die Quelle für diese wahnwitzige Aussage?
Joachim Losehand
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