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Das iPad von Apple bringt Verleger zum Träumen – und Netizens zum Schäumen. Die Kritik richtet sich vor allem (aber natürlich nicht nur) gegen die „geschlossene Gesellschaft“ der Apple-Welt, deren oberster Türhüter Steve Jobs ist: es ist die platonische Idealgesellschaft des utopischen Magnesias auf Kreta, in der sich die Menschen dem Philosophenkönig bereitwillig und begeistert unterordnen. Eine schöne Welt – pure and simple –, die die „Freiheit“ des Einzelnen als „freisein von etwas“ interpretiert. Der Kosmos von iPhone und iPad ist frei von Komplexität und von Problemen, denn die Nutzer werden behütet und beschützt um ihrer selbst und ihres Heiles Willen, ihnen wird gegeben und sie empfangen. (Und man kann offenbar nicht mehrere Anwendungen parallel öffnen; 06.02.10) Die beste aller digitalen Welten, vom fürsorgenden Uhrmacher-Gott wohlgestaltet und begleitet.
„Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie sind dann bloß die anderen?“ Die spöttische Replik von Voltaire auf das Konzept des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (vgl. Candide – Oder der Optimismus) läßt sich auf die digitalen Welt gemünzt einfach beantworten: So wie das world wide web.
Und weil im Netz mit den klassischen Geschäftsmodellen der Verwerterindustrie kein (kaum) Geld verdient werden kann – denn dort huldigen ja Horden von „Webkommunisten“ der „Kostenloskultur“ und wird Geistiges Eigentum nicht nur „im Dutzend billiger“ verramscht, sondern sogar „kostenlos gestohlen“ – war der Untergang des Abendlandes oder wenigstens der des Qualitätsjournalismus beschlossene Sache. Der in den letzten Zügen ächzenden und stöhnenden Branche erscheint darum das iPad als Heilsbringer und Retter in der Not. Apple stellt die anscheinend kopfstehende Scheiben-Welt der klassischen Medien wieder auf ihre Füße, denn mit dem iPad können sie auch auf den krummen Zeilen des wild wild web gerade schreiben.
Welt, sag „Hello“ zum iPad und „Good-Bye“ zum Personalcomputer, meint Nicholas Carr und die Frankfurter Allgemeine Zeitung freut sich still und leise. Ist das Zeitalter der PCs also mit dem Auftauchen des iPad zu Ende? Ist es auch das Ende des Internets, so wie wir es heute kennen? Wird mit dem iPad die wahre „Quadratur des Netzes“ gelingen, seine Umgestaltung von einem ungeordnet- anarchischen, alles verschlingenden Mahlstrom hin zu einem unsere Gesellschaft widerspiegelnden sauberen und gesunden Kommunikationsraum, in der die Deutungshoheit der Feuilletons wiederhergestellt ist und unsere Kinder wieder gefahrlos und ohne ihre Entwicklung zu beeinträchtigen kommunizieren und konsumieren können?
Die Euphorie auch aufseiten der Netz-Gouvernanten ist nicht unberechtigt und der netzinterne Diskurs um die Notwendigkeit einer freiwilligen Selbstkontrolle eines enthemmten Cybermobs beginnt auch bei den unüblichen Verdächtigen anzukommen. Die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre zeigen: niemand will das totale web, niemand will sich zur Freiheit zwingen lassen.
Natürlich stellt sich niemand in die Fußgängerzone und läßt auf einer Leinwand einen Hardcore-Porno laufen, ohne daß innerhalb weniger Minuten die Exekutive eingreifen würde (garantiert nicht, um etwaige Urheberrechte zu schützen). Und wenn doch – würde die Piratenpartei einen spontanen flashmob ankündigen und „Zensur!“ rufen?
Und natürlich sagt bei Tisch auch niemand einem Diskussionsteilnehmer ins Gesicht: „Geh' sterben! Geh' endlich sterben, Du verdammtes Miststück!“, ohne daß andere Anwesende sich über den Geisteszustand ernsthafte Gedanken machen würden. Aber „im Netz“, da ist nichts unmöglich, nur Wunder dauern ein bisserl länger. Und das Wundern bei „denen da draußen“ auch.
Ben Kaden hatte mir, wofür ich ihm dauerhaft dankbar bin, in seiner Besprechung eines meiner Texte zu Open Access hier im Freitag vorgehalten, ich würde im Grunde nur meine „Rezeptionspraxis hochrechnen“ – und dann von dieser luftigen Höhe (das ist meine Interpretation) mich ins „freie Prognostizieren“ stürzen. (Das tue ich jetzt selbstverständlich auch irgendwie, aber das ist – wie immer – natürlich etwas ganz anderes.)
Genauso, wie Demokratie einen gesellschaftlichem prinzipiell horizontalen Kommunikationsraum bewirkt, an dem alle Bürger gleichberechtigt auf Augenhöhe partizipieren können – und doch es immer nur wenige sind, die sich aktiv zu Wort melden und gestalterisch wirksam werden und so die horizontale Ebene in eine hierarchische Vertikale verwandeln, genauso ist die Zahl derer, die das Netz vornehmlich als konsumierende Teilnehmer bevölkern, weitaus größer und wächst mit jedem Neuankömmling, als die native netizens es vielleicht wahrhaben wollen.
Nicht jeder ist Narr genug, dauerhaft einen Blog zu unterhalten und zu pflegen. (Und das nicht, weil ihm vielleicht nichts einfällt, auch als Komponist kann man sich dann mit „Liedern ohne Worte“ behelfen.) Sondern, weil Zeit, Kraft und Motivation fehlen, die von anderen Aufgaben ganz selbstverständlich beansprucht werden.
Nicht für Apple allein, sondern allgemein wird bedeutsam sein, welche Akzeptanz diese „Netz-Zugangsgeräte“ mit den eingebauten Medienplattformen und -angeboten aus der consumer-electronic-Abteilung haben werden. Wer bislang einen PC oder Laptop vor allem dazu benötigt hat, Urlaubsfotos zu sortieren, Spiele, Musik und Kinofilme zu konsumieren, sich bei „journalistischen Angeboten“ zu informieren und per E-Mail oder auch Twitter zu kommunizieren und bisweilen einen Brief zu schreiben, ansonsten aber die technischen Möglichkeiten eines solchen Geräts brachliegen ließ, wird den Mehrwert des iPad und der medialen Angebote – pure and simple – zu schätzen wissen. Und sich einen iPad oder ein kommendes Konkurrenzprodukt vielleicht als einziges Gerät oder Zweitgerät ins Haus holen und dankbar nutzen.
Das iPad ist vielleicht die Chance der Medienindustrie, ihre angestammten Geschäftsmodelle in die digitale Zukunft zu retten. (Um so die Möglichkeit zu haben, wieder auf höherem Niveau zu jammern.) Damit könnte sich auch die Diskussion um Urheber- und Leistungsschutzrechte im digitalen Zeitalter sowohl entschärfen lassen, als auch in eine neue, ideologiefreiere Richtung bewegen, wenn ein neuer Distributionsweg für „kreative Leistungen“ erschlossen werden kann – und so open access und paidcontent auf unterschiedlichen Schienen eine Koexistenz führen können.
Ich stimme Andreas Göldi zu, wenn er schreibt, daß zwischen der „iPad-Welt“ und der „PC-Welt“ kein Gegensatz besteht, „totale Offenheit versus geschlossene Systeme eine falsche Dichotomie“ sei. Vielmehr ergänzen sich beide Geräte und Strukturen komplementär, denn so wie das www nicht als kommerzielles Produkt entwickelt wurde, sondern als Kommunikationsplattform für Wissenschaftler, so wurde das iPad als kommerzielles Produkt konzipiert, das eine content-Plattform für die Medienindustrie bietet. Es ist denkbar, daß sich kommerzielle Medienangebote Geräte- und Plattformen-abhängig weiterentwickeln, darauf ihre „unternehmerischen Initiativen“ konzentrieren – und im web nur noch eine „Grundversorgung“ als Visitenkarte offenhalten.
Eine solche Entwicklung scheint plausibel, ganz unabhängig vom konkreten Produkt „iPad“ und der bekannten aristokratischen Firmenpolitik von Apple; andererseits wird abzuwarten sein, welche Auswirkungen es hat, wenn in Kürze, noch bevor das iPad-Konzept der (halb-?)geschlossene Medien-Plattformen sich allgemein etabliert, „offene“ Tablet-PCs auf den Markt gebracht werden. Entscheiden sich die Konsumenten eher für die multifunktionalen Multimedia-„Spaßgeräte“ oder eher für die komplexeren PCs/Laptops mit prinzipiell unbegrenztem Funktionsumfang in neuer, tragbarer Gestalt?
Aus meiner Sicht ist es nicht ratsam, das „alte Internet“ abzuhaken und sich dankbar den Schweiß von der Stirn zu wischen. Es ist nicht gesagt, daß sich die Frage „Wie verdiene ich Geld als Künstler oder als Verlag in der digitalen Informationsgesellschaft?“ mit dem iPad ein für allemal erledigt hat. (Auch wenn das andere schon das letzte Aufgebot für das web 2.0 bestellen, während andere erkannt zu haben glauben, daß mit dem iPad (nur) ein neuer Markt kreiert wurde ...; 06.02.10)
Text auf dem neuesten Stand: 06.02.10; 10:13
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Ein hervorragendes Beispiel selbstverliebter Formulierungskunst eines sehr belesenen und gebildeten Autors, der keinerlei Rücksicht darauf nimmt, ob ihn ein Normalo versteht. Bravo.
Genau solche Artikel können "die gesamtlage der linken interessieren" (MH/JA) und eignen sich bestens für die Printausgabe. Ich wußte schon immer, daß ich ohne Panglos Belehrungen kein iPad wertschätzen kann. |
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Keine Ahnung, was ein "Normalo" versteht oder nicht; es dürfte auch kaum im Geist der Aufklärung sein, sich am kleinsten gemeinsamen intellektuellen Nenner zu orientieren.
In meinem Ohren klingt "Normalo" wie ein Schimpfwort - "der 'gesunde Menschenverstand' ist Fleisch geworden", "Spaß muß sein" und was derlei beängstigende Szenarien mehr sind. Ob das iPad für den "Normalo" überhaupt geeignet ist, er nicht instinktiv vor dem Gerät zurückzuckt, kann ich nicht sagen. Gerade Apple war über Jahrzehnte ja nun nicht ein Produkt für "Normalos" - und der Marktanteil bei Smartphones ist gerade um 1,4 Punkte auf 16,6% gesunken: bit.ly/ccP5YB NOKIA-Smartphones haben etwa das Doppelte: bit.ly/dlv3rO |
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Nötiger Zusatzhinweis: Der Anteil der sog. Smartphones liegt bei rd. 10% am Gesamtmarkt der Mobiltelefone bit.ly/9nKfFJ
8 von 100 Menschen mit Mobiltelefon nutzen also ein iPhone. |
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Rechnen ist nicht meine Stärke: der Anteil des iPhone am Gesamtmarkt ist 1,66% => 2 von 100 Menschen ... :-)
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Ich hatte so eine ähnliche Diskussion hier:
arebentisch.wordpress.com/2010/01/04/wolf-schneider-papst-die-blogger/ Ein paar Anmerkungen als professioneller Normalo. Ich lese massenhaft Dokumente am Rechner, das Format, das ich bevorzuge ist PDF. Früher gab es noch andere ebook-Formate, die sich nicht durchgesetzt haben. Ein Lesegerät ist eine schöne Sache für unterwegs. Ideal dafür ist eine Art Tablet PC für Hochformat und ausreichend Batterielaufzeit. Tablet PCs gibt es seit Jahren, sind auch nicht so teuer. Für unterwegs brauche ich eine Art Netbook mit schwenkbarem Display. Eigentlich ist mein OLPC XO bereits ideal als Technologiestudie, da müsste ich noch einfach ein normales *nix installieren mit LXDE, vielleicht ein bisschen flacher und schneller, das Display ist fantastisch, weitgehend geschützt gegen blendendes Licht. Zu den e-Readern. Da gibt es das Amazon Produkt, das für mich ausschaut wie ein Trendprodukt, das manche kaufen, weil es in der Zeitung stand, aber keiner benutzt. iPad ist ein verdammt technisch mageres Angebot und für den Preis irgendwie nicht sonderlich überzeugend. Selbst Steve Jobs sah bei der Präsentation etwas skeptisch aus. Sicherlich ist es nicht das richtige für mich. Diese beiden Produkte erinnern mich an meinen Palm, auch dafür konnte man Texte runterladen, das habe ich auch getan, gelesen habe ich damit nie etwas. Und DRM? Wieso sollte ich DRM akzeptieren, wenn meine Lektüre bereits als PDF DRM-frei vorliegt. Welche Vorteile soll mir das bringen? |
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Der iPad ist lediglich ein neues Geschäftsmodell- genauso wie das Internet in seinen Anfängen auch nichts weiter als eine wissenschaftliche Kommunikationsplattform war...
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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