Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

14.03.2009 | 13:24

Lob der Räuberei

(Die kreative Zerstörung der Gutenberg-Galaxis)

Die „kreativen Zerstörer“ in der Wirtschaft sind in aller Munde. Ob „Wirtschaftswoche“, „manager magazin“ oder „Financial Times Deutschland“ – alle greifen in die Klampfe und singen den einfallsreichen Entrepreneurs der Internetgeneration ein Liebeslied. In der gegenwärtigen weltweiten ökonomischen Krise ist das Epitheton des „kreativen Zerstörers“ mehr als nur zweideutig. Mit wieviel Kreativität aus Gier in den oberen und mittleren Etagen der Finanzinstitute die Werte und Lebenspläne anderer zerstört wurden, das sollte uns eine staunende Schweigeminute wert sein.

Doch nicht den durch Habsucht und Gefräßigkeit „zur Kenntlichkeit entstellten“ [1] Menschen wie Klaus Zumwinkel soll hier eine Hymne gesunden werden. Die Räuber, die ich meine, sind die kleinen, die namenlosen. Jene, die nur in der Masse von Wirtschaft und Öffentlichkeit Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Jene Diebe, deren gar nicht so obskures Objekt der Begierde nach erfolgreichem Raub weiter an seinem Platz steht.

„Wir werden in aller Schärfe gegen den illegalen Download, gegen den Diebstahl im Internet, vorgehen und die Gerichte mit Tausenden von Verfahren beschäftigen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis anläßlich der Präsentation des „eBook“-Lesegeräts Sony PRS-505 auf der Leipziger Buchmesse gegenüber dpa. Vergessen wir die Rede von den „Tausenden von Verfahren“; auch die Musikindustrie mußte feststellen, daß sich die Gerichte bzw. Staatsanwaltschaften nicht instrumentalisieren lassen. Richten wir unsere Aufmerksamkeit stattdessen auf die Gesten und den Gestus.

Es dämmert auch dem Lobbyisten der Rechtevermarkter Verlage und Buchhändler, daß wir – mit der Einführung des Internets vor zwanzig Jahren – uns in einer Zeit des Wandels befinden. „Möglicherweise“, so Skipis, „steht unsere Branche vor einem Umbruch, so wie Gutenberg es vor über 500 Jahren angerichtet hat.“ Möglicherweise? Es könnte also auch sein, daß nicht? Vielleicht doch kein Umbruch? Eventuell kein Wandel? Stattdessen „alles wie gehabt“?

Wie enthusiastisch der Branchenvertreter Börsenverein auf Veränderungen und Innovationen eingestimmt ist, wird auch an dem von Skipis verwendeten Begriff „angerichtet“ deutlich. Da hat Gutenberg mit seinen Verbesserungen im Buchdruck vor 500 Jahren ja was schönes angerichtet!

Wessen Ungeistes Kind der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist, machen nicht nur die kleinen Nuancen deutlich, sondern insbesondere, daß das erste, was der Zunft überhaupt einfällt, eine Drohung ist: „Wehe Euch! Ihr bekommt jetzt ein Spielzeug in die Hand, das unseren Kontribut an den Wandel darstellt, der sich da draußen vollzieht, seyd zufrieden und überspannt den Bogen nicht! Wir werden wie die Musikindustrie zur Wahrung unserer Recht fordern, Eure Rechte zu beschneiden. Wir werden Euch, wenn Ihr renitent seyd, gnadenlos verfolgen, von Abmahnsocietäten mit Forderungen überhäufen, einer hochnotpeinlichen Befragung unterziehen und dann das Häuflein Elend, das Ihr noch seyd, der weltlichen Gerichtsbarkeit übergeben. Seyd also intelligent und civilisieret Euch, dann wird alles gut.“

Was „da draußen“ passiert, macht dem Börsenverein und einigen der in ihm organisierten Verlagen Angst. Sie sehen die Bewegungen ihrer Felle auf dem sich kräuselnden Wasser, das von unwägbaren Unterströmungen durchzogen ist und fürchten sich davor, daß sie davonschwimmen und schließlich, mit Wasser vollgesogen, untergehen. Kleine und mittlere Wissenschaftsverlage würden, so Alexander Skipis, vom Markt verschwinden, biete man nicht den „Raubkopierern“ Einhalt und Paroli. „Wenn ein Verlag stirbt, wird es auch das kulturelle Angebot nicht mehr geben. Das hat eine gesellschaftliche Relevanz, die leider bei der Politik nicht angekommen ist.“

Man muß die Abläufe und Strukturen wissenschaftlichen Publizierens kennen, um die bewußte Wirklichkeitsverweigerung oder schamlose Instrumentalisierung der kleineren und mittleren Wissenschaftsverlage zu entlarven.

Eine wissenschaftliche Publikation hat gängigerweise denselben Marktwert wie experimentelle Poesie. Nämlich keinen. Nur wenigen Wissenschaftsautoren gelingt es, über die Grenzen ihres Fachs hinaus – und das abhängig von der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit dem Fach im allgemeinen gegenüber – dauerhaft bekannt zu werden. Der Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen hat für sein Oeuvre den Nobelpreis für Literatur bekommen, eine Singularität.

Eine wissenschaftliche Publikation ist ein Transportmittel, ein Träger der jeweiligen Erkenntnisse, Ergebnisse, Theorien und Ideen wissenschaftlichen Arbeitens. Nicht auf den Text, sondern auf den Inhalt kommt es an. Was zur Folge hat, daß Wissenschaftler über eigentlich Interessantes gänzlich uninteressant schreiben können und dürfen. Wissenschaftliche Publikationen sind Arbeitsmittel und keine Freizeit- oder Erbauungslektüre, die man bequem in einem Sessel bei prasselndem Kaminfeuer oder mit der Taschenlampe unter der Bettdecke fieberhaft verschlingt. Es kursieren unter Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern des Unter- und Mittelbaus aktuelle Listen mit den wirksamsten Einschlafhilfen aus der Institutsbibliothek.

Die Zielgruppe wissenschaftlicher Verlage sind Wissenschaftler – als Leser wie als Autoren. Wissenschaftler schreiben und publizieren in erster Linie für andere Wissenschaftler, dann für Studenten und zuletzt für eine breitere Öffentlichkeit. Die Autoren wissenschaftlicher Verlage sind also gleichzeitig auch ihre Leser. Und sie zahlen sowohl in der Eigenschaft als Autoren wie als Leser (Kunden) an die Verlage. Denn kaum eine wissenschaftliche Publikation wird vollständig von den Verlagen vorfinanziert, entweder greift der Autor selbst in den Geldbeutel, um seinen Eigenanteil an der Produktion zu leisten oder er findet eine Stiftung oder Institution, die diesen Zuschuß erbringt. In der Belletristik sind „Zuschußverlage“ verpönt, in den Wissenschaften die Regel. „Publizieren hat seinen Preis, aber jeder kann ihn drücken“: wer es billiger haben will, macht die Korrekturarbeiten und den Satz des eigenen Manuskriptes selbst, sonst muß jeder Handgriff des Verlages in der Regel bezahlt werden.

Abnehmer, d. h. Kunden, sind in der Regel nicht alleine die Leser, sondern vor allem auch wissenschaftliche Bibliotheken. Deswegen empfiehlt es sich auch einem jungen Wissenschaftler, seinen gedruckte Dissertation in einer Reihe erscheinen zu lassen, denn auf diese Reihen halten die meisten Institutionen ein Abonnement, werden also automatisch mit den Neuerscheinungen beliefert. Aufgrund der überschaubaren Zielgruppe an Institutionen und Wissenschaftlern sehen die Kalkulationen Preise vor, die kaum ein Privatkunde dauerhaft bezahlen kann. Studenten schon gar nicht.

Hohe Preise bedeutet wenig Absatz, wenig Absatz bedeutet geringe Auflage, geringe Auflage bedeutet hohe Preise, bedeutet: Bücher werden ausgeliehen, Bücher werden kopiert, um das Original von Anmerkungen und Unterstreichungen frei zu halten und weil schon zwei Vormerkungen darauf eingetragen wurden.

Das Planetensystem der wissenschaftlichen Fachliteratur und der wissenschaftlichen Verlage ist also strukturell ein anderes als das der Belletristik oder der Sachliteratur. Die Ansprüche, Bedürfnisse und Ziele sind andere. Im Grunde ist die überwiegende Mehrzahl wissenschaftlicher Publikationen nicht auf die Gutenberg-Galaxis angewiesen, denn kaum jemand liest eine Monographie von der Danksagung im Vorwort bis zu den Indices im Anhang „in einem Rutsch“ durch, wissenschaftliche Diskurse werden in Aufsätzen und Artikeln geführt, eine Monographie ist aufgrund der oft jahrelangen Vorbereitung immer nur ein Meilenstein, der allerdings schon während des Drucks durch neue Erkenntnisse überrannt und überholt sein kann. Schillers „Räubern“ kann das nicht passieren.

Ja, die Räuber. Ich stelle die Behauptung auf: Raubkopierer sind kreative Zerstörer. Und das nicht, weil sie ideologisch der „Expropriierung der Expropriateure“ huldigen. Sie zeigen vielmehr ihre Wertschätzung für die Symbiose von Inhalt und (digitaler) Form, sie zeigen den Vermarktern und Verbreitern von Musik und Literatur ihre Bedürfnisse, sie holen sich das, was sie von den Lieferanten nicht geliefert bekommen. Und sie zeigen, welche kreativen und innovativen Wege man dabei beschreiten kann.

Damit kein Mißverständnis aufkommt: ich liebe Bücher. Ich liebe Bücher als Bücher und nicht ein Medium zum Transport von Texten. Ich werde mir kein „eBook“ kaufen, denn ich will an den Reihen meiner Regale entlanggehen, über die Buchrücken streichen können, ein Buch aufschlagen und darin blättern. Darum ist eine Welt, in der es keine Bücher mehr gibt, keine lebenswerte Welt, jeden Verlag, der stirbt, werde ich beweinen. Daß es jedoch, wie Alexander Skipis in schon bekannt drohendem Unterton behauptete, „auch das kulturelle Angebot nicht mehr geben“ wird, halte ich nicht nur für übertrieben, sondern für schlichtweg falsch. Verlage produzieren kein kulturelles Angebot, sondern sie vermitteln es. Sie sind nicht die Urheber, sondern die Verbreiter und Vermarkter, bisweilen auch die Förderer.

Und darum sollten wir im Darwin-Jahr uns auch Gedanken darüber machen, was die Evolutionslehre für die Kultur, zu der das Verlagswesen gehört, bedeutet. Platt gesagt: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Wer sich nicht veränderten Bedingungen anpaßt, stirbt aus.

Der Börsenverein und mit ihm manche Verlage sind der – meiner Meinung nach: irrigen – Ansicht, daß sie die Welt in einem von ihnen bestimmten Status Quo halten können, daß sie den Markt und seine Natur zwingen können, sich ihnen anzupassen. Was der Markt davon hält, hat er der Musikindustrie gegenüber gezeigt. Nur langsam und zögerlich hat diese reagiert, anstelle neue und innovative Vertriebsformen zu entwickeln und das Angebot der Nachfrage anzupassen.

Die us-amerikanische Autoindustrie ist aufgrund dieser völligen Blindheit und Ignoranz den Bedürfnissen ihrer Kunden gegenüber in der schwersten Krise seit Erfindung des Automobils. Vielleicht werden einige Hersteller diese Krise nicht überleben, wer weiß?

Ich werde keinem (wissenschaftlichen) Verlag eine Träne hinterherweinen, der nicht auf meine Bedürfnisse als Leser eingeht, der mich in meiner Arbeit (als Wissenschaftler) behindert und sich den technischen Möglichkeiten und dem Fortschritt nicht nur verweigert, sondern mich auch mit Peitsche und Pranger daran hindert, am Fortschritt teilzuhaben. Anstelle immer und immer wieder zu fragen: ‚Wie können wir effektiv den Raubkopierern das Handwerk legen und potentielle hinreichend abschrecken und Raubkopien technisch verhindern?’ sollte man immer und immer wieder fragen: ‚Was sind die Bedürfnisse meiner Zielgruppe und wie mache ich mein Angebot für sie attraktiv und für mich lukrativ, sodaß Diebstahl nur ein Randphänomen ist?’

Die Konsequenzen bedeuten aber ein grundsätzliches Umdenken, eine prinzipielle Beheimatung der Verlage in der Gutenberg-Galaxis und in der Google-Galaxis und ein Ende der Abwehrhaltung. Die technischen Möglichkeiten für digitales Publizieren sind vorhanden und verbessern sich von Tag zu Tag, man erzähle uns nicht, daß die Kreativität des Menschen ausgerechnet vor dem Verlagswesen haltgemacht hat.

Verlage, hört die Signale! Handelt kreativ und (r)evolutionär, sonst wird das, was da tönt, Euch die Trompeten von Jericho sein.

-

[1] Dank an Magda.
 
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