Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

31.03.2009 | 10:48

Mädchenmorgenblütenträume

(Eine Betrachtung zu dem Roman der Schwedin Maria Sveland [1])

Einer Frau in den Mantel zu helfen und ihr die Tür aufzuhalten, gehört zu den Ritualen, die die Ungleichheit von Mann und Frau zementieren. Schließlich würde auch kein gesunder Mann einem anderen gesunden Mann beim Ankleiden behilflich sein oder ihm demonstrativ die Tür aufhalten. Es sei denn, er ist das rangniedere Männchen, ein bezahltes Dienstmännchen oder angesäuselt und in Champagner-Laune. „Sie brauchen mir überhaupt nicht die Tür aufzuhalten“ zischte folgerichtig verstimmt eine Bürgermeisterin einen lokalen Journalisten an, der darauf lakonisch meinte: „Ich halte Ihnen nicht die Tür auf, weil Sie eine Dame sind, sondern weil ich ein Gentleman bin.“

Als mit den Segnungen des männlichen Geschlechts ausgezeichneter Mensch ist mir natürlich der Feminismus naturgemäß fremd, vielleicht liegt das ja auch an meiner Sozialisation (gender); denn „Gleichberechtigung“ ist in meiner Familie mütterlicher- und väterlicherseits ein Fremdwort. „Männer sind sowieso das schwache Geschlecht“ konstatierte Irene Disches Großmutter (in „Großmama packt aus“) und meine Mütter, Großmütter, Tanten und Großtanten würden das ganz ähnlich ausdrücken, wenn sie für solche Selbstverständlichkeiten Muße (gehabt) hätten.

Feminismus ist, wenn ich mich nicht irre, angetreten, Männerbastionen zu stürmen und zu schleifen. Freier und ungehinderter Zugang zu den Domänen der Männer, gleiche Chancen für Männer und Frauen in allen Bereichen des Lebens. Die „Männerwelt“: eine Bastille der männlichen Unterdrücker, ein englischer Club der männlichen Eliten. Hinter den für Frauen verschlossenen Türen: das Paradies, das Schlaraffenland, Erfolg, Anerkennung, Zufriedenheit, Glück, Lebensfreude.

Alles, nur: keine Gleichberechtigung. Eine der großen Illusionen und Irrtümer der (feministischen) Moderne ist, daß es unter Männern irgendeine Form von Gleichberechtigung gebe. Wer als Frau Gleichberechtigung mit Männern verlangt und bekommt, der wird, in dem Moment da sie unter Männern ist, diese Gleichberechtigung wieder genommen. Denn Männer sehen einander nicht als gleichberechtigt an. Ein Mann ist entweder stärker oder schwächer als ein anderer Mann. Sind Männer gleichstark, ist das ein temporärer Zustand, an dessen Behebung und Vermeidung im Vorfeld alle Beteiligten nach Kräften arbeiten. Auf einen Gewinner kommen etwa Hunderttausend Verlierer, auf ein nach männlichen Maßstäben erfolgreiches Leben etwa eine Million verpfuschte Existenzen. Unter Männern wird nicht lange gefackelt, unter Männern gilt im Falle eines Schiffbruchs nicht: „die Jüngeren und Schwächeren zuerst“.

Aber hat man von irgendeinem Omikron-Männchen gehört, das darüber ein Buch geschrieben hätte? Darüber, wie Jungs mit Jungs umgehen? Männer mit Männern? Darüber, daß in Männergesellschaften nichts anregender riecht als die Leiche des Vordermannes, noch vor dem „Duft der Frauen“? Nicht einmal in von Repression und Ausgrenzung betroffenen Randgruppen wie z. B. unter männlichen Homosexuellen herrschen Gleichberechtigung, Toleranz und friedvolles Miteinander: Hört mal den Klagen der schwulen alten Sigma-Männchen in den Dreißigern-und-aufwärts zu, beobachtet die Separation und Cliquenbildung der unterschiedlichen Milljöhs.

Was ich hier anmerke, ist keine wissenschaftliche Studie, sondern basiert höchstens auf subjektiver, teilnehmender Beobachtung. Und es ist schon gar nicht eine jener durchsichtigen Me-Too-Finten, mit denen ein Potemkinsches Dorf durch ein anderes ersetzt werden soll. Anlaß zu Klagen besteht für mich auch nicht, schließlich profitieren ich und meine Unabhängigkeit vom Feminismus, der die alten Rollenbilder aufgebrochen und mir erst ermöglicht hat, überhaupt darüber nachdenken zu können, ob ich zum Beispiel eine Familie gründen will oder nicht. Natürlich kann man mir nun vorwerfen, daß ich als Mann wieder einmal den Frauen gerne und bereitwillig die Dinge überlasse, zu denen ich selbst keine Lust habe: Streß, Magengeschwüre, Karriere, Erfolgsdruck usw., also lauter Dinge, die die schöne Männerwelt für uns Männer so bereithält.

Ein wenig kopfschüttelnd, aber milde gestimmt, registriere ich, daß gerade „frauenbewegte“ Frauen sich von dem bewegen lassen, was Männer bewegt. „Ich will da rein!“ skandieren sie wie Gerhard Schröder, Geld und Macht sind auch für sie selbstverständlich die Garanten für ein zufriedenes, wenn nicht sogar glückliches und erfülltes Leben. Ein selbstbestimmtes Leben bedeutet für sie der Eintritt in eine abhängige Beschäftigung in einem multinationalen Dienstleistungsunternehmen mit 60-Stunden-Woche, endlose unergiebige Konferenzen, nervenzerrüttende Flugreisen um die Welt, der Verlust der Privatsphäre, Aufsteigen in der Hackordnung, Anhäufung von materiellen Gütern.[2]

Ist das alles?, frage ich mich ungläubig. Sind Frauen auch nur Männer, die man mit Geld und Karriere ruhigstellen kann? Ich kenne keine Lebensphilosophie von Männern für Männer, wie die Stoa oder den Epikureismus, die in (gleichen) „Aufstiegschancen“ und (gleicher) „Bezahlung“ irgendein Gut erkennen könnte. Viele Philosophen halten sogar jegliches materielle „Gut“ und jegliche öffentliche Beteiligung für flüchtig, für nichtig und ein Übel. Alles Propaganda der Alpha-Männchen für Omikron-Männchen und Weibchen aller Buchstabenklassen?

Arndt von Bohlen und Halbach (1938-1986) soll auf die Frage, ob er einmal zu arbeiten gedenke, geantwortet haben: „Das hat mir gerade noch gefehlt“.  Ein seltenes Beispiel männlicher Intelligenz.


[1] Vgl. http://www.freitag.de/alltag/0913-bitterfotze-mann-frau-kinder-vereinbarung
[2] Nota Bene: Ich rede hier – überzeichnet – von den in unserer westlichen Mittelschicht-Gesellschaft latent oder offen vorhandenen Erwartungen an die Gleichberechtigung, nicht von den berechtigten Forderungen nach Ende der Unterdrückung und Mißhandlung von Frauen in anderen Gesellschaften und Kulturen!

 

 
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Kommentare
cemb schrieb am 31.03.2009 um 12:38
Provokativ. Gut geschrieben. Und nicht ganz unwahr. Aus der Perspektive eines Mannes. Bin gespannt, was die Frauen dazu sagen...
Magda schrieb am 01.04.2009 um 14:22
Zitat: Aber hat man von irgendeinem Omikron-Männchen gehört, das darüber ein Buch geschrieben hätte? Darüber, wie Jungs mit Jungs umgehen? Männer mit Männern? Ende

Och, nee, Herzchen, Du kommst aus dem Mußtopf. Darf ich das mal so lässig hinwerfen? Blamier Dich nicht mein Guter, Du bist rettungslos hinter der Zeit. Selbst ein alter Knochen wie ich weiß, dass sich im Zuge des Wechsels von der reinen feministischen zur Pollitik und Forschung über Geschlechtergerechtigkeit ein Heer von Experten- Männerforschern, Künstlern, Autoren – zu diesem Thema längst und breitest geäußert haben. Und vieles über das Verhältnis der Männer zueinander, das Du anführst, ist dort schon behandelt, erforscht und besprochen. Die Vermessung der Männer hat also stattgefunden und die Quellen sprudeln reichlich.
Massenweise gibt es Literatur.
Ich werde mal- ächzend, weil das ja alles auch Zeit kostest - eine kleine Liste anbieten.

Hier das ist ein Sammelband. Da kannst Du die Themen sehen, um die es geht. Da kriegst Du einen prima Eindruck von den Debatten und Diskursen auf diesem Gebiet.

www.buecher.de/shop/Geschlecht/Kritische-Maennerforschung/Beier-Stefan-Froehler-Norbert-Kahmann-Marcus-Rueter-Christian-Suessenbach-Juer/products_products/detail/prod_id/06523344/

Noch einer

www.die-frankfurt.de/zeitschrift/42000/positionen.htm

Diese Entwicklung ist natürlich die Antwort von Männern auf den weiblichen Selbstfindungs-Prozess und die damit verbundenen Verunsicherungen.

Warum:
Ich habe mal gelernt, dass die Geschlechteridentität eine wichtige Rolle spielt bei der Vergewisserung des Ichs, der Verankerung im Leben oder – wie heißt das – ontologischen Sicherheit (so ähnlich).
Und wie der Vorlesende das so feststellte, fiel mir das alte Sprichwort ein:

„Ich wusste nicht mehr ob ich Männlein oder Weiblein bin“. Das ist immer ein Hinweis auf schwere Verunsicherung. Aus dem Grunde entstehen ja diese ganzen Abwehrschlachten und Debatten. Vor allem bei Männern, denn die wollen die Tür weiter aufhalten und sich nicht helfen lassen. :-))

Es gibt auf dem Gebiet richtiggehende „Klassiker“ wie Klaus Theweleits "Männerfantasien".. An denen sitze ich immer wieder, weil ich gerade an dem Thema ein bisschen sitze.
Theweleit liest sich auch gut und hilft sehr, bestimmte Entwicklungen zu Hitler hin besser zu verstehen.

Oder – auf dem Ratgebergebiet der männlichen Selbstfindung – „Eisenhans“. Von Robert Bly.
Ganz hervorragend fand ich Helmut Blazek „Männerbünde“. Eine Geschichte von Faszination und Macht, bei Christoph Links erschienen.

Also, Du siehst – es ist genug da über die Männer. Die sind – was ihr Wesen, ihre Rangeleien, ihre Statusmeisen und ständigen Konkurrenzkämpfe betrifft – inzwischen genau so schwatzhaft wie sie es den Frauen unterstellen.

Magda

@ cemb – das sagt eine Frau dazu.

Schade, dass das Ganze nicht in dem thread unter der Buchrezension steht.
Joachim Losehand
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